Der Kronprinz?

Russland Ein Jahr vor der Präsidentenwahl hat Wladimir Putin Verteidigungsminister Iwanow befördert

Es ist für den ehemaligen Geheimdienstler Sergej Iwanow eine gewaltige Herausforderung, als er Ende 2001 zum Verteidigungsminister berufen wird. An den rauen Ton der Armee und die immense Aufgabenlast muss er sich erst gewöhnen. Mehrmals beklagt Iwanow Überlastung, plötzlich klemmt ein Nerv, tagelang sieht man den Minister mit steifem Bein von Termin zu Termin humpeln. "Es ist schon schwer, auf zwei Stühlen zu sitzen, jetzt versuche ich auf dreien zu balancieren", bekennt er in einem Interview für den arabischen Fernsehkanal Al Dschasira noch Ende 2006.

Daran dürfte sich auch künftig nur wenig ändern, denn nach Putins Entscheidung in der vergangenen Woche sitzen sich im russischen Kabinett nun zwei seiner potenziellen Nachfolger direkt gegenüber - Sergej Iwanow und Dmitri Medwedjew. Beide sind "Erster stellvertretender Ministerpräsident" und damit vom Rang einander gleich gestellt. Dabei erscheint der Professoren-Sohn und Jurist Medwedjew durch sein Charisma und politisches Selbstverständnis wie das schroffe Gegenteil von Iwanow. Er wirkt rhetorisch gewandt, gibt sich liberal und hört gern einfachen Leuten zu. Das russische Fernsehen begleitete ihn gerade auf einer Tour durch die Provinz, wo er die Wirkung der neuen Sozialprogramme vor Ort studierte.

Der Ex-Verteidigungsminister hingegen kann auf den Vorteil setzen, bisher schon oft an Putins Seite gewesen zu sein. Während der Ausbildung beim KGB und diverser Missionen der Auslandsaufklärung kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Als der heutige Staatschef 1998 den Inlandsgeheimdienst FSB führte, war Iwanow sein Stellvertreter. Dass Putin den langjährigen Vertrauten gerade jetzt befördert, mag auch mit seiner Münchner Rede zu erklären sein. Auf der dortigen Konferenz habe er "die Sicherheit als Priorität bezeichnet, das half dem bisherigen Verteidigungsminister", glaubt der Kreml nahe Politologe Gleb Pawlowski.

Dem Westen begegnet Sergej Iwanow eher misstrauisch und bedenkt die geplante US-Raketenabwehr in Osteuropa mit scharfer Kritik. Unter seiner Verantwortung als Verteidigungsminister wurden milliardenschwere Rüstungsaufträge mit Indien abgewickelt. Auch das erste russisch-chinesische Manöver, bei dem Luftlandeoperationen gegen Separatisten geübt wurden, fand unter seiner Ägide statt. Der jetzige Aufstieg ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl dürfte Iwanow auch deshalb willkommen sein, weil ihm fortan das Negativ-Image der Armee nur noch bedingt schaden kann. Statt dessen darf er sich um Rüstungsaufträge und "die Erneuerung der Industrie" kümmern, wie es offiziell heißt. Russlands Rüstungswirtschaft konnte 2006 ein Rekordergebnis bei Ausfuhren im Wert von sechs Milliarden Dollar verbuchen.

In der Vergangenheit hatte Iwanow bei etlichen Armee-Skandalen zuweilen keine glückliche Figur abgegeben. Als ihn Reporter im Januar 2006 auf den Rekruten Andrej Sytschow ansprachen - dem Wehrpflichtigen mussten nach Quälereien durch andere Soldaten in der Silvesternacht beide Beine und die Geschlechtsteile amputiert werden, erklärte Iwanow: "Ich glaube, dass es dort nichts Ernstes gibt. Andernfalls hätte ich auf jeden Fall davon gehört." In der Generalität hielt man die Misshandlungen offenbar für nicht weiter erwähnenswert und unterließ es, den Verteidigungsminister zu informieren.


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00:00 23.02.2007

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