Der Kubanische Glasbruch beim Weltwirtschaftsforum

WAHLKAMPF IN DEN USA Warum ein kleiner Junge zum Spielball der großen Politik wird

Jesus soll helfen, der US-Kongress mit einem Ehrenbürgergesetz, die Gerichte, oder, wenn alles schief geht, massive Demonstrationen und Blockaden: Miamis antikommunistische Exilkubaner sind aktionsbereit und aufgerüttelt wie schon lange nicht mehr. Der kleine Elian muss hier bleiben dürfen, obwohl die US-Einwanderungsbehörde den Jungen zum Vater nach Kuba zurückschicken will. Viele in Miami haben das Findelkind zur mystischen Heldengestalt erhoben, herausgefischt aus dem Wasser, begleitet von Delfinen während seiner zweitägigen Odysee. Seine Mutter habe ihr Leben geopfert, um dem Kind die Freiheit zu schenken. Elian "abzuschieben", wäre Verrat. Und mit Verrat haben die Exilkubaner Erfahrung. Stichwort: Die Schweinebuchtinvasion vor fast vierzig Jahren, die nur wegen der fehlenden US-Unterstützung gescheitert sei.

Zwei Fischer aus Florida hatten den sechsjährigen Elian Gonzalez Ende November aus dem Ozean gerettet. Die Mutter und zehn Kubaner waren auf dem Weg in den Kapitalismus ertrunken. Exilkubanische Verwandte in Miami nahmen sich des Jungen an, überfluten ihn mit Nintendo, Disney und Hetze gegen Castro und wollen ihn jetzt nicht zu seinem Vater in Kuba zurückgeben, wo er doch nur in einer Diktatur aufwachsen würde.

Für die professionellen Antikommunisten ist das fotogene Kind ein Geschenk Gottes

Für die professionellen Antikommunisten ist das fotogene Kind ein Geschenk Gottes (in der Annahme, dass Gott auf Seiten Miamis und nicht Havannas steht): Mit ihrem emotionalen Kampf für Elians Bleiberecht können sie ihre Position unter den Exilados endlich wieder einmal stärken. Denn seit dem Besuch von Johannes Paul II. vor zwei Jahren sind die Hardliner etwas in Nöten. Ihr Widerstand gegen jede Lockerung des seit 38 Jahren bestehenden Handelsembargos lässt sich nicht mehr so leicht verkaufen. Auch der Heilige Vater hatte sich dagegen ausgesprochen. Und vor allem die Flüchtlinge der letzten Jahren haben noch frische Beziehungen zu Angehörigen in Kuba und möchten denen gern auch legal unter die Arme greifen.

"Stellen Sie sich doch einen Dicken vor, der seit Jahren eine Diät einhält und kein einziges Pfund verloren hat. Jeder vernünftige Mensch probiert dann doch ein anderes Mittel". So erklärte Eloy Gutierrez Menoyo, warum er jetzt ein "neues Mittel" probiere, um "Demokratie" in sein Heimatland zu bringen. In den sechziger Jahren war Menoyo Mitbegründer der rechten Terrorgruppe Alpha 66 gewesen; die Jahre von 1965 bis 1997 verbrachte er nach einer fehlgeschlagenen Attacke unter oft entsetzlichen Bedingungen in kubanischen Gefängnissen. Aber seit mehreren Jahren setzt sich seine Organisation Cambio Cubano in Miami für Dialog und verbesserte Beziehungen mit Havanna ein. Die Scharfmacherei habe nicht funktioniert, und das Embargo schade doch nur den "kleinen Leuten" auf der Insel, nicht dem Maximo Leader.

Die Scharfmacherei hat nicht funktioniert und schadet nur den "kleinen Leuten".

Wie viele Exilkubaner so denken, läßt sich schlecht sagen. Nach den Umfragen der vergangenen Jahre sind die Exilkubaner in Miami kein rechter Monolith mehr, noch aber bleiben die Normalisierungsbefürworter auf jeden Fall eine Minderheit. Den Ton geben in Miami rechte Kubaner mit ihren Radiosendern an, die zu Demonstrationen für Elian aufrufen und Castro verteufeln. Radio Mambi, der meistgehörte spanische Sender in Miami, macht fast rund um die Uhr Propaganda für Elian; dessen Vater sei doch nur Castros Marionette. Und Castro gehöre ohnehin eliminiert. Noch vergangenes Jahr hatten rechte Ausschreitungen in Miami die geplanten Konzerte der kubanischen Band Los Van Van verhindert.

Dialogbereite Exilkubaner erinnern sich auch an die siebziger Jahre: Terrorgruppen beendeten damalige Dialogbemühungen mit mehr als hundert Bombenanschlägen. Die meisten sind nie aufgeklärt worden. Ein paar hundert Exilkubaner und andere haben am Samstag in Miami unter Polizeibewachung für Elians Heimkehr demonstriert. Viele ihrer Landsleute wollten den Jungen zum Vater zurückschicken, trauten sich aber nicht, das zu sagen, erläuterte eine Teilnehmerin.

Die ersten Castro-Gegner waren vor vierzig Jahren nach Miami gekommen, in der felsenfesten Annahme, dass die USA den bärtigen Kommunisten vor ihrer Haustüre nicht tolerieren würden. Selbst nach dem Schweinebuchtdesaster blieb man optimistisch, und Tausende Kubaner wurden weiterhin in Trainingslagern ausgebildet. Die Mordpläne der CIA jedoch gingen nicht auf. Noch einmal Hoffnung schöpften die Castro-Gegner 1981 mit Ronald Reagans Amtsantritt. Und unmittelbar nach dem Kollaps der Sowjetunion war es in Miami Glaubensbekenntnis gewesen, dass Castros Regierung binnen Wochen zusammenbrechen würde. So hat sich Enttäuschung an Enttäuschung gereiht. Man will der US-Regierung nicht mehr trauen. Vor der kürzlichen Zusammenkunft Elians mit seinen beiden Großmüttern aus Kuba in der Villa einer Nonne aus Miami Beach haben die exilkubanischen Verwandten höchstpersönlich Türen und Fenster gecheckt, als ob Kuba mit Hilfe der US-Regierung Elian verschleppen wolle.

Die Story der Kubaner in den USA ist eine sehr erfolgreiche Einwanderergeschichte.

Miami ist heute die zweitgrößte kubanische Stadt der Welt. Knapp 800.000 Kubano-Amerikaner leben in dem 2,1 Million Einwohner zählenden Landkreis Dade County, zu dem Miami gehört, 1960 waren es 50.000. Die Exilados fallen politisch ins Gewicht. Wer in Dade County Wahlen gewinnen will, muss die "richtige" Position zu Kuba und Castro vertreten. Bei den vier Präsidentschaftswahlen von 1980 bis 1992 stimmten die Exilkubaner zu mehr als 70 Prozent für die Republikaner; Reagan bekam gar 90 Prozent der Stimmen. Nur der wendige Clinton hat 1996 in Florida gewonnen. Mit der Zusage, das Embargo zu verschärfen, erhielt er 42 Prozent der exilkubanischen Stimmen. Albert Gore will es nachmachen: Elian soll hier bleiben, sagt er, obwohl Clinton, der Verräter, und Justizministerin Janet Reno auf das Einhalten der Einwanderungsgesetze und internationaler Rechtsnormen pochen und Elian zurückschicken wollen.

Eigentlich ist die Story der Kubaner in den USA eine außerordentlich erfolgreiche Einwanderergeschichte, zum Teil dank der besonderen staatlichen Förderung in den sechziger Jahren. Spanisch ist Umgangssprache in Miami genauso wie Englisch, wenn nicht mehr. Den Exilados gehören viele Geschäfte, Unternehmen und Wohnhäuser, Exilanten oder deren Kinder haben das Sagen im Stadtrat, man findet sie und ihre politischen Bundesgenossen in Universitäten, Gewerkschaften, in der Polizei und in der Justiz - so im Familiengericht von Miami, wo die Richterin Rosa Rodriguez im Januar dem Bescheid der US-Einwanderungsbehörde widersprach, dass Elian zu seinem Vater in Kuba zurückkehren müsse. Dort drohe ihm "körperlicher und emotionaler Schaden", so Rodriguez ohne nähere Begründung.

Familienrichter werden in Miami gewählt, und Rodriguez hatte ihren Posten mit Hilfe eines Wahlberaters bekommen, der jetzt eng mit Elians Großonkel in Miami zusammenarbeitet.

Mit dem Erfolg kommt neues Denken, den Jüngeren fehlt der Hass auf Castro.

Der "zweiten Generation" der Exilkubaner, den Söhnen und Töchtern der ursprünglichen Einwanderer, geht es wirtschaftlich noch besser als ihren Eltern. Sie übertrifft an durchschnittlichem Haushaltseinkommen selbst die Anglo-Amerikaner. Mit dem Erfolg kommt anscheinend allmählich auch ein neues Denken. Nach neuesten Umfragen verstehen sich die Männer und Frauen der zweiten Generation eher als "Amerikaner" und nicht als Kubaner. Und eine Untersuchung im "Journal of American Ethnic History" stellte eine "Liberalisierung" bei den jüngeren fest; es fehle der tiefe persönliche Hass auf Castro. Castro ist nicht mehr das omnipräsente Diskussionsthema bei den Jungen. Und wie viele es zu Neujahr mit dem traditionellen Trinkspruch "Und nächstes Jahr in Havanna" ernst meinen, ist völlig offen. Zu Besuch ja, für immer wohl kaum, selbst wenn der 73-jährige Fidel morgen das Zeitliche segnen sollte. Politisch relevant wird dieser Stimmungswechsel (noch) nicht, weil auch von den Jungen nur wenige aktiv für eine Reform der amerikanischen Kubapolitik eintreten.

Bisher haben die ganz Rechten ideologische Auseinandersetzungen mit ihren Gegenspielern noch immer gewonnen. Das könnte auch jetzt wieder passieren. Die Befürworter der Liberalisierung erhalten wenig Hilfe von US-Politikern, die Kniebeugen machen, um es sich mit den Rechten nicht zu verscherzen.

Und dann hat das Verhalten der kubanischen Regierung die "cuban community" in den USA immer wieder zusammengebracht: Zum Beispiel 1980, als 126.000 Kubaner überstürzt beim "Mariel boatlift" nach Florida gekommen waren und die kubanische Regierung behauptete, man habe doch nur Kriminelle und Geisteskranke freigelassen. Viele empörte Dialogbefürworter änderten daraufhin ihre Meinung. Oder 1996, als die kubanische Luftwaffe zwei Flugzeuge von Exilkubanern über internationalem Luftraum abschoss. Da standen plötzlich all jene auf dünnem Eis, die dafür eingetreten waren, diplomatische Beziehungen mit Kuba aufzunehmen.

Hardliner haben bisher jede ideologische Auseinandersetzungen gewonnen

Auch der Fall Elian Gonzalez könnte jetzt wieder ein einschneidendes Ereignis sein. Die Mehrzahl der US-Bürger ist für eine Rückführung des Halbwaisen. Aber in Miami wollen die über Castros Stehvermögen frustrierten Rechten dem Bärtigen jetzt eins auswischen. Wie das ausgeht, weiß keiner. Schreckensvisionen von Polizeieinheiten, die Elian von seinen Verwandten in Miami wegzerren. Und Fernsehbilder von Castro, wie er Elian in die Arme schließt. Dann könnten die Dialogbefürworter wohl wieder für ein paar Jahre einpacken.

Die ganze Kontroverse war natürlich vermeidbar, wenn die US-Einwanderungsbehörde ihrer üblichen Vorgehensweise beim Umgang mit alleingelassenen Kindern gefolgt wäre: Die kommen normalerweise kurzfristig in karitative Einrichtungen und werden dann so rasch wie möglich zu ihren leiblichen Eltern zurückgebracht. Mit Elian lief das anders, und jetzt ist das Kind Spielball der großen Politik.

Man sollte Brecht lesen. Kaukasischer Kreidekreis. Zwei Frauen wollen ein Kind. Der Richter lässt einen Kreidekreis ziehen, stellt das Kind in die Mitte: Beide sollten an dem Kind zerren, wer es mehr liebe, würde die Kraft aufbringen, es zu sich zu ziehen. Die leibliche Mutter zieht, die andere nicht, in der Angst, dem Kind weh zu tun. Und sie ist es, die letztendlich das Kind bekommt.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 43/2021

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