Der Kunde guckt in die Röhre

Rohstoffpolitik Pipeline-Lobbyismus verhindert den Import billigen Flüssiggases - den Preis bezahlen Umwelt und Verbraucher

Gas wird deutlich teurer - mehr als 60 Versorger planen Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent. Die Konzerne begründen dies mit der Koppelung des Gaspreises an den steigenden Ölpreis. Die EU-Kommission hat deutsche Versorger derweil wegen möglicher Wettbewerbsverstöße im Blick: E.on soll sich bei Pipeline-Projekten mit der Konkurrenz abgesprochen und RWE bewusst Kapazitäten und Investitionen zurückgehalten haben.

Gas ist in Deutschland so teuer wie kaum sonst wo auf der Welt - eine Folge der Abhängigkeit von Konzernen und Lieferländern. Allein Russland liefert 35 Prozent des Erdgases, mit dem hier zu Lande Wohnungen geheizt werden, Strom erzeugt wird und die chemische Industrie Kunststoffe herstellt. Aus Norwegen kommen 27 und aus den Niederlanden 19 Prozent. Deutschlands Gasversorgung hängt damit von weniger Staaten ab als der Rohölbezug.

Dieses Oligopol hängt an der Pipeline. Während das schwarze Gold ebenso per Schiff, Zug und Lastkraftwagen ins Land kommt, ist jede Gas-Zapfsäule mit einer starren Pipeline verschweißt. Diese technische Knechtung wird durch die vom früheren Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gepuschte "Nordeuropäische Gasleitung" noch verschärft. Die zehn Milliarden Euro teure Ostsee-Pipeline bis Greifswald soll nach 2010 etwa die Hälfte des deutschen Jahresverbrauchs liefern.

Grund für die Abhängigkeit ist auch das Fehlen einer eigenständigen deutschen Rohstoffpolitik und der Ausstieg der deutschen Energiekonzerne aus der internationalen Exploration von Gas und Öl in den siebziger und achtziger Jahren. Mittlerweile scheinen die Konzerne allerdings umzudenken. So fördert Wintershall, eine Tochter der BASF, seit 2006 in Sibirien Gas, E.on ist an einem zweiten Projekt in Russland beteiligt und Bayerngas hat in der Nordsee Claims abgesteckt.

Dabei ist die rohstoffpolitische Lage Deutschlands und Europas durchaus "komfortabel", findet die Rohstoff-Bundesanstalt, denn der europäische Erdgasmarkt habe direkten Zugriff auf zwei Drittel der Welt-Reserven, wenn man die wichtigen Förderländer vor der europäischen Haustür (Marokko, Algerien und Katar) hinzurechne.

Allerdings erfolgen die Lieferungen von dort nicht per Pipeline, sondern per Schiff, in so genannten LNG-Tankern. Dazu muss der gewonnene Rohstoff extrem verdichtet und zu Liquefied Natural Gas (LNG) verflüssigt werden. Im Zielhafen erfolgt dann die Rückverwandlung in einen gasförmigen Zustand.

Japan macht es Deutschland vor. Die Gasversorgung der Inselnation hängt fast vollständig von der Lieferung von LNG per Schiff ab. Schon aus geografischen Gründen sind die Inseln über Pipelines schwer zu erreichen. Zudem, so das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut in einer Studie, ist der Schiffstransport ab einer Strecke von 3.000 Kilometern grundsätzlich wirtschaftlicher.

Auch die Strecken in die Bundesrepublik werden länger, denn mögliche Lieferländer liegen wie Marokko am südlichen Mittelmeer oder wie Katar am Persischen Golf. Von dort wird LNG schon nach Frankreich, Spanien oder Belgien transportiert - oder nach China und die USA. Und auch der Abtransport aus dem Iran und dem Nordpolarmeer wird mit LNG-Tankern erfolgen.

Davon hielt man in Deutschlands Energiewirtschaft bisher wenig. Die privilegierte Lage zwischen den traditionellen Hauptlieferländern und das in den siebziger Jahren von Deutsche-Bank-Boss F. Wilhelm Christians eingeleitete "Erdgas-Röhrengeschäft" mit der Sowjetunion sorgten für billigen Nachschub, mit dem E.on-Ruhrgas, RWE und BASF-Wintershall den oligopolen hiesigen "Markt" dominieren. Das abgeschottete Geschäftsfeld sicherte den drei bundesdeutschen Gas-Giganten und einigen regionalen Versorgern jahrzehntelang Extragewinne. Eine nachhaltige Folge: Es gibt in Deutschland keine Anlandestelle für LNG!

Zwar war Ende der sechziger Jahre in der bundesdeutschen Gasindustrie die Idee aufgetaucht, in Wilhelmshaven eine riesige Anlandestation für LNG zu bauen. Doch daraus wurde nichts. Erst ansteigenden Energiepreise und die geopolitische Lage in diesem Jahrtausend haben die seither bestehende Briefkastenfirma Deutsche Flüssig-Erdgas Terminal Gesellschaft DFTG wieder aktiviert.

Seit dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine ist die Branche hellwach. Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit werden die reine Wirtschaftlichkeit als primäres Ziel ablösen, davon scheint selbst die Industrie mittlerweile überzeugt. Die Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserfaches meint, es "geht um Diversifizierung der deutschen Gasquellen", und auch der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft will endlich andere Bezugsquellen erschließen: Denkbar wäre der Import von LNG aus Katar, das über das größte Erdgasvorkommen der Welt verfüge. Die DFTG-Muttergesellschaft E.on-Ruhrgas wird - zusammen mit Esso, Shell und Gazprom - im Frühjahr über einen Baubeginn in Wilhelmshaven entscheiden.

Die Schaffung neuer Gas-Kapazitäten in Produktion und Logistik würde hohe Finanzmittel langfristig binden. Das fordert die Unternehmen heraus - und den Staat. Berlin könnte noch aus einem anderen Grunde gefragt werden: Rund 90 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen sind, wie beim Öl, Eigentum eines Staates. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie fordert daher eine "industriepolitische Strategie" und selbst die von Amts wegen zurückhaltende Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sieht "die Politik gefordert", wie es in einer Studie heißt.

"Die" Politik scheint den Wunsch von Gewerkschaften, Verbänden und Naturwissenschaftlern zu erhören. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat inzwischen das "nationale Interesse" an einer neuen Rohstoffstrategie entdeckt, die von der Außenpolitik bis zur "Bezugsquellendiversifizierung" durch Liquefied Natural Gas reichen soll.

Zum Ärger von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos - er konterte im März in seiner Hauszeitschrift mit Überlegungen zur künftigen Erdgasversorgung. Der CSU-Politiker setzt weiterhin auf ein rein "markt- und unternehmensgesteuertes Modell" und auf Öl. Den Preis für den Öl-Kohle-Pipeline-Lobbyismus dürften vor allem Verbraucher und Umwelt bezahlen.

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00:00 30.05.2008

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