Der Kunst entkommt keiner

Buchmesse Der Weg vom Schmutz zum Kanon wird immer kürzer. In diesem Prozess ist die Verschriftlichung des Mündlichen das Hauptgeschehen. Eine Kritik der Gegenwartsliteratur

Wer Literatur mag, es mit dem Lesen aber nicht so hat, dem kann geholfen werden, dem wird schon lange geholfen. Lesen ist für den Zugang zur Literatur längst keine zwingende Voraussetzung mehr; für den Zugang zur literarischen Welt, zur lebendigen Szene ist zu häufige, zu dichte, zu intensive Lektüre viel zu ... viel eben. Ist man mit dem Buch allein, ist man ja nicht da, wo wer ist, sondern anderswo. „Das Gespräch, das wir sind“, wie Hans Georg Gadamer die Kette der literarischen Tradition in einer dem Mündlichen verpflichteten Metapher unglücklich gefasst hat, das Gespräch, das wir sind, findet wesentlich im Saale statt, auf Podien, in Buchhandlungsecken, auf niedrigen Emporen, Theaterbühnen, halbrunden Tischen, später hoffentlich auch an gedeckten Tafeln.

Für den partizipatorischen Genuss an jenem Gemisch aus realer Präsenz und Hyperrealität produzierender Absenz, aus Dabeisein und Imagination also, braucht es Raum und Bewegung und Aufmerksamkeit in alle Richtungen. Wer in diesem Herbst die neue Literatur kennenlernen will, der geht zum Internationalen Literaturfest nach Berlin, zum Harbour-Front-Festival nach Hamburg, zum Preisgekrönt-Wochenende in die Düsseldorfer Johanneskirche, Mitte Oktober in Frankfurter Theater und Museen und Buchhandlungen und Messebühnen, zur Nachlese nach München in den Gasteig, und wer gern weit reist, der kann die neue deutsche Literatur auch im November noch in Tel Aviv beim Lesefestival Parallelwelten quer durch die ganze Stadt erleben. In München kommt der Föhn, in Hamburg die frische Brise dazu, in Israel politischer Thrill und ein langer Sandstrand in der heißen Mittagssonne. Das Leben mit der Literatur kann so schön sein! Autoren sind unterwegs, Kritiker sind unterwegs, Leser können sich mit kurzen Reisen begnügen, denn alle kommen sie nach und nach in der Nachbarschaft vorbei; manchmal auch zu Hause, denn „Literatur in den Häusern der Stadt“ entwickelt sich rapide als kommune Literaturperformanceform: Warte noch ein Weilchen, dann kommt der Walser auch zu dir.

Alter Alchemistentraum

Das klingt nun arg nach Kulturdefätismus, sarkastisch „aufgelackt“, wie ein beliebter neuer Terminus aus der Umgangssprache lautet, der sicherlich bald nach dem „Aufhübschen“ und „Aufbrezeln“ in die Literatur einziehen wird. Denn die Importrate von Jargonwendungen in die Literatur steigert sich rapide, was Menge und Geschwindigkeit angeht. Man kann daraus – und hat auch schon – eine Theorie machen, dass nämlich die E-Kultur in einem rasenden Prozess Elemente außerhalb ihres definierten Raums in denselben aufnehmen muss, um flexibel und vital zu bleiben. Damit wird der Weg vom Schmutz zum Kanon, von Scheiße zu Gold immer kürzer, der alte Alchemistentraum – und in diesem Prozess ist die Verschriftlichung der Umgangsprache, des Mündlichen überhaupt das Hauptgeschehen.

Man könnte es auch literaturhistorisch entschiedener formulieren: Die Erneuerung aus dem eigenen traditionellen Form- und Stoffbestand reicht nicht mehr hin. Die Literatur erneuert sich in der Anverwandlung der zeitgenössischen Zeichenwelt. Man kann nun lange darüber räsonieren, warum das so ist. Nur ein Hinweis: Die Dynamik und Vielfalt gegenwärtigen Geschehens überbordet in der technologisch organisierten Wahrnehmung und Erfahrung der Integrierten den Raum der hergebrachten Sinn­einheiten bei Weitem. Was bekanntlich manchmal dazu führt, dass Apokalyptiker blinde Bibliothekare mit dem siebten Sinn für Metaphysik als ordnende Kräfte verehren, noch häufiger aber dazu, dass man farbige, heftige, eruptive Ereignis- und Deutungskaskaden aus der unmittelbaren Gegenwart liebt, aus einem unüberschaubaren, aber synchronen Zeit-, und das heißt eben, Sprachhorizont.

Scheiße also und Gold: So beginnt eines der schönsten Bücher dieses Herbstes: „Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“

Halten wir einen anderen Anfang dagegen: „Wie immer vor dem Sex, haben wir beide Heizdecken im Bett eine halbe Stunde vorher angemacht.“ Oder darf es noch eine Drehung zurück ins Hochliterarische sein: „Es ist Donnerstag, der 8. Juni 2006, 11.23 Uhr auf dem Laptop, der einige Minuten vorgeht, also 11.17 Uhr ungefähr oder, da er den Satz noch schreibt, 11.18 Uhr.“ Situationsbezogen konkreter und jetziger als im letzten Beispiel geht es nicht mehr. Da wird gar die im Schreibvorgang vergehende Zeit gleich mit bezeichnet, um eine Präsenz im Wortsinn zu suggerieren, der Fluchtpunkt der literarischen Bemühungen, um die es hier geht.

Im ersten Beispiel der fliegenden Scheiße könnte man für einen Moment denken, die Erzählperspektive wäre die eines tieffliegenden Ufos oder von Gottes willigen Helfern. Aber schon wenige Sätze später sind wir in der armen zerstörten Seele des fünfzehnjährigen Mädchens, das existenzielle Gründe hat, mit Scheiße zu schmeißen. Szene für Szene erfahren wir warum und wollen mitschmeißen, wenn auch vorzugsweise literarisch, oder falls das nicht geht, in literarisch evozierter Zustimmung: Präsenzansinnen gelungen, auch hier.

Der angekündigte Sex im mittleren Zitat lässt auch nicht lange auf sich warten und währt dafür dann umso länger; gut 20 Seiten, sagen wir vornehm: Oralsex der manisch-übergenauen Art.

Intensität und Präsenz

Es handelt sich um scheinbar sehr disparate neue erzählende Texte: von Angelika Klüssendorf (Das Mädchen), von Charlotte Roche (Schoßgebete) und von Navid Kermani (Dein Name). Sie dringen mit den stärksten Mitteln auf Intensität und Präsenz. Und was an ihnen gut ist, hat wesentlich damit zu tun, wie diese Bemühung scheitert: die Form des Scheiterns der Erzeugung von Gegenwart ist der Ausweis für das Gelingen des literarischen Textes. Bei Kermani liegt die Differenz offen zu Tage: Während der Erzähler noch die Lücke zwischen Zeit und ihrer Verschriftlichung zu schließen sucht, öffnet sie sich umso gravierender für den Leser, dessen Zeit ihm notgedrungen umso stärker ins Bewusstsein tritt.

Der zitierte erste Satz von Angelika Klüssendorf ist einer der längsten im ganzen Roman. Die grausamen Erfahrungen einer verwahrlosten und geschlagenen Tochter werden in kurzen Sätzen geschildert: Berichte, Ein-Satz-Erwartungen, Ein-Satz-Enttäuschungen, manchmal eine wörtliche Rede der abrupten Art. Hier arbeitet die Form des Staccato wie eine Beeindruckungsmaschine. Es ist schwer, sich dieser Folge von Einschlägen zu entziehen.

Im Falle von Charlotte Roche tritt nun ein eigentümlicher Effekt auf, der aus der herkömmliche Pornografie eigentlich nur dann vertraut ist, wenn man sich ihr widmet im Zustand kompletten sexuellen Befriedigtseins: Auf einmal werden Körperkrümmungen, -öffnungen und -säfte zu biologischen oder sozialen Zeichen, sie rücken in die Nähe von Darwin oder von psychophysischer Schwerstarbeit. Der Sex ist dann alles, nur nicht sexy; d.h. die extreme Nahaufnahme, die Präsenzsuggestion, die darin liegt, schlägt nahezu in die Gegenrichtung aus. Die Szene entfernt sich, bis sie zu einer abgeschlossenen Sinneinheit wird. Und als solche, so geht der Roman dann ja auch weiter, kann sie die psychische Störung, die Neurose der Mutter/Ehefrau/Tochter bezeichnen und dient so einer traumatischen Familiengeschichte mit drei Toten und einer Schwerstverletzten als Gegengewicht. Es ist Kunst, es ist Dramaturgie, Abwägen, Ausgleichen, Wiegen, Maß: Ästhetik eben. Welcome to the club, Charlotte Roche. Man muss also nur die Fragerichtung ändern, also nicht: Was kommt aus der Literatur und was aus dem Leben, sondern: Welcher (oftmals reduktiven) Kunst bedarf es, um den Eindruck zu erzeugen, das Leben spräche selbst in seiner allen zugänglichen Einfachheit?

Der Kunst entkommt keiner, der schreibt, er kann es nur schlecht machen, auch grottenschlecht, doch Erfahrung, Authentizität, Ehrlichkeit, gar Wahrheit, das haben wir nur im Umweg. Und wer das nicht glauben mag, der ist für immer auf diesen Umweg unterwegs, was kein Unglück ist, wie Peter Kurzeck zeigt mit seinen 1.000 von geschätzten insgesamt 10.000 Seiten Kindheit im oberhessischen Staufenberg in seinem jüngsten Roman Vorabend.

Begehrenswerte Spannung

Und eben dieser Wille zur Präsenz bei gleichzeitiger schöner Not zur Camouflage, zu Umwegen, zu dramaturgischen Kniffen, eben jener Konflikt, eben jene Spannung sind es, die wir zurzeit über die Maßen begehren. Nicht die gekonnte Periode in Durs Grünbeins literarischer Romverwaltung, nicht die ironisch feinstgedrechselten allegorischen Exerzitien von Sibylle Lewitscharoff in Blumenberg (sie lesen zu hören, holt allerdings sofort das mündliche Wesen dieser Literatur wieder nach vorne); nicht das Literarische an der Literatur wird geliebt, sondern im Gegenteil: das Unliterarische in seiner schwierigen, ächzenden Einhausung im Literarischen selbst. Man höre den Web-Radiotalker in Thomas Glavinics Roman Lisa: Er holt die ganze Koks-, Alkohol-, Horror-, Phantasy-Idiomatik und -Ikonografie im mündlichen Grobschnitt aufs Papier, nicht ohne Gewaltsamkeit. Oder Maja Haderlaps Engel des Vergessens: Im Fortgang des Romans wird das Ich-Sagen einer erwachsenen Frau so dominant, dass es die klug kalkulierte Literarizität des Beginns zu konterkarieren beginnt.

Navid Kermani braucht interessanterweise von seinen über 1200 Seiten einige, auf denen er von sich selbst in der dritten Person spricht, bevor er zum Ich-Sagen übergeht (und später wieder zurück). Umgekehrt braucht der manische Entauthentifizierer Thomas Meinecke in seinem neuen Roman Lokkalikes 150 Seiten, bevor er eine Figur namens Thomas Meinecke in Salvador da Bahia auf Hubert Fichtes Spuren forschen lässt. Das Goethe-Institut hatte eingeladen. Wie schön auch das für die Literatur-on-the-road-Kultur hierzulande! Oder nehmen wir ein Debut wie Vollkommen leblos, bestenfalls tot von Antonia Baum. Sie hatte in drei Anläufen versucht, ihr die Ekelgrenze häufig überschreitendes Unbehagen an ihrer Herkunfts- und Zeitgenossenwelt auszudrücken; gelungen ist es erst, nachdem sie Thomas Bernhard für sich entdeckt hat. Da gab ihr ein grantelnder Halbgott die Mittel an die Hand zu sagen, was sie leidet. Durchs verwandelte Bernhard-Idiom hindurch hört man nun die verletzte Seele klagen. Antonia Baum setzt auf redundante Welt-im-Ganzen-Umwälzung, wo Angelika Klüssendorf auf Abmagerung der literarischen Form setzt; so wie ihr DDR-Mädchen wahlweise Gerippe, Rippchen oder Hungerhaken genannt wird.

Man kann nun vieles Neues aufführen, was zu diesem Befund passt, doch er gibt lediglich eine Tendenz wieder, bildet keine Totalität ab. So könnte man geradezu in Gegenrichtung zu Klüssendorfs Mädchen den Hals der Giraffe von Judith Schalansky positionieren. Sie schreibt nicht nur aus dem Inneren einer verbitterten lebensenttäuschten alten Biologielehrerin, voll mit ozialdarwinistischer Zwanghaftigkeit, sie tut es auch in einer Sprache, die vollgesogen ist mit evolutionsbiologischen Preziosen; mit einer Kunstfertigkeit, die wie nebenbei die Referenz auf das postsozialistische Elend in der Mecklenburger Provinz nahtlos in die Kunstsprache integriert. Dies gibt es ebenso wie den historisch gesättigten Liebesroman oder besser den liebesemotional gesättigten (Südtirol) Historienroman von Sabine Gruber Stillbach oder Die Sehnsucht, der wiederum manches mit Haderlaps Partisanengeschichte zu tun hat.

Literarische Lounge Music

Man kann also das weite und reiche Feld in manche Richtung durchstreifen, eine starke Tendenz bleibt jedoch eben jener Zwiespalt, oder jene Ambivalenz zwischen Präsenzdruck und dem Druck zur artifiziellen Distanznahme. Die Kräfte, die hier aufeinandertreffen und die im Übrigen, man nehme nur Helene Hegemann mit ins Boot, veritable Superbestseller produzieren, zeigen sich sowohl auf dem Feld der Sprachverwendung, eben in jenem prekären Verhältnis zu Jargon, Umgangsprache und Mündlichkeit – und weiter bis in die Performancekultur der literarischen Szene insgesamt hinein, bis zur Frage nach Authentizität und echtem Ausdruck. Hier reicht die Spur von Brinkmann, Fichte über Götz und Stuckrad-Barre bis Mathias Zschokkes E-Mail-Roman Lieber Niels, zu Kurzeck, Kermani (mit seinem „personal essay“, wie die Gattung in den USA genannt wird) und weiter, wenn es sein muss (starker Abzweig) zu Christa Wolf (Stadt der Engel) bis zu Nurun David Calis, dem theatermachenden Discotürsteher und seinem Roman Der Mond ist unsere Sonne. Und wem das alles zu aufregend ist und der Spagat zu groß, der entspanne sich bei der literarischen Lounge Music, wie sie Silke Scheuermann mit Shangai Performance oder jetzt Leif Randt mit Schimmender Dunst über Coby County produzieren. Auch diese beiden lesen und spielen bald in Ihrer Nachbarschaft. Schauen Sie mal vorbei! Schauen Sie mal rein!

Das MädchenAngelika Klüssendorf Kiepenheuer Witsch 2011, 184 S., 18,99 €

Vollkommen leblos, bestenfalls tot Antonia Baum Hoffmann und Campe 2011, 238 S., 19,99 €

BlumenbergSibylle Lewitscharoff Suhrkamp 2011, 220 S., 21,90 €

Engel des VergessensMaja Haderlap Wallstein 2011, 287 S., 18,90 €

Hubert Winkels ist Literaturredakteur im Deutschlandfunk, Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis und Träger des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik

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13:05 11.10.2011

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