Der lange Atem

Sinngenerator Linke Intellektuelle haben viel an Einfluss verloren. Um das zu ändern brauchen sie: ein anderes Bewusstsein

Soviel Klassenkampf gab es nie; der neoliberale Marktglaube ist delegitimiert, die Problemlösungskapazitäten des Kapitalismus schwinden, der Ruf nach dem Staat wird immer lauter, Wirtschaftsethik hat Konjunktur – aber der Linken nutzt das offenbar wenig.

Die kulturelle Marginalisierung der Linken, ihr Verlust an Attraktivität zeigt sich besonders an der gegenläufigen „Absorption der Eliten“ (Gramsci). In der Analyse der Kräfteverhältnisse zwischen klassenspezifischen Intellektuellen kann Gramsci noch davon ausgehen, dass „die Intellektuellen der historisch progressiven Klasse“ eine „solche Anziehungskraft“ ausüben, „dass sie sich letztlich die Intellektuellen der anderen Klassen unterordnen“. Soweit ist es nie gekommen, aber Tendenzen gab es zum Beispiel bei Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Antonio Gramsci oder George Lukács. Umgekehrt gab es Enttäuschte, Konvertiten, Renegaten; Positionswechsel gehören zur „occasionellen Ungebundenheit“ der Intellektuellen. Wordsworth und Coleridge sympathisieren erst mit der Französischen Revolution, später mit dem orthodoxen Christentum. Auch Schlegel begrüßt die Französische Revolution, konvertiert aber zum Katholizismus und zur Restaurationspolitik Metternichs. Und Victor Hugo war nacheinander Anhänger der Restauration, Liberaler, Republikaner und Sozialist. Positionswechsel finden wir auch bei Intellektuellen, die sich erst von der Arbeiterbewegung angezogen fühlen (Borkenau, Breitbach, Koestler, Lyotard).

Dennoch, mit dem Stalinismus und auch nach 1968 lässt sich eher eine konträre Tendenz zu Gramscis „Absorption der Eliten“ ausmachen, eine Desillusionierung, Distanzierung und Vergleichgültigung der Intellektuellen. Werner Mittenzwei hat dies für die DDR in seiner Studie Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000 analysiert. Werner Bräunigs Roman Rummelplatz schildert den sozialistischen Aufbauwillen, lähmende Gängeleien und Fehlentwicklungen. Aber hier geht es nicht um die DDR. Schon vor der Postmoderne beginnt der Abschied von der großen Erzählung, vom Klassenkampf, vom Wahrheitsanspruch und der kommunistischen Verheißung. Verantwortlich dafür erscheinen mir langfristige Enttäuschungen: der stalinistische Terror, die Niederlagen gegenüber dem Faschismus, Demokratiedefizite, Scheindiskussionen und ein dogmatischer Marxismus, die Implosion des realexistierenden Sozialismus und vor allem: eine Produktiventfaltung, die den Kapitalismus nicht als letzte antagonistische, „absterbende“ Gesellschaftsformation, sondern als doppelt überlegene Gesellschaft erscheinen ließ. Überlegen im Sinne von früher und heute, überlegen im Sinne von hier und dort.

Keine Zugkraft für Intellektuelle

Solche Enttäuschungen schwächen auch die Linke im Westen. Selbst wenn sie sich, deutlicher oder verschämt, vom realexistierenden Sozialismus distanzierte, sich eurokommunistisch verstand und einen „westlichen Marxismus“ ausrief, von der Stagnation, Schwäche und Implosion des realexistierenden Sozialismus ist auch sie betroffen. Hinzu kommt, dass auch nach dem Ende „des goldenen Zeitalters des Kapitalismus“ die Arbeiterklasse im Westen als eine „progressive Klasse“ schwer auszumachen ist, dass ihre auf den ökonomischen Abwehrkampf fixierten Organisationen für potenziell „progressive Intellektuelle“ an Zugkraft verlieren. Wer will schon mit der weinenden Frau Schaeffler demonstrieren?

Hinzu kommen neue Techniken der flexiblen Integration und weichen Repression, Einigkeitsdiskurse und Konsensrituale, die Diffusion und Unkenntlichkeit von Macht- und Repressionsmechanismen, die pluralistischen Diskurspolizisten – sie wissen es nicht, aber sie tun es – in Medien, Universitäten oder Förderinstitutionen, vor allem aber: die erschwerten Reproduktionsbedingungen für Linksintellektuelle, die keinen Rückhalt mehr in den Organisationen der Arbeiterbewegung finden und für die es zunehmend schwierig wird, am Rande des Wissenschafts-, Medien- und Kulturbetriebs zu überleben. Umso verlockender die mögliche Pfründe (im Sender, im Verband, in der Partei oder gleich als Lobbyist) für die Geläuterten. In diesem Sinne der Reproduktion, Absicherung und medialen Reichweite haben sich die Möglichkeiten für Linksintellektuelle verschlechtert. Sie haben sich aber zugleich, das liegt nicht nur an der Krise, verbessert.

Man kann das am veränderten Status der Begriffe Kapitalismus und Sozialismus erkennen. Es ist schon bemerkenswert: Gestern verströmte das Unwort Kapitalismus ideologischen Mundgeruch. Heute kursiert der Begriff in den Medien – nicht als analytische Kategorie, eher als Anpassung an die westliche Sprache, aber immerhin. Das Potenzial dieser kleinen Verschiebung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass der Wertbegriff „Sozialismus“ keineswegs verschlissen ist – trotz Stalinismus und der Implosion des „realexistierenden Sozialismus“. Dieser demoskopisch valide Befund sollte nur nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit lediglich diffuse Erwartungen verbunden sind. Aber: Wer den Sozialismus nicht ablehnt, artikuliert Unbehagen. Reichtum und Armut, Herrschaft und Unterdrückung, „Traumstrand“ und Umweltzerstörung sind einer kapitalistischen Gesellschaft zuzurechnen. So wird Universalkritik möglich.

Diese diskursive Lage bietet große Chancen, Sozialismus auch als Identifikations- und Motivationsbegriff zu revitalisieren. Als „Projekt der Emanzipation“ schärft die Berufung auf den „Sozialismus“ den Blick auf Verhältnisse, die politische, ökonomische und kulturelle Emanzipationsansprüche blockieren oder die diese Emanzipationsansprüche konsumistisch-integrativ qua „mobile Privatisierung“ neutralisieren.

Diese Chance kann aber genutzt werden, wenn sich die Linke reintellektualisiert, am Aufbau eines Sinngenerators arbeitet, der ihr neue Kräfte und Attraktivitäten verleiht. Alle Bewegungen oder Institutionen brauchen motivierende Leitideen und weltdeutungsfähige Einsichten. Verlieren sie solch symbolische Überschüsse, so verlieren sie, wie es Franz Walter nennt, ihre „Sinnzentrale“, etwas „wie eine spezifische Sozialmoral, einen motivierenden Ethos, eine normative, eine orientierende Weltanschauung aufs Ganze“. Alle Ideen sind durchgespielt, wir befinden uns im Zustand der „kulturellen Kristallisation“. Dies gilt besonders nach der säkularen Enttäuschung durch die „Nullbilanz“ des Sozialismus. Mit der Sinnzentrale verlieren nicht nur die „großen Volksparteien“ an Integrationskraft. Eine solche Sinnzentrale hat auch die Arbeiterbewegung verloren.

Dem „alternativen Leitbild“ der Zukunftskommission der Rosa-Luxemburg-Stiftung soll hier kein „noch alternativeres Leitbild“ entgegenstellt werden. In ihrem Wohlklang lässt sich die Festtags-Semantik der europäischen Aufklärung nicht toppen. Stattdessen sollte über die Möglichkeiten einer kulturellen Hegemonie nachgedacht werden, die auf sozialemanzipatorische Handlungsfähigkeit der Ausgebeuteten und Unterdrückten zielt, die darüber hinaus die Anziehungskraft und Zustimmung für eine Politik organisieren hilft, die die Dominanz des „Geldmachtapparates“ brechen will und die auf eine Transformationsperspektive orientiert.

Notwendiger Sinngenerator

Um die Bedingungen für eine kulturelle Hegemonie zu schaffen, brauchen die versprengten Linksintellektuellen ein Bewusstsein von der Notwendigkeit eines Sinngenerators. Jede Bewegung mit Hegemonieanspruch hat eine Sinnzentrale als Voraussetzung für ihre Wahrheitsansprüche, für ihre intellektuelle Attraktivität, Weltdeutungsmacht und Handlungsmotivation. Man könnte diese Notwendigkeit auch in der Geschichte des Katholizismus, der Aufklärung, des Liberalismus oder des neuhumanistischen Bildungsideals zeigen. Die Linke beanspruchte unter Berufung auf den Marxismus oder den Marxismus-Leninismus die richtige Einsicht in den Verlauf der Geschichte und in die Struktur der Gesellschaftsformationen – insbesondere der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer kapitalistischen Produktionsweise. Daraus entstand – quasi scholastisch unter Rückgriff auf die Schriften der „Klassiker“ – ein Anspruch auf Allzuständigkeit mit gelockerten Realitätskontakten und eingeschränkter Lernfähigkeit. Es ist sonderbar, dass eine Theorie wie die Marxsche, die schon im Titel „Kritik der politischen Ökonomie“ auf Theorieaustausch verweist, die auf der historischen Bedingtheit des Durchdachten insistiert, zu einem ahistorischen, geschlossenen Lehrgebäude erstarrt.

Mit diesem „wissenschaftlichen Sozialismus“ werden Dogmatismus, Parteihochschule, „mehr Antworten als Fragen“ und praxisferne Dauerdebatten konnotiert. Solch Diskreditierung kann aber keine Absage an die Theoriearbeit der Linken (besonders im Bereich der Ökonomie und Sozialforschung) legitimieren. Im Gegenteil. Diese Arbeit ist unabdingbar. Sie verleiht der Linken einen „langen Atem“; sie könnte eine neue intellektuelle Attraktivität als Voraussetzung kultureller Hegemonie begründen, die in die Publizistik, die Medien, die Kultur einwirkt; und sie könnte verhindern, dass die nötige Praxis „vor Ort“ im Schlamm von Standortkonkurrenz, Sachzwang und Sofortprogramm stecken bleibt.

Dies ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Georg Bollenbeck 2009 auf einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung gehalten hat. Teile des Vortrags sind in der Zeitschrift Luxemburg erschienen

Georg Bollenbeck starb am 1. Oktober im Alter von 62 Jahren. Freitag-Lesern war der in Siegen lehrende Germanist und Kulturwissenschaftler ein Begriff. Bollenbecks Essays gehörten zu den Glanzpunkten einer Ausgabe, ob sie nun, wie sein letzter Beitrag, den Deutungskampf um die 68er im Blick hatten, schon früh die Hochschulreformen kritisierten, oder den Ambivalenzen in der Kulturkritik des Friedrich Schiller galten. Seine Geschichte der Kulturkritik zählt ebenso zu den Standardwerken der Zunft wie seine große Studie zum Bildungsbürgertum.

11:00 31.10.2010

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