Der letzte Akt

Gastbeitrag Donald Trump geht es längst nicht mehr darum, die Wahlen zu gewinnen. Er will viel mehr Geschichte schreiben, meint Dr. Helmut Däuble
Der letzte Akt
„Wir machen das mit den Fähnchen“

Foto: Drew Angerer/Getty Images

In der „Presidential Debate“ ist es Donald Trump, der wie ein Elefant im Porzellanladen wütet und keinerlei Anstrengungen unternimmt, „präsidial“ zu wirken, um so eventuell unentschiedene gemäßigte Wähler auf seine Seite zu ziehen. Will er so den Umfragerückstand auf Joe Biden aufholen? Nein, das will er gar nicht mehr. Trump setzt nicht auf Sieg, sondern auf Geschichte.

Schauen wir uns an, wie er in den vergangenen Monaten politisch gehandelt hat, dann kann man leicht zu der Interpretation kommen, Trump agiere so, als würde er seine kommende Niederlage bereits jetzt antizipieren. Die Indizien dafür sind zahlreich.

So verschaffte Ruth Bader Ginsburgs Tod Trump eine Chance, die sich kein amerikanischer Präsident entgehen lassen würde. „Notorious RBG“ soll so schnell wie möglich durch die erzkonservativ-katholische Juristin Amy Coney Barrett ersetzt werden. Warum jedoch will er diese Aktion übers Knie brechen, wo er doch so viel Siegessicherheit ausstrahlt? Und vor allem: Warum hat er sich nicht für die aus Florida stammende nicht ganz so radikal-konservative Barbara Lagoa entschieden, die mit ihrem kubanischen Migrationshintergrund bei den zahlreichen Latinos in einem – wahltechnisch gesprochen – extrem relevanten Swingstate den Ausschlag geben könnte?

Zumeist hört man darauf die Antwort, dass er voll und ganz auf Sieg setzt und mit seinen politischen Aktivitäten der vergangenen Wochen seine Wählerschaft mit einem fast schon reaktionär zu nennenden Konservatismus und einer radikalen Law-and-Order-Politik vollends zu mobilisieren versucht, um so seinen Wahlsieg zu sichern.

Trump spürt, wenn die Sache gelaufen ist

Sein Einsatzbefehl für die Bundespolizei in von Demokraten regierten Großstädten, in denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei im Gefolge von Tötungen meist junger Afro-Amerikaner gekommen ist, wurde dann auch weitestgehend einheitlich gewertet: Wenige Wochen vor der Wahl versuche Trump, den Rückstand gegenüber seinem Konkurrenten durch eine brutale Starke-Mann- und Zero-Tolerance-Politik aufzuholen, um in der letzten Runde dann doch noch als Erster über die Ziellinie zu gelangen.

Mag sein, dass Trump selbst daran glaubt, aber eine ganz andere Lesart zur Deutung der Ereignisse ist naheliegend: Trumps untrüglicher populistischer Spürsinn, so scheint es, sagt ihm längst, dass Biden diesmal das Rennen machen wird. Wenn man dem amtierenden Präsidenten nämlich etwas kaum absprechen kann, dann ist das seine Rückkoppelungskompetenz: Als begnadeter politischer Resonanzkörper vermag er die Stimmungen unter seinen potentiellen Wählern unglaublich gut zu erkennen und aufzupeitschen. Er kann seine Kernwähler begeistern und ihnen die rosa Brille über Jahre ins Gesicht setzen. Er kann aber auch verspüren, wann die Sache gelaufen ist.

Zur Person

Dr. Helmut Däuble lehrt als Akademischer Oberrat Politikwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg

Wie kein zweiter Populist hat er Sensoren entwickelt, wie die weißen Bevölkerungsschichten in den USA, die ihre Privilegien bedroht sehen oder sie wiedergewinnen wollen, die Welt wahrnehmen, welche Ansprache sie demnach brauchen und wie man sie „kriegen“ kann – nicht zuletzt an den Wahlurnen. Und genau diese Meisterschaft in demagogischer Einfühlung, wie die „Angry White Men“ (so der amerikanische Soziologe Michael Kimmel) ticken, hat ihn vor knapp vier Jahren für viele unerwartet ins höchste amerikanische Amt gebracht. Er hatte damals die vielen „Deplorables“, die Bedauernswerten also, wie sie von Hillary Clinton genannt wurden, mit genau dem richtigen Ton erwischt: Sperrt diese typische Vertreterin der liberalen Elite wegen Volksverrats ein, holt die von China und anderen gestohlenen Arbeitsplätze zurück und macht die USA wieder zu dem, was es vermeintlich immer schon war: „God's Own Country“, samt auserwähltem Volk. Die Wirkungsmächtigkeit der Formel „Make America Great Again“ kann nicht überschätzt werden und hat zu dem geführt, was viele – zumindest in Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten selbst – niemals für möglich gehalten haben. Dass nämlich ein offensichtlich narzisstisch gestörter, sexistischer und rassistischer Lügenbold es zum Befehlshaber der größten Militärmacht bringen konnte.

Doch so knapp es das letzte Mal geklappt hat, so klar scheint Trump dieses Mal zu verspüren, dass es nicht reichen wird. Nicht, dass ihm das bewusst ist. Nein, er selbst mag tatsächlich noch an eine finale Wende wie im Jahr 2016 glauben. Aber unterbewusst ist diese Vorahnung für ihn politik- und verhaltensprägend. Seine Witterung einer Niederlage lässt ihn längst nicht mehr so handeln, als würde er das Ruder nochmals herumreißen können. Dazu müsste er erneut unzufriedene Demokraten auf seine Seite ziehen – oder sie wenigstens von den Wahlurnen fernhalten. Aber das gelingt ihm nicht und das will er immer weniger.

Nach-mir-die Sintflut-Politik

Man sollte jedoch nicht unterschätzen, dass Trumps Politik in den Augen seiner treuen Fangemeinde als extrem erfolgreich wahrgenommen wird. Die Mauer zu Mexiko ist teilweise gebaut, Handelsverträge mit Freund und Feind sind abgeschlossen, die Vor-Corona-Wirtschaft boomte und die Arbeitslosigkeit war auf einem Rekordtief, eine Vielzahl von konservativen Bundesrichtern ist eingesetzt worden – um nur einiges zu nennen. Und dennoch kann er dieses Mal die Legende, den elitären Sumpf in Washington als lauterer Mann auszutrocknen und für den „kleinen Mann“ da zu sein, nicht mehr glaubhaft in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft verbreiten. Zu offensichtlich sind seine Legion zählenden Lügen, seine Inkompetenz in der Corona-Politik und seine an Größenwahn grenzende Angeberei auch bei vielen ehemaligen Trump-Wählern geworden, als dass diese ihm eine weitere Chance geben möchten. Die Bereitschaft, selbst bei vielen treuen Republikanern zähneknirschend einen solchen eitlen Grobian, der in der Schlammschlacht der „Präsidentschaftsdebatte“ jetzt zu Hochform aufgelaufen ist, zu ertragen, ist deutlich gesunken. Das kann man etwa an den Aktivitäten des „Lincoln Projects“ erkennen, einem Zusammenschluss von Konservativen, die dieses Mal seine (Wieder-)Wahl verhindern wollen.

Trump hat die Republikaner zwar wieder an die Macht gebracht hat, und er scheint der einzige Garant für eine Fortsetzung konservativer Politik zu sein, dennoch trauen sich einige bereits jetzt, als angehende Königsmörder angefeindet zu werden. So sehr sich Trump bemüht, diese Gelüste auf Meuterei als klassische Verräterei abzutwittern, so wenig vermag er sie aufzuhalten.

Ein Teil der „unsicheren“ Gefolgschaft ist längst im Begriff, ihn über die politische Klinge springen zu lassen. Trump verspürte das schon bei seinem ersten größeren Wahlkampfauftritt in Tulsa: Der ansonsten hochtalentierte Einpeitscher konnte seine Kernwählerschaft zwar gerade noch so erreichen, aber sein untrügliches Bauchgefühl offenbarte ihm schon da: Diesmal wird es nichts mehr. That´s it.

Stattdessen radikalisiert sich Trump in den letzten Monaten seiner Amtszeit, um seine Überzeugung eines „Exzeptionalismus des weißen christlichen Amerikaners“ in politische Gedenksteine zu meißeln. Die Schlüsselrede dazu hielt er am Vorabend des 4th-of-July-Nationalfeiertags am Fuße von Mount Rushmore. Dort warf er Aktivisten vor, die sich etwa dafür einsetzen, umstrittene Statuen von Konföderierten-Generälen abzubauen, „unsere heiligsten Denkmäler zu verunstalten“, „unsere Helden zu diffamieren, unsere Werte auslöschen und unsere Kinder zu indoktrinieren“, ja gar einem „linken Faschismus“ anzuhängen. Die Schonungslosigkeit, mit der Trump in dieser Ansprache liberale Demokraten ungeschminkt als vaterlandslose Gesellen verunglimpft und damit auch moderate Republikaner schockiert hat, lässt die Vermutung zu, dass Trump nun eine Nach-mir-die Sintflut-Politik betreibt. Mit einer solchen maßlos spalterischen Rede kann man zwar eine verbliebene ideologisierte Kerntruppe gewinnen, aber keineswegs mehr eine Wahlniederlage abwenden.

Ins Geschichtsbuch als letzter „White Supremacist“

In das Muster des Ich-muss-jetzt-keinerlei-Rücksicht-mehr-nehmen passen auch die sonstigen Betriebsamkeiten der letzten Wochen. Nicht zuletzt das martialische Entsenden der Bundespolizei in Städte wie Portland macht deutlich, wie kaltschnäuzig sich Trump davon entfernt, besonnene Wähler noch gewinnen zu wollen. Die Skrupellosigkeit, mit der er die Bedürfnisse der Stammwählerschaft bündelt, kann er jetzt vollends unkontrolliert ausleben. Dazu passt auch, dass er seinen Vertrauten Roger Stone, der rechtskräftig zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, wegen der „vollkommen unbegründeten Ermittlungen“ zur Russlandaffäre begnadigte. Während seine Hardcore-Fans jubeln, erkennt ein Teil seiner bisherigen Wähler dies als offensichtlichen Amtsmissbrauch. Doch Trump stört das nicht. Er zählt nicht mehr auf die Gemäßigten. Er zielt nur noch darauf ab, dass seine engste Gefolgschaft ihn dauerhaft als den vermeintlich größten Führer der amerikanischen Geschichte in Erinnerung behält.

In eben dieses Muster lässt sich auch Trumps Ankündigung einreihen, den Wahlausgang nur zu akzeptieren, wenn er im Amt bleiben würde. Genauso wie der Appell an seine Wähler, per Briefwahl zu stimmen und zusätzlich ihr Glück erneut an der lokalen Wahlurne zu versuchen – einem klassischen Aufruf zu Wahlbetrug also. Die strikte Weigerung, der Black-Live-Matters-Bewegung auch nur einen Zoll an Respekt zu widmen, schlägt ebenfalls in dieselbe Kerbe.

Nicht mehr um einen triumphalen Wiedereinzug ins Weiße Haus geht es ihm nunmehr, sondern nur noch um seinen Eintrag ins Geschichtsbuch als letzter „White Supremacist“. Ihm ist nur noch wichtig, dass er bei seinen Hard-Core-Anhängern einen nachhallenden Eindruck als harter Hund hinterlässt, der bis zur letzten Minute der liberalen kosmopolitischen Elite die Brust entgegenstreckte. Trump scheint nur noch an der Legende zu basteln, nach der er der letzte Verteidiger eines „wahren“ – nämlich weißen und konservativen – Amerikas gewesen sei. Den Kampf um eine erneute Amtszeit hat er wohl längst aufgegeben.

So ließe sich dann auch verstehen, warum nicht Barbara Lagoa, sondern Amy Coney Barrett das Rennen um die Nachfolge von RBG gemacht hat. Und auch, warum Trump das erste Rededuell in ein Kettensägenmassaker verwandelte.

Kurzum: Die Trump-Show geht nicht grundlos in ihre bizarrste Phase. Bis zum 3. November werden uns noch öfters fassunglos Mund und Ohren offenstehen. Die Deutung seiner Wahlkampfaktivitäten als Politik der verbrannten Erde und als unbedingter Wille, als „Last Man Standing“ in die Geschichte einzugehen, sollte als Verständnishilfe dabei nicht unterschätzt werden.

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13:35 01.10.2020

Ausgabe 43/2020

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