Der letzte Bohemien

Wahlverwandt Jean-Claude Baker erinnert mit seinem Restaurant in Manhattan an wilde Zeiten und an seine berühmte Adoptivmutter Josephine
Der letzte Bohemien
Jean-Claude Baker in seinem Restaurant Chez Jospehine

Foto: James Kelvon/Getty Images

Hinter der schweren Tür zum Chez Josephine im Theaterdistrikt, nahe dem Times Square, verbirgt sich das bohemehafte New York. Es ist das Reich von Jean-Claude Baker. „Na, komm mein Schatz, ich habe einen schönen Tisch für dich“, sagt er zur Begrüßung. Baker spricht Deutsch mit starkem französischen Akzent – und er trägt einen großen Namen. Josephine Baker, die legendäre schwarze Tänzerin und Sängerin, wird in den fünfziger Jahren zu seiner Vertrauensperson und schließlich zu seiner Adoptivmutter.

Jean-Claude Baker eröffnet 1986 sein Restaurant Chez Josephine im damals kriminellsten Viertel von Manhattan. Der Theaterdistrikt ist zu dieser Zeit berüchtigt für sein Rotlichtmilieu. Obwohl Straßenprostitution in den USA illegal ist, florierte das öffentliche Sexgeschäft im New York der Siebziger und Achtziger. „Ich habe es hier geliebt. Prostituierte, Leute in den Straßen, auf der Suche nach Sex. Es war so lebendig. Es hatte Soul, und Menschen wie ich brauchen das. Dafür leben wir. Die Zeiten ändern sich, aber wir sind nach wie vor hier. Ich bin ein Entertainer”, sagt Baker lächelnd. Der 69-Jährige erhebt sich und läuft in einer schwarzen Seidensoutane zur Tür, um die nächsten Gäste zu begrüßen.

„Mein kleines Bordell“

Das Rotlichtmilieu hat den Theaterdistrikt längst verlassen. 1994 erließ der damalige Bürgermeister Rudolph Giuliani verschiedene Bauordnungsbestimmungen, die Pornokinos, Videotheken und Striplokale in die Industriegebiete der Stadt verbannten. Prostitutierte findet man auf den Straßen heute nicht mehr.

„Mein kleines Bordell“, nennt Baker sein Restaurant, das früher ein erotischer Massagesalon war. Ein bisschen versprüht es auch noch die Atmosphäre von damals: opulente Rottöne, warmes, gedämpftes Licht, leise Pianomusik, Spiegel an den Wänden und großflächige Gemälde, die meist eine nur dürftig bekleidete Josephine Baker zeigen. In den Fünfzigern hatte er Josephine Baker in Paris kennengelernt. Sie war damals schon eine Legende, bekannt geworden als wilde Tänzerin in den zwanziger Jahren mit Auftritten in der „Revue Nègre“ und den Folies Bergère, oft mit nicht mehr bekleidet als einem Röckchen aus Bananen. Die Tänzerin und der junge Mann kennen sich zunächst nur flüchtig und verlieren einander wieder aus den Augen, als Jean-Claude Anfang der Sechziger nach West-Berlin zieht.

Die Ära Berlin

Er spricht von der „besten Zeit meines Lebens“, wenn er davon erzählt. 1963 kommt er in der Fasanenstraße an, gerade 20 Jahre alt. Er will die dunklen Seiten seiner Vergangenheit hinter sich lassen. Weil er als französische Halbwaise seinen Vater nicht kannte, wurde er als Kind von den Dorfbewohnern ausgelacht – auch weil seine Mutter um Geld bettelte. Mit 14 Jahren ging er nach Paris, hatte es dort aber als bekennender Homosexueller nicht leicht. Davon spricht er ungern, lieber redet Baker von seiner Zeit im geteilten Nachkriegsdeutschland. „Man hat mir dort Respekt und Toleranz entgegengebracht, so wie ich das nirgendwo sonst erlebt habe.“

Während er erzählt, behält er immer seine Mitarbeiter im Auge. Fragt man den Barkeeper Robert McDarel nach seinem Chef, beschreibt er ihn als „strikt, aber fair und unglaublich großzügig“. Gab es in den 25 Jahren, die McDarel für Baker arbeitet, nie Konflikte? Der Mann hinter der Bar relativiert sein Lob ein bisschen: „Jean-Claude arbeitet hart – und das erwartet er auch von uns. In den 25 Jahren hat er mich drei Mal gefeuert und ungefähr zehn Mal suspendiert“, sagt McDarel, lächelt und mixt einen Gin Tonic. Er ist aber immer wieder ins Chez Josephine zurückgekehrt.

Im aufgekratzen Berlin der Sechziger fasste der junge Baker, eloquenter Exzentriker mit tadellosen Manieren, schnell Fuß in der Film-, Kunst- und alternativen Clubszene. Er wird DJ in einer Schwulenbar. Fünf Jahre später eröffnet Baker seine eigene Bar, den Pimms Club, ein Ort für Bisexuelle, Schwule, Lesben und Heteros. „Der Club war mein Cocktail an menschlichen Vorlieben. Wenn die Schwulen sich über zu viele Frauen beschwerten, habe ich ihnen gesagt, sie sollen sich doch stattdessen in einer Schwulenbar langweilen. Wenn die Heteros sich über die Schwulen aufregten, habe ich ihnen empfohlen, nur noch Heteroclubs aufzusuchen. Ich hatte so viel Spaß.“ Stars wie Leonard Bernstein, Romy Schneider, Orson Welles und Zarah Leander gingen bei Baker ein und aus. „Serviert wurden aufgewärmte Hamburger und Kaviar.“ Baker war damals stadtbekannt, und er eröffnete auch noch eine Boutique mit Pariser Mode, direkt neben seinem Club.

Events für die "Regenbogen-Familie"

Dann traf er Josephine Baker in Berlin wieder. „Ich hatte gehört, dass Josephine in der Stadt war und dass ihr Ruhm zusehends schwand. Also entschloss ich mich, ihr zu Ehren ein Konzert zu arrangieren.“ Weil er wusste, dass Josephine Baker allein keine Konzertsäle mehr füllen konnte, engagierte er dazu kurzerhand noch die Kessler-Zwillinge.

„Josephine war damals schwach, ziemlich aufgemacht und trug eine Perücke. Aber auf der Bühne war sie immer noch der Star“, erinnert sich Jean-Claude. Er beschloss, das Leben des alternden Stars in die Hand zu nehmen. Er organisierte Benefizveranstaltungen für sie und ihre adoptierten Kinder, die Josephine ihre „Regenbogen-Familie“ nannte. Josephine Baker unterstützte die amerikanische Bürgerrechtsbewegung bereits seit den Fünfzigern und protestierte auf ihre Weise gegen Rassismus – indem sie zwölf Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarbe adoptierte. Jean-Claude wurde das letzte Mitglied dieser Regenbogen-Familie. „Es war Josephines utopischer Traum von ewiger Solidarität“, so beschreibt er es heute.

Bis zu ihrem Tod 1975 übernimmt Jean-Claude die Rolle als Manager, Sekretär, Vertrauter und Sohn der launischen Diva. Er begleitet Josephine in den frühen Siebzigern in ihr Geburtsland, die USA, und lässt sich in New York nieder. Er verdient sein Geld als Sänger in verschiedenen Bars. Sie reisen viel zusammen, immer wieder durch Europa und die USA. „Am Tage war sie ziemlich unerträglich, aber am Abend, wenn wir allein waren, war es anders“, erinnert sich Jean-Claude.

Eine neue Liebe

Während seine Adoptivmutter schließlich nach Frankreich zurückkehrt und in Paris stirbt, richtet er sich sein Leben in der neuen Heimat ein. Er ist umtriebig, produziert und moderiert die französischsprachige Fernsehshow TeleFrance USA. Und er gründet die Jean-Claude-Baker-Stiftung, die afroamerikanische Künstler fördern möchte.

Und was beschäftigt ihn heute? „Es gibt eine neue Liebe in meinem Leben“, sagt Baker. „Devin ist vier Jahre alt, der autistische Sohn illegaler Einwanderer aus Ecuador. Und er ist mein Patenkind.“ In gewisser Weise folgt er dem Beispiel seiner Adoptivmutter. Er setzte Devin nicht nur als seinen Erben ein, er gründete auch einen Treuhandfond für seinen Patensohn. Außerdem engagiert er sich bei der New Yorker Initiative „autismusfreundliche Orte“ – an Wochenenden können Familien mit autistischen Kindern sein Restaurant besuchen, sich austauschen und bei ihm zu „Familienpreisen“ essen.

„Familien mit autistischen Kindern haben es schwer, am öffentlichen Leben teilzunehmen“, sagt Baker. Er möchte ihnen „einen Ort bieten, der ein bisschen Normalität in ihr und das Leben der Kinder bringt“. Damit wolle er auch ein wenig mithelfen, Devin bessere Chancen in der Zukunft zu schenken.

Mama Baker hätte das sicher gefallen.

Lia Petridis Maiello lebt und arbeitet in New York als freie Journalistin und Medienreferentin für eine NGO bei den Vereinten Nationen

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13:24 17.12.2012

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