Der letzte Gang

Alltag Nachtarbeiter (3) - Bernd Cornelius, Bestattungsunternehmer

Rund 600.000 Menschen sollen in den letzten Monaten die umstrittenen Plastinate der Ausstellung Körperwelten in Berlin bestaunt haben. Das Tabu-Thema Tod macht Furore, aber sollte das rekordverdächtige Besucherinteresse wirklich von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Tod zeugen? Es ist inzwischen zum Gemeinplatz geworden, dass unsere Gesellschaft eine dem Jugend- und Schönheitswahn verfallene ist, in der Alter und Krankheit, vor allem aber das Sterben und der Tod ausgegrenzt bleiben. Wir meiden möglichst alles, was auch nur im Entferntesten mit dem Lebensende zu tun hat, sei es dem unserer Mitmenschen oder gar unserem eigenen.

Doch so absolut die Verdrängung auch funktionieren mag, irgendwann wird jeder einmal mit dem Sterben konfrontiert, und dann stellt sich heraus, dass der Tod nicht bloß tragisches oder unabänderliches Schicksal, Erlösung oder selbstgewählter "letzter Ausweg" ist, sondern auch eine ganz pragmatische Angelegenheit. Tod muss bewältigt werden, und dazu gehört neben Trauer und Trost auch, ihn als Ablauf zu meistern und als Abschiedsfest zu inszenieren. Eine Aufgabe, die meist von Bestattungsunternehmern wahrgenommen wird; Dienstleister, für die der Tod tägliches Geschäft ist - auch nachts.

"Der Tod fragt nun mal nicht, wann er kommen soll. Die meisten sterben nachts", sagt Bernd Cornelius, einer der beiden Geschäftsführer von Atrium Bestattungen Berlin. Deshalb bietet er einen telefonischen Bereitschaftsdienst an, will rund um die Uhr für seine Kunden erreichbar sein, auch an Wochenenden und Feiertagen. Ein Service, den er aus DDR-Zeiten übernommen hat. Seit 20 Jahren arbeitet Bernd Cornelius im Bestattungswesen.

Er hat eine bewegte Karriere hinter sich: Der gelernte Forstarbeiter und studierte Forstwirtschaftler konnte sich trotz politischer Schwierigkeiten - er weigerte sich als gläubiger Protestant beharrlich, in die SED einzutreten - seinen Jugendtraum erfüllen und arbeitete als Revierförster im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb in Oranienburg. 2.050 Hektar Land umfasste sein Revier, in dem er Aufforstung und Holzeinschlag betrieb und sich um den Ackerbau kümmerte. Cornelius liebte diese Arbeit. Seine Frau und die älteste Tochter waren weniger begeistert von diesem Leben. Als sich die Gelegenheit bot, zog die Familie nach Berlin und Cornelius übernahm eine leitende Funktion im städtischen Friedhofs- und Bestattungswesen.

Mit der Wiedervereinigung kam die Frage nach einer möglichen beruflichen Neuorientierung. "Zur Wende herrschte großer Bedarf an Bestattungsunternehmen", erzählt Cornelius. Es gab zu Ostzeiten nur wenige private Beerdigungsinstitute - Überbleibsel der Vorkriegszeit - und die städtischen Betriebe waren stark überlastet. So haben er und sein Partner "allen Mut zusammengenommen" und die Atrium Bestattungen GmbH gegründet. Cornelius schaut sich zufrieden um, es hat sich gelohnt, damals ins kalte Wasser zu springen. Inzwischen wurde die siebte Filiale eröffnet. Seit Atrium Bestattungen besteht, wechseln sich die beiden Geschäftsführer Cornelius und Scharnberg wöchentlich mit dem Bereitschaftsdienst ab. Tag und Nacht können Menschen anrufen - und sei es nur, um Blumenschmuck zu ordern. Doch das ist noch nie passiert. Wer die Atrium-Nummer wählt, will meistens einen Toten abholen lassen.

Cornelius erzählt, dass es zu DDR-Zeiten durchaus nicht selbstverständlich war, Verstorbene noch in der Nacht aus den Häusern zu holen. Meist wartete man damit bis zum nächsten Morgen, nur, wenn die häuslichen Umstände allzu beengt waren, kamen die Leichenwagen sofort. Ganz abgesehen von dem alten Brauch, die Verstorbenen noch ein paar Tage zu Hause aufzubahren, damit Angehörige Zeit hatten, sich von ihnen zu verabschieden. Das gibt es heute kaum noch. Vielen, weiß Bernd Cornelius, wird der Körper eines geliebten Menschen unheimlich, sobald das Leben aus ihm gewichen ist. Die Leichen sollen dann so schnell wie möglich außer Haus. Zumal in der Stadt, wo dank häuslicher Krankenpflege immer mehr Menschen im heimischen Bett sterben. Ein würdevollerer Tod, findet Cornelius, als im Krankenhaus.

Der Bereitschaftsdienst umfasst nicht nur die Nacht, sondern auch Hausbesuche für Beratungen, besonders am Wochenende und abends. Es ist für die Hinterbliebenen oft angenehmer, wenn alle Familienmitglieder in vertrauter Umgebung darüber entscheiden können, wie die Bestattung aussehen soll. Solche Beratungsgespräche, in denen der Bestatter versucht herauszufinden, was die Wünsche des Verstorbenen waren, dauern erfahrungsgemäß ein bis zwei Stunden, manchmal auch länger. Und so kann es passieren, dass Bernd Cornelius erst spät am Abend nach Hause kommt und sich schlafen legt ohne zu wissen, wie lange die Ruhe währen wird. Die Nächte eines Bestatters können sehr unterschiedlich sein. Manchmal ist gar nichts los, in anderen Nächten wird er gleich mehrmals aus dem Bett geholt.

Wenn das Telefon läutet und ihn aus dem Schlaf reißt, kommt er schnell zu sich. Nach dem dritten Klingelton spätestens ist er wach und sofort in der Lage, den Fall routinemäßig aufzunehmen. Oft sind die Anrufer völlig verstört und müssen erst einmal beruhigt werden. Meist fährt er dann gleich los. Bernd Cornelius hat ein sehr unverkrampftes Verhältnis zu Toten und düsteren Orten. Vielleicht, meint er, weil er in Ostberlin in der Nähe eines Friedhofes aufgewachsen ist. Nur wenn er nachts in entlegene Gegenden und dunkle Hinterhöfe gerät, um eine Leiche abzuholen, wird ihm manchmal mulmig.

Kommt Cornelius in die Wohnung, wird er immer wieder mit ganz unterschiedlichen Situationen konfrontiert. Jeder Tod ist anders. Manchmal ist der Verstorbene friedlich eingeschlafen, der Arzt war schon da, um den Totenschein auszustellen und die Leichenfahrer sind unterwegs. Wenn aber die Todesursache nicht eindeutig ist, dann zieht der Arzt die Polizei zu Rate, und die schaltet die Kripo ein. Das ist für die Angehörigen eine große Belastung. Ein naher Mensch stirbt, und so manche Beamte sind im Umgang mit Hinterbliebenen nicht geschult und verhalten sich taktlos. Das Prozedere der Fallaufnahme kann sich über Stunden hinziehen. Die Leiche wird "beschlagnahmt", überführt und bleibt bis zur Klärung der Todesursache nur für die Kripo zugänglich. In solchen Fällen versucht Cornelius, auch die Hinterbliebenen zu beruhigen, auf die angespannte Situation Einfluss zu nehmen. Das ist auch für ihn eine große psychische Belastung. Schließlich weiß er, dass ein Bestatter auch Seelsorger ist, Vertrauensperson und Organisator in einem. Einblicke in so manche menschliche und soziale Abgründe bleiben ihm da nicht erspart.

Oft ist er als Bestatter die einzige Kontaktperson, und erfährt Dinge, die der Hinterbliebene noch nie jemandem anvertraut hat. Das erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Taktgefühl. Zudem bedeutet es eine große Verantwortung, sein Geschäft mit trauernden Kunden zu machen. Das darf man auf keinen Fall ausnutzen, und deshalb, erklärt Cornelius, sei es für einen seriösen Bestatter selbstverständlich, Menschen erst dann zu beraten, wenn sie sich gefasst haben und klar denken können. Das heißt auch, lange Gespräche zu führen. Er macht dann schon mal Besuche, einfach um mit den Menschen zu reden. Trost zu spenden ist allerdings eine eigene Kunst.

"Ich brauch kan Glanz, ich brauch kan Pflanz, ich brauch ka schöne Leich, ich komm auch ohne Kranz genauso gut ins Himmelreich. (...) den letzten Gruß, den müss´n mir die Schrammeln spiel´n." Das larmoyante Wienerlied bringt es auf den Punkt: Auch beim Sterben sind die Geschmäcker verschieden. Der Berliner Leichenbestatter würde dem zustimmen: Ein Begräbnis muss nach den Wünschen des Verstorbenen ausgerichtet werden. Wichtig ist, sagt Bernd Cornelius, dass der Abschluss würdevoll gestaltet ist und an den Menschen so erinnert, wie er gelebt hat. Das bestimmt die breite Auswahl an Dienstleistungen, die Bernd Cornelius seinen Kunden bietet: Särge, Urnen, Wäsche, Deckengarnitur, Blumenschmuck und Musik. Abgesehen vom Standardprogramm, Orgel und Harmonium, kann auch eine CD laufen, bei jugendlichen Verstorbenen auch schon mal Techno, wenn die Freunde das vorschlagen. Feuerbestattungen sind verbreitet, aber auch Seebestattungen sind gefragt, Erdbestattungen teuer, wegen der hohen Friedhofsgebühren. Seit neuestem führt er auch Weltallbestattung im Angebot, die sich bisher allerdings noch keiner besonders großen Nachfrage erfreut. Asche per Kapsel in den Orbit zu schicken, damit sie beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglüht, ist vielen sicher zu kostspielig. Aber Cornelius hat sich schon mal für alle Fälle schlau gemacht.

Seit mehreren Jahren arbeitet seine Ehefrau mit in der Firma, und häufig kreisen die Familiengespräche auch nach Feierabend um die einzelnen Beratungsfälle, man tauscht sich aus über Probleme und Erlebnisse mit Kunden. Von seinen Töchtern interessiert sich keine für das Gewerbe, beide haben lieber mit lebendigen Menschen zu tun.

Es ist kein leichtes Brot, täglich dramatische und traurige Geschichten zu hören. Und der Nachtdienst tut sein Übriges. "Da lässt man schon Federn", gesteht Cornelius. Aber für ihn ist sein Beruf Berufung. Dabei weiß er, dass man im täglichen Umgang mit dem Tod auf sich selbst aufpassen muss. Das Schicksal der Trauernden geht ihm nahe. Am schwierigsten ist es mit Menschen, so Cornelius, die wie "Salzsäulen erstarrt sind" und ihren Schmerz nicht leben können. Sie fressen ihn in sich hinein und brechen dann plötzlich zusammen. Cornelius bemüht sich bei all dem immer darum, das rechte Maß an Sensibilität und Routine zu wahren. Die vielen zufriedenen und dankbaren Kunden geben ihm Mut. Wenn er Menschen geholfen hat, den Abschied von ihrem Partner zu erleichtern, dann ist das für ihn "Erfolg".

Cornelius selbst ist kein Kind von Traurigkeit, mit seiner verschmitzten Art kann er schon so manchen humorvollen Ton in tieftraurige Erzählungen bringen. Weinen und Lachen liegen schließlich nahe beieinander. Die "lustigen Bestatter" sind nicht nur ein Klischee, meint er, die können ganz schön ausgelassen feiern. Extrembelastung braucht ein Ventil.

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00:00 29.06.2001

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