Der letzte Gast

Filmfestival Locarno war für junge Cinephile lange unbezahlbar, also besetzten sie ab den 90ern die großen Hotels. Eine Sommergeschichte

Die ehemaligen Besetzer sind verschwiegen. Klandestin. X verweist mich an Y und die an Z. Der will aber nicht wirklich was sagen. Ich schreibe Z: „Michael Steiner macht auch mit.“ Michael Steiner, der Regisseur des Swissair-Dramas Grounding, der Kinderbuchverfilmung Mein Name ist Eugen oder von Sennentuntschi, jener Schweizer Sage über ein paar Senner, die sich eine Sexpuppe basteln. Sie erwacht dann zum Leben und rächt sich.

In den 90ern war Michael Steiner der junge Ultrawilde, der Schweizer Filmemacher, dessen Träume genauso amerikanisch waren wie jene aus Hollywood. Größenwahnsinnig, aber am Ende meist auch groß. In seiner Freizeit war er Techno, nicht Punk. Trotzdem wurde er zum Hausbesetzer. 2006 besetzte er während des Filmfestivals von Locarno das seit einem Jahr leer stehende Grand Hotel. Jenes Hotel also, in dem zwischen dem 5. und 16. Oktober 1925 die Verträge von Locarno über das Verhalten der europäischen Siegermächte gegenüber dem Kriegsverlierer Deutschland ausgehandelt worden waren. Vom deutschen Reichskanzler Hans Luther, Außenminister Gustav Stresemann, von Chamberlain und Mussolini und vielen andern.

„Und F?“, fragt Z zurück. F ist gerade wichtig. Sehr wichtig. Ein kulturpolitischer Player in einer großen Schweizer Stadt. Ich kontaktiere F via Facebook und sehe, dass er meine Anfrage nach einer Anekdote aus alten Zeiten innerhalb von Sekunden gelesen hat. Eine Antwort kommt keine.

Zwischen 1990 und 1992 gab es eine legendäre Gruppe von cinephilen jungen Zürchern aus dem Umfeld der Wohlgroth-Besetzung. Die Wohlgroth war eine alte Gaszählerfabrik neben dem Zürcher Hauptbahnhof. Logisch, dass die Besetzer während des Filmfestivals Locarno kein Geld hatten, um sich eines der überteuerten Hotelzimmer zu leisten. Weshalb sie kurzerhand Zimmer in leeren Hotels besetzten. Denn in der Stadt gibt es zu jeder Zeit leer stehende, aufgegebene Hotels, das ist eine der Tragödien von Locarno.

Rotäugiges Erwachen

Die Spitzenzeiten des Tessin-Tourismus sind vorbei. Die Zeit um 1900, als das reiche Europa hier Luxusferien machte. Die Zeit um 1920, als deutsche Aussteiger den Monte Verità kolonialisierten. Die Zeit des Wirtschaftswunders, als die deutsche Filmindustrie all ihre Italien-Schnulzen mit Vico Torriani, Peter Alexander und Conny Froboess im Tessin drehte, weil sie Italien boykottierte. Und als sich unzählige Filmstars hier niederließen – Karlheinz Böhm, Romy Schneider, das Ehepaar Tiller-Giller, Peter Kraus, Hardy Krüger.

„Welche Hotels habt ihr denn besetzt?“, frage ich Z, der langsam auftaut. Er schickt mir statt einer Antwort ein paar Ausschnitte aus der Google - Map von Locarno. „Ihr habt wirklich das Ramada am See besetzt?“ „Ich weiß es nicht mehr. Irgendeins von den Häusern. Und übrigens kamen die ‚Zürcher‘ damals alle aus dem Kanton Aargau. Echte Zürcher waren damals zu wenig politisch. Und wieso warst du nicht dabei?“ Weil ich, die ich auch aus dem für seine Karotten und Kirschen berühmten Landkanton Aargau komme, damals die besetzten Häuser von Berlin viel aufregender fand. Ich sag nur: Liebigstraße.

Und wie war das so in den leeren Hotels? Kein Strom, kein Wasser, logisch, bloß alte Staubschichten auf Spannteppichen. Am Morgen erwachten alle mit roten Augen, danach gingen sie ins Fevi am Stadtrand – eine Mehrzweckanlage, in der sonst Miss-Schweiz-Wahlen stattfinden und die während des Festivals zur Kinohalle wird – und benutzten dort die sanitären Anlagen. Ebenfalls nahe dem Fevi, unter der Autobahnbrücke an der Maggia, war eine illegale Bar. Und zum Ende der Besetzung wurde kollektiv im Pool des damals noch geöffneten Grand Hotel Locarno geplanscht, was dieses nicht entzückte. Die Polizei lauerte, schritt aber nicht ein. Jedenfalls schließe ich das aus den Informationsbrocken der Ex-Besetzer.

2005 dann hörte das Herz des Filmfestivals auf zu schlagen: Das Grand Hotel wurde nach 130 Jahren Betrieb geschlossen. Dabei war das Filmfestival 1946 im Park des Hotels gegründet worden. Erst 1971, als der Park zu klein wurde, zog die Open-Air-Leinwand auf die Piazza Grande um, wo sie heute noch ist. Und im Grand Hotel stiegen elf Nächte lang wie Feuerwerke die schönsten Partys.

Ich habe dort vieles verpasst, ich gehörte erst ab Mitte der 90er - Jahre zu den Grand-Hotel-Habitués, aber ich erlebte den Champagner, den Pool, den riesigen Rosmarinstrauch an der Freitreppe, der durch die Nacht duftete, das Koks, das Ecstasy, Regisseure, die mit Hubschraubern auf dem Rasen landeten. Und Guillaume Depardieu, den unseligen Sohn des Gérard, der unter Schmerzen am Flügel saß und dessen Körper sich weiter vergiftete, obwohl sein eines, von Bakterien verseuchtes Bein bereits amputiert war. Während ich dies schreibe, frage ich meinen DGF, meinen dearest gay friend in Berlin: „Kannst du dich an die Nacht mit den schönen Zwillingen erinnern?“ – „Forever“, schreibt er zurück.

Doch dann wollten die fünf Erben den geliebten Kasten zu einem Spielcasino umbauen, erhielten aber keine Genehmigung, zerstritten sich und setzten den größenwahnsinnigen Kaufpreis von 22 Millionen Franken in die Welt.

Ein Jahr nach der Schließung besetzten Michael Steiner und Freunde also das Grand Hotel: „Ach, besetzt, wir haben einfach dort eingecheckt und übernachtet. Alles war noch intakt, in jedem WC gab’s exakt eine Ladung Wasser. Wir benutzten dann mal ein paar. Und wir belegten natürlich die Suite.“ Gab’s Ratten? „Drinnen nicht. Die rannten draußen rum. Als wir drin waren, machten wir den Spruch: ‚Der Service ist immer noch genau gleich.‘ Kein Wunder, dass das Ding in Konkurs gegangen ist. Der Service war hundemies, die hatten keine Ahnung, wie man Geschäfte macht, absurde Preise, drei Männchen hinter der Bar bei einem Andrang von 400 Leuten. Aber die Stimmung ...“

Für den zweiten Abend ihrer großen Hotel-Okkupation hatten Steiner und Freunde viele Leute zur Party geladen. „Dank eines aufmerksamen Hausmeisters wurde das verhindert. Als wir am Morgen aufwachten, hatte er uns eine Rolle Stacheldraht auf dem Tisch hinterlassen. Als nonverbale Kriegserklärung. Als wir unterwegs waren, blockierte er alle Zugänge von innen mit großen, langen Holzstangen. Ich hatte mir noch einen Schlüssel von einem Hintereingang gegönnt und dachte, damit kommen wir wieder rein, aber das Schloss war verleimt. Wahrscheinlich war ich der letzte Gast im Grand Hotel. Der letzte Regisseur, der dort übernachtet hat.“

Einst ein Bijou

Einen Sommer lang hatte Michael Steiner auch eine Discobar betrieben im benachbarten Ascona am Strand, in einem wunderbaren Gebäude, das vor allem aus Fenstern und einer riesigen Terrasse zum See besteht. Der Zürcher Architekt Otto Zollinger hatte es in den 30er Jahren nach allen Bauhaus-Regeln errichtet, es war einmal ein Bijou. Mondän und großherzig. „Auch das ist jetzt umgebaut“, sagt Michael Steiner, es heißt jetzt Delta Beach Lounge und ist, wie es klingt. Man habe ihm „das letzte junge Leben noch ausgetrieben. Das Filmfestival ist ja die einzige Zeit, wo man dort unten Menschen unter 60 findet.“

Aber schauen wir doch, was das Grand Hotel heute macht. Das heimliche Ziel dieses Artikels ist es nämlich, Frau Ackermann von der HRS Real Estate in Frauenfeld ein kleines Stück Glück abzuringen. Das Versprechen, dass das Grand Hotel Locarno tatsächlich 2016 saniert sein werde, wie es in den Unterlagen heißt. Etwas aber wird ziemlich sicher nicht stattfinden: der neben dem zentralen Hotelbau geplante Turm mit 18 Luxusappartements. Das Schweizerische Bundesgericht hat im Frühling entschieden, dass die Appartements gegen die Zweitwohnungsinitiative verstoßen.

Aber vielleicht könnte es doch sein, dass der Besitzer des neuen Fünf-Sterne-Hotels in Zukunft die Festivalgänger wieder elf Nächte im August willkommen heißt? Dass wir wieder feiern dürfen wie einst? Dass wir wieder auf der Terrasse und im Park sein dürfen und in den schön restaurierten Sälen? Die Getränke würden sauteuer sein, klar, aber das würde uns nichts ausmachen, denn so teuer, wie uns das Grand Hotel ist, kann der Champagner dort gar nie sein.

Frau Ackermann, wie also steht es ums Grand Hotel? Frau Ackermann, können Sie uns Hoffnung machen? „Ich kann Ihnen bloß sagen: Es ist noch nichts im Bau, aber wir halten am Projekt fest“, sagt Frau Ackermann. Sie klingt ein bisschen resigniert. Und sie kann, will und darf wirklich nicht mehr sagen. Die verkrachten Erben sitzen also noch immer auf ihren fetten Träumen.

Das Grand Hotel träumt auch in diesem August vor sich hin, der Staub in den Zimmern liegt noch höher, die Möbel, das Geschirr, die Leuchter sind inzwischen versteigert. Der Park liegt da wie ein erschöpftes Gedicht. Und Michael Steiner war wirklich der letzte Gast.

Info

Das Filmfestival Locarno läuft noch bis 15. August. Ein Bericht folgt

06:00 26.08.2015

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