Der letzte Mohikaner

Mach weiter! Der "Nestbeschmutzer" und vaterlandslose Geselle Erich Kuby ist 95 geworden

Ach, Kuby! Das wäre eine andere Republik, die auf einen Autor wie Dich hören würde. Eine andere Republik, eine bessere, in der eine überregionale Tageszeitung sich einen Mahner und Besserwisser wie Dich als Leitartikler, Chefreporter oder gar als Herausgeber leisten würde.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, so um 1962 im Kino am Olivaer Platz in Westberlin, spielte er den Nazi-General Machorka Muff in Jean Marie Straubs gleichnamigem Film, der die Nazis in der Bundesrepublik auf die Schippe nimmt - nicht ganz so bissig vielleicht wie in Heinrich Bölls Vorlage Hauptstädtisches Journal, doch unvergesslich.

Die missratene Reform Deutschlands nach 1945, die Rückkehr des Militarismus, war freilich sein Thema seit Kriegsende. Für die unverschämte Restauration des deutsch-preußischen Ungeistes hatte er ein untrügliches Gespür, das aus der Sprachkritik erwuchs.

Man lese seine Analyse der ersten Nummer der legendären Zeitschrift Der Ruf. Das Blatt mit dem Untertitel Kritische Blätter für junge Menschen, herausgegeben von Nicolaus Sombart mit Alfred Andersch und anderen, später auch Hans Werner Richter, gilt als Brutstätte der "Gruppe 47", die sich während der fünfziger und ersten sechziger Jahre als intellektuelle Miefquirler gegen das reaktionäre Regime der fast 20 Adenauer-Jahre einen Wanst anfraß, bis sie selber zum Muff degenerierte.

Das Blatt müsse erst noch zeigen, so Kuby im Oktober 1946, "ob es in einem Inzuchtprozeß ein Regimentsblatt ehemaliger amerikanischer Kriegsgefangener sein will oder ob es das große Wochenblatt der jungen Generation wird". En detail kritisiert er unter anderem die zu starke "Westbindung" einiger Ruf-Autoren. Das neue Deutschland müsse auch seine Mittlerrolle nach Osten erkennen, die historische Wurzeln habe und seiner geopolitischen Lage geschuldet sei.

Besonders missfällt ihm die Verehrung des deutschen Frontkämpfers, das Gerede von den "erstaunlichen Waffentaten junger Deutscher", auch im Ruf. "Es gibt", grollt er, "für einen Deutschen keine positive Haltung zum Kriege, auch nicht in der Form, dass er die Gefallenen als Helden betrachtet."

Kuby weiß, wovon er spricht. Er war Soldat von der ersten bis zur letzten Minute. Man kann es nachlesen in seinen "Aufzeichnungen aus 2.129 Tagen", die 1999 bei Aufbau erschienen sind. Titel: Mein Krieg. Es waren die Erfahrungen jener sechs Jahre, die ihn veranlassten, bei der Information Control Division in München anzuheuern, um beim Aufbau eines demokratischen und fortschrittlichen Verlags- und Zeitungswesens mitzuwirken - eine Aufgabe, die von der Mehrheit damals als Landesverrat verurteilt wurde.

Kuby war immer ein "Nestbeschmutzer", ein "defätistischer Schriftsteller", ein vaterlandsloser Geselle, der sich, fast fünfzigjährig, noch vor der Münchner Uni mit den Knallköppen vom RCDS, dem studentischen Mob der CDU/CSU, kloppte. Er spielte nicht den Weisen, er engagierte sich: 1956 beim "Grünwalder Kreis", aus dem der Club republikanischer Publizisten hervorging, der einen Informationsdienst "gegen faschistische und chauvinistische Abenteuer" und die alten SS-Offiziere in der neuen Bundeswehr herausgab. Er stand auf der Straße 1958 gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, er unterschrieb, was unterschriftsreif war, auch wenn es ihm den Spott der FAZ und des bürgerlichen Feuilletons eintrug: Gegen den schmutzigen Krieg der Franzosen in Algerien, die Invasion der Briten in Ägypten, die Intervention der UdSSR in Ungarn, den Krieg der USA in Vietnam, auch als Grass die Kritik an den USA verbot, weil es ihm gerade in den Kram passte.

Kuby war kein Ideologe, nur ein Pragmatiker. Nicht die Antifaschisten und Pazifisten wollte er "umerziehen", sondern diejenigen, die den Kopf noch immer voller Naziparolen hatten. Die Massen wollte er erreichen mit seinen mehr als dreißig Büchern, zahllosen Übersetzungen, Hörspielen, Drehbüchern. Da war er wie Neumann, Habe, Zwerenz: Eine Nachricht, die niemand hört, ist keine Nachricht.

Ich traf ihn manchmal. Mal bei einem Kongress über Gramsci und Luxemburg, mal bei der Buchmesse, auf der Straße und einmal sogar in Venedig, wo er den Winter verbringt seit einigen Jahren - in einem dieser ärmlichen Viertel ohne große Sehenswürdigkeiten, wo man nicht einen Touristen sieht. Er hatte immer schon Stil, anders als die meisten Linksintellektuellen damals. In Princeton standen die 47er um den Ford Mustang, den er in Manhattan gemietet hatte, wie in meiner Jugend die Schnösel um die erste 250er BMW im Dorf.

Mit ihm zu parlieren war lehrreich. Einmal sprach er über die seltsame Dialektik des Widerstands, ewig her. Akribisch analysierte er die sogenannte "Spiegel-Affäre" 1962 im Herbst, als die CDU ihren vermeintlich ärgsten Kritiker einsperren ließ. Augstein ging, wie man weiß, als Sieger aus der Affäre hervor, wurde vorsichtiger, verdiente gut damit, und sein ebenfalls verhafteter Oberschriftleiter stieg auf bis zum Chef des Bundespresseamtes. Kuby warf Augstein zuweilen vor, die vielen Zehntausend missbraucht zu haben, die damals für seine Freilassung auf die Straße gingen.

Seinen größten Erfolg hatte er da schon hinter sich - das Drehbuch zu Rolf Thieles Film, der 1958 oder 59 in die Kinos kam - Das Mädchen Rosemarie mit Nadja Tiller und einem großen Staraufgebot. Besser konnte man das juste milieu des westdeutschen Wirtschaftswunders nicht karikieren. Mit dem gleichnamigen Roman, der in siebzehn Sprachen übersetzt wurde, erwies Kuby sich als Zola der späten fünfziger Jahre.

Manchmal fragen die Freunde, weil sie mein Gezeter nicht mehr hören können - über den ganzen affirmativen Kulturbetrieb, die bornierten Auflagenmillionäre, die gepflegten Unterhaltsamen, welche die großen Literaturpreise abgreifen - : "Hast Du denn gar keine Vorbilder? Wem würdest Du denn den Büchnerpreis geben?"

Dann greife ich in meinen Hausschrein, wo die Penaten stehen: "Dem hier. Kuby!" - "Kuby? Kuby?"

Dieser Tage wurde er 95. Erich, mach weiter!


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00:00 01.07.2005

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