Der letzte Weg

Armenbegräbnis Die Zahl der von Behörden beauftragten Beerdigungen steigt – ein Zeichen für Vereinsamung und wachsende Armut. Wie läuft so etwas ab? Ein Besuch in Düsseldorf
Der letzte Weg

Illustration: der Freitag

Er starb an einem Samstag oder Sonntag. Zu welcher Uhrzeit, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist er friedlich eingeschlafen, möglicherweise dauerte sein Ringen mit dem Tod auch länger. Das konnte die Polizei nicht sagen, als sie E. an einem Dienstag tot in seiner Düsseldorfer Einzimmerwohnung barg, nachdem seine Nachbarin Berta Wende ihn gefunden hatte. Ihr war aufgefallen, dass kein Zigarettenrauch mehr durch den Hausflur zog. Außerdem war E. seit Tagen nicht mehr aus seiner Wohnung gekommen.

Noch eine Woche zuvor hatte die Nachbarin ihn auf dem Balkon stöhnen hören. „Damals dachte ich, er sei vielleicht wieder einmal betrunken“, sagt sie. Irgendwann hätte sie begonnen, sich Sorgen zu machen, und habe über eine Feuerleiter in E.s Wohnung geschaut. Er lag im Bett, reagierte nicht, selbst als sie ans Fenster hämmerte. „Dann habe ich den Notruf verständigt.“

Während sich neugierige Nachbarn vor der Wohnungstür sammelten, konnten Feuerwehr und Notarzt nur noch den Tod feststellen. Verwandte? Nein, von Verwandten wusste niemand etwas im Haus.

Fälle wie dieser sind nicht unüblich. Immer mehr Menschen sterben allein in ihren Wohnungen. Ihre Leichen liegen dort oftmals eine Woche oder länger unentdeckt. In manchen Fällen ist vor ihnen der Lebensgefährte gestorben, die Verwandten leben weit entfernt oder der Kontakt zu ihnen ist abgebrochen. Niemandem fällt sofort auf, dass so jemand nicht mehr auftaucht. Stirbt ein alleinstehender Mensch, wird nach Verwandten gesucht, um über den Todesfall zu informieren.

Den Kommunen geht es aber auch darum, jemanden ausfindig zu machen, der die Beisetzung organisiert und bezahlt. Werden keine Angehörigen gefunden, muss sich nämlich das Ordnungsamt um die Bestattung kümmern. Die Behörde beauftragt ein Bestattungsinstitut, das die Beisetzung organisiert. War der Verstorbene in einer Kirche, übernimmt ein Geistlicher die Trauerfeier.

Wer war dieser E.?

War E. in der Kirche? Davon weiß die Hausgemeinschaft nichts. Er hatte nur erzählt, dass er hier in diesem Düsseldorfer Stadtteil geboren worden sei. Heute ist das Viertel beliebt bei Studierenden, früher wohnten hier vor allem Arbeiter. Noch immer gibt es hier, im Süden der Stadt, eine große Papierfabrik, die das Viertel oft nach Pappe riechen lässt. Der kleine Fluss Düssel schlängelt sich durch die Nachbarschaft. Am Wochenende schaut man in einer der vielen kleinen Kneipen der Fortuna zu und trinkt dabei Alt. Wie war E. als Mensch? „Die gute Seele des Hauses“ sei er gewesen, meint Berta Wende. Andere Nachbarn erzählen, er habe für Ordnung im Haus gesorgt. Seitdem er tot ist, liegen die Werbebroschüren der Post wieder vor den Briefkästen auf dem Boden.

Auch der Keller, wo die Mülltonnen stehen, war immer ordentlich, als E. noch lebte. „Das räumte er auf, immer ohne zu meckern“, erinnert sich Tanja Kaiser. Sie wohnt neben Berta Wende. E. war ein Eigenbrötler und wirkte „im ersten Moment immer sehr abweisend und forsch“. Aber sobald man ihn ansprach, sei er „durchaus liebenswürdig“ gewesen.

Tanja Kaiser und Berta Wende hatten ein wenig Kontakt mit ihm. Zu Weihnachten schenkten sie ihm einen Gutschein zum Dartspielen unten in der Kneipe. „Aber dazu ist es nie gekommen – und jetzt ist er tot.“ Viel wusste die Hausgemeinschaft nicht über E. Er hatte einmal eine überstandene Krebserkrankung erwähnt. Er war Frührentner, hatte offenbar Schulden und war dem Alkohol nicht abgeneigt.

In einem Fall wie dem von E. spricht man landläufig von einer Armenbestattung. Doch das Amt unterscheidet zwischen Sozialbestattungen und Ordnungsamtsbestattungen. Im ersten Fall sind Angehörige zwar vorhanden, sie können die Kosten für die Beerdigung aber nicht aufbringen und beantragen beim Sozialamt Unterstützung. Sie machen die Mehrheit aus.

Die Zahl der Sozialbestattungen stieg laut Aeternitas e. V., einer Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, zwischen 2008 und 2015 von 24.069 auf 27.101 an, um fast 13 Prozent – unter anderem wegen der ebenfalls wachsenden Altersarmut. Die Daten zu den Ordnungsamtsbestattungen sind ungenauer. Düsseldorf verzeichnete 2016 rund 7.000 Sterbefälle, davon ungefähr 400 Bestattungen, die das Ordnungsamt in Auftrag gegeben hatte. Das ist nur eine Schätzung, Daten für das gesamte Bundesgebiet sind nicht bekannt.

In Düsseldorf werden solche Beerdigungen vom Bestattungsinstitut Carl Salm durchgeführt. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Düsseldorfer Altstadt. Obwohl jeden Tag in den Geschäftsräumen mehrere Bestattungen organisiert und Angehörige beraten werden, ist es an diesem Tag sehr ruhig. Das Zimmer wirkt, passend zum Bestatterwesen, etwas altmodisch, viel braunes Holz. Tief in mehreren Untergeschossen würden die Verstorbenen bis zur Beerdigung aufbewahrt, „dort ist genügend Platz“, sagt Katja Salm. Sie sitzt hinter ihrem Schreibtisch, führt das Geschäft in der sechsten Generation. Salm strahlt Ruhe aus. Trocken beschreibt die 50-Jährige den Ablauf einer vom Ordnungsamt angewiesenen Bestattung: Zunächst werde der Tod festgestellt, Totenschein und Sterbeurkunde werden ausgestellt, danach übernimmt der Bestatter im Auftrag des Amts die Organisation der Einäscherung, der Trauerfeier und der Beerdigung. Ein routinierter Prozess zwischen Bestatter und Verwaltung.

Lohnt sich diese Art von Bestattungen für das Unternehmen? Katja Salm drückt sich vorsichtig aus. Sie sagt: „Diese Arbeit gehört zum Geschäft. Wir erledigen sie, weil wir damit beauftragt werden.“ Aber auch ein Bestattungsinstitut sei doch ein gewinnorientiertes Unternehmen?„Es bleibt am Ende nicht viel übrig bei solch einer Bestattung. Ich sehe eher den sozialen Aspekt bei meiner Arbeit, ich kann helfen.“

Ende auf See

Erst dieses Jahr erhielt das Unternehmen Carl Salm erstmals den Zuschlag der Stadt Düsseldorf für die Betreuung der Ordnungsamtsbestattungen, eine sichere Einnahmequelle. Der Konkurrenzdruck ist auch im Bestattungswesen hoch, und die Kommunen müssen sparen. Mittlerweile gibt es private Krematorien, die den Preiskampf anheizen, zumal Einäscherungen immer beliebter werden.

Lag das Verhältnis von Sargbestattungen zu Einäscherungen vor 15 Jahren noch bei 60 zu 40 Prozent, ist es heute genau umgekehrt. Das ist vor allem den niedrigeren Kosten einer Urnenbestattung und der anschließenden Grabpflege geschuldet. Diese sind auch einer der Gründe, aus denen bei Sozialbestattungen immer eingeäschert wird. Zudem benötigen Urnen auf den Friedhöfen weniger Platz. „Es gibt überall den Zwang zum Sparen“, bestätigt auch Pastorin Anja Valentin. Sie steht vor der Kapelle des Südfriedhofs, des einen von zwei Friedhöfen in Düsseldorf mit Feldern für Ordnungsamtsbestattungen. Valentin redet von den Einsparungen der Stadt, die es schwierig machten, würdevolle Beerdigungen zu unternehmen. „Die Stadt hat darüber nachgedacht, die Friedhofskapelle nicht mehr für Ordnungsamtsbestattungen zu benutzen. Denn das kostet alles.“ Eines dieser Begräbnisse wird gleich losgehen, predigen wird heute aber ein anderer Pastor. „Diese Bestattung ist eher ungewöhnlich. Der Verstorbene war in seiner Gemeinde bekannt.“ 15 Menschen gehen langsam durch die Pforte der Kapelle, die Lebensgefährtin und einige Freunde des Toten sind gekommen. Es wird Musik gespielt, auch das kommt eher selten vor.

„Manchmal kann ich bei solchen Beerdigungen nichts über die Toten sagen, weil ich sie nicht kenne. Manche Kollegen lassen dann die Trauergesellschaft über den Toten sprechen. Das ist aber nur möglich, wenn jemand da ist. Sonst bete ich, spreche ein Vaterunser, und dann geht es zum Grab“, flüstert die Pastorin. Nur zwanzig Minuten darf die Trauerfeier dauern, dann muss die Kapelle geräumt werden. Das letzte Lied muss vom Pastor abgebrochen werden. Anschließend geht es wieder nach draußen. Bei gutem Wetter zieht die Trauergesellschaft an den Gräbern vorbei. Gepflegte Grabsteine stehen neben einfachen Holzkreuzen. Auch auf dem Friedhof spiegelt sich die Klassengesellschaft des Lebens wider. Der Pastor spricht ein paar Worte, es folgt ein gemeinschaftliches Vaterunser, nach einer Dreiviertelstunde ist die Zeremonie vorbei.

E.s Weg lässt sich nachzeichnen: Sein Leichnam lag bei der Firma Salm, wurde dort verbrannt und in eine Urne gefüllt.

Die Hausverwaltung konnte später eine Schwester ausfindig machen. Sie wohnt um die Ecke. Sie hat ihren Bruder auf See bestattet. So hatte es sich E. gewünscht.

06:00 12.02.2018

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