Der Lieblingsgegner

Porträt Mario Voigt ist in Thüringens CDU einer, auf den es ankommt, wenn es um die Zukunft des Bundeslandes geht
Der Lieblingsgegner
Einst startete er Kampagnen gegen Bodo Ramelow, heute gilt er als einer der wenigen in der CDU Thüringens, die noch berechenbar sind

Foto: Jacob Schröter/Imago Images

In den vergangenen Jahren stand der politische Lieblingsgegner von Mario Voigt links der Mitte. Schauplatz der Duelle war das Rednerpult des Thüringer Landtags. Das, was Wolfgang Tiefensee gerade ausgeführt habe, treibe ihn dann doch noch mal „nach vorne“ oder „ans Pult“, so lautete Voigts klassischer Einstieg für die Replik. Eine Hand in der Hosentasche, oft ohne Redemanuskript, da war er seinem Gegner durchaus ähnlich. Wenn Voigt eine seiner Äußerungen im Parlament extra unterstreichen will, hat er die Angewohnheit, Zeigefinger und Daumen der rechten Hand fest aneinanderzupressen. Wenn Tiefensee, Thüringens SPD-Vorsitzender und bis vor kurzem Landesminister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft, etwas gesagt hatte, wollte Voigt stets ganz viele Punkte unterstreichen.

Dass Tiefensee der Lieblingsgegner von Voigt war, ist einer der Gründe dafür, dass der 43-jährige zweifache Vater und CDU-Politiker nun entscheidend dazu beitragen soll, einen Ausweg aus der scheinbar ausweglosen Situation zu finden, in der sich Thüringen befindet, seit dort der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen von FDP, CDU und AfD Ministerpräsident wurde.

Lieblingsgegner, das sagt viel darüber aus, wie Tiefensee und Voigt miteinander umgegangen sind. Hart in der Sache. Zum Beispiel beim Breitbandausbau oder wenn sie über Belastungen der Wirtschaft oder die Ausstattung von Hochschulen stritten. Voigt ging das immer zu langsam, die Belastungen waren für ihn immer zu hoch, nie wurde das Geld richtig investiert. Tiefensee sah es genau andersherum. Aber bei allem Streit blieben sie im Rahmen des politisch Möglichen fair, verzichteten auf persönliche Angriffe.

Voigt, bekennender Fan des FC Carl Zeiss Jena, stürzte sich mit umso größerer Freude in diese Rededuelle, weil er sich seit Jahren der Politik ebenso wie dem Akademischen und dem Digitalen verschrieben hat. Schon vor dem Abitur war er Mitglied in einem CDU-Kreisverband in seiner Heimat Ostthüringen. Anschließend machte er politisch Karriere. Zwischen 2005 und 2010 war er Landeschef der Jungen Union und verantwortete damit 2009 auch die „Stoppt Ramelow“-Kampagne, die dann teilweise gerichtlich gestoppt wurde. Unter anderem wurde dabei deswegen gegen den Linken-Politiker und späteren Ministerpräsidenten Bodo Ramelow Stimmung gemacht, weil der aus den alten Bundesländern nach Thüringen gekommen war. Seit 2009 sitzt Voigt als direkt gewählter Abgeordneter im Landtag, von 2010 bis 2014 war er Generalsekretär der Thüringer CDU, seit 2014 ist er stellvertretender Landeschef. Nebenbei gelang ihm, was nicht allen politisch Aktiven gelingt: Studienabschluss, Promotion, nach diversen Stationen in der freien Wirtschaft ist er seit 2017 parallel zum Landtagsmandat Professor für Digitale Transformation und Politik an einer privaten Hochschule in Berlin.

Dieser Voigt ist nun also das wohl wichtigste Mitglied einer vierköpfigen CDU-Kommission, die mit Linken, SPD und Grünen darüber verhandeln soll, wie es in Thüringen politisch weitergeht. Zunächst wollen Letztere vor allem sicherstellen, dass Ex-Ministerpräsident Ramelow wieder zum Regierungschef gewählt wird, nach Wünschen von Rot-Rot-Grün im ersten Wahlgang. Was aber nur mit Stimmen aus dem Lager von CDU und FDP gelingen kann. Gelingen darf. Die CDU lehnt es allerdings bislang ab, Ramelow Stimmen zu geben. Nur Enthaltungen seien möglich, erklärte Thüringens CDU-Generalsekretär Raymond Walk vor kurzem. Auch er ist Mitglied dieser Kommission. Was die Erwartungen der Rot-Rot-Grünen gegenüber Voigt noch steigert. „Unter allen CDU-Abgeordneten gibt es keinen anderen, der so viel politische Erfahrung und noch so viel Restglaubwürdigkeit hat wie Voigt“, sagt jemand aus dem Dreier-Bündnis.

Damit ist die Personalie Voigt ein Spiegel dafür, was einen CDU-Mann nach dem Drama um die Ministerpräsidenten-Wahl aus Sicht von Rot-Rot-Grün überhaupt noch zu einem akzeptablen Ansprechpartner macht. Voigt hat sich als hart in der Sache, aber verbindlich im Umgang und zuverlässig bei Absprachen erwiesen. Er grenzt sich auch gegenüber der AfD eindeutig ab, ohne dass deren Vertreter zu seinen Lieblingsgegnern avanciert wären.

So hat der Konservative nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den kompletten rechtspopulistischen Politikansatz ablehnt. In einer Plenardebatte zur Religionsfreiheit zum Beispiel warf Voigt den AfD-Fraktionären vor, die Komplexität der Welt wieder und wieder zu reduzieren. „Begreifen Sie doch endlich mal, dass Menschen unterschiedlich sind“, rief er. Adjektive wie „beschämend“ oder „infam“ ließ er fallen. Und dann diesen Halbsatz: „weil mir Ihre permanente Identitätspolitik mittlerweile auf den Zeiger geht“. Dabei presste er Zeigefinger und Daumen mal der rechten, mal der linken Hand aneinander.

Zudem zeichnet Voigt schlicht aus, dass er nicht Thüringens Noch-CDU-Parteichef und -Fraktionsvorsitzender Mike Mohring ist. Im Gegenteil. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er Mohring im parteiinternen Machtkampf seit Jahren bekämpft, an vorderster Front. Weil Mohring für Rot-Rot-Grün nach all seinen taktischen Spielchen und seinem Zutun zum Dammbruch von Erfurt rein gar nicht mehr verlässlich erscheint, wollen die Vertreter des Bündnisses nun überhaupt nicht mehr über wichtige Dinge mit ihm reden. Wie über die Zukunft des Landes. Dann doch lieber mit dem Lieblingsgegner.

Sebastian Haak ist Historiker und freier Journalist. Er schreibt vor allem über Landespolitik und Wirtschaft in Thüringen

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