Der linientreue Utopist

Konditorqualitäten Der Schriftsteller J. C. Schwarz und seine Probleme im real existierenden Sozialismus

Bescheidene Berühmtheit erlangte Joachim Chajim Schwarz als Carl-Jakob Danziger. Am Behördenapparat vorbei konnte der am 7. November 1909 geborene und am 18. April 1992 gestorbene Schriftsteller im Jahr 1976 seinen autobiographischen Roman Die Partei hat immer Recht unter diesem Pseudonym in der Bundesrepublik veröffentlichen. In der DDR blieb der Vielschreiber, in den fünfziger und sechziger Jahren Autor zahlreicher Reportageromane, zeitlebens eine Randfigur des literarischen Lebens. Ohne Informationen über jenes Selbstzeugnis hinaus würdigte ihn des platten Antikommunismus` wohl kaum verdächtige Heinrich Böll in der Zeit damals als Schriftsteller, der die "schlimme Sünde" begangen habe, sich für "Realismus und nicht für sozialistischen Realismus" zu entscheiden.

Leben und Werk des 1950 aus der israelischen Emigration nach Berlin zurückgekehrten Juden sind gewissermaßen ein Spiegel der Frühgeschichte der DDR - ein Präzedenzfall der Erfahrungen vieler sozialdemokratischer und auch kommunistischer Intellektueller im Zuge der Errichtung des Sozialismus: mit hehren Erwartungen zum Aufbau der antifaschistischen und antikapitalistischen Gesellschaft hinzugestoßen, alsbald erkennend, dass unter der Ägide des "großen Bruders" Sowjetunion alle von der Parteilinie abweichenden Entwürfe unterdrückt wurden, mit mehr oder minder starken Bauchschmerzen aber trotzdem mitmachend. Johannes R. Bechers lyrischer Nachruf auf Stalin ist wohl das beredteste Zeugnis dieses hybriden Verhaltens: "Gedenke Deutschland deines Freundes des Besten, O danke Stalin, keiner war wie er", verstieg sich der Kulturbundvorsitzende und spätere Kulturminister. Seinen Freunden gegenüber hoffte er stets auf das "reinigende Gewitter", das über den autoritären sowjetsozialistischen Kurs hereinbrechen möge.

Aber bei Schwarz waren äußere Linientreue und innere Emigration nie so klar getrennt. Der umfangreiche Briefwechsel mit Gutachtern, Verlagsleitern und Parteifunktionären in seinem Nachlass zeigt einen Menschen, der fast schon naiv an die Reformierung der Verhältnisse glaubte. Zur Hochzeit der ideologischen Schließung zu Beginn der fünfziger Jahre, als jede abweichende Äußerung dem Verdacht "sozialdemokratischer Tendenzen" und rigider Verfolgung ausgesetzt war, hielt er eine offenere Diskussion in Partei und Staatsapparat für möglich. Als freier Schriftsteller verdiente Schwarz seinen Unterhalt in dieser Zeit mit der Arbeit für die Tägliche Rundschau, die Tageszeitung der Sowjetischen Kontrollkomission. In Die Partei hat immer Recht rechtfertigte er seine damaligen Artikel, die nach eigenem Bekunden nicht mehr waren als eine Eins-zu-Eins-Wiedergabe der Parteibeschlüsse, dass er einfach ein anderer werde, wenn er die Redaktion betrete. Wirft man einen genaueren Blick auf seine schriftstellerischen Versuche in dieser Zeit, kann man dieser zunächst platt anmutenden Ausflucht ohne weiteres Glauben schenken.

1950 interviewte er 200 Arbeiter und Funktionäre des Berliner Turbinenwerkes Bergmann-Borsig. In der ersten Manuskriptfassung des aus diesem Material hervorgegangenen Romans schimpften die Arbeiter über die schlechte Nahrungsmittelversorgung, die sich weltfremd inszenierende Kulturpolitik der Gewerkschaften, die ineffektive Produktionssteuerung durch die parteinahe "Technische Intelligenz" und den autoritären Tonfall, den diese Vertreter des "Unternehmers Staat" den Arbeitern gegenüber an den Tag legten. Zwar nicht von sprachlicher Brillanz, aber doch beeindruckend vielschichtig komponiert, ist dieser 500-Seiten Durchmarsch durch den DDR-Alltag bestimmt von dem stets sensiblen Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit: der mangelhaften Umsetzung der in den offiziösen Begrifflichkeiten ohnehin schon inhaltsleer gewordenen Ziele. Die real-sozialistische Sprache übertünche nur die unveränderten Mentalitäten: "An die Stelle des Eisernen Kreuzes rückt das Aktivistenabzeichen."

In den Folgejahren an fünf Verlage geschickt, ließ sich Schwarz zu insgesamt sechs Umarbeitungen des Manuskripts bewegen. 1955 erschien dann unter dem Titel Sie blieb nicht allein ein weitgehend auf die ursprünglich randständige Liebesgeschichte beschränktes Fragment der ersten Fassung. In selbstsicherer Verkennung der Verhältnisse glaubte er, dass der 17. Juni 1953 hätte vermieden werden können, wenn man seine Erfahrungen bei Bergmann-Borsig doch nur in der Partei diskutiert hätte. Dieser weltfremde Eifer erwuchs aus Schwarz` ganz eigener Solidarität mit der Partei. Als überzeugter Sozialist befand er einen antifaschistischen und antikapitalistischen Grundkonsens - also eine Art Parteilinie - bis zu einem gewissen Grade für notwendig. Von den Ereignissen verwirrt, rannte er am 17. Juni durch die Straßen und versuchte aufbegehrende Arbeiter von den hinterhältigen Strategien der vielbeschworenen westlichen "Agenten" zu überzeugen. Und auch schon in der ursprünglichen Fassung des Bergmann-Borsig Buches ließ er sich dazu hinreißen, gegen den Sozialismus wetternde Ingenieure als "feindliche Fratze" zu bezeichnen.

Die Erfahrungen mit den Zensurpraktiken erwiesen sich als folgenreich. Seine "Konditorqualitäten", die ihm schon bei der Täglichen Rundschau zu Gute kamen, übertrug er nun auch auf die schriftstellerische Arbeit: "Ich habe eine literarische Konditorei, Bestellungen auf Torten und bunte Schüsseln werden prompt entgegengenommen." Bis 1963 erschienen weitere sieben Reportageromane. Für Der neue Direktor, ein Buch über einen Chemiebetriebsleiter, also einen Angehörigen des von ihm früher so verhassten Funktionärsklüngels, erhielt er von einem der nicht eben als systemkritisch beleumundeten Verlagsgutachter den Vorwurf der "Schönfärberei". In ironischer Konsequenz folgte hierfür wenigstens ein Teil der langersehnten Anerkennung in Form des unter Kollegen nicht eben hochgeschätzten FDGB-Literaturpreises. Seine Reportageromane aus den Volkseigenen Betrieben handelten nun einfach von der Überwindung der bei Bergmann-Borsig beobachteten Unzulänglichkeiten und erhielten damit den fiktionalen Charakter so vieler real-sozialistischer Betriebsreportagen. Mit dem Festhalten an dem Betriebsmilieu wurde Schwarz zu einer Art unfreiwilliger und inoffizieller Begründer des "Bitterfelder Wegs", auf dem Partei und FDGB seit 1959 Scharen von Schriftstellern in die Betriebe zu schicken versuchten, um die nicht nur in der DDR weit klaffende Lücke zwischen Kunst und Arbeitsleben, Intellektuellen und Arbeitern zu schließen. Als wahrscheinlich einzige beachtenswerte literarische Leistung ist nicht umsonst sein Roman über den Eichmann-Prozess aus dem Jahr 1963 anzusehen. Für die Verhältnisse im Betriebsalltag der DDR war dieses Sujet ja unverfänglich.

Doch sackten Schwarz` Torten auch in dieser Zuckerbäcker-Phase zwischen Mitte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre regelmäßig in sich zusammen. Zwar musste er nicht mehr um die Druckgenehmigung kämpfen, den literarischen Ansprüchen war er aber offensichtlich nicht gewachsen. Ein Buch über die Kollektivierung der Landwirtschaft war selbst nach Ansicht des Bauernverbandes nicht geeignet, den durch staatliche Zwangsmaßnahmen forcierten Zusammenschluss der Höfe zu LPGs überzeugend und vertretbar darzustellen - obwohl gerade das sein Anliegen war. Solche literarisch eindimensionalen Darstellungen ließen die - mit dem politischen Inhalt freilich einverstandenen - Gutachter des öfteren von einer "Tendenz- und Zweckschrift" sprechen. In einer Rezensionsserie im Neuen Deutschland ob seiner literarischen Mängel in Grund und Boden kritisiert, zog sich Schwarz 1963 erbittert in den langjährigen Krankenstand und schließlich in die Rente zurück.

Schwarz` Energie im Glauben an das gute Ende des DDR-Sozialismus, der auch mit Naivität übersetzt werden kann, erklärt sich schließlich, wie so oft, zu einem beträchtlichen Teil aus biographischen Konstellationen und Folgewirkungen. Bei der Rückkehr nach Deutschland war sein Reisegepäck überladen mit dem Wunsch, endlich eine Heimat zu finden. Nicht nur, dass er sich während seiner 16 Jahre währenden Emigration nie mit der zionistischen Prägung der israelischen Gesellschaft abfinden konnte, er musste sein Leben im gelobten Land als Plantagenarbeiter und Soldat fristen. Ersten schriftstellerischen Versuchen war bei israelischen Verlagen kein Glück beschieden. So kam er mit zweierlei Erwartungen nach Berlin: in der SED eine politische Heimat zu finden und "endlich Schriftsteller zu werden". Schwarz` langjährige Anstrengungen, in die Partei aufgenommen zu werden, scheiterten, weil er erfolglos verschwieg, für vier Wochen Mitglied in der sozialdemokratischen Partei Israels gewesen zu sein - ironischerweise die damals einzige Möglichkeit, ein Ausreisevisum zu erhalten und in die DDR überzusiedeln. Angesichts seiner jüdischen Herkunft und einigen sich ihm offenbarenden Nazis im Parteiapparat scheint es nur allzu verständlich, dass er sich Zeit seines Lebens als der wahre Sozialist fühlte.

Der andere Teil dieser doppelten Identitätssuche endete ebenfalls in der Außenseiterrolle. Wegen seines aufwendigen Lebensstils gelang es ihm nur mit Mühe und Not, mit dem Schreiben seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. So stand auch in der Phase zahlreicher Buchveröffentlichungen zwischen 1955 und 1963 des öfteren der Gang in die Zeitungsredaktionen an, um sich zu den auch für Schwarz recht üppig fließenden Zuwendungen aus Tantiemen und Stipendien etwas dazu zu verdienen. In konsequenter Verkennung seiner literarischen Bedeutung schrieb er im hartnäckigen Monatsrhythmus Briefe an die für den Unterhalt der Schriftsteller zuständigen Stellen im Ministerium für Kultur, beim Schriftstellerverband und bei den Verlagen, die doch "so mit ihren Schriftstellern nicht umgehen" könnten. Die parteiinternen Berichte zeugen von einem außergewöhnlich feinen Gespür, wenn sie von Schwarz` "kleinbürgerlichem Neid", seiner "Verbitterung, dass man ihn als Schriftsteller negierte" sprechen.

Trotz der ausführlichen Überlieferung steht man vor einem schwer zu bewältigenden Schriftstellerleben, das immer wieder mit neuen Fragen aufwartet. Auch während der Zuckerbäckerphase hat sich sein kritischer Geist wohl nie ganz abgeschliffen. In dieser Zeit reichte er erfolglos ein Manuskript ein, dass die "Speichellecker und Karrieristen" in der Partei anprangerte und gab in einer bemerkenswerterweise sogar gedruckten Reportage über die Berliner Charité die Meinungen der Ärzte über den Mauerbau nach Ansicht der Staatssicherheit "zu wahrheitsgemäß" wieder. Ohne diese gewisse charakterliche und weltanschauliche Standfestigkeit hätte Schwarz wohl kaum das lesenswerte und heute nur noch antiquarisch erhältliche Die Partei hat immer Recht schreiben können. Im Herbst 1989 sah er - der trotz der Entdeckung seiner literarischen Flucht durch die Staatssicherheit von Sanktionen verschont und in der DDR wohnen blieb - wie so viele den Boden für seine Vorstellung vom Sozialismus heranreifen und versuchte vergebens, die Veröffentlichung in der DDR zu erreichen.

00:00 05.07.2002

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