Der Lockruf des Booms

Anhaltend hohes Fusionsfieber Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste MEGA-Börse auf allen großen Finanzmärkten Europas, Nordamerikas und Asiens zugleich präsent sein wird

Mitte November 2006 hat die Deutsche Börse in Frankfurt das Feld geräumt: Sie gab den Kampf mit der New Yorker Börse NYSE auf und zog ihr Übernahmeangebot für die Vierländerbörse Euronext (Paris, Amsterdam, Brüssel, Lissabon) endgültig zurück. Kurz vor Weihnachten votierten die Aktionäre von Euronext für eine Fusion mit NYSE, schließlich wird bei Firmenübernahmen mit Aktien bezahlt und die der NYSE sind so kräftig gestiegen, dass eine Mehrzahl der Euronext-Aktionäre der Versuchung nicht widerstehen wollte - trotz etlicher Bedenken einiger europäischer Euronext-Aktionäre (darunter die niederländische Regierung) wegen der erheblich strengeren amerikanischen Börsenreglementierung. Es liegt allerdings kaum im Interesse des neuen, transnationalen Börsen-Tycoons, die US-Börsenvorschriften mit nach Europa zu bringen. Immerhin kostet es ein Unternehmen heute gut dreimal so viel, die amerikanischen Vorschriften zu erfüllen als etwa die Großbritanniens. Einen Tag nach dem Positiv-Votum der Euronext-Aktionäre zögerten auch die der NYSE nicht, den Deal mit einer überwältigenden Mehrheit von 99,7 Prozent abzusegnen, so dass im März die erste transatlantische MEGA-Börse Realität sein wird.

Die Erzrivalin der NYSE, die New Yorker Nasdaq, nimmt die Herausforderung an und hat ihrerseits der Londoner Börse LSE ein großzügiges Übernahmeangebot gemacht. Nasdaq verfügt bereits über fast 29 Prozent der LSE-Aktien - jetzt sind für die vollständige Okkupation der LSE knapp vier Milliarden Euro (2,7 Milliarden Pfund Sterling) geboten. Die Transaktion bedarf keiner Genehmigung und keiner Zustimmung der Nasdaq-Aktionäre - der LSE-Aktionäre schon. Und die scheinen entschlossen, hoch zu pokern. Dank des anhaltenden Börsenbooms kosten die Aktien der LSE inzwischen über 13 Pfund Sterling - mehr als die 12,43 Pfund, die Nasdaq als Übernahmepreis anbietet. Andererseits können sich die Aktionäre der LSE ein Scheitern der Übernahme kaum leisten, ein Absacken der Aktienkurse wäre unausweichlich - ein nächster Übernahmeversuch, vielleicht ein Jahr später, auch. Ob die Nasdaq noch 2007 zum Zug kommt oder erst Anfang 2008 - es steht auf jeden Fall außer Zweifel: In Kürze werden wir zwei transatlantische Börsenkonzerne erleben, die den Löwenanteil des internationalen Wertpapier-Handels unter sich aufteilen. Dadurch geraten die Börsen in Europa, aber nicht minder die Wertpapiermärkte in Asien ganz gewaltig unter Druck - einen solchen Schub für die Konzentration von Börsenkapital gab es kaum je zuvor.

Zwei der wichtigsten asiatischen Institute - die Tokioter Aktienbörse TSE und die Börse von Seoul (immerhin die drittgrößte des Kontinents) - haben bereits angekündigt, ab Anfang 2008 dauerhaft kooperieren zu wollen, eine Fusion beider Giganten ist denkbar. Allerdings erst dann, wenn auch die Tokioter TSE ihrerseits an die Börse geht und als letzte Weltbörse eine solche Entscheidung nicht länger aufschiebt. Die jetzigen Eigentümer dürften der Versuchung ohnehin nicht mehr lange widerstehen, so vehement auch die japanische Regierung dagegen hält. Das Übernahmefieber wäre dann auch in Asien nicht mehr zu drosseln.

Die NYSE hat schon 2006 der Tokioter Börse Avancen gemacht, das Spiel wird augenblicklich mit noch höherem Einsatz fortgesetzt. Mehr und mehr gerät Indien ins Blickfeld, wo die Nasdaq und die NYSE den Kampf um die größte Aktienbörse des Subkontinents, die Delhi Stock Exchange, aufgenommen haben. Immerhin hat die Nasdaq nach bewährtem Raster inzwischen gut 17 Prozent der Börsenaktien des Standortes Mumbai erworben. Noch vor Indien dürften sich die beiden transatlantischen Global Player jedoch auf China stürzen. In Shanghai wie in Hongkong gibt es zwei große Internet-Börsen, die Nasdaq und NYSE seit längerem im Visier haben. Engagieren werden sich dort allerdings nicht minder die Tokioter TSE und die indischen Börsenboomer - schon um die US-Rivalen auf Abstand zu halten. Es bleibt nur eine Frage der Zeit, bis wir die erste MEGA-Börse haben, die an allen großen Finanzmärkten der Triade (in Europa, in Nordamerika und in Asien) zugleich präsent sein wird.

Der Grund für den Drang der US-Giganten nach Europa und Asien liegt auf der Hand: Die amerikanischen Finanzmärkte, New York im besonderen, haben in den vergangenen Jahren stetig an Boden verloren. Der Emissionsboom bei Aktien in Europa hat 2006 das Volumen der US-Emissionen (inklusive der so genannten Zweitplatzierungen) klar übertroffen und eine Rekordhöhe erreicht. Allein das Volumen so genannter Erstplatzierungen ist 2006 in Europa um mehr als 60 Prozent gestiegen. Auch wenn das Geschäftsplus vorrangig auf London fixiert bleibt, hat Europa mit seinem Aktienumsatz NSYE und Nasdaq weit hinter sich gelassen. Die Musik spielt also mehr und mehr auf dem Alten Kontinent sowie in Asien. Dem US-Kapital bleibt nichts weiter übrig, als dem Lockruf des Booms zu folgen.

Insofern müssen sich die europäischen Börsen entscheiden: Entweder sie bleiben in der Regionalliga und werden von den transnationalen Börsenkonzernen nacheinander geschluckt - oder sie entschließen sich zur innereuropäischen Fusion, bei der die bereits vernetzten Börsen Skandinaviens, Italiens und Spaniens einbezogen werden. Einige dieser regionalen Börsen-Verbände haben schon mit weiteren grenzüberschreitenden Fusionen begonnen, die skandinavische OMX bemüht sich um die slowenische Börse, die Frankfurter Börse denkt an eine dauerhafte Kooperation mit dem Mailänder Rivalen. Eine Weile dürften sie Ruhe bei diesem Spiel haben, da für die transatlantischen Schwergewichte die asiatischen Börsen - vorzugsweise in China, Südkorea, Singapur und Thailand - im Moment noch interessanter sind als die europäischen Lokalmatadore. Doch wird sich die EU beeilen müssen, damit sie mit ihrer geplanten Neuregelung der europäischen Finanzmärkte dem internationalen Börsenkapital nicht hoffnungslos hinterher läuft. Die neue Richtlinie über Märkte für Finanzdienstleistungen Mifid verfolgt ohnehin widersprüchliche Ziele: Sie will die europäischen Finanzmärkte für ausländische "Finanzdienstleister" öffnen, zugleich aber die Aktionäre mehr schützen und internationale Börsenkrisen vermeiden. Wenn der Zug transnationaler Börsenfusionen erst einmal abgefahren ist, bleibt nur noch eine internationale Reglementierung von Börsengeschäft und -aufsicht. Dann kann sich die EU ihre Richtlinie schenken. Eine langwierige Operation mit unsicherem Ausgang steht bevor - die Europäer scheinen eher schlecht darauf vorbereitet.


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00:00 23.02.2007

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