Der Lokalpatriot, der aus der Fremde kam

Politische Beichte eines Zuwanderers Warum ich einmal CSU wählen wollte

1991 bin ich aus Russland nach Deutschland gekommen. Neun Jahre später wurde ich eingebürgert. Am 22. September werde ich zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen. Ich bin bald vierzig und muss nun erstaunt feststellen, dass es die ersten freien Wahlen meines Lebens sein werden. Ich habe die wilden Pro-Jelzin-Demonstrationen in Moskau Ende der achtziger Jahre mitgemacht. Anfang der neunziger kommentierte ich aus München für den russischsprachigen amerikanischen Sender Radio Free Europe/Radio Liberty die Wahlen an fast allen Enden meiner zerfallenen Heimat. Doch selber wählen - das wird für mich eine Premiere.

1991 noch hätte es für mich überhaupt keinen Zweifel gegeben, wen ich wählen würde. "Rechts von uns gab´s nur noch die Mauer", schrieb der Schriftsteller Sergej Dowlatow über die politische Orientierung neu angekommener Sowjetemigranten; er selbst war Emigrant der siebziger Jahre. Kurz nach meiner Einwanderung erwog ich auf jeden Fall ernsthaft, der CSU beizutreten. Die Sowjetunion, die ich hinter mir gelassen hatte, hasste ich von ganzem Herzen. Der Alltag der Breshnew-Epoche war todlangweilig; das ganze Land stank nach dem Urin der Kreml-Greise, wie es Boris Chasanow einmal formulierte, auch er russischer Schriftsteller im Exil. Die Perestroika erwies sich für Enthusiasten wie mich als Falle, denn je größer die Hoffnung, desto bitterer die spätere Enttäuschung. Die Krankheit Kommunismus schien schließlich unheilbar, die endgültige Zerstörung des "Reichs des Bösen" wurde für mich zur fixen Idee. Ich wollte einen Brief an das ZK der CSU schreiben, um zu erfahren, ob man hier auch eine Art Komsomol für junge Ausländer hätte. Wenn nicht, wollte ich vorschlagen, solch eine Organisation zu gründen. Nur mein schlechtes Deutsch hinderte mich daran, diesen Brief zu schreiben. Mein deutscher Wortschatz beschränkte sich damals nämlich auf die sehr speziellen Kenntnisse, die ich mir aus russischen Kriegsfilmen erworben hatte. Sätze wie "Nicht schießen!" oder "Hände hoch!" reichten aber eindeutig nicht aus, um eine politische Karriere zu starten. Selbst nicht bei der CSU.

An der bayerischen Staatspartei beeindruckte mich außer ihrem Antikommunismus vor allem ihr glanzvoller Empire-Schick, der mir nach der Misere des Realsozialismus besonders attraktiv erschien. Dieser hochherrschaftliche Stil verkörperte sich in der Figur von Franz Josef Strauß. Als ich nach München kam, war er zwar schon tot, doch der große alte Mann, der mit 72 noch selbst am Steuer seiner Cessna nach Moskau flog, um sich mit Gorbatschow zu treffen, hatte mich schon in Russland fasziniert. Die Erzählungen von Münchener Emigranten der älteren Generation über das Staatsbegräbnis von Strauß - königlicher Trauerzug unter dem Triumphbogen in der Ludwigstraße - erinnerten gar an die Geschichten meiner Großmutter von Stalins Tod. Als Siebenjähriger wollte ich immer wieder hören, wie im März 1953 verzweifelte Menschen Stunden lang weinten und Schlange standen, um die Leiche des großen Führers anzuschauen, - von solchen Geschichten bekam ich stets Gänsehaut.

Je tiefer ich im Münchener Leben Wurzeln schlug, desto zweitrangiger wurde das politische Profil der CSU für mich und desto wichtiger eben diese bayerische Empire-Kulisse. Mit "ihrer" CSU, "ihren" BMW-Wagen und "ihrer" Arbeitslosenquote bot die bayrische Landeshauptstadt ein ansteckendes "Wir-Gefühl" an - ein Gefühl, das jeder Emigrant dringend braucht, um sich mit seiner zweiten Heimat identifizieren zu können. "Unsere" Allianz ist die größte Assekuranz in Europa. "Unser" Münchener Rück - die Nummer 1 auf der Welt. "Unser" BMW schreibt nie rote Zahlen und bereitet seinen Kunden Freude am Fahren. Und natürlich gibt es hier den blauesten Himmel der Republik. Wenn es überall sonst regnet, strahlt bei uns die Sonne. Die halbfeudale Verschmelzung von Partei, Wirtschaft und Staat, deren Ausdruck diese Empire-Kulisse letztlich war (bis auf den blauen Himmel vielleicht), erinnerte zwar an das verhasste Einparteiensystem und die Planwirtschaft sowjetischer Prägung, sah aber irgendwie eleganter und stilvoller aus. Außerdem war die CSU antikommunistisch - was konnte sie also mit der KPdSU gemeinsam haben?

Mitte der neunziger Jahre, als meine Sprachkenntnisse das dann erlaubten, las ich eine schöne Diskussion im SZ-Magazin. Ein Hamburger und ein Münchener stritten heftig über die Vorteile ihrer beiden Städte, jeder führte die üblichen Argumente an. Der Witz daran war, dass die beiden Männer aus einem äthiopischen Dorf stammten und vor etwa 20 Jahren nach Deutschland gekommen waren. Ähnliches habe ich auch mit meinen Landsleuten erlebt. Ich kenne Russen, in deren Aussprache eindeutig kölsch oder hamburgerisch heraus zu hören ist, einige können sogar sächseln. Und jeder von ihnen ist Lokalpatriot: Mit seiner neuen Stadt oder seinem Bundesland habe er die einzig richtige Wahl getroffen, erklärt er dünkelhaft jedem, der sich in einer anderen Ecke der Republik angesiedelt hat.

Der Lokalpatriotismus eines Ausländers hat immer etwas von einer Karikatur an sich, verrät aber gerade deshalb einiges über den ernsthaften Patriotismus der Einheimischen. Allmählich wurde ich zum bayerischen Patrioten: Es begann mir weh zu tun, dass Ludwig II. uns damals an die Preußen verkauft hat. Oder dass aus den Nachkriegsplänen der Besatzungsmächte, eine Alpenrepublik zu gründen, die Bayern, Österreich und Südtirol vereinigt hätte, nichts geworden war. Damals besaß ich ein hässliches graues Reisedokument, es war mein einziger deutscher Personalausweis, kein Grenzschützer kannte ihn noch, weil er erst vor kurzem an die Stelle des politisch unkorrekten Fremdenpasses getreten war. Ich malte mir die Vorteile einer sofortigen Abspaltung Bayerns von der Bundesrepublik aus. Würde ich dann einen bayerischen Pass bekommen? Ich sah ihn bereits deutlich vor mir: Ein stolzer goldener Löwe auf weißblauem Hintergrund, und darunter in schönem Schriftzug geprägt: Freies Königreich Bayern. Die Rückkehr der Wittelsbacher war in diesem Fall selbstverständlich.

Das bayerische "Wir-Gefühl" wie auch jede andere Form von deutschem Lokalpatriotismus ähnelt der russischen Traumvorstellung von der "Mafia". Um selbst eine "Mafia" zu gründen, sind die Russen zu bequem und zu anarchistisch. Eine Mafia braucht Disziplin, angeborene Ordnungsliebe und vielleicht erst in zweiter Linie die Bereitschaft zum Gesetzesbruch. Und selbst wenn es an letzterem nicht mangeln sollte, wird es uns doch immer an Disziplin fehlen. Übrig bleibt das Traumbild einer kollektiven Identität, die Sehnsucht nach der schützenden Wärme des mütterlichen Bauchs. Zumindest in den ersten Jahren der Emigration träumen wir davon, einer allmächtigen Untergrundorganisation anzugehören, um uns gegenseitig an geheimen Zeichen erkennen zu können. Wie Freimauer oder die legendären Spione in alten sowjetischen Filmen. Die Russland-Deutschen haben die Kirchen in der Nähe ihrer neuen Ansiedlungen zu den bestbesuchten Gotteshäusern der Bundesrepublik gemacht. Die aus der Sowjetunion stammenden Juden haben die israelitischen Gemeinden wieder belebt, die bisher nur eine Art Dekoration der Versöhnung waren. Nur wenige von ihnen sind wohl richtig gläubig - viel wichtiger ist die neugefundene Identität, die sowohl von der Kirche wie auch von der Synagoge angeboten wird. Durch Abspaltung findet man Integrität. Abseits der Kirchenmauern bleibt nur die Sehnsucht nach "Mafia" oder eben der Lokalpatriotismus. Die deutschen Medien haben aus unserem Traum den Mythos der Russen-Mafia gezaubert, um ein bisschen mehr Farbe in die Alltags-Langeweile der Bundesbürger zu bringen, nachdem die RAF tot und die Übernahme des Ostens abgeschlossen war. In Wirklichkeit tun sich Russen im Ausland nie zusammen. Im Gegensatz zu den Vietnamesen in Berlin oder den Sizilianern in New York versuchen wir, uns dem Lebensstil der Einheimischen maximal anzupassen und auf keinen Fall als Russen erkannt zu werden. Jeder hat ein tiefes Misstrauen seinen Landsleuten gegenüber. Wenn ein Russe russisch hört, wechselt er die Straßenseite.

Nach ein paar Jahren in München bemerkte ich plötzlich, dass ich keinen einzigen Menschen kannte, der CSU wählt. Alle meine deutschen Freunde wählten entweder die Grünen oder (seltener) SPD, wobei die Grünen eher bei allein stehenden Frauen in hoher Gunst standen, die SPD dagegen bei wohlhabenden Hochschulprofessoren. Ehrlich gesagt habe ich auch heute, nach 11 Jahren in Bayern, noch keinen CSU-Wähler unter meinen Freunden. Oder verhält es sich vielleicht umgekehrt? Will kein CSU-Mensch mich zum Freund haben? Es kann aber auch sein, dass sich mir gegenüber noch niemand als CSU-Anhänger geoutet hat, weil er das einem Ausländer gegenüber für politisch unkorrekt hält.

So oder so sind mir die CSU-Wähler ein Rätsel geblieben. Franz Josef Strauß verfügte über ein einzigartiges Charisma. Aber Stoiber? Stoiber gleicht in meinen Augen einem gebildeten Jura-Professor, der sich am Rednerpult des CSU-Parteitags zum Schreien verpflichtet fühlt, um den TV-Zuschauern seine Volkstümlichkeit zu beweisen. Aber es steht ihm nicht. Um politische Themen heraus zu schreien, braucht es echte Verzweiflung und eine lauschende Menschenmenge, die mindestens genau so verzweifelt ist wie der Redner. Zwar kann Schröder besser schreien, aber auch er sieht mir nicht verzweifelt genug aus. Wenn er im Bundestag losbrüllt, ähnelt er einem Kfz-Werkstattleiter, der mit seinem Zulieferer telefoniert, von dem er keine Ersatzteile bekommen hat. Und sowieso kann ich kaum nachvollziehen, weshalb deutsche Politiker überhaupt schreien müssen, scheint es mir doch ein Ritual aus einer anderen Epoche zu sein und die deutsche Politik wird ja längst nicht mehr auf der Straße, sondern hinter geschlossenen Türen gemacht.

Ansonsten gefällt mir Stoiber. Seine Kumpels von der CDU mit ihrem Stolz, deutsch zu sein, kommen mir auf jeden Fall noch schlimmer vor. Den provinziellen bayerischen Lokalpatriotismus finde ich immer noch besser als die Leitkultur. Nur, was Stoiber über Ausländer sagt, scheint mir völliger Blödsinn zu sein.

00:00 12.04.2002

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