Der Maestro des Bahnhofskinos

Nachruf Poesie am Rande: Zum Tod des Produzenten, Verleihers und Regisseurs Erwin C. Dietrich
Christoph Draxtra | Ausgabe 14/2018

Als das magische Wort „Verleihgarantie“ innerhalb der europäischen Filmindustrie noch Gewicht hatte, weil sie einen Großteil der Filmfinanzierung verhieß, und Filme keine Prestigeobjekte, sondern begehrte Ware waren, da gab es im Wesentlichen zwei Typen von Filmproduzenten: den seit Nachkriegstagen gut vernetzten, gerissenen und oft durch frühe Jahre als Filmarbeiter mit der siebten Kunst vertrauten Profi, der darauf schwor, dass Quantität erst in Verbindung mit einer gewissen Qualität in Handwerk, Technik und Ausstattung aussichtsreich sei, und den enthusiastischen, autodidaktischen, hemdsärmeligen Selfmade-Entrepreneur in der Peripherie, der ohne Vorkenntnisse durch seine Beharrlichkeit zum Profi reifte, nicht zuletzt, weil er das richtige Geschäftsmodell zur rechten Zeit am rechten Ort entdeckte.

Eine Erfolgsgeschichte wie letztere lässt sich an der mehr als 50 Jahre dauernden Karriere des 1930 in Glarus geborenen Produzenten, Regisseurs, Kinobetreibers und Filmverleihers Erwin C. Dietrich nachzeichnen – ihn den Schweizer Roger Corman zu nennen, wäre so verkehrt nicht. Um 1950 herum lavierte der junge Dietrich sich nach zwei abgebrochenen Lehren noch mit einem Katalogversand für Haarpflegemittel durchs Leben und träumte vom Kino. 1955 gelang es ihm mit wenig Wissen und viel Eifer, sich diesen Traum zum ersten Mal zu erfüllen: Mit dem Heimatfilm Das Mädchen vom Pfarrhof stieg Dietrich ins Filmgeschäft ein. Dass ihn seine Partner in der Endabrechnung betrogen, nahm er als Lehre und arbeitete in der Zukunft energisch auf absolute Unabhängigkeit hin.

Diese Determination führte 1961 zu einem vorübergehenden Umzug in die Bundesrepublik. Zunächst hatte man ein Auskommen mit handwerklich bescheidenen Kriminalfilmen, die sich an den Erfolg der Edgar-Wallace-Reihe hängten. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts rollte dann die damals so titulierte „Sexwelle“ heran und damit das wesentliche Erfolgsrezept von Erwin C. Dietrich: meist naiv-humorige, oft infantile, mitunter aber auch ruppige und abgründige B-Movies, die sich schnell und preiswert realisieren, anschließend jedoch nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international verkaufen ließen. Denn die Leinwände von New York bis Tokio verlangten nach ständiger Befriedigung von Grundbedürfnissen, die das Fernsehen seinerzeit noch nicht stillen konnte. Dietrich schöpfte dieses Potenzial nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Verleiher aus – zuerst mit Eigen-, später auch mit ausländischen Produktionen.

Für das Kino begeisterte er sich dabei als Eskapade und Produkt. Seine Filme, die er ab den späten 1960er Jahren meist selbst inszenierte, sind oft gezeichnet von einem ermüdenden Pragmatismus, bestätigen das Klischee, das die zeitgenössische bürgerliche Filmkritik in pauschal allen Sexfilmen zu identifizieren glaubte: Dass deren Drehbücher ihre einzige Aufgabe darin sähen, zentrale Sexszenen fadenscheinig mit banalem Füllmaterial und ordinären Dialogen zu umkleiden.

Dass sich unter Dietrichs frühen Produktionen aber etwa auch die poetische Gangster-Ballade St. Pauli zwischen Nacht und Morgen (1967) oder das Nouvelle-Vague-induzierte Halbstarkendrama Sex und noch nicht sechzehn (1968) finden, wurde über der Vielzahl späterer, routineschwerer Matratzenlustspiele ein wenig vergessen, ebenso Dietrichs wiederholte Versuche, mit aufwändigeren, weniger „schmuddeligen“ Actionfilmen wie Geheimcode: Wildgänse (1984) an der Tür des Mainstreamkinos zu klopfen.

Beinahe zufällig wurde Dietrich so aus kommerziellen Überlegungen zum Förderer und Auftraggeber von heute kultisch verehrten Bahnhofskino-Künstlern wie José Bénazéraf, Antonio Margheriti und Jesús Franco Manera.

Da für den konservativen St. Galler ein Wechsel vom Softsexfilm zur expliziten Pornografie nicht in Frage kam, schlich sich die Produzentenkarriere in den 1980er Jahren langsam aus. Seit den 1990er Jahren war Dietrich vor allem damit beschäftigt, sein Filmerbe zu pflegen, während sich sein Imperium in eine Dynastie verwandelte: Der von ihm in den 1970er Jahren gegründete Filmverleih Ascot-Elite ist unter der Ägide seiner Familie bis heute aktiv, beliefert inzwischen allerdings – Zeichen der Zeit – in erster Linie das seriösere Arthouse-Segment. Am 15. März ist Erwin C. Dietrich im Alter von 87 Jahren gestorben.

Christoph Draxtra gehört zu den Leitern des Nürnberger Filmfestivals Hofbauer-Kongress

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06:00 18.04.2018

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