Der Mangel als Marke

Post-Brexit Bald können britische Obsthändler ihre Erdbeeren wieder in Unzen verkaufen – vorausgesetzt, es gibt welche

Im Pub ist tote Hose. Die Straßen von Harrow, einem Bezirk im Nordwesten Londons, sind nicht sonderlich belebt, auch das Lokal an der Magistrale ist menschenleer bis auf einen Gast, der mit gelangweilter Miene vor seinem Pint sitzt. Die Stimmung wird nicht besser, als ein älterer Mann hereinschlurft, an der Bar ein kleines Stella bestellt und dann nach der Speisekarte fragt. „Die Küche ist geschlossen“, antwortet der Manager: „Nicht genügend Küchenpersonal. Sorry.“

Der Manager, der eigentlich nicht ohne Erlaubnis seines Chefs reden dürfte und deshalb seinen Namen nicht nennt, hat Probleme im Überfluss. Vor einigen Wochen ging ihm der Wein aus, auch der Nachschub an Passionsfrucht-Wodka stockt, auf die Kohlensäurekapseln für die Bierfässer, die normalerweise innerhalb von vier Tagen geliefert werden, wartet er jetzt schon seit zweieinhalb Wochen. Ach ja, und Köche findet er auch keine. „Brexit und Pandemie haben uns mit voller Wucht getroffen“, sagt der Manager.

Mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen seit diesem Sommer unzählige britische Unternehmen: Restaurants klagen über Personalmangel, in den Supermärkten fehlen Frischwaren, Baufirmen haben Mühe, genügend Zement, Kalk und Isolationsmaterial zu beschaffen. Ende August gab es bei McDonald’s plötzlich keine Milchshakes mehr, kurz darauf musste die Fast-Food-Kette Nando’s mehrere Dutzend Filialen vorübergehend schließen, weil keine Hähnchen geliefert wurden. Manche schottische Pubs melden Biermangel, anderen fehlt der Prosecco. In Großbritannien herrscht gegenwärtig eine Mangelwirtschaft, wie man sie zuletzt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1970er Jahren erlebt hat.

Vor allem ein Umstand ist für das Lieferketten-Chaos verantwortlich: fehlende Fahrer für Lastkraftwagen. Laut dem Branchenverband Road Haulage Association (RHA) sind derzeit rund 100.000 Stellen unbesetzt. Zum einen ist das ein längerfristiges Problem: Die wenig attraktiven Arbeitsbedingungen – die schlechte Bezahlung und langen Arbeitszeiten – haben dazu geführt, dass sich seit vielen Jahren immer weniger junge Leute als Fahrer ausbilden lassen oder bewerben. Die Branche sei von Agenturen dominiert, die „Profite steigern, indem sie Kosten reduzieren – und die Arbeiter zahlen den Preis“, schreibt der ehemalige Fernfahrer Richard Simpson im Guardian.

Verschärft wird der Personalmangel durch die Rückkehr vieler Arbeitsmigranten aus der EU in ihre Heimatländer. Laut Zahlen der britischen Statistikbehörde hatten in den zwölf Monaten vor Juni 2020 14.000 Fahrer aus EU-Mitgliedsstaaten das Land verlassen – seither wollten gerade einmal 600 zurück auf die Insel. Dafür sind nicht zuletzt die neuen Brexit-Regeln verantwortlich. Gemeint ist der zusätzliche Papierkram, den Fahrer, die in Kontinentaleuropa unterwegs sind, seit Januar bewältigen müssen – er hält viele davon ab, in Großbritannien wieder einen Job anzunehmen.

Bereits im Juni forderte die Road Haulage Association die Regierung auf, sie müsse dringend temporäre Visa für Lastwagenfahrer aus EU-Ländern einführen. Doch das Kabinett von Boris Johnson blieb stur: „Die britische Bevölkerung hat sich wiederholt dafür ausgesprochen, die Personenfreizügigkeit zu beenden“, teilte ein Sprecher Ende August mit. Andere Branchen werden ebenfalls von einem akuten Personalmangel geplagt. Auf den Feldern fehlen Tausende von Saisonarbeitern, die noch in den vergangenen Jahren Erdbeeren gepflückt oder Salate geerntet haben. In den Schlachthöfen schließlich versucht man vergeblich, die Arbeiter aus Ost- und Südeuropa zu ersetzen, die den Laden bislang geschmissen haben. Der Bauernverband National Farmers’ Union hat kürzlich ein „Covid-Erholungsvisum“ gefordert, damit Migranten einfacher ins Land einreisen können.

Patels Wellenmaschine

Besonders stark sind die Konsequenzen des Brexits in Nordirland zu spüren. Seit Monaten gärt es in der Provinz, die wirtschaftlichen Problemen flankieren seither gravierende politische Spannungen. Das sogenannte Nordirland-Protokoll, das zum Austrittsvertrag gehört, schreibt seit Januar Zollbestimmungen für Agrar- und Tierprodukte vor, die von der britischen Insel in die Provinz geliefert werden. Dies verschafft nordirischen Unternehmen erhebliche Kopfschmerzen – und sorgt unter der loyalistisch-unionistischen Community nun erst recht für Frustration. Den Unionisten gilt die Tuchfühlung mit Großbritannien als absolute Priorität, alles andere ist nebensächlich. Und jetzt muss man mit Entsetzen registrieren, wie der EU-Ausstieg einen Keil zwischen Nordirland und das britische Kernland treibt. Abgeordnete der Democratic Unionist Party (DUP) – das Auffangbecken für unionistische, rechtskonservative Hardliner – sind sich nie zu schade, Öl ins Feuer zu gießen. Nichts weniger als ein kompletter Verzicht auf das Nordirland-Protokoll müsse her, sagen sie. Kürzlich drohte der DUP-Chef Jeffrey Donaldson, dass die unionistischen Minister die Belfaster Einheitsregierung verlassen würden, sollten die Probleme mit dem Protokoll nicht „innerhalb von Wochen“ gelöst sein. Donaldson meinte gar: Werde das missachtet, sei das Ende des seit dem Karfreitagsabkommen (1998) währenden Friedens in der Provinz nicht mehr fern.

In die gleiche Kerbe schlägt die Regierung in London ebenfalls gern. Brexit-Minister David Frost spricht von der Notwendigkeit, Lösungen für die Grenzprobleme zu finden. Möglich sei das aber nur, wenn das bewusste Protokoll, das Boris Johnson vor weniger als einem Jahr unterschrieben hat, vollends neu verhandelt wird. Die Brüsseler EU-Zentrale weist dies energisch zurück und bedient sich des nicht unvernünftigen Arguments, dass die Konsequenzen des Austrittsvertrags allseits bekannt waren, als die Regierung Johnson der Regelung zustimmte. David Frost hingegen scheint das wenig zu kümmern. Er warnte die EU vor Tagen, sie solle seine Drohung, das Protokoll unilateral zu suspendieren, lieber ernst nehmen.

Zuweilen scheint es so, als wähne sich die britische Regierung noch mitten in der Brexit-Kampagne. Jegliche Probleme werden äußeren Feinden in die Schuhe geschoben. Selbst Kalamitäten, die durch den EU-Austritt erst verursacht oder verschärft worden sind, werden externen Mächten angelastet, so bei der Migration. Zwar fehlen an allen Ecken und Enden Arbeitskräfte, weil viele EU-Bürger keine Lust mehr haben, in Brexit-Britannien zu arbeiten, aber gleichzeitig ist die Regierung eifrig damit beschäftigt, die Ankunft von Migranten über den Ärmelkanal zu verhindern.

Die beinharte Innenministerin Priti Patel hat sich schon die absurdesten Pläne durch den Kopf gehen lassen, um dieses Ziel zu erreichen: Man erinnert sich ihrer Idee, ausrangierte Ölplattformen als Gefängnisinseln für Asylbewerber zu gebrauchen, oder den Vorschlag, Wellenmaschinen einzusetzen, um Boote zurück nach Frankreich zu zwingen. Alles wurde verworfen, aus offensichtlichen Gründen. Vor zwei Wochen kam Patel auf die aus ihrer Sicht einfachste Lösung: Frankreich solle dafür sorgen, dass keine Flüchtlinge mehr auf die Insel kämen. Wer es dennoch schafft, den werde die britische Grenzwache zurück in französische Gewässer befördern. Freilich hat die französische Regierung bereits durchblicken lassen, dass auch Patels neuester Plan ein Rohrkrepierer ist.

Was der EU-Austritt bereits alles verursacht hat, lässt viele EU-kritische Briten zweifeln, wofür der Brexit eigentlich gut sein soll. Zumindest ist die Insel weit entfernt von den „sonnigen Höhen“, in die das Land laut Boris Johnson emporsteigen würde. Diesen Skeptikern hat die Regierung vergangene Woche eine erste Antwort gegeben. In einem Dossier mit dem Label Brexit-Gelegenheiten hat sie angekündigt, Dutzende EU-Regulierungen, an die man sich noch halten muss, über Bord zu werfen, um Bürgern und Unternehmen das Leben zu erleichtern.

So soll es bald wieder erlaubt sein, auf Biergläser die sogenannte Crown Stamp zu setzen, das Kronen-Signet. Auch sollen Autofahrer einen digitalen Führerschein erhalten. Außerdem dürfen Verkäufer ihre Waren wieder in imperialen Maßeinheiten angeben, anstatt sich mit dem von der EU vorgeschriebenen Dezimalsystem herumzuschlagen. So können Obsthändler ihre Erdbeeren in Zukunft wieder in Unzen verkaufen – vorausgesetzt natürlich, dass es überhaupt Erdbeeren zu kaufen gibt.

Peter Stäuber ist freier Autor und gehört zum Netzwerk Weltreporter

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06:00 30.09.2021

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