Der Mann, der weint

Die Ehrlichkeit des Vulgären Mit seinem neuen Film "Hable con ella - Sprich mit ihr!" setzt Pedro Almodóvar seine Erforschung der Politik der Gefühle fort

Ein Mann, der weint, ist in gewisser Weise die passende Ergänzung zur Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mit der ersten Szene von Hable con ella - Sprich mit ihr fühlt man sich deshalb sofort angekommen im vertrauten Almodóvarschen Universum des exzentrischen Melodrams. Dazu noch ist es ein Tanz-Theaterstück, von dem Marco sich zu Tränen rühren lässt - in Café Müller von Pina Bausch stolpern zwei Frauen in Nachthemden blind durch einen Raum, während zwei Männer verzweifelt versuchen, ihnen den Weg frei zu räumen. Man ahnt bereits, dass es die Erinnerung an eine unglückliche Liebe sein muss, die zu betrauern sich Marco im schützenden Dunkel des Theatersaals gestattet. Allerdings bleibt er dabei nicht unbeobachtet. Benigno, der neben ihm sitzt, erzählt es in allen Einzelheiten am nächsten Tag seiner Patientin Alicia: vom Theaterstück über die misslingende Kommunikation zwischen den Geschlechtern und von den Tränen des Mannes neben ihm, der ihm dadurch sympathisch wurde. Benigno liebt Alicia, seit er sie zum ersten Mal in der Tanzschule gesehen hat, beim Blick aus dem Fenster seiner Wohnung. Richtig kennen gelernt hat er sie jedoch nie. Nachdem sie in Folge eines Autounfalls ins Koma fiel, ist er ihr Pfleger geworden und in der Hingabe, mit der er den bewusstlosen Körper umsorgt, erahnt man bereits eine Überschreitung. In der Tat erfüllt sich für Benigno in der Pflegerrolle sein Liebesideal, wofür seine Umgebung schon bald kein Verständnis mehr haben wird, als sich nämlich herausstellt, dass Alicia schwanger ist.
Wie oft in den Filmen von Pedro Almodóvar steckt im Kern von Hable con ella - Sprich mit ihr also eine Sensationsgeschichte, wie sie in Schlagzeilen von der Boulevard-Presse gern erzählt wird: "Pfleger schwängert Koma-Patientin". Schrill, trashig und exzentrisch sind deshalb auch die häufigsten Etikette, die man seinem Werk verleiht. Besonders die Direktheit, in der er sexuelle Beziehungen darstellt, hat ihm den Ruf des Tabubrechers eingebracht. Almodóvar, so heißt es einhellig, ist etwas ganz Besonderes, womit auch gemeint war, dass die gezielte Provokation, das Spiel mit dem schlechten Geschmack, das es in seinen Filmen gibt, eben nicht Jedermanns Geschmack sein kann. Das allerdings hat sich spätestens mit Alles über meine Mutter verändert. Zum "Kultregisseur" aufgestiegen, ist das Spezielle, Eigenartige von Almodóvars Filmen zum Allgemeingut geworden. So dass man seinen Filmen mittlerweile gerne ein paradoxes Plädoyer halten würde: Obwohl sie jeder mag, sind sie gut.
Auf vielerlei Ebenen handelt Hable con ella - Sprich mit ihr nämlich genau davon: Von den ganz speziellen, verqueren und manchmal auch perversen Leidenschaften, die jeder hat, so "normal" er auch immer scheinen mag. Sind das auf der Figurenebene Benignos Voyeurismus und Marcos Hang zu unglücklichen Frauen, stellt der Regisseur in der Inszenierung seine ganz persönlichen Vorlieben immer wieder heraus: Die Liebe zu manchen Schauspielern, die hier nur in Nebenrollen zu sehen sind; die Bewunderung für KünstlerInnen wie Pina Bausch, deren Inszenierungen quasi als Hommage im Film gezeigt werden, und Caetano Veloso, dessen Gesang die melancholische Grundstimmung an einer Stelle zu einer fast nicht mehr erträglichen Intensität steigert. Die Erforschung dessen, was man mag und nicht mag, der Gefühle "darunter", betreibt Almodóvar allerdings nicht als Aufklärung - und selbstverständlich auch nicht als Oberflächenreiz wie die zitierte Boulevardpresse -, sondern als Ermutigung zur Authentizität. Es sind die starken Gefühle, die seine Sympathie haben, und die Frage der Moral wird dem nachgeordnet. Damit erweist er sich als weitaus politischer, als die "schrille" Oberfläche auf den ersten Blick ahnen lässt.
Als Teil der "movida madrilena" hat Almodóvar seine ersten Filme gedreht, jener Untergrundbewegung, die den Aufbruch Spaniens nach dem Ende der Franco-Diktatur durch schrille Provokationen auf den Gebieten von Geschmack und Moral kulturell eingeleitet hat. Vom Underground-Künstler zum Oscarpreisträger lautet deshalb seit dem großen kommerziellen wie künstlerischen Erfolg von Alles über meine Mutter der griffige Slogan zu seiner Karriere, womit auch immer die Unterstellung gemacht ist, er habe sich aus einem politischen Kontext heraus immer mehr in einen kommerziellen begeben. In der radikalen Abstinenz von jeder Anspielung an die aktuelle Politik aber lag in gewisser Weise Almodóvars besonderes Engagement.
In Spanien hat der Regisseur etwas geschafft, was nämlich nur wenigen ehemaligen Underground-Künstlern gelingt: Ohne seine Außenseiterposition aufzugeben oder gar zu widerrufen, ist er zum Regisseur von Publikumsfilmen geworden und genießt in den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten große Popularität. "Darin zeigt sich eine gewisse Übereinstimmung zwischen meiner Entwicklung und der des spanischen Publikums. Wir haben uns gleichzeitig verändert", lautet seine eigene Erklärung dieses Phänomens. Mit ihren grellen Charakteren, die ihr Ausgedachtsein stets mit der Wahrhaftigkeit ihrer Leidenschaften kontern, sind Almodóvars Filme zum Spiegel einer gesellschaftlichen Transformation geworden. Wenn anlässlich seines Films Live Flesh - Mit Haut und Haar (1997) geschrieben wurde, er sei nun erwachsen geworden, enthielt dies auch eine Aussage über den Zustand der spanischen Gesellschaft. In Live flesh wird zum ersten Mal das Franco-Regime als historischer Hintergrund erwähnt: Die spätere Hauptfigur Viktor kommt in einer Januarnacht 1970 in einem öffentlichen Bus auf menschenleerer Straße zur Welt. Es ist die Nacht, von der heute noch jeder Spanier sagen kann, was er gemacht hat: die Nacht, als der Ausnahmezustand verhängt wurde. Bis dahin habe seine Rache an Franco darin bestanden, weder dessen Leben, noch die Erinnerung daran überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, hat Almodóvar dazu gesagt.
Betrachtet man Almodóvars Filme im Licht dieser bewussten Weigerung, die sie an der Oberfläche hat apolitisch aussehen lassen, entdeckt man eine intensiv geführte Auseinandersetzung mit den Geboten des menschlichen Zusammenlebens. Ob der Mord am Ehegatten in Womit habe ich das verdient?, die inzestuösen Vater-Tochter-Beziehungen in Labyrinth der Leidenschaften, die spießige Glücksvorstellung eines Psychiatriepatienten in Fessle mich! oder nun die Vergewaltigung einer Koma-Patientin in Hable con ella - Sprich mit ihr!, bei Almodóvar wird nicht - wie wir das aus Hollywood-Filmen so gewöhnt sind - eine vorhandene Moral mit den Bedürfnissen eines Einzelnen in Konflikt gebracht, sondern werden eben diese Bedürfnisse auf ihre Stärke und ihre Aufrichtigkeit hin befragt. Darin zeigt sich nicht nur der mangelnde Respekt des Außenseiters vor überkommenen Moralvorstellungen, sondern auch ein generelles Misstrauen gegenüber Autoritäten, deren Ansehen speziell in Spanien nach langen Jahrzehnten der Diktatur stark beschädigt war.
Am Kultregisseur Almodóvar wird der Mut zum Kitsch, die Lust am Trash gefeiert. Betont man diese bunte und amüsante Seite zu sehr, verliert man aus dem Blick, dass die Vulgarität der Ausdruck einer radikalen Ehrlichkeit ist. Bei Almodóvar sieht man vieles, was sich nicht ziemt: feine Damen auf der Toilette, Menschen beim Sex in allen Lebenslagen, mal mit mehr, mal mit weniger Geschick, aber immer mit den ureigenen Gefühle ringend. Den Zuschauer verführen die Filme dazu, Sympathie für ein Handeln zu empfinden, das er gleichzeitig "nicht gutheißen" kann. Wie zum Beispiel für Benigno in Hable con ella - Sprich mit ihr!: Einerseits ist er das kontaktgestörte Muttersöhnchen, das sich seiner Angebeteten nicht anders zu nähern weiß als durch Verfolgung und voyeuristische Beobachtung - eine "Tätergestalt", wie man sie aus Krimis kennt, die nur wenig Sympathie für diese Figuren hegen. Andererseits zeigt der Film Benigno als großen Liebenden, den man für seine Hingabebereitschaft auch bewundern muss.
So lässt einen Sprich mit ihr!, wie die meisten Filme Almodóvars, in emotionaler Verwirrung zurück, von der aber eine seltsam befreiende Wirkung ausgeht. Denn wie schrecklich auch immer die Taten - Mord, Inzest, Vergewaltigung - sind, gibt es doch nie eine Schuldzuweisung. Was nicht bedeutet, dass etwas verharmlost wird. Benigno kommt ins Gefängnis, was nicht als ein Akt von Ungerechtigkeit gezeigt wird, sondern als Kulmination von Unglück, aus dem er sich schließlich auf seine - tragische - Weise zu befreien sucht. Mit ihren Gratwanderungen zwischen den Dilemmata von Moral und Leidenschaft lassen sich Almodóvars Filme als ganze Enzyklopädien über Ambivalenz lesen. Wo sie sich mit perversen Praktiken befassen, zeigen sie immer auch deren Potenzial auf, das Erträumte in die Realität zu zwingen.
Sah man in den frühen Filmen viele Figuren, die lebende Klischees verkörpern und den Werken fast eine surrealistischen Touch verleihen, werden sie in den letzten Filmen zunehmend von den Beschädigungen des wahren Lebens gezeichnet, wird die Filmsprache dementsprechend zurückhaltender und weniger outriert. In Alles über meine Mutter zeigte Almodóvar ein ganzes Register an klassischen Frauenrollen, die gleichzeitig ironisch gebrochen wurden: Die Mutter war keine Mutter mehr, weil sie ihren Sohn verloren hatte, die Nonne schwanger, die Diva lesbisch und die Hure mit dem großen Herz ein Mann. Ähnlich dekonstruktivistisch verfährt Almodóvar in seinem neuen Film mit den "klassischen" Vorstellungen von Männerfreundschaft und Melodram. Den eigentlichen roten Faden von Sprich mit ihr! nämlich bildet, wie im Melodram üblich, die Beziehung zwischen zwei Männern. Nur dass es hier nicht die Frauen sind, die zwischen ihnen stehen, sondern am Ende die Glaswände im Besuchsraum des Gefängnisses. Und, wie eingangs beschrieben, es der Mann ist, der weint.

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00:00 09.08.2002

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