Der Mantel von Julia Roberts

Kehrseite Die Tage im Turm der Charité waren weiß und bestanden aus Warten. Wir ruhten vor weiten Fenstern. Dahinter, darunter, im trüben Dezemberlicht, lag ...

Die Tage im Turm der Charité waren weiß und bestanden aus Warten. Wir ruhten vor weiten Fenstern. Dahinter, darunter, im trüben Dezemberlicht, lag Berlin. Frau Specht im Bett gegenüber sah ich am Morgen, wenn ich aufwachte, ich sah ihr Gesicht am Abend und am Nachmittag. Ob sie schlief oder an die Decke guckte oder aus dem Fenster sah. Das dritte Bett war frei. Frau Mischke lag im Kreißsaal nebenan, sie hatte heute entbunden.

"Sie haben ja so ein Glück, dass sie auch schon wieder aufstehen und herumlaufen dürfen!", sagte ich. Frau Specht zögerte mit der Antwort. So war es meist. Anfangs war ich überzeugt, dass sie schwerhörig sei. Ein Irrtum. Frau Specht hörte. Sie dachte nur in einer anderen Sprache und brauchte immer ein paar Schaltsekunden. Mal warf sie ganze Wortketten selbstverständlich hin, mal war sie kaum zu verstehen. Anders als ich, hatte sie ihr Deutsch nicht in Kursen, sondern auf der Straße gelernt.

"Kommste auch? Ich will nicht allein, langweilig." Es klang sehr deutsch. Deutscher, als wenn ich es gesagt hätte. "Da sitzte auf der Bank unten wie blöde, um dich rum nur Krüppel", sagte Frau Specht. "Einer mitm Schlauch ausser Nase, n andrer ohne Beine, da vergeht eim ja die Lust am Rauchen." Sie schmiss die Zigarettenpackung auf die Seite und griff zu ihrer Handarbeit. Konzentriert begann sie Fäden durch Schlaufen zu ziehen, jedes weitere Gespräch war beendet.

Ihre Häkelei, eine löcherige Tischdecke wie aus Großmutters Zeiten, bildete einen befremdlichen Gegensatz zur Erscheinung der jungen Schönen. Schrillrot ihre Fingernägel, lang und blondgeätzt ihr Haar. Und ihr Gesicht: wie Julia Roberts. Julia Roberts auf der Entbindungsstation der Charité. Julia Roberts! dachte ich, wenn Frau Specht lächelte. Ihr Minenspiel. Selbst die Bewegungen. Nur ihre Augen nicht. Sie waren dunkel und misstrauisch und eigentümlich alt. Wenn ihr etwas an ihren Nerven zerrte, zupfte sie kleine Stoffklümpchen von ihrer synthetischen Sporthose.

Zu Hause, sagte sie, habe sie schöne Kleider. Wie Frau Mischke. Sie angelte mit der Häkelnadel ein Fädchen herbei. Sogar einen Morgenmantel hatte sie. Fast so einen, wie Frau Mischke ihn besaß. Aber ihr Mann schaffe es nie, ihn zu finden und zu waschen und ihr mitzubringen. "Maaann!" - schrie Frau Specht auf und starrte wütend den gerüschten Lappen an. Ein Scheißfehler im Muster. Tagelange Arbeit, alles muss wieder aufgeribbelt werden. Ärgerlich. Frau Spechts Unterlippe zitterte. Sie ließ sich auf das Kopfkissen fallen und sah zum Fernseher, der den ganzen Tag geduldig Bilder und Farben wechselte, ob Frau Specht ihn beachtete oder nicht. Ein Glück, sie musste ihn nicht mehr mit Frau Mischke teilen. Schlimm war das gewesen. "Weißt du, was sie immer geguckt hat? Scheiß ZDF. Oder ARD!"

Frau Mischke hatte tatsächlich ZDF gesehen. Und ARD. Sie war auch nicht so schön wie Julia Roberts, sie war eine junge Verwaltungsbeamtin mit etwas zu schmalen Lippen und festem Einkommen. Sie war launisch und verwöhnt, ihre Verwandten standen Schlange, um ihr kleine Gefallen zu tun. Sie thronte auf ihrem Bett in einem schicken, drolligen Mantel, während ihr Mann ihr das Abendbrot mit Mitbringseln verfeinerte. Nach dem Essen rückten sie zusammen und blätterten in Katalogen für Kindermoden.

"Warum sitzen diese Leute alle im Zimmer?", beschwerte sich Frau Specht. "Es stört mich und alle anderen auch." Sie blickte mich an, um mich zur Komplizin ihrer Attacke zu machen. Sie führte Krieg. Wollte Frau Mischke das Fenster öffnen, war Frau Specht kalt, löschte Frau Mischke das Licht, wollte Frau Specht lesen, und kurz vor Beginn von Frau Mischkes Lieblingsserie schaltete sie auf ein anderes Programm um, um mit großem Interesse einer Sendung über Gartenpflege zu folgen.

Frau Mischke wehrte sich: Diese Kinder von Frau Specht, fürchterlich, dieses Geschrei jeden Tag. Frau Specht legte nach: "Ihre Blumensträuße stinken und ziehen die Fliegen an!" Die Sache mit den Fliegen stimmte. Die mit den Kindern nicht. Frau Spechts Kinder waren Zwillinge, drei Jahre alt - und sie kamen selten. Und wenn sie kamen, wirkten sie still, fast eingeschüchtert. Vielleicht wegen des Vaters, ein kleiner Mann, der stets entnervt aussah. Wenn die vereinte Familie Specht sich in die Besucherecke des Korridors verzog, drangen ihre Stimmen durch mehrere Türen. Sie stritten draußen, sie stritten drinnen, und oft fuhr Frau Specht ihre Kinder an, verblüffenderweise immer auf Deutsch. "Meine Kinder sind deutsch", sagte sie einmal stolz.

Ich wusste wenig von ihr. Nur, dass sie Ana hieß und in der "Gastronomie" arbeitete. Jetzt, da wir allein im Zimmer zurückgeblieben waren - zwei Komplizen, nachdem ein unzuverlässiger Dritter ausgestiegen ist - versuchte ich es noch einmal. Julias Geheimnis reizte mich.

"Mein Papa kommt aus Italien", offenbarte sie, "aber er ist tot. Und meine Mama ist aus Montenegro, aber wir haben kaum Kontakt." Sie sah an die weiße Wand. "Sie sind reich, weißt du. Sehr reich. Mit Jachten und so. Und hochnäsig..." Als die Geschichte endgültig zur Fernsehersaga zu werden drohte, erlöste mich eine Krankenschwester. "Frau Specht, Telefon für Sie, ihr Mann!"

Eigentlich hatte jeder Patient sein eigenes Telefon, doch die Chipkarte dafür kostete. Zehn Euro Pfand und 1,50 Tagesgebühren. Frau Specht besaß keine eigene Karte. Es lohne sich nicht, sagte sie.

Ich stellte mir Frau Specht in Marzahn vor, wo sie lebt. Sie gibt ihren Job in der "Gastronomie" auf, nun sitzt sie zu Hause vorm Fernseher, die Babyflasche in der einen - "Stillen ist langweilig!" - die Zigarette in der anderen Hand. Die Zwillinge neben ihr, gemeinsam gucken sie die Talkshow Gib es Sex nach siebzig?. Das Geld ist knapp, aber es reicht für einen Wandschrank mit beleuchteten Spiegelvitrinen.

Manchmal, stellte ich mir vor, reicht es auch für eine Reise in ihre Heimat, derer sie sich schämt. In einen Ort irgendwo im ehemaligen Jugoslawien, Serbien vielleicht. Dutzende Einfamilienhäuser, eingebettet in umzäunte Obstgärten. Das Rückgrat des Städtchens ist eine von kahlen Plattenbauten gesäumte Straße. Bunte Vitrinen schmücken diese Avenue, die als Sonntagspromenade dient und in einen kleinen Platz mündet, mit Rathaus, Kino, Postamt und einem katholischen Kirchlein. Daneben eine Grünfläche mit einem kleinen Lunapark: schrillbemalte kreisende Plastikpferde, fliegende Gondeln eines runden Karussells. Dreht sich das Rad, fliegen die gelben Plastiksitze empor. Die Herrin dieses Rades, eine stämmige sonnengebräunte Frau in leichtem Kleid und Gummilatschen, sitzt neben der Holzbude, an der "Kasse" steht, und knackt Sonnenblumenkerne. Die Schalen bedecken den Boden. Hinter ihrem Rücken halten drei wie Brezeln zusammengerollte Straßenhunde Siesta. Die Frau war die Schulfreundin von Frau Specht. Anas Mutter lebt noch immer im Nachbarhaus. Wie es hier üblich ist, steht das Haus quer zur Straße, seine Fassade, die in den Hof blickt, hat ein Vordach, das auf dicken weißen Säulen ruht. Ein üppiger Walnussbaum spendet Schatten für den runden Tisch, an dem die Ankunft der Spechts gefeiert wird, wenn sie einmal nach Hause reisen. Die Oma freut sich, die Enkelkinder sind wieder ein Stück gewachsen. Ich sehe Frau Specht, wie sie mit einer Tüte voller Geschenke zu ihrer Schulfreundin eilt, alle sollen wissen, wie gut sie da lebt in Berlin.

Frau Specht kam zurück, ihre Augen waren gerötet, sie wandte ihr Gesicht zur Wand und rollte sich unter ihrer Decke zusammen. Wir schwiegen eine Weile, ich konnte hören, dass ihre Nase lief.

"War dein Mann böse, dass du schwanger bist?", fragte sie irgendwann.

Ich wusste, was ich antworten musste und log, um Frau Specht zu trösten:

"Ja, er hat gemeckert. Scheiß Männer! Ich habe mich gleich darauf eingestellt, dass er keine Zeit haben würde, jeden Tag zu kommen. Aber weißt du, er kann eh nie finden, was ich brauche! Ich habe nichts anzuziehen, bloß diese Hose und dieses T-Shirt. Es nervt! Wenn er mal ins Krankenhaus kommt, da kriegt er eine Unterhose pro Woche von mir! Das kannst du wissen."

Sie wandte sich mir zu und lächelte: - Scheiß Männer.

Nellja Veremaj ist 1963 in der Sowjetunion geboren und lebt als freie Autorin in Berlin.


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00:00 12.01.2007

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