Der Markt kann das nicht

Debatte Arbeitslosigkeit müsse mit verkürzten Arbeitszeiten bekämpft werden, sagte Wirtschaftsprofessor Hans-Josef Bontrup. Sein Kollege Heiner Flassbeck widersprach. Zu Unrecht
Der Markt kann das nicht
Gut genutzte Freizeit macht mehr Spaß als Arbeit

Foto: Lennart Preiss/ AFP/ Getty Images

Die Reaktion war heftig, gehässig und langanhaltend: In bisher vier Folgen auf flassbeck.economics.de haben Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker die Argumente des Wirtschaftswissenschaftlers Hans-Josef Bontrups als „Milchmädchenrechnung“ und alten „Trugschluss“ apostrophiert. Er könne nur Menschen einleuchten, deren Denken „zum vornherein vernebelt“ sei oder „gar noch nicht erst eingesetzt habe“. Damit haben Spiecker und Flassbeck auch den Autor dieser Zeilen angesprochen, der in mehren Bücher und Dutzenden Kommentaren ebenfalls kürzere Arbeitszeiten gefordert hat, genauer: Eine kontinuierliche Anpassung der gesetzlichen Normarbeitszeit an die effektiv geleisteten durchschnittlichen Arbeitszeiten. Mehr dazu später. Zurück zum besagten Interview.

„Roboter ersetzen immer mehr menschliche Arbeitskraft“, hatte der Freitag festgestellt, und gefragt: „Müssen die Gewerkschaften nun ihrem Arbeitskampf gegen diese intelligenten Maschinen führen?“ Bontrups Antwort: „Nein, aber natürlich werden weniger Menschen gebraucht um die gleiche Leistung zu erzielen. Die Gesellschaft muss dann die Arbeitslosen versorgen. Um das zu verhindern, muss die Arbeitszeit verkürzt werden.“ Diesen Zusammenhang formulierte er dann auch noch als mathematische Formel: „Wenn die Produktivitätsrate größer ist als die preisbereinigte Wachstumsrate der wirtschaftlichen Leistung, dann entlädt sich das in einem Rückgang des Arbeitsvolumens. Dann müssen entweder Leute entlassen werden oder es sinkt die Arbeitszeit pro Kopf.“

Für Flassbeck ist diese „alte Scherentheorie“ deshalb „Humbug“, weil sie eine Kausalität – Produktivität verursacht Arbeitslosigkeit – unterstelle, die laut Flassbeck nicht existiert. Vielmehr, so Flassbeck, „wechseln sich Phasen steigender und sinkender Arbeitslosigkeit ab, mal steigt also die Produktivität stärker als das Wachstum und mal ist es umgekehrt. In jeder der Phasen, die „Aufschwung“ genannt werden, steigt die Beschäftigung trotz steigender Produktivität, in den Abschwungphasen hingegen sinkt die Beschäftigung bei steigender Produktivität.“

Nach Flassbeck wäre Arbeitslosigkeit also bloss „eine Folge der Konjunktur“. Kriegt man diese besser in den Griff, könnte Arbeitslosigkeit verhindert werden, unabhängig vom technologischen Fortschritt. Doch diese These hält einem Faktencheck nicht stand. Zwar trifft es zu, dass die Arbeitslosigkeit bei anziehender Konjunktur sinkt und im Abschwung wider zunimmt. Die Beschäftigung jedoch sinkt bei zunehmender Produktivität langfristig und zwar weitgehend unabhängig von der Konjunktur. Besonders klar lässt sich das für die Periode von 1959 bis 1974 erkennen. In dieser Periode gab es praktisch keine nennenswerten konjunkturellen Schwankungen, Arbeitslosigkeit existierte praktisch nicht. Dennoch ging die Beschäftigung pro Kopf um rund 15 Prozent oder 350 Jahresstunden zurück. Offenbar haben Menschen die Verdoppelung der Produktivität genutzt, um nicht nur mehr zu konsumieren, sondern um sich auch mehr Frei- bzw. Konsumzeit zu gönnen. Auch konsumieren kostet schließlich Zeit.

Damit haben wir auch den von Flassbeck bestrittenen kausalen Zusammenhang von Produktivitätsfortschritt zu sinkender Beschäftigung (in Stunden pro Kopf): Die Arbeitnehmer optimieren Konsum und Freizeit. Wenn sei pro Stunde mehr produzieren können, verzichten sie (freiwillig) auf einen Teil des möglichen Mehrkonsums und nehmen stattdessen Freizeit. Inzwischen zeigt auch die Glückforschung, was wir intuitiv längst wussten: Gut genutzte Freizeit macht mehr Spaß als Arbeit.

Dieser Trend der Umwandlung von Produktivitätsfortschritt in Konsum und Freizeit hat sich auch nach 1974 fortgesetzt. Allerdings wird freie Zeit seither auch in Form von Arbeitslosigkeit „genossen“. Von 1974 bis 2013 hat Deutschland eine durchschnittliche Produktivitätssteigerung (pro Arbeitsstunde) von jährlich 2,1 Prozent erzielt und wie folgt genutzt: 1,6 Prozent für die Steigerung des BIP (pro Kopf der Bevölkerung) und 0,5 Prozent für den Abbau der Arbeitszeit. (pro Kopf der Bevölkerung) Dieser Abbau wiederum hat sich in etwa wie folgt vollzogen. Einerseits nahm die Erwerbsbeteiligung (der Frauen im Umfang von jährlich etwa 0,5 Prozent der gesamten Arbeitsmenge zu. Im wesentlichen wurde bloß unbezahlte Arbeit kommerzialisiert (Krippen statt Mütter) und damit statistisch sichtbar gemacht. Andererseits ging die Zahl der Arbeitsstunden pro Beschäftigten um jährlich 0,9 Prozent zurück. Davon wiederum viel etwa ein Viertel (rund 0,2 Prozent der Arbeitsmenge pro Jahr) als Arbeitslosigkeit an.

Halt, wird Flassbeck in dieser Stelle einwerfen, das sei reine Buchhaltung statt Ökonomie. Richtig. Kommen wir also zur Ökonomie: In der Theorie wird Arbeitslosigkeit dadurch vermieden, dass jedes Wirtschafssubjekt immer nur genau so soviel Arbeit anbietet, wie es braucht, um Konsum und Freizeit zu optimieren. Damit produziert – auch wenn getauscht wird – letztlich jeder nur für sich. Das geschieht aber nur unter zahlreichen unrealistischen Voraussetzungen. Danach kann jeder seine Arbeitszeit minutengenau individuell aushandeln und alle kennen ihren künftigen Bedarf. In der Realität richtet sich die Arbeitszeit (auch) nach den Erfordernissen des Betriebs und niemand weiß, ob er oder sie nicht morgen krank wird, oder die Stelle verliert. Unter diesen realistischen Umständen wird der rationale Arbeitnehmer heute soviel Arbeit anbieten, wie er verkraften kann und den Konsum auf morgen verschieben. Doch weil dies nicht alle können, haben wir ein Gefangenendilemma, aus dem man sich nur mit gemeinsamen Absprachen befreien kann.

Zwei davon haben sich besonders bewährt: Gesetzliche Arbeitszeiten sorgen dafür, dass das Arbeitsangebot dem effektiven Bedarf angepasst wird, kollektive Tarifverträge sichern die Nachfrage und sozialstaatliche Einrichtungen wie Arbeitslosen- und Krankenkassen erhöhen die Planungssicherheit der Haushalte. Diese Institutionen behindern nicht etwa den Markt, sondern haben in der Nachkriegszeit etwa 30 Jahre lang dafür gesorgt, dass dieser in etwa so funktioniert hat, wie es im Lehrbuch steht:

Wenn wir uns die historische Entwicklung anschauen, sehen wir, dass diese Institutionen in den Nachkriegsjahren bis in die Siebzigerjahre die zu erwartenden Ergebnisse gebracht haben: Die Einkommen stiegen auch breitet Front im Gleichklang mit der Produktivität, es gab praktisch keine Arbeitslosigkeit. Dies nicht zuletzt, weil die Normarbeitszeit laufend den effektiven Arbeitszeiten angepasst wurden: 1950 betrug die durchschnittliche Jahresarbeitszeit 2420 Stunden. Bei 3 Wochen Ferien bzw. 49 Arbeitswochen sind das 49,4 Stunden, wenig mehr als die Normarbeitszeit von 48 Stunden. Zwischen 1965 und 1974 hat sich dann die 40 Stundenwoche mit 6 Wochen Ferien durchgesetzt und das Rentenalter wurde von 65 auf 62 herabgesetzt. Damit wurde der Rückgang der effektiven Arbeitszeit auf 1846 Jahres- bzw. 40,2 Wochenstunden kompensiert. Seither hat sich nicht mehr viel getan und ab den Neunzigerjahren ist die Normarbeitszeit wieder leicht angestiegen. Heute liegt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbsperson bei 1280 Jahres, bzw. rund 28 Wochenstunden. Die Normarbeitszeit jedoch ist bei etwa 39 Stunden stehen geblieben.

Bontrup hat also recht, wenn der Gewerkschaften und Politiker auffordert, endlich wieder über kürzere Arbeitszeiten nachzudenken. Diese Aufgabe ist wichtig und der Markt kann das nicht. Doch was grundsätzlich richtig ist, kann laut Flassbeck hier und jetzt falsch sein. Angenommen, so seine Überlegung, die Gewerkschaften fordern ab sofort statt mehr Reallohn nur noch Arbeitszeitverkürzungen, „dann schwächt man inmitten der größten Binnenmarktschwäche in Deutschland den Binnenmarkt noch weiter.“ Das ist in der Tat ein Dilemma. Nach 30 Jahren Lohndruck und Sparwirtschaft muss Deutschland nicht nur die Normarbeitszeiten der effektiven Nachfrage (nach Gütern und Dienstleistungen) anpassen, sondern auch die effektive Nachfrage dem viel größeren Potential. Das erfordert gleichzeitig höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten.

Den Arbeitgebern wird das nicht einleuchten, da hat Flassbeck recht. Doch sein Ratschlag, die Diskussion um kürzere Arbeitszeiten erst dann wieder aufzunehmen, wenn es darum geht, Produktivitätssteigerungen von jährlich 5 Prozent oder mehr zu verteilen, ist noch viel gefährlicher. Bis dahin hat auch der letzte Gewerkschaftsfunktionär, geschweige denn Politiker vergessen, dass mehr Wohlstand nur im Doppelpack mit mehr Freizeit zu haben ist.

Lesen sie dazu auch: Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt Philipp Löpfe, Werner Vontobel Orell Füssli 2014, 224 Seiten, 19.95 €

15:56 28.10.2014

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