Der Mensch macht´s

Hier atmen Sie die Luft von morgen Aus Arbeiter-Pathos wird Konsumentenlachen, aus Industrie-Kathedralen werden Freizeit-Parks - Eine Tagung in Essen vollzog den ikonografischen Wandel des Ruhrgebiets nach

Nicht nur traditionell städtische Einrichtungen wie Schwimmbäder und Müllabfuhr werden längst an Privat verhökert. Auch die Städte selbst sind zu Waren geworden, die sich wie andere vermarkten müssen, um im weltweiten Wettlauf um Firmenansiedlungen und Touristenströme zu bestehen. Marketingagenturen haben die alten Fremdenverkehrsvereine verdrängt. Die Gesellschaften, die für das Ruhrgebiet arbeiten,. haben ihre Arbeit im city branding in den letzten Monaten gut gemacht, wenn es darum ging, die Region in aller Munde und die entsprechenden Pressespalten zu bringen. So folgte dem schon länger feuilletonträchtig schwelenden Knatsch um RuhrTriennale und -festspiele jetzt mit Castorfs Rausschmiss der Knalleffekt, der Recklinghausen und Co. noch einmal in die Kommentarspalten der Feuilletons erhob, bevor dann die Kulturhauptstadt-Bewerbung den notwendigen Zukunftsakzent setzte. Und natürlich ist auch der neue deutsch-griechische Nationalheld Otto Rehhagel ein "Ruhri", wie sich manche der Eingeborenen neckisch nennen.

Natürlich wäre es Schwachsinn, an Verschwörung zu denken: Die EM im Solde der Kohlenpott-CIA!? Leugnen lässt sich aber nicht, dass es den entsprechenden Institutionen mit klugen Investitionen und umsichtiger Förderpolitik gelungen ist, die Region mittelfristig ins Gespräch zu bringen und dort zu halten. So lässt sich auch ein vom WDR und der Mülheimer Dokumentarfilminitiative NRW veranstaltetes Symposium durchaus doppelsinnig interpretieren, das jetzt im Windschatten der spektakuläreren Ereignisse Dokumentarfilmer und Fernsehleute, Kulturarbeiter und Historiker in Rehhagels Heimatstadt Essen zu einer kritischen Bestandsaufnahme versammelte.

Unter dem Titel Endlich so wie überall?! Neue dokumentarische Bilder des Ruhrgebiets sollte sich in der ehrwürdigen Essener Lichtburg zwei Tage lang alles um die Frage drehen, ob und wie sich die Region zwischen Duisburg-Ruhrort und Dortmund-Hörde nach dem ökonomischen Strukturwandel auch ikonographisch neu definieren kann und soll. Quelle und Kernpunkt der Analysen waren dabei die dokumentarischen Filmarbeiten, die die Geschichte des Reviers seit dem Gründungsboom der industriellen Revolution emphatisch präsentiert und mitgeformt haben.

Erste Bilder von 1899 zeigen den Kaiser bei der Eröffnung des Dortmunder Hafens. Schon 1908 wurde bei Krupp eine eigene Filmabteilung gegründet, die neben Forschungszwecken im Feld der Ballistik auch zur Propagierung der rheinischen Schwerindustrie im In- und Ausland dienen sollten, wie Manfred Rasch aus dem Thyssen-Krupp Konzernarchiv berichtete. Schnell entwickelte sich eine eigene Ikonographie mit steil aufragenden Stahlwerksfronten und Vogelperspektiven, Fördertürmen und Hochöfen, glühenden Stahlströmen und rußgeschwärzten Steigern. Es sind heroische Bilder von monumentalen Industrielandschaften, deren Aufnahmestandpunkte sich auffällig wiederholen. Und auch die Menschen, die hier im Schwersteinsatz ihren Lebensunterhalt verdienten, wurden für Wochenschauen und Kulturfilme heroisiert: Soldaten der Arbeit, bewaffnet mit Helm und Grubenlampe. Zu Wort kommen sollten sie in den Filmen erst viel später.

Feurige Hochzeit. Eine Symphonie in Stahl und Eisen heißt der erste Farbfilm aus dem Revier, der 1952 entstand. Doch schon bald zeigen sich erste Krisenzeichen, zugleich werden auch im Bürgertum die Stimmen lauter, die die Arbeitsbedingungen in der Industrie hinterfragen und dem technischen Fortschritt nicht mehr bedingungslos positiv gegenüberstehen. Nur die Nebel sind grau, der Film, den der Regisseur Robert Menegoz 1965 im Auftrag der August Thyssen Hütte in Duisburg mit einem Halbmillionenetat und im coolen Sechziger-Jahre-Look drehte, spricht beiden Seiten solcher Kritik direkt an, wenn er in seinem Ausblick auf die Industrie der Zukunft drohende Rationalisierungen durch Roboter mit dem Verweis auf verbesserte Arbeitsbedingungen kontert: "Hier atmet man schon die Luft von morgen", heißt es am Ende in Replik auf Willy Brandts berühmt gewordenes Wort von dem Himmel über der Ruhr, der wieder blau werden müsse.

Vierzig Jahre später ist die Luft über Ruhr und Emscher deutlich sauberer geworden. Doch auch die Roboter haben - gemeinsam mit der Konkurrenz und Rationalisierungszwängen - ihr Werk getan: Während Ende der fünfziger Jahre noch 600.000 Menschen in Lohn und Brot standen, wird die Zahl bald auf 30.000 reduziert sein. Ein gewaltiger De-Industrialisierungsprozess, der von der nordrhein-westfälischen Landesregierung mit großaufgelegten öffentlichen Förderprogrammen und Umbaumaßnahmen zum "Strukturwandel" transformiert wurde. Von der Industrielandschaft zur Kulturlandschaft ist die Parole, die von der LEG, dem Kommunalverband Ruhrgebiet und anderen Protagonisten verfochten wird und deren Paradestück die IBA Emscherpark war, die in der Dekade von 1989 bis 1999 im nördlichen Teil der Region Industriebrachen zu einem städteübergreifenden Landschaftspark verband.

Auch die Zeche Zollverein in Essen und der Gasometer in Oberhausen stehen für viele ähnliche Versuche, das Pathos der ehemaligen Industriekathedralen als Kulisse für neue Freizeit- und Konsumaktivitäten zu nutzen. Die ehemaligen Arbeiter, mittlerweile meist im Rentenalter, bleiben bei diesen Neubelebungen außen vor. Und so sind viele Dokumentarfilme der letzten Jahre verständlicherweise Erinnerungsarbeiten, die die ehemaligen Kumpel noch einmal auf die Leinwand bitten, um zwischen den Ruinen der halb verschrotteten Dinosaurier verflossene Arbeitswelten zu beschwören.

So nostalgisch das manchmal wirkt: Solche Erinnerungsarbeit ist wichtig, doch in die Zukunft führt sie nicht. Wie aber ließen sich die fragmentierten Biografien derer filmisch erfassen, die im Hier und Jetzt zwischen Zeitjobs und Arbeitslosigkeit hin- und her vagabundieren? Wie sähen adäquate Bilder aus, um diese 5.4-Millionen-Städtewucherung "Ruhrstadt" zu beschreiben, deren Urbanität im wesentlichen darin besteht, dass an jedem Punkt ein Autobahnkreuz in Laufnähe ist, wie böse Zungen lästern? Wie kann man den neuen Nicht-Orten Bilder geben? Und unterscheidet sich der Ruhrpott überhaupt noch von anderen Regionen, wenn Fördertürme und Schlote Shopping-Malls und Outdoor-Kunst Platz machen?

Die Münchner Filmstudenten Jens Christian Börner und Winfried Härtl versuchen in Ortswechsel, die strukturellen Veränderungen auch filmisch widerzuspiegeln: Ihr Film über den Log-Port, ein riesiges Logistikzentrum, das auf dem Grund des 1988 nach heftigem Widerstand geschlossenen Krupp-Stahlwerks in Rheinhausen aus dem Boden geschossen ist, spiegelt die verloren gegangenen Identitäten in langen Kamerafahrten und dem Verzicht auf biografische Präsenz und Tiefe. Die Dokumentarfilmerin Ebba Jahn hat in den Jahren 1995 und 96 mit dem Film Ab durch die Mitte die Vorbereitungen zur Eröffnung des CentrO-Einkaufszentrums "Neue Mitte" in Oberhausen beobachtet, das auf dem Gelände eines ehemaligen Hüttenwerks von einem britischen Investor errichtet wurde. Die Verkäufer, die hier Arbeit finden sollen, werden in der eigenen CentrO Service Schule in Tanz und Gesang zu Verkaufs-Entertainern geschult.

Irgendwie ist es tröstlich, dass das Entertainment-Konzept bei den Ruhris nicht so gut ankam und eingestellt wurde. Vielleicht sind ja die Einwohner das Spezifische, das bleibt: Der Menschenschlag, dessen telegene Mischung aus Lakonie, Mutterwitz und Schlagfertigkeit auch Doku-Soaps wie Abnehmen in Essen und Samba für Singles in die Region gelockt hat. Authentizität als Medien-Qualifikation? Auch bei einer Podiumsdiskussion zur Bildmächtigkeit des Ruhrgebiets verfiel man irgendwann auf "den Menschen", als neue Wahrzeichen partout nicht ausgemacht werden konnten. Doch auch der Mensch wird sich ändern, wenn sich die Arbeit ändert.

Außerdem ist es, wie die Dokumentarfilmerin Gabriele Voss klug anmerkte, wohl einfach noch zu früh, um die Landmarken einer neuen Zeit aus dem Nebel der einstürzenden Altbauten aufsteigen zu sehen. Zehn Jahre mögen nämlich schrecklich lang sein, wenn es darum geht, eine Ware auf den Markt zu bringen, in historischer Perspektive sind sie ein Fliegendreck. So bleibt erstmal nur eine Erkenntnis: Dass es DIE Bilder nicht gibt, doch für Dokumentarfilmer und andere Wahrheitssuchende die Aufgabe, mit Ausdauer solche zu schaffen, die die offiziöse Bilderflut unterlaufen und hintergehen.


00:00 09.07.2004

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