Der Milbenkiller von Oldenburg

Alltag Über Gaunerei, zollfreien Einkauf und das Prozedere einer Kaffeefahrt

Es ist morgens, halb fünf. An der Schönhauser Allee stehen rund 20 Menschen. Sie warten auf den Bus, in der einen Hand den Regenschirm und in der anderen eine leere Plastiktüte. Schweigend recken sie die Hälse in Richtung Ausfallstraße. "Er hat immer hier gehalten", sagt eine Frau. Der Regen wird stärker.

Die Wartenden hoffen auf einen schönen Tag oder zumindest auf den großen Leuchtbär, den prall gefüllten Delikatesspräsentkorb, den Winkelschleifer und Rasierapparat für den Herren, das Pflegeset für die Damen und das 18-teilige Kaffee Service "Valencia" für Ehepaare. Das wird es heute alles umsonst geben, verspricht die Firma Carat Reisen- und Vertriebs GmbH aus Bremen. "Auf dem Wege in eine der schönsten Regionen Europas durchqueren sie mit einem Luxus-Reisebus die wunderschöne Naturlandschaft" heißt es in der Werbebroschüre. 7,90 Mark kostet die Fahrt. Die telefonische Anmeldung läuft unter einer 0190-Nummer und frisst in der Warteschleife an die 15 Mark.

Kurz vor sechs fährt der avisierte Luxusbus mit fehlendem Innenklo über die Kreuzung und hält fünfzig Meter neben der wartenden Menschentraube. Leben kommt in die Menge. Ältere Frauen und Männer stolpern zügig voran in Richtung Bus. Kurz darauf fährt er los, um noch andere Haltestellen in Berlin abzufischen. Viertel nach sieben ist er bis auf einen Sitzplatz gefüllt. Die große Fahrt beginnt.

"Das ist der Mario und ich bin der Bernd. So, jetzt wollen Sie alle sicherlich wissen, wohin es geht. Eine Runde durch Berlin und dann wieder nach Hause. Okay, Spaß beiseite. Es geht erst mal Richtung Autobahn. Von dort geht´s Richtung Stettin. Vor Prenzlau fahren wir dann runter nach Groß-Ziethen. Dort ist die herrliche Werbeveranstaltung. Dann fahren wir weiter Richtung Mescherin. Von dort geht´s auf das Schiff, wo dann die langweilige Schifffahrt stattfindet. In Finow (Finowfurt) machen wir eine kurze Pause, so dass jeder die Gelegenheit hat, auf Toilette zu gehen, Kaffee zu trinken und anschließend komme ich mal durch und kassiere die 7,90 Mark Fahrgeld pro Nase. Wer zwei Nasen hat, hat Pech. Ach so, jetzt mal noch etwas Unangenehmes. Sollte hier einer dabei sein, der denkt, dass das eine Sauftour ist, der hat den Hauptgewinn gezogen. Wenn er besoffen angetroffen wird und im Bus herumschweinert, steigt er sofort aus. Das macht der, so wahr ich hier sitze. Ich sage immer - willste saufen, musst du laufen."

Nach Bernds Begrüßung schweigen die Insassen. In Finowfurt angekommen, taumeln 48 Mann aus der Tür in Richtung Raststätte. Einige Herren bestellen Appelkorn und Bier. Die Damen trinken Kaffee, manche essen eine Bockwurst oder mitgebrachte Brote. Es ist kurz vor halb acht, als sich zwei Männer und eine Frau an einen runden Bistrotisch stellen. Die Furchen in den Gesichtern der Männer sind so tief, dass einem schwindlig werden könnte. Die Frau trägt eine Halskrause. "Die Busfahrer sehen müde aus. Hoffentlich fahren sie vorsichtig. Noch einen Auffahrunfall kann ich mir nicht leisten", sagt sie und fasst sich an das Korsett unter ihrem Hals. "Ich fahr doch hier nur mit wegen dem zollfreien Einkauf - Zigaretten und Alkohol. Was soll ich denn sonst noch kaufen", sagt der eine Mann und nimmt einen kräftigen Schluck Bier.

Als der Bus auf den Marktplatz von Groß-Ziethen fährt, ist es endlich hell geworden. Auch der Regen hat aufgehört. Es ist acht Uhr. In dem brandenburgischen Ort ist kein Mensch zu sehen. Nur am Eingang der Dorfgaststätte "Zum Schwanenteich" steht ein junger Mann Anfang dreißig. "Guten Morgen", sagt er und verneigt sich vor jedem Fahrgast. Er ist rasiert, trägt ein weißes Hemd und lächelt.

Die 48 Passagiere nehmen an drei langen Tafeln des Tanzsaales im Stil der dreißiger Jahre Platz. An den Fensterseiten des Saales stapeln sich Pappkartons mit dem Aufdruck "Made in China". Als alle sitzen, schenkt die Bedienung Kaffee ein. Fast jeder nimmt eine Tasse, weil er denkt, dass sie nichts kostet. Kurz darauf werden Rechnungen verteilt. Ein erstes Raunen geht durch die Menge, um gleich darauf wieder abzuebben. Dann kommt Michael, der kleinste der drei Werber, auf die Bühne und ruft: "So meine Damen und Herren kann ich Sie ganz kurz um Aufmerksamkeit bitten. Darf ich Sie mal alle zusammen recht herzlich willkommen heißen."

"Guten Tag" ruft es von den einzelnen Tafeln zurück. Und Michael beginnt mit seiner Vorstellung. Er redet von Not und Arbeitslosigkeit, die er keinem wünscht und von der Last des Alltages. Zwischendurch verlangt er von allen Benehmen. Dass sich keiner streitet und dass alle anständig bleiben und ehrlich, so wie er. Danach stellt er seine Mitarbeiter vor. "Das ist der Ralf." Ralf sagt "Guten Morgen". Der Saal erwidert seinen Gruß und klatscht. "Der Ralf ist zuständig für Sie, meine Gäste. Jetzt komme ich zu dem für Sie wichtigsten Mann, meine Damen und Herren, und zwar der, der Sie dann zum Schiff begleitet. Von dem bekommen Sie auch die Schifffahrtskarten. Das ist der Uwe Engler. Der kommt aus Leipzig." Uwe, der einen dicken Bauch vor sich herschiebt und schulterlanges nikotingraues Haar trägt, ruft laut: "Guten Morgen".

Nun wird es ernst. Michael spricht konzentriert zu den Anwesenden. "Die Schifffahrtskarten kosten normalerweise 18 Mark. Gruppenpreis ist 12 Mark." Michael will allen klarmachen, dass sie etwas geschenkt bekommen. Dass das Schiff nur fünf Mark pro Person kostet, weiß zu dem Zeitpunkt noch keiner. Alle glauben daran, was auf der Bühne gesagt wird und haben das Gefühl mit dem gezahlten Fahrpreis von 7,90 Mark zumindest schon ein Schnäppchen gemacht zu haben.

Mit Worten wie "Jetzt mal aufgepasst", "alle mal herhören", "schaut mal zu mir" und "wer jetzt nicht zuhört, verpasst etwas Großartiges", hält Michael den Saal rhetorisch in Schach. Die Reisenden sind in der Falle. Vor ihnen springt ein kleiner Teufel herum und hinter ihnen sitzen Uwe und Ralf ruhig in den Ecken und beobachten das Publikum. Die Rückenblicke spürt jeder. "Ihr bekommt alles. Geben? Ja. Und zwar für alle Leute, die nett sind." Mit "nett" meint Michael diejenigen, die etwas kaufen. Nachdem er dazu auffordert, sich mitsamt Stuhl zur Bühne zu drehen, beginnt die Show.

Vier Stunden Redeschwall stehen den Leuten im Saal bevor. Wer hier sitzt, wird ausgepresst - ohne Gnade. Der Ort ist gut gewählt. Nach draußen zu gehen, hat keinen Sinn. Es ist kalt und es regnet erneut. Außerdem gibt es in Groß-Ziethen neben ein paar Gänsen und einem Traktor nichts weiter zu sehen. Michael redet inzwischen von Bettdecken. Stellt ein paar Fragen über das Verhalten von Staub in deutschen Schlafzimmern. Ein Mann sagt, dass unter dem Bett der meiste Staub läge. Michael fragt entsetzt, ob denn jeder hier im Saal wisse, wieso das so sei. Keiner ahnt es. Michael noch entsetzter: "Das ist kristallisierter Milbenkot." "Milbenkoooht" hallt es im Saal nach und jeder nimmt die Finger von der Tischdecke.

Michael spricht vom Tod. Davon, dass unzählige Kleinkinder in Deutschland unter Federdecken sterben würden. "Warum?" fragt er sein Publikum, dass sich schon mit Entsetzen ans eigene Herz fasst. Dann springt er über zu "Syleen" einem Kristall, dass in Chile abgebaut werde. 15.000 Dollar koste eine Syleenkur in den USA. "Doch der normale Bürger, so wie Sie, kann sich so etwas nicht leisten," ruft Michael. Und alle nicken.

Nachdem er einen Bogen von der schwankenden Körpertemperatur über das dicke Blut alter Leuten bis hin zu den Rückenschmerzen geschlagen hat, präsentiert er auf der Bühne eine Matratze mit Syleenplatten, die so groß sind, wie er selbst. Ein alter Herr wird aufgefordert, sich auf ihr niederzulegen. "Fünf Minuten. Nur fünf Minuten und die Matratze nimmt sofort die Körpertemperatur auf", ruft Michael und alle starren auf den alten Mann, der in einem Kneipensaal auf der Matratze liegt.

Nach der Vorstellung schreibt Michael die Zahl 7.999 an die Tafel. So viel koste eine Syleenkur in Deutschland. Dann spricht er von teuren Syleenmatratzen und dem Sonderpreis von über tausend Mark für solch eine Matratze, wie er sie zwischen den Fingern hoch hält. Kurz darauf holt er einen Umschlag hervor mit 10.000 Mark in bar.

"Wissen Sie warum Sie mich und diesen Tag heute nicht vergessen werden? Dieses Geld wird heute unter die Leute gebracht." Der Umschlag verschwindet wieder. Andere Umschläge tauchen auf. "Wer möchte einen? Aber nicht aufmachen", ruft Michael in den Saal. Sieben Leute melden sich. In den Umschlägen steckt nicht etwa ein Fünfhundertmark-Schein, sondern das einmalige Angebot zum Kauf einer Syleen-Matratze für nur 799 Mark. Auf dem Verkaufsschein steht eine Nummer. Michael sagt, dass alle, die einen Schein haben, diese Nummer auf ihren Gutschein, den jeder vor sich zu liegen hat, schreiben sollen. Uwe und Ralf sammeln die Scheine ein. Auf denen stehen Name und Adresse der sieben Leute mit Nummer. Sie werden aufgerufen. Dann gibt es Mittagessen, während sechs Leute einen Kaufvertrag unterschreiben. Nummer sieben weigert sich.

Nach dem Essen ruft Michael in den Saal hinein: "Wo transpiriert der Mensch am meisten? Im Gesicht. Ja, der ganze Rotz - wohin geht der wohl? Ins Kopfkissen. Denken Sie, dass bei 95 Grad alles aus dem Kopfkissen herausgewaschen wird?" Dann führt er ein mit Gel gefülltes Kissen vor. "Ich habe nur zehn Stück davon. Mit schweißundurchlässigem Gewebe, einem Stoff wie er nur in der Raumfahrt angewendet wird." Der Mann mit den Ackerfurchen im Gesicht stürzt sich geradezu auf Michael und reißt ihm eines aus den Händen. Über zehn Stück finden so ihren Absatz. "Ehepaare zwei", ruft Michael und nennt dann den Kaufpreis. Nur 79 Mark koste das Kissen." Die, die eines haben, bekommen einen Schreck, doch Michael beruhigt sie: "Wer das Kissen kauft, bekommt ein Gratisgeschenk von 848 Mark obendrauf." Die Leute kaufen. Dann geht Uwe mit einem "Made in China" Karton herum und packt jedem Käufer einen elektrischen Rasierer und ein Schneideset für Fußbodenleger obendrauf. Keiner fordert sein 848 Mark-Geschenk ein.

Als jemand nach den versprochenen Werbegeschenken fragt, ruft Michael in den Saal: "Wie nennt man Leute, die immer nur alles haben wollen. Die immer nur nehmen?" Aus einer Ecke ertönt ein lautes "Schmarotzer". Ein Teil klatscht. Keiner fragt mehr nach Gratisgeschenken. Nach der Kopfkissenattacke führt Michael einen Allzweckreiniger vor. Eine Frau wird auf die Bühne geholt "Welche Flecken gehen immer am schwersten raus? Jod. Blut. Rotwein und Kugelschreiber." Michael malt ihr ein Herz auf die Hand, nimmt den Reiniger und ruft: "Drei Tropfen nur in einen Viertel Liter Wasser. Das Konzentrat reicht sieben bis acht Jahre."

Danach wird das Reinigungsmittel für Teppich, Gardinen und alles andere als Präsent angeboten. "Für nur 20 Mark könnt ihr alles haben." Sein Partner Uwe geht mit einer Plastikbox durch die Reihen und sammelt die Scheine ein. Eine Frau schaut auf das Etikett der Flasche und flüstert leise: "Das ist ja Wollwaschmittel und kein Allzweckreiniger." Nach kurzer Zeit ringt sie sich dazu durch, ihren Reiniger zurückzutauschen. Sie geht zur Bühne. Michael beachtet sie nicht. Er sieht durch sie hindurch und ruft: "Ich signiere jetzt noch die anderen Flaschen mit den Initialien M.K. und ihr bekommt alle noch eine Zweite obendrauf. M.K. steht für Milben-Killer. Man nennt mich ja auch den Milbenkiller von Oldenburg." Einige kaufen die Flaschen. Dann ist die Show vorbei.

Michael und seine Crew, die um mehrere Tausender reicher geworden sein dürften, verabschieden sich und fordern alle Gäste dazu auf, einen mit Adresse und Telefonnummer versehenen Gutschein bei Ralf abzugeben. Der hätte jetzt die Schifffahrtskarten. Ralf nimmt die Zettel am Ausgang entgegen. Als eine Frau nach dem leuchtenden Gummibären fragt, erwidert er: "Gibt es nicht" und guckt weg.

Im Bus regen sich die Leute auf. "Mann, war der arrogant", sagt einer. "Ich hab das alles schon verdrängt", ein anderer. Manch einer wundert sich auch darüber, wieso er nun ein Kopfkissen gekauft hat, obwohl er doch schon mehrere zu Hause hat. Es ist 12 Uhr und noch zwei ein halb Stunden Zeit bis zur Dampferfahrt und dem zollfreien Einkauf. Der Fahrer nimmt einen Umweg, damit er nicht zu früh in Mescherin an der polnischen Grenze ankommt.

Gegen 13.30 Uhr spuckt der Bus die Reisenden in den Schlamm des durchweichten Oderufers von Mescherin. Es wird darauf hingewiesen, dass das Schiff erst um 14.30 Uhr ablegt. Dann verschwinden Bus und Fahrer. Es ist kalt. Der Imbiss am Ufer des toten Ortes hat Ruhetag. Die 500 Meter weiter entfernte Gaststätte ist ebenfalls geschlossen. So irren 48 Passagiere durch die traumhaft schöne Landschaft des Odertals. Entkommen kann hier keiner. Eine Verbindung nach Berlin gibt es nicht.

Um 14.30 gehen die Reisenden an Bord. Zwei ein halb Stunden wird die "MS Mecklenburg" auf der Oder zwischen Deutschland und Polen herumschippern. An Bord gibt es zollfreie Waren und ein Prospekt wirbt mit dem Spruch "Billiger als in Polen". Keinem kommt es verrückt vor, dass er über hundert Kilometer von Berlin entfernt ein Stück Butter auf einem Schiff kauft. Niemand fragt sich, wieso er 79 Mark für ein Kopfkissen ausgibt, wenn er doch nur einen Liter Schnaps kaufen wollte. An Bord wird viel über Preise geredet, getrunken wird auch und das nicht zu wenig. Manch Senior sitzt wie ein Stockfisch neben seiner Frau und starrt minutenlang ins Leere. Schlager lullen von der Decke. Die ersten Flaschen aus dem Duty Free werden heimlich in Gläser umgefüllt und auf Ex geleert. Unzählige Zigarettenschachteln werden aufgebrochen, so dass sie als eigene schon mitgebrachte deklariert werden können. Auch die restlichen Waren werden zollgerecht auf alle verteilt und gelangen gegen 18 Uhr ans deutsche Ufer.

Nach zwei Stunden Busfahrt mit dem Radiosong "Schabernack, Kakarlakak, Schabernack" werden die Schnäppchenjäger in Berlin ausgespuckt und verschwinden in dunklen Seitenstraßen und spärlich beleuchteten U-Bahnschächten. Sie sind wieder zu Hause, den Kopf voller Milben, Alkohol und unter dem Arm ein Kissen oder den Kaufvertrag einer Matratze, die demnächst geliefert wird.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 08.06.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare