Der mit dem Lachs tanzt

Alltag Warum der glücklichste Tag im Leben auf keinen Freitag, den 13., fallen sollte

Alle hatten sie gewarnt. "Wir heiraten aber doch am Freitag, dem 13.! Wir sind nicht abergläubisch!", lachten sie fröhlich und blieben standhaft. Es war eine dieser symbolträchtigen Verbindungen in der Zeit um die Wende: Oleg kam aus den Weiten des zerfallenden Ostblocks, Anja stammte aus einer schwäbischen bürgerlichen Familie, die im Begriff war, die Hürde zum Großbürgertum zu nehmen: Zum zweiten Wagen hatten sie gerade ein zweites Haus erworben, die künftige Schwiegermutter gönnte sich inzwischen Golfunterricht, ihr Mann Gewehr und Jagdschein. Und da war nun dieser Schwiegersohn ohne Sparbuch, ohne Job, ohne Wohnung, ohne Aufenthaltserlaubnis. Sie hegten den starken Verdacht, dass gerade die Aussicht auf diese letzte, ultimative Annehmlichkeit des unbesorgten Lebens Oleg zum Schritt vor den Altar bewegte. Natürlich dachten sie das nur heimlich. Mit uns, den Hochzeitsgästen, kommunizierten die Schwiegereltern mit leicht gezwungener Freundlichkeit, dem Bräutigam gegenüber hielten sie ein breites Lächeln parat, wandten sich an den Helden des Tages aber nur in äußersten Notfällen. "Deine Schwiegereltern wirken ja gar nicht glücklich!", flüsterte ich meinem Landsmann ins Ohr. "Ganz im Gegenteil! Ich glaube, sie sind sehr glücklich, dass ich kein Afrikaner oder Indianer bin!", entgegnete Oleg. Natürlich im Scherz. Anjas Eltern waren keine Rassisten. Aber der Gedanke, sie könnten plötzlich sterben und dieser fremde, oft leicht betrunkene Mann würde auf ihren Ledersesseln dösen, dieser Gedanke störte sie doch. Er würde ihre Kognaks genießen und mit Vatis Gewehr rumlaufen - also all das tun, was sich Vati erst nach Jahrzehnten ordentlicher Arbeit gönnen konnte. Diese potenzielle Ungerechtigkeit machte ihnen zu schaffen. Und sie ahnten, dass der Bräutigam ein Taugenichts war.


Leider bestätigte sich dieser Verdacht. Eheglück genoss das Multi-Kulti-Paar genau für ein Jahr, dann zeigten sich erste Risse. Im dritten Jahr wussten sämtliche Nachbarn, wie Herr Kaschkin mit Vornamen hieß, dass seine Socken überall rumflogen und seine Lieblings-Salzheringe stanken. Im fünften Jahr glühte die Lava und die Scheidung im verflixten siebten Jahr glich einem Vulkanausbruch.

Anja fand Trost im Schoß ihrer Familie, ihre Eltern waren gut zu ihr, aber bei allem Mitleid auch keine Übermenschen. Ihr Wir- haben-es-dir-doch-gesagt konnten sie ihrer Tochter nicht ersparen. Das war der Tropfen zuviel: Anja warf sich aufs Ledersofa und schluchzte und dachte an den Tag, der als "der glücklichte des Lebens" gelten sollte. Warum, warum hatte sie all die von der Vorsehung arrangierten Warnungen ignoriert?

Die Hochzeit war, wie gesagt, an einem Freitag, den 13. in Berlin gefeiert worden. Anjas Eltern hatten sich bei dieser Gelegenheit nicht besonders spendabel gezeigt. Die Verlobten hatten für 200 Mark ein Lokal gemietet. Es war der Saal einer Diakonie, ein großer Halbkellerraum mit mehreren Tischen und einem kleinem Podium in einer Ecke. Die Eltern liehen Geschirr bei einer Firma und bestellten Essen bei einem Cateringservice, das sie aus Kostengründen selbst transportierten.

Einige absichtlich verfrühte Gäste deckten gerade die Tische, ein Profigast fummelte an der Musikanlage herum, das vom Glück schon etwas angedetschte Brautpaar eilte Hand in Hand zur Tür empor, als die Schwiegereltern erschienen. Das Buffet sei bereit, im Kofferraum ihres PKW. Wir räumten drei Tische frei und stellten sie für die Leckereien zusammen. Als die schöne weiße Decke auf die Tafel fiel, gingen die Schwiegereltern hinaus. Genau sechseinhalb Minuten standen sie wieder in der Tür. Mit leeren Händen. "Das Essen ist weg. Unser Wagen ist geklaut!" Sie standen da wie ein vom Schicksal geschlagenes Königspaar aus einer griechischen Tragödie. "Vielleicht abgeschleppt?", räusperte sich einer der Gäste. "Nein, unser Mercedes ist gestohlen". Plötzlich bewegte sich alles, alle drängten nach draußen, um die leere Stelle am Straßenrand zu untersuchen. Der Schwiegervater rannte zur Telefonzelle und begann lange Unterredungen mit der Polizei, die Gäste liefen zu einem anderen Telefonhäuschen, um Pizzen bei einem Lieferrestaurant zu bestellen.

Die Hochzeitsgesellschaft erholte sich relativ schnell, formierte die Reihen neu und füllte die Gläser. Die Pizzen trafen ein, und das Fest begann mit drei Stunden Verspätung. Eine Weile lief alles wie am Schnürchen. Nur Anjas Eltern fiel es jetzt noch schwerer, echte Freude zu zeigen. Beim ersten Tanz, als Oleg mit der Brautmutter tanzte, trampelte er ihr auf den Fuß. "Tschuldigung" stieß er aus und verbeugte sich. "Das macht nichts", entgegnete die Mutter freundlich und setzte sich verdutzt in eine Ecke, die abgerissene glitzerndene Schuhschnalle in der Hand.

Etwa um Mitternacht stolperte die Trauzeugin unter ABBA-Rhythmen mit den Hüften wackelnd über die Kante des kleinen Podiums am Rande und fiel bewusstlos zu Boden. Der Krankenwagen kam, stellte einen Knochenbruch fest, und verlud die heulende dancing queen.

Die Tanzfreude war dahin. Die Gäste saßen noch etwas an ihren Tischen, sprachen leise miteinander und bald sammelten sie, in den sanften Wellen von Duke Ellington, das ausgeliehene Geschirr auf einem Tisch. Gerade unter diesen Tisch sprang ein Manschettenknopf des Schwiegervaters. Als er sich müde und ächzend niederkniete und dabei ans Tischbein stieß, stürzte mit einem furchtbaren Knallen eine Lavine weissen Porzellans auf den Mann. Die Kaution für das Geschirr war vierstellig.


Inzwischen mag Anja diese Musik nicht mehr: Mit Ellington hatte das junge Ehepaar in der ersten Zeit versucht, seine Auseinandersetzungen zu übertönen. Ohne Erfolg: Die kleinen Mädchen im Hinterhof kicherten und sangen dem Paar hinterher: "Oleeeeeeg, wer hat das Loch ins Sofa gebrannt?"

Als wahr erwiesen sich leider nicht nur sämtliche Vorurteile gegen Schwaben (fleißig, geizig), sondern auch die gegen Russen. Oleg war sehr belesen und dabei unordentlich und überaus faul. Er besaß keinerlei Ambitionen aber eine leidenschaftliche Neigung fürs Kulinarische. Ein glücklicher Zufall verschaffte ihm einen Platz an einem Fabrikfließband, was ihm erlaubte, seine Vorstellungen von Wohlstand in jeder Beziehung zu verwirklichen. Nach der Arbeit sprang er zum prallgefüllten Kühlschrank, häufte ein neungängiges Abendessen auf den Tisch und griff zu verschiedenen Zeitungen. Den Rest des Abends verbrachte er gähnend und verdauend auf dem Sofa, mitten in einem Bücherhaufen. Anfangs tolerierte seine Frau sein Hobby, in der Hoffnung, es würde irgendwelche Dividenden bringen. Doch das tat es nicht. Oleg verschlang mindestens ein Dutzend Sachbücher im Monat, beherrschte sechs Fremdsprachen und Esperanto, er wusste, mit welcher Geschwindigkeit eine Biene durch die Luft saust, wieviel Tonnen Gold die Kreuzritter aus Byzanz mitnahmen und wo Nobel geboren wurde. Aber er blieb an seinem Fließband stecken.

Anja wiederum zeigte immer stärkere Neigung zu Ordnung und Innovation. Nach ihrem Politologie-Studium absolvierte sie ein Praktikum im Bundestag, wo sie bei Empfängen auf den Geschmack von Sekt und winzigen Pastetchen kam. Oleg missachtete diese minimalistischen Mahlzeiten und blieb lieber auf seinem Sofa, wo er seine sieben Sorten Wurst in Reichweite hatte. Glanz und Erfolg reizten ihn nicht. Tief in seiner Seele blieb der diplomierte Philologe den Idealen seinen aufgeklärten sowjetisch-proletarischen Vorfahren treu. Im Bett wurde er immer träger, im Haushalt agierte er wie ein Schädling: Ständig hantierte er mit Essen und ließ überall Reste liegen. Er legte Pilze in Kochtöpfen und Sauerkraut in Eimern ein. Er kochte in zyklopischen Mengen Marmelade und Kompotts. Er brachte ganze Lachse und wickelte sie in ein feuchtes Salztuch. Auch Salzheringe im Ganzen kaufte er und zerlegte sie im Haus.

Vor allem Olegs Fischpassion machte Anja rasend. Sie stand dem Essen strikt pragmatisch gegenüber: Gekauft, gekocht, gegessen, die Krümel weggewischt und die Gerüche weggelüftet. Am liebsten hätte sie nur noch in Restaurants gegessen, was sie auch immer öfter tat: in netter, gepflegter Atmosphäre, unter kultivierten Kollegen. Zu Hause fühlte sie sich immer unglücklicher und gezwungen, einen Kampf um ihre Rechte zu führen. Zuerst verbot sie das Borschtschkochen, um die ohnehin schon rotebeetebeschmierten Küchenwände zu schonen. Dann legte sie Veto gegen das Sauerkraut ein. Da sie Süßes liebte, tolerierte sie nur die Marmeladenworkshops noch eine Weile lang.

Eines Sommers sammelte Oleg in der Umgebung Berlins Unmengen von Kirschen und weckte ein Dutzend Gläser Kirschkompott ein. Irgendetwas Wichtiges musste er bei diesem Prozess versäumt haben, jedenfalls explodierten einige Tage später die Gläser unter furchtbarem Knallen, eins nach dem anderen, in Anjas Anwesenheit. Die weißen Wände klebten nun voll Kompott, das angegoren war und schon etwas stank. Anjas Augenbraue wurde durch einen Glassplitter verletzt. Das Blut mischte sich mit den Kompottspritzern - als Oleg nach Hause kam, sah sie fürchterlich aus. Sie nahm dem Ahnunglosen den gefrorenen Lachsscheit aus der Hand, schlug ihm mit dem harten Fischkadaver gegen den Kopf und stieß ihn die Treppe herunter. So endete das Eheleben eines Paares, das es gewagt hatte, sich an einem Freitag, den 13. zu vereinigen.

Bald darauf heiratete Anja einen Kollegen und wohnt seither in einer Dachgeschosswohnung in Berlin Mitte. Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt liegt Oleg auf dem Sofa. Er hat drei Kinder und eine russische Frau, die ihm zum Abendborschtsch sechs Sorten Wurst und Dorschleber serviert. Während er liest und isst, paart sie singend seine gewaschenen Socken.

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00:00 13.06.2008

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