Der mit der Politik tanzt

Nummern-Revue mit nackten Worthülsen Der Kabarettist Reiner Kröhnert und sein Programm "Sieben gegen Schröder"

Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht los", fleht ein Hüne von fast zwei Metern Größe. Im weißen Anzug mit Weste und korrekt geknüpfter Krawatte steht er auf der Bühne. Seine Körperhaltung ist leicht gebeugt, er sucht nach Contenance. Gerhard Schröder, Angela Merkel, Friedrich Merz Co. spuken in seinem Kopf umher, wollen ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Schizophrenie? Multiple Persönlichkeit? Nein, Reiner Kröhnert ist Polit-Parodist. Seit zwanzig Jahren schlüpft der 44-jährige Kurpfälzer in die fremden Leiber von Politikern, sucht nach ihrer Seele. Der Kröhnertsche Stoßseufzer aus Goethes Zauberlehrling ist die Zugabe seines aktuellen Soloprogramms Sieben gegen Schröder, mit dem er das letzte Halbjahr von München über Berlin bis in den Hamburger Norden gastierte.

Während das Gros seiner Berufskollegen ins Comedy-Wasser übergewechselt sind, hält Kröhnert unbeirrt die Fahne des politischen Kabaretts hoch - durch die fast aussterbende Kunst der Politparodie will er die Exekutive zum Tanz fordern und an die Tradition eines Hanns Dieter Hüsch, Dieter Hildebrandt und Wolfgang Neuss anknüpfen. Durch Nachahmung und Übertreibung körperlicher und charakterlicher Auffälligkeiten formt Kröhnert auf der Bühne politische Karikaturen, die auf eigentümliche Weise einen Blick hinter das sorgsam PR-gepflegte Image der Mandatsträger gestatten.

Ein volles Jahr lang hat er mit seinem Regisseur und Co-Autor Wolfgang Marschall an seinem fünften Soloprogramm Sieben gegen Schröder gearbeitet, an den Figuren und Texten gefeilt. Doch kein Auftritt gleicht dem nächsten, ständig verändert und aktualisiert er selbstkritisch die Dialoge, verfeinert die Gesten, die Mimik der parodierten Figuren. Zu seinem Ensemble zählen mehr als ein Dutzend amtierender und ehemaliger Bundestagsmitglieder - "so gesehen, könnte Reiner Kröhnert den ganzen Bundestag ersetzen", schrieb Die Zeit.

Aber Kröhnerts Figuren sind - im Gegensatz zu manchem Original - ein optischer und akustischer Genuss. Noch bevor er eine Person sprechen lässt, nimmt er den Gesichtsausdruck und die Bewegungen von Gerd, Angie Co. an. Angela Merkel zieht ihre Schultern nach oben, die Mundwinkel nach unten. Ohne Requisiten karikiert Kröhnert im rasanten Eiltempo, stimmig bis in die feinsten Nuancen, Merkels leicht depressive Mentalität. "Mich will ja keiner, weil ich eine Frau und aus dem Osten bin", seufzt die Arme. Und man bekommt als Zuschauer fast Mitleid mit Helmut Kohls einstiger Wunderwaffe. Sekunden später zucken plötzlich Kröhnerts Mundwinkel, wie ein Panther im Käfig schreitet er majestätisch auf und ab - und man sieht unverhofft Klaus Kinski vor sich stehen. Erich Honecker ist Kröhnerts nächstes Alter Ego: "Genossn und Genossnnen", in alter sozialistischer Verbundenheit verschluckt Honecker, auf dem Haupt die obligatorische Pelzmütze, ganze Wortsilben, hebt zur militärischen Marschmusik vom Band die geballte Faust. Doch die politische Illusion wird erst komplett, wenn Kröhnert unverblümt die Worthülsen unserer Politiker konterkariert - es ist die Syntax, die Wortwahl, die so typisch für die parodierte Person ist. "Würden Sie, wenn ich Ihnen diese Frage morgen noch einmal stelle, genauso darauf antworten, Herr Kanzler", fragt Talk-Veteran Erich Böhme und fuchtelt wie wild mit seiner Brille, als ob er damit die Gedankenblitze seines Gegenübers ableiten wolle. "Ja und nein, je nachdem", antwortet der Noch-Kanzler Schröder. Durch Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche versucht Kröhnert, pointiert und effektiv zu sein, der schauspielerische Minimalismus ist seine Stärke. Damit gelingt es ihm, nicht nur zu imitieren, sondern die Parodierten entfalten ein Eigenleben, gewinnen sozusagen an künstlerischem Profil.

In Sieben gegen Schröder versammelt sich ein ganzes Aufgebot zur kabarettistischen Polit-Talkshow: Edmund Stoiber, Peter Hintze, Friedrich Merz, Volker Rühe, Hans-Dietrich Genscher. Und Daniel Cohn-Bendit schabernackt als politischer Pumuckl dazwischen, während Boris Becker einfach im politischen Strom mitschwimmt. Und alle gegen Gerhard Schröder? Man könnte Kröhnert vorwerfen, dass viele seiner parodierten Politiker schon im Ruhestand seien. "In der Politik ist es wie im Kabarett", hält er dagegen, "ein Hans-Dietrich Genscher verhält sich zu Guido Westerwelle, wie Dieter Hildebrandt zu Stefan Raab - dazwischen liegen Welten."

Auch scheinbar unpolitische Gestalten bekommen in Kröhnerts Figurenkabinett zugespitztes Profil oder tragen zur Profilierung der Politiker bei: In Rita Süssmuth ist der Erlöser gefahren, der sich als Klaus Kinski offenbart. Wild zuckt es um Kinskis Erdbeermund, aus dem vulgäre Beschimpfungen gleich einem Wasserfall bersten, und man glaubt dem Filmregisseur Werner Herzog aufs Wort, dass Kinski zu Lebzeiten sein liebster Feind war. "Euren Weibern sollen vom Arsch die Falten in die Visagen wandern", rüpelt Kinski. Nur einen Lidschlag später steht dann wieder ein quick-fideler, aber staubtrockener Friedrich Merz auf der Bühne. Im plötzlichen Kontrast offenbart sich eine komische Fallhöhe, die nicht unbedingt zu Gunsten des letzteren ausfällt.

Aber wo sind wir hier eigentlich? Auf dem Münchner Nockherberg, beim "Politiker-Derblecken", wo regelmäßig die Polit-Prominenz durch den bayerischen Kakao gezogen werden? Oder beim Mainzer Karneval? "Etwas Jedermann, eine Prise Faust und als Zugabe noch jede Menge Oberammergauer Passionsfestspiele", charakterisiert der Kabarettist selbst sein Programm. Ganz bewusst spielt Kröhnert auf Bühnen wie der legendären "Lach- und Schießgesellschaft", während Michael Mittermeier, Dieter Nuhr und andere. längst lukrativere Spielstätten bevorzugen. "Hier weht dieser feinsinnige Geist, den Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch noch heute verbreiten," glaubt er. Kröhnert will mit seinem Programm politisieren, ihm genügt es nicht, eine Pointe nach der anderen zu setzen, nur damit sein Publikum sich amüsiert. Auf verbale Attacken unter der Gürtellinie und Mainstream-Comedy in Ingo-Appelt-Manier verzichtet er ganz.

Einem kabarettistischer Spürhund gleich glaubt Kröhnert vor der nahenden Bundestagswahl eine intellektuelle Strömung im Stile der "Stoppt Strauß"-Bewegung gewittert zu haben. Obwohl er sich nicht als ausgewiesenen Schröder-Freund bezeichnet, möchte er dazu beitragen, "eine zunehmende Durchstoiberung zu verhindern." Gewinnen die Christdemokraten die Bundestagswahl, will er sein Programm allerdings nicht mehr spielen - es wäre dann für ihn nicht mehr stimmig.

00:00 20.09.2002

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