Der Mob vor dem Galgen

Todesstrafe Wie die Professionalisierung des Publikums zur Professionalisierung der Hinrichtung führte: Ein Rückblick auf die Entwicklung der Exekution

Die Vollstreckung der Todesstrafe hat sich in den letzten 150 Jahren immer wieder gewandelt – oft entgegen der öffentlichen Meinung. Annulla Linders, Soziologin der University of Cincinnati, fand sogar heraus: Die moderne Hinrichtung begann, weil man mit der Reaktion des gemeinen Volks unzufrieden war. Valentine Wagner war drei oder vier Jahre alt, als er in den 1830ern mit seinen Eltern von Deutschland in die USA auswanderte. Seine Familie siedelte sich in Morrow County mitten in Ohio an. Als Erwachsener war er ein erfolgreicher Landwirt. Er war verheiratet und hatte viele Kinder. Am 18. Dezember 1882 stritt er sich – wie so oft in den Jahren zuvor – mit seinem Schwager Daniel Sheehan. Wagner glaubte, Sheehan würde Wagners Schwester misshandeln und hätte sie nur geheiratet, um an Wagners Geld zu kommen. Wagner war betrunken. Es war früher Abend. Er nahm sein Gewehr und erschoss Sheehan.

Am 31. Juli 1885 wurde Valentine Wagner am Galgen hingerichtet. Kurz davor hatte der Bundesstaat Ohio ein neues Gesetz verabschiedet: Vollstreckungen dürfen nur noch in Gefängnissen vor einem ausgewählten Publikum stattfinden. Wagner war der erste, für den die Regeln galten. Einem Reporter des Cincinnati Enquirer gefiel die „düstere und abstoßende Erscheinung“ des neuen Vollstreckungsraumes. Der Columbus Dispatch erklärte Wagners Hinrichtung zu „einer der perfektesten der Geschichte – noch bevor der Arzt den Körper erreichen konnte, hatte der Puls aufgehört zu schlagen“. Der verantwortliche Sheriff Dawson habe danebengestanden und gegrinst „wie die Braut auf der Hochzeit”, so der Cincinnati Enquirer, weil alles so exzellent geklappt habe.

Zwölf Jahre später vollstreckte der Staat Ohio erstmals die Todesstrafe mit einem elektrischen Stuhl. Derselbe Cincinnati Enquirer verkündete, dass der Galgen, ein Relikt der Barbarei, endlich Geschichte sei. Die neue Methode käme ohne die „fürchterlichen Merkmale“ der alten aus – ein „fabelhafter Erfolg“. Was war passiert? Nicht viel, glaubt Soziologin Annulla Linders von der Universität Cincinnati. „In Wirklichkeit war bereits Wagners Hinrichtung in gewissem Sinne modern – beide Exekutionen sind unterschiedliche Formen eines grundlegenden Wandels im strafrechtlichen Verständnis der westlichen Gesellschaft“. Linders hat zu diesem Thema in den letzten Jahren die Berichterstattung über die Todesstrafe analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass Vollstreckungen dank neuer Erkenntnisse über den Sterbeprozess immer effizienter und weniger brutal durchgeführt wurden.

Gerädert und geflochten

Und brutal waren sie: Bis ins 19. Jahrhundert hatte man in Deutschland Verbrecher noch „gerädert“. Der Verurteilte wurde auf dem Boden festgebunden, der Scharfrichter ließ ein schweres Eisenrad – später eine Eisenkeule – auf ihn fallen, um sämtliche Knochen zu brechen. Rhythmus und Anzahl der Schläge waren vorgeschrieben. Danach wurde der Leib in ein Rad geflochten, das Rad wurde aufgerichtet und der Verurteilte enthauptet oder erdrosselt. Der Journalist Matthias Blazek hat 2010 für die Zeitschrift für Regionale Forschung und Heimatpflege Südniedersachsen die vermutlich letzte „Räderung“ in Deutschland recherchiert.

Andreas Christoph Beinhorn aus dem Dorf Grone – heute ein Stadtteil Göttingens – hatte aus Habsucht Vater und Schwester ermordet. Am 10. Oktober 1828 wurde er auf einer Kuhhaut zum Göttinger Richtplatz geschleift. „Hingestreckt auf einen kreuzähnlichen Holzblock wurden dem Verbrecher mittelst eiserner Keulen durch 12 Schläge die Knochen zerschmettert, und er dann auf ein etwa 20 Fuß von der Erde erhobenes Rad geflochten“, hieß es damals im Eisenbergischen Nachrichtsblatt. Allerdings waren solche Methoden eher die Ausnahme. „Die gängige Hinrichtungsart war bis 1840 die des Schwertes, danach zunächst des Richtbeiles und der Guillotine“, sagt Blazek.

Annulla Linders glaubt, der Wandel zu modernen Hinrichtungen ging zunächst weniger von der Brutalität als von der Unzufriedenheit mit dem Publikum aus. Ein Journalist des North Star ekelte sich vor dem „vulgären und profanen Volk“, das sich im Allgemeinen aus dem „dümmlichen Teil der Bevölkerung“, so die National Police Gazette, zusammensetzte. Von staatlicher Seite befürchtete man, dass die Hinrichtung längst ein fröhliches Ereignis und damit nicht abschreckend genug sei. Die Bundesstaaten verlegten Hinrichtungen folglich vom öffentlichen Ort hinter die Gefängnismauern – und vor ein geladenes Publikum. „Diese Bestimmungen waren vage“, sagt Annulla Linders. „Es hieß einfach nur, dass dort ehrbare und angesehene Bürger sitzen sollten”. Wer das war, bestimmten die Sheriffs nach Gutdünken – die einen luden 20, die anderen 200 ein. Einige Sheriffs verkauften Eintrittskarten. Nebenbei entstand sogar ein blühender Schwarzmarkt, auf dem Geschäftstüchtige auch gefälschte Tickets feilboten.

Das Publikum setzte sich aus Geschäftsleuten, Anwälten, Politikern und Journalisten zusammen. Das gehobene Niveau der Gäste hatte Folgen auf die Stimmung. „Von dem Moment an, als die Gefangenen aus dem Korridor traten, herrschte strengste Stille“, schrieb ein Reporter im Philadelphia Bulletin. „Sämtliche Vorgänge waren von einer hohen Anständigkeit geprägt, sehr ernst und deshalb äußerst schmerzhaft“, so der Boston Globe. Allerdings erwies sich auch die bessere Gesellschaft manchmal als laut, betrunken und rauflustig. „Schlimmer war, dass einige Zuschauer während des Verfahrens lachten oder Witze machten“, sagt Annulla Linders. „Offensichtlich reichte die Seriosität der ‚Gentlemen’ nicht immer aus, um Exekutionen die Aura von Ernsthaftigkeit zu verleihen, die Kritiker sich wünschten.“

Journalisten als Vollstrecker

Die Lösung des Dilemmas war eine Professionalisierung des Publikums. Bei einer Hinrichtung in New York im Jahr 1876 waren nur noch Zeugen zugelassen, die aus beruflichen Gründen kamen – vornehmlich Journalisten und Ärzte. „Dies ebnete den Weg für eine Reihe neuer Bewertungskriterien für die Vollstreckungen“, sagt Linders. So kritisierte ein Reporter des Brooklyn Eagle, dass der Sheriff ein dünnes Baumwollseil verwendete, das leicht reißen könne und außerdem viel zu lang sei, um die Schlinge zu straffen. Die Zeitungen kommentierten alles: die Konstruktion des Schafotts, die Maße der Senkung, die Fähigkeiten des Henkers und die Vorbereitungen der Behörden. So führte die Professionalisierung des Publikums zu einer Professionalisierung der Hinrichtungsmethode. Die Vollstrecker prüften vorab ausgiebig die Ausrüstung und schulten das Personal.

Für die Journalisten waren Hinrichtungen lohnende Ereignisse. Sie waren dramatisch und führten zu einem unwiderruflichen Finale: das Gute siegt über das Böse, Ordnung über Chaos. Die Reporter bemühten sich um eine objektive Berichterstattung und beschrieben die Hinrichtungen in allen Details. Der Sheriff liest den Vollstreckungsbefehl, der Verurteilte wird zum Galgen gebracht, die Schleife ausgerichtet, der Körper fällt und schließlich wird der Strick durchgeschnitten. „Früher folgten Hinrichtungen keinem Zeitplan“, sagt Annulla Linders. „Oft dauerte es Stunden, bis alles vorbei war“. Die neue Berichterstattung förderte die Effizienz einer Hinrichtung. Schließlich interessierten sich die Reporter sogar für den Todeskampf und lenkten damit den Fokus auf den Sterbeprozess. Für die Behörden war das ein Problem, wenn der Prozess zu lange dauerte und die Kritik entsprechend laut wurde. Damit wuchs die Bedeutung der Ärzte.

Ärzte nahmen ursprünglich aus Eigeninteresse an Hinrichtungen teil: Für sie war es eine gute Gelegenheit, den Sterbeprozess zu studieren und leicht an Leichen für Untersuchungen zu kommen. Ärzte hatten erst einmal nur die Aufgabe, den Tod offiziell zu verkünden. Sie machten es sich einfach: Sobald der Körper 30 Minuten am Galgen hing, galt er als tot. Später mussten sie den Sterbevorgang messen, um den exakten Todeszeitpunkt zu bestimmen. Ein Reporter des St. Louis Republican beschrieb so eine Szene: „Als die Körper nach unten schossen, sprangen der Gerichtsmediziner und ein halbes Dutzend Ärzte nach vorne, packten die Handgelenke der Männer, die da hin- und herschwangen; jeder Prüfer hielt eine Uhr in seiner Hand und verkündete jede Minute den Pulsschlag“. Die Ärzte entnahmen manchmal nach dem Tod Organe, um sie zu vermessen, führten Tests mit galvanischen Batterien durch, versuchten Wiederbelebungen oder andere Experimente.

Der Einfluss der Ärzte veränderte das Verständnis von Schmerz und Leid. Sie widerlegten die Vorstellung, dass äußere Anzeichen die Qualen der Hingerichteten widerspiegeln. Bei einer Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl in New York im Jahr 1890 erklärten die Ärzte einen Verurteilten nach wenigen Sekunden für tot. Der Strom wurde abgestellt, doch die Lippen des Mannes zitterten, seine Brust bewegte sich und er stöhnte. Die Ärzte erklärten sich das mit einer reflexartigen Unterleibsbewegung – der Mann war bereits tot. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse über Schmerzempfinden trieben die Entwicklung der Hinrichtungsmethode voran. Je schneller der Verurteilte starb, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass Ärzte und Journalisten den Vorgang kritisierten. Elektrizität war aus diesem Grund beliebt: Sie führt so schnell zum Tode, als würde der Verurteilte „unmittelbar von einem Blitz erschlagen“ werden, schrieb der Scientific American.

Valentine Wagners Hinrichtung war aus diesen Gründen modern: Der Tod trat schnell ein, die Erwartungen des Publikums – geringe Grausamkeit, Effizienz und Professionalität – wurden erfüllt. „Vermutlich führten dieselben Ansprüche zur Entwicklung der späteren Giftspritze“, sagt Linders. Allerdings kann auch die Soziologin nicht erklären, warum Hinrichtungen in den USA heute populärer sind als in vielen anderen Ländern. „Diese Entwicklung war in den 1960ern nicht abzusehen,“ sagt sie. Damals habe es sogar eine kleine Mehrheit für die Abschaffung der Todesstrafe gegeben. „In den USA liegt die Todesstrafe allerdings im Verantwortungsbereich der Bundesstaaten, und politische Einrichtungen sind weniger isoliert voneinander als in Europa“, sagt Linders. Daher sei die Todesstrafe stärker von der öffentlichen Meinung und von Wahlen abhängig.

Auch in Deutschland war das Ende der Todesstrafe nicht unbedingt Wille des Volkes – und schon gar kein Akt der Humanität. Ausgerechnet die nationalkonservative Deutsche Partei hatte 1948 für die Abschaffung der Todesstrafe plädiert. Einfacher Grund: Sie wollten verhindern, dass NS-Kriegsverbrecher hingerichtet wurden. SPD und CDU schlossen sich dem Antrag an. 1949 trat das Verbot in Kraft. Hätte die Bevölkerung mitbestimmt, hätte es auch anders laufen können. Noch in den 1960er Jahren waren etwa 70 Prozent für die Todesstrafe. Die Stimmung wandelte sich zwar in den Folgejahren, doch die RAF beflügelte sie wieder – 67 Prozent der Deutschen wollten nach einer Emnid-Umfage Terroristen hingerichtet sehen.

Weitgehend berechenbar

In der Bundesrepublik fand die letzte Hinrichtung am 18. Februar 1949 in Tübingen statt. Damals wurde der 28-jährige Raubmörder Richard Schuh mit dem Fallbeil getötet. Zwischen 1933 und 1945 wurden indes 16.560 Todesurteile gefällt, davon etwa 12.000 vollstreckt. Außerdem wurden ca. 20.000 Todesurteile von Kriegsgerichten ausgesprochen. Die vermutlich letzte Hinrichtung im gesamten Deutschland fand im Juni 1981 in der DDR in Leipzig statt. Der 39-jährige Stasi-Hauptmann Dr. Werner Teske wurde wegen Spionage mit einer Armeepistole erschossen. Die Exekution des Sexualstraftäters und Kindermörders Erwin Hagedorn war 1972 die letzte Hinrichtung nach zivilem DDR-Strafrecht.

In den USA ist die Todesstrafe heute in 34 Bundesstaaten erlaubt. 2010 wurden 46 Menschen hingerichtet. Die weitgehend berechenbaren Vorgänge bei heutigen Hinrichtungen haben zwar laut Annulla Linders dazu geführt, dass sich Zeitungen bei Berichten zurückhalten, doch beliebt sind diese nach wie vor. Jon Craig etwa ist Reporter in Ohio und hat schon zahlreichen Hinrichtungen beigewohnt. Er schreibt unter anderem für den Cincinnati Enquirer. „Für den Enquirer sind solche Artikel noch immer sehr wichtig“, sagt er. „Vor allem wenn die Mörder aus der Gegend kommen“. Die Leser wollten so viele Details wie möglich hören. Für ihn selbst sind Hinrichtungen inzwischen Routine. „Nach einer der ersten Hinrichtungen konnte ich wochenlang nicht schlafen,“ so Craig. „Ich studierte sämtliche Beweise und war überzeugt, dass auch jemand anders dieses 11-jährige Mädchen getötet haben könnte.“

Zuletzt wurde in Ohio am 17. Februar der 59-jährige Frank Spisak mit einer tödlichen Injektion getötet. Spisak hatte vor 30 Jahren auf dem Campus der Cleveland State University drei Menschen erschossen. Spisak hatte als Grund für die Morde angegeben, er folge der Ideologie von Adolf Hitler. Im Gerichtssaal war er mit einem Hitler-Bärtchen erschienen.

Boris Hänßler schrieb im Freitag zuletzt über Rückschläge bei der Suche nach Außerirdischen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:00 25.05.2011

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1