Der Mord an Trainer Woolmer (IV)

Sportplatz Jähes Ende einer interessanten Ermittlung

Was als Mordfall monatelang die Cricket-Welt in Atem hielt, hat sich nun als stressbedingter Herztod herausgestellt - und hält die Cricket-Welt noch immer in Atem. Nachdem ein auf Strangulations-Verbrechen spezialisierter südafrikanischen Pathologe in seinem Gutachten zu dem Schluss kam, dass der Trainer der pakistanischen Nationalmannschaft, Bob Woolmer, nicht erwürgt worden ist, hat die jamaikanische Kripo ihre mehrmonatigen Mordermittlungen beendet (s. Freitag 14, 16, 21/07).

Erledigt ist der Fall Woolmer damit jedoch noch lange noch nicht, denn vor allem die Polizeibehörden stehen nun in der Kritik. Die Beamten seien viel zu früh mit der Mordtheorie an die Öffentlichkeit gegangen, lautet einer der Vorwürfe, dadurch seien unnötig Spekulationen angeheizt worden.

Der offensive Umgang mit den Medien sei wichtig gewesen, verteidigte sich der ermittelnde Kriminalpolizist Mark Shields kurz nach der offiziellen Einstellung der Ermittlungen. "Hätten wir nichts gesagt und keine Pressekonferenzen abgehalten, wären wir völlig zu Recht dafür kritisiert worden. Man hätte uns dann vorgeworfen, wichtige Informationen zurückzuhalten, und vielleicht sogar bezichtigt, einen Mord zu vertuschen." Man habe sich "ganz bewusst" dazu entschlossen, "so viele Informationen wie möglich öffentlich zu machen, ohne die gleichzeitig laufenden Ermittlungen zu gefährden."

Während Shields mittlerweile von seinen Vorgesetzten einen Maulkorb verpasst bekommen hat und die Geschichte um den toten Cricket-Coach für ihn wohl ausgestanden sein dürfte, muss ein anderer Beteiligter um seinen Job fürchten: Der indischstämmige Pathologe Dr. Ere Seshaiah, der die erste Obduktion an Woolmers Leiche durchgeführt hatte. Pathologen sind zwar genauso wenig unfehlbar wie alle anderen Menschen, ihre Fehler haben jedoch weiterreichende Konsequenzen als bei den meisten anderen Berufsgruppen.

Dr. Ere Seshaiah gibt zudem einen ganz wundervollen Sündenbock ab. Aus pakistanischen Cricket-Kreisen wird gern darauf verwiesen, dass er in Indien geboren wurde und ihm allein schon deswegen kein objektives Urteil über die Todesursache des Nationaltrainers Pakistans zuzutrauen sei. Jamaikanische Politiker sehen Seshaiahs Diagnose, je nach Parteizugehörigkeit, entweder als Beweis dafür, wie voreingenommen die Polizeikräfte des Landes und alle ihr angeschlossenen Stellen ermitteln oder wie schlecht sie ausgestattet und ausgebildet sind.

Die jamaikanische Öffentlichkeit betrachtet den Pathologen indes als Hauptschuldigen für die weltweiten Negativschlagzeilen über das eigene Land. Und Funktionäre des pakistanischen Cricket-Nationalteams kündigten bereits an, gegen den Arzt klagen zu wollen. Spieler und Funktionäre hatten in den ersten Tagen nach Woolmers Tod als Verdächtige gegolten, sie waren erkennungsdienstlich behandelt worden und mussten Fingerabdrücke und DNA-Proben abgeben, bevor sie schließlich Jamaika verlassen durften.

Pervez Jamil Mir, Pressesprecher der Mannschaft, erklärte, er sei "sehr dafür, alle juristischen Möglichkeiten auszuschöpfen, denn das pakistanische Team wurde unter Generalverdacht gestellt und sein Name beschmutzt." Die Mannschaft sei von den Ereignissen buchstäblich überrollt worden, "gerade hatten wir Bob noch im Hotel auf dem Boden liegen sehen (...), und dann ging es innerhalb eines einzigen Tages auch schon los, die Strangulierungs-Theorie, die Vergiftungs-Theorie, alle möglichen Theorien prasselten auf uns ein." Er wolle vor allem wissen, woher diese Mord-Hypothesen so plötzlich gekommen seien, sagte Mir gegenüber dem Sender Sky Sport.

Dr. Ere Seshaiah bleibt jedoch bei seiner Diagnose. Gerade erst sagte er in einem Interview, dass ihn die gegenteiligen Berichte internationaler Pathologenkollegen nicht überzeugt hätten. Diese Bockigkeit ist erstaunlich, denn der Pathologe könnte sich das Leben ganz schnell sehr einfach machen. Er müsste nur auf einer extra anberaumten Pressekonferenz seinen Irrtum bedauern und als Gründe die schlechte technische Ausstattung der Obduktionsteams, die mangelnden Fortbildungsmöglichkeiten und die durch die ständig steigende Zahl der Gewalttaten immense Arbeitsüberlastung nennen. Entschuldigte er sich dazu noch bei der pakistanischen Cricket-Nationalmannschaft, würde ihm von allen Seiten großmütig verziehen werden. Er könnte seinen Job behalten statt eine Entlassung fürchten zu müssen und damit, auf Jamaika nie wieder Arbeit zu finden. Seshaiah denkt aber nicht daran und verweist stur darauf, dass er der einzige Experte gewesen sei, der die Leiche untersuchen konnte, während den später, erst nach der Kremierung Woolmers hinzugezogenen Pathologen lediglich Aufzeichnungen zur Verfügung gestanden hätten. In Interviews sagt er nach wie vor: "Es war Mord!"

Schließlich sprechen die weltweiten Reaktionen in den Internet-Foren nicht dafür, dass der Fall Woolmer für die Fans so schnell beendet sein wird. So wittern pakistanische Cricket-Anhänger eine breit angelegte Verschwörung zwischen britischen und indischen Regierungsstellen und Medien, die zum Ziel gehabt habe, die Nation Pakistan und ihr Cricket-Team moralisch zu diskreditieren. Indische Fans verweisen dagegen auf Sprichworte wie "Kein Rauch ohne Feuer". Dem Tod Woolmers sei ein auf höchst seltsame Weise verlorenes Spiel vorausgegangen, erklären sie, noch immer sei nicht abschließend geklärt, ob es bei der Niederlage wirklich mit rechten Dingen zugegangen sei, so dass sich die Pakistanis nicht wundern müssten, in Verdacht geraten zu sein.

Europäische Cricket-Liebhaber diskutieren dagegen vornehmlich die Ermittlungsergebnisse. Und kommen mehrheitlich zum Ergebnis, dass sie dem nun finalen Verdikt "natürliche Todesursache" nicht trauen: "Irgendwas stinkt."


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00:00 22.06.2007

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