Der Mord und die Masse

Dokumentarfilm Joshua Oppenheimers komplexe Schuldsuche „The Act of Killing“ dringt zum Wesen des Genozids vor

Irgendwann, inmitten eines kaum zu überbietenden Gewusels am Set eines Spielfilms, in dem richtige Folterknechte ihre eigenen Taten unter der indonesischen Militärdiktatur nachspielen und diese zugleich dokumentarisch festgehalten werden, zögert der Protagonist von Joshua Oppenheimers The Act of Killing plötzlich und fragt: „Habe ich gesündigt?“ Die Sünde ist der religiöse Begriff für die Unvollkommenheit des Einzelnen im Angesicht eines Gottes, landläufig das Vergehen gegen die Moral. Man kann zu Recht einwenden, dass es für Menschen nur eine begrifflich geschlossene Welt gibt, eine, die auf Sozialisation und Wahrnehmung fußt und alles andere allenfalls Esoterik oder Religion sei. Dass also Rechtsempfinden keine menschliche Essenz, sondern ein erlernbares Gut ist. Aber auch dann ist es schwer zu begreifen, wie Anwar Congo Zweifel an seiner Frage zu haben scheint und an der Antwort dazu.

Bis dato hat Anwar Congo Joshua Oppenheimer ausdauernd erklärt, wie er als Henker des von westlichen Staaten unterstützten Generals Suharto Menschen in allerlei Spielarten vom Leben zum Tode brachte. Allein während der Machtergreifung Suhartos wurden bei den Massakern 1965/66 zwischen einer halben und drei Millionen Menschen umgebracht – angebliche „Kommunisten“. Dieser Begriff reichte vom Mitglied der Partei bis zu Gegnern der Militärdiktatur, von Studenten und Chinesen bis zu unliebsamen Nachbarn. Also auf jeden.

Congo spielt das Verschwindenlassen nach. Er war einer jener Paramilitärs, die den Drecksjob übernahmen. Er prügelte Menschen zu Tode, benutzte einen Draht, damit er weniger Blut aufzuwischen hatte. Congo erklärt das in die Kamera und stellt es für den fiktionalen Film nach, den Oppenheimer mit seinen Protagonisten inszeniert. Vor der Kamera stehen dann alte Freunde, Kollegen und sogar Opfer – auch diesen Dreh begleitet Oppenheimer dokumentarisch.

Die Frage nach der Sünde bleibt. Congo erzählt anfangs von Verdrängungsmechanismen, von Alkohol, Drogen, Tanz. Es gibt also in seiner verqueren Welt eine Form des Schuldempfindens. Die Frage nach der Sünde aber ist die Frage des Einzelnen an sich oder an eine Autorität. Trifft Anwar Congo auf den Gouverneur oder seinen dickleibigen und grundständig chauvinistischen Freund, den Paramilitär-Chef Herman Coto, stellt sie sich nicht.

In der bemerkenswerten Studie Säubern und Vernichten hat Jacques Sémelin die „politische Dimension von Massakern und Völkermorden“ untersucht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass der Einzelne nur dann wirklich zum Massenmörder wird, „wenn er sich als bloßes Glied in eine Gruppe einreiht“ und zugleich für sich eine sinnweltliche Konstruktion parat hat, in der es eine militante Gegenüberstellungen mit anderen („den Tutsi“, „den Juden“) gibt, die einem nach Leib und Leben trachten. Der Genozid ist ein Phänomen der Moderne, er entsteht aus einer Mischung von Ordnung und Chaos, von Planung und Selbstermächtigung; es gibt darin organisierte Zonen, in denen keine Ordnung herrscht außer der, die mit der eigenen Gewalt erzeugt wird. Zum Massenmord gehört die Gruppe: Hier werden die Grenzen einer angenommenen Menschlichkeit aufgehoben.

Der Film als Vorbild im Film

Oppenheimers Zugriff auf die Täter der „Saison der Hackmesser“, also auf die Zeit nach 1965, arbeitet mit bestechender Präzision. Aus der Sicht des Zuschauers doppeln reale Täter ihre Taten, einzeln erklären sie nüchtern, als Gruppe verklären sie sie zum Heldenepos. Man muss nicht das superlativische Geschwurbel des Produzenten Werner Herzog bemühen (der hier zum ersten Mal Surrealismus in der Filmgeschichte realisiert sieht): Durch die doppelte Selbstdarstellung der Täter legt The Act of Killing den Kern des Genozids frei und zeichnet Kontinuitäten nach. Abseits der individuellen Frage nach Sünde wird das Leben der Täter nicht von Aufarbeitung gestört, sie sind personell und organisatorisch an der Macht geblieben. Den US-Amerikaner Oppenheimer nehmen sie als Vertreter eines verbündeten Staates wahr.

Also muss der Filmemacher die Täter nicht konfrontieren, sondern ihnen nur die Bühne überlassen: Congo und Coto erzählen, dass sie für Geld gehandelt haben, um sich nach dem Stil der Hollywoodfilme kleiden zu können, für die sie auf der Straße Tickets verkauften. Und schon macht der Zirkelschluss Sinn, einen eigenen Spielfilm zu drehen.

Die Frage nach der Sünde verrät freilich, dass Congo, als er seine Vergangenheit nachspielt, sich vielleicht seiner Heldentaten nicht mehr ganz so sicher ist. Im größeren Rahmen stört das nicht: Die fröhlichen alten Herren brauchen keine Scheu zu haben, Oppenheimer zeigt, wie sie von Politkern und Nachrichtensendern wie auch bei Gedenkveranstaltungen bejubelt werden. Gefragt, ob er sich dem internationalen Gerichtshof stellen würde, antwortet Congos alter Kumpel Adi Zulkadry bei einer Autofahrt durch Jakarta: „Kriegsverbrechen werden von Gewinnern definiert. Ich bin ein Gewinner. Also habe ich meine eigene Definition, ich brauche die internationalen Definitionen nicht.“

Wem dies wie das politische Programm ganzer Staaten vorkommt, der macht schon einen Schritt weiter und stellt grundsätzliche Fragen. Ein Film, aus dem man anders herauskommt, als man hineingegangen ist.

The Act of Killing
Joshua Oppenheimer 115 Min.

06:00 27.11.2013
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare