„Werwolf muss man sein“, hatte Markus H. vor einigen Jahren in einem Neonazi-Forum gepostet. „Nach außen unscheinbar, aber in Wirklichkeit schlagkräftig bis zum Gehtnichtmehr.“ Seit Mitte Juni stehen H. und sein Freund Stephan Ernst in Frankfurt am Main vor Gericht. Die beiden aus der Kasseler Neonaziszene stammenden Angeklagten werden beschuldigt, an der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni 2019 beteiligt gewesen zu sein – Ernst soll geschossen, H. soll Beihilfe geleistet haben.
Als Stephan Balliet am Mittag des 9. Oktober 2019 zur Synagoge in Halle fährt, um Juden zu töten, „so viele wie möglich“, wie er später der Polizei sagt, ist er online. Mit einem an seinem Helm befestigten Handy will er das Attentat live streamen. Als er 150 Meter vor der Synagoge an einer roten Ampel hält, hört man ihn lachend sagen: „Niemand rechnet mit der Internet-SS.“ Ab dem 21. Juli wird der 27-Jährige in Magdeburg vor Gericht stehen – wegen zweifachen Mordes und vielfachen Mordversuchs.
In diesem Sommer finden zwei Gerichtsprozesse gegen rechtsterroristische Mörder parallel statt. Die Tätertypen – „Werwolf“ und „Internet-SS“ – sind dabei unterschiedlich. Sie spiegeln die Diversität der rechtsterroristischen Szene wider, deren Erscheinungsbild sich spätestens seit der Krise der Flüchtlingspolitik 2015 erheblich ausdifferenziert hat.
Da sind zum einen einzelne Zellen oder kleinere Gruppen wie Atomwaffen Division, Combat 18 oder die jüngst zerschlagene Terrorzelle Nordadler, die sich – wie einst die Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) – aus bestehenden Neonazi-Kameradschaften heraus gebildet haben. Hierzu gehören der Lübcke-Mörder Stephan Ernst und sein Helfer Markus H.. Daneben existieren zwei weitere Tätertypen: Die sich erst in virtuellen Subkulturen zusammenfindenden Gruppen aus gewaltbereiten Rassisten, die mit der organisierten rechten Szene nichts zu tun haben und sozial gesehen eher aus der Mitte der Gesellschaft stammen – Beispiele hierfür sind die kürzlich zerschlagene „Gruppe S.“ sowie rechte „Prepper“-Vereine wie Nordkreuz und Uniter, die als Untergrundeinheiten politische Gegner und Minderheiten bekämpfen wollen. Und dann gibt es noch sich selbst radikalisierende Einzeltäter wie Stephan Balliet, „einsame Wölfe“, von Terrorexperten beschrieben als vom Leben gekränkte Menschen, isoliert, sozial inkompetent und hasserfüllt vor allem auf Minderheiten, Ausländer und Frauen.
Die Diversifizierung der rechtsterroristischen Szene macht die Arbeit der Sicherheitsbehörden nicht leichter. Umso schwerer fällt aber ins Gewicht, wenn ihnen „klassische“ Tätertypen wie Ernst und H. aus dem Fokus geraten. Die beiden Hessen, die in der als besonders gewalttätig bekannten Kasseler Neonaziszene geistig und organisatorisch verwurzelt waren, galten beim Verfassungsschutz seit 2010 als „abgekühlt“ – ungefährlich. Eine gravierende Fehleinschätzung, deren Hintergründe nun ein parlamentarischer Unterschungsausschuss aufzuklären versucht.
Handtellergroßes Hakenkreuz
Warum die beiden Hardcore-Nazis aus dem Fokus der Behörden geraten konnten, ist kaum nachvollziehbar. Ernst, der bereits 1999 Anschluss an die Neonaziszene in Kassel gefunden hatte, tauchte auf rechtsextremen Veranstaltungen in Passau, Berlin, Leipzig und Bielefeld auf und galt als extrem gewalttätig. Er nahm an NPD-Demonstrationen teil, war zeitweise Mitglied und bewegte sich im Umfeld einer gewalttätigen Combat-18-Gruppe. Er wurde immer wieder verurteilt – wegen Beleidigung, Körperverletzung, Landfriedensbruch. Am 1. Mai 2009 war er dabei, als hunderte Neonazis eine Gewerkschaftskundgebung in Dortmund überfielen. Zu den 400 Festgenommenen gehörte neben Ernst auch sein Freund Markus H. Beide tauchten damals in einem Dossier des Verfassungsschutzes auf, das besonders gewaltbereite Neonazis in Nordhessen auflistet. Hinter Ernsts Name findet sich eine handschriftliche Notiz: „Der ist brandgefährlich.“
Ab 2010 jedoch, so haben es die hessischen Verfassungsschützer dargestellt, habe sich Ernst aus der rechten Szene zurückgezogen. Auch Markus H. verlor der Dienst damals aus dem Blick. Im Sommer 2019 fanden Ermittler bei ihm dann Büsten von Adolf Hitler und Hermann Göring, ein handtellergroßes Hakenkreuz aus Metall, Bücher von Joseph Goebbels und antisemitische Hetzschriften. In der Anklage wird H. eine „distanzlose Verherrlichung des historischen Nationalsozialismus“ bescheinigt. „Sein Motto war, wir Deutschen brauchen Waffen“, erinnerte sich eine frühere Lebensgefährtin. Markus H. sei der „Denker“ gewesen, Stephan Ernst der „Macher“.
Während der Verfassungsschutz bei einer aufmerksameren Beobachtung den Mord an Walter Lübcke vielleicht hätte verhindern können, wirken die Sicherheitsbehörden bei einem „lone wolve“ wie dem Halle-Attentäter Stephan Balliet eher machtlos. Denn Täter wie er treffen sich nicht mit anderen Rechten auf Demonstrationen, ja, sie sitzen nicht einmal am Stammtisch, um dort Dampf abzulassen. Ihre ideologische Inspiration ziehen sie aus antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Foren im Internet, die ihnen das Gefühl geben, Teil einer globalen Bewegung zu sein, die Erwartungen an sie hat.
Ihr Kommunikationsraum im Netz sind Imageboards, die 8kun oder 4chan heißen – Foren des narzisstisch gekränkten weißen Mannes, in denen er sich mit Gleichgesinnten über Hassobjekte und Gewaltphantasien austauscht. Frauen sind dort ebenfalls Zielscheibe des Hasses, denn hier tummeln sich Männer, die sich selbst herabgesetzt, unattraktiv und minderwertig fühlen. Diese sogenannten Incels – Incel steht für Involuntary Celibate, also: unfreiwillig im Zölibat lebende – sind längst zu einer eigenen Szene geworden.
Die Kulturwissenschaftlerin Angela Nagle schreibt, Habitus und Diskussionskultur dieser Chan-Boards seien auf „moralische Grenzüberschreitung“ („Moral Transgression“) ausgelegt. Der Ton der Postings sei von Zynismus und Abwertung geprägt. Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werde auf diesen Boards zum vermeintlich ironischen Witz verdreht, um „Normies zu triggern“ – genau in diesem Austausch von Hass und Hohn entsteht die Inspiration für Mörder wie Balliet, den Worten Taten folgen zu lassen.
Balliet sieht sich selbst als Kämpfer für die weißen Männer, gegen die sich seiner Meinung nach alles und jeder verschworen hat – auch die Frauen. „Meine Gruppe sind die weißen Männer, um die es ziemlich scheiße steht“, sagte er beim BKA. In seinen Vernehmungen beschrieb er sich als ein sozial unbeholfenes Wesen. Das sehe man ihm auch an, sagte er. Er habe nie Freunde gehabt, nur ein paar Bekannte. Er sei immer das fünfte Rad am Wagen gewesen. Und nein, eine Freundin habe er erst gar nicht gesucht. Seine Mutter sagte der Polizei, ihr Sohn habe ständig auf Frauen in der Politik geschimpft, auf Greta Thunberg etwa. Im Fernsehen habe er ihr immer wieder gezeigt, dass dort weiße Frauen mit farbigen Männern zusammen seien. Auffällig ist auch, dass in Balliets Schriften Waifus auftauchen, weibliche Figuren aus japanischen Anime-Comics, die von einer devot-hingebungsvollen Sexualität geprägt sind.
Schon zwei Tage nach dem Anschlag von Halle sagte Balliet vor dem Haftrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe vier Stunden lang aus. Dabei präsentierte er sein aus Verschwörungstheorien zusammengesetztes Weltbild. Darin strebten Juden die Weltherrschaft an, steckten hinter der Europäischen Union und den Plänen für eine CO2- Steuer, hätten Grüne und Linke durchsetzt, kontrollierten den Dollar und die US-Notenbank; die „Flüchtlingskrise“ sei von dem US-Finanzinvestor George Soros gesteuert, der Deutschland in einen multikulturellen Vielvölkerstaat verwandeln wolle. Über seine Ziele schrieb er: „Töte so viele Anti-Weiße wie möglich, Juden bevorzugt.“
Sich selbst bezeichnete Stephan Balliet im Tatvideo als NEET – eine im Netz übliche Abkürzung für „Not in Education, Employment or Training“. Ein Mensch also, der nichts tut. Nur mordet.

Kommentare 3
Setzt man den anwachsenden Rechtsterrorismus in Korrelation zu dem Umstand, dass die zuständigen Ermittlungsbehörden nach wie vor zur Jagd getragen werden müssen, ist es kein Wunder, dass die Taten immer spektakulärer, entgrenzter und blutrünstiger und vor allem massenhafter werden.
Paradebeispiel ist wieder mal Hessen. Bereits beim ersten NSU war der Verfassungsschutz des Landes mit einem Beamten (!!; also KEINEM V-Mann) direkt vor Ort im Kasseler Internetcafé. Trotz Fakten, die für eine Affinität zu rechtsaußen sprachen, blockten Land und Landes-VS weitere Ermittlungen in diese Richtung ab.
Nun NSU 2.0 – mit besten Grüßen aus Frankfurter und Wiesbadener Polizeirevieren. Zuvor: der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der rassistische Amoklauf in Hanau. Die NSU-2.0-Briefserie geht weiter; zwischenzeitlich ist auch die Ökolinx-Politikerin und Publizistin Jutta Dittfurth mit einem entsprechenden Anschreiben bedacht worden.
Was haben wir auf Seiten der Politik? Der hessische Innenminister Peter Beuth beschwichtigt, laviert rum, blockiert. Die zumindest zeitweilig in Betracht gezogene Möglichkeit, dass innerhalb der hessischen Polizei ein rechtsradikales Netzwerk agiert, hat er am Dienstag in der Sitzung des Innenausschusses wieder widerrufen. Unterstützt wird er dabei von Ministerpräsident Bouffier – also dem Mann, der den beim Kasseler NSU-Mord anwesenden Verfassungsschutzmann Temme aus der Schusslinie nahm (siehe Aust/Laabs und andere). Ermittlungsverweigerung betreibt auch die Bundesanwaltschaft. Obwohl zwischenzeitlich 69 Drohmails vorliegen mit Adressat(inn)en im ganzen Bundesgebiet, erklärt sie sich weiterhin als »nicht zuständig«.
Auf der Mikro-Ebene zeigt sich ebenso, dass hier nicht wirklich ermittelt wird. Zitat hessenschau-Bericht: »(…) Verschickt wurden die Schreiben nach Angaben Beuths fast immer von einer gleichlautenden Absenderadresse, und zwar überwiegend per E-Mail, aber auch per Fax, SMS sowie über Internetkontaktformulare.« Da könnte man fast helfen, selbst ohne Polizeiausbildung: Provider und Maildienste sind dazu verpflichtet, die IPs ihrer Nutzer vorrätig zu halten. Ohne IP – also jenen Netz-Fußabdruck, der, entsprechenden Willen vorausgesetzt, zu einer physischen Person führt – ist schlechterdings keine Internetkommunikation möglich. Hier haben wir – sogar nach Angaben von Herr Beuth – eine identische Absenderadresse vorliegen; die Polizei müßte also gar nicht mehrmals die Unannehmlichkeit einer Durchsuchung respektive Festnahme auf sich nehmen.
Was offensichtlich nicht gewollt wird. Warum? An dem Punkt fangen die interessanten Fragen an.
Aller Unkenrufe der Rechtsverharmloser-Szene in CDU und „C“SU zum Trotz, leiden unsere Strafverfolgungsbehörden immer noch an eklatanter, skandalöser Beißhemmung nach Rechts! Aktuell wieder einmal akut sichtbar bei Attila Hildmann sowie den NSU2.0-Drohschreiben, vorwiegend gespeist aus dem Hessischen Polizeisumpf, an Linke.Als wäre das Ganze feinsinnig und zielgerichtet orchestriert, läßt zeitgleich der öffentlich rechtliche Rundfunk, hier z.B. ARD, RBB, in seinen Sommerinterviews AfD-Häuptlingen sommerfrischlerisch faschistische, extremistische, rassistische Flügelschläge innerhalb und außerhalb der AfD gönnerisch verharmlosen, und trägt so dazu bei, dem rechtsradikalen, eigentlich ausgerottet gedachten Gedankengut eine Bühne zu bieten!Ergebnis:Deutschland nimmt schon länger in Europa den absoluten und relativen Spitzenplatz bei rechter Gewalt und Rechtsterrorismus ein!Und unsere vorwiegend konservativen Innenminister schauen mehr oder weniger zu, wenn sie das Geschehen nicht gar verharmlosen oder gar anfeuern! Der schlimmste Verharmloser in dieser Ägide ist der längst untragbare Bundesinnenminister Seehofer.Manche nennen das falsch-niedlich konservative Revolution! Also alles kein Grund, um einzugreifen?
Da wollen Menschen, die in den Sicherheitsbehörden z.B. aktuell in Hessen arbeiten, eindeutig eine andere Republik! UND Herr Seehofer sperrt sich gegen eine wissenschaftliche Studie! Bei der Bundeswehr kommen kiloweise Sprengstoff weg und riesige Mengen von Munition … Das sind natürlich nur bedauerliche Einzelfälle – Armes Deutschland!