Der namenlose Tempel

Textgalerie Kolumne

Was hier "ins ende gebaut" erscheint - ans Ende der bewohnten Welt oder auch nur ans Ende eines Gebirgstals - ist ein Tempel auf einem Kalkhügel, von jähen Schluchten umgrenzt, ein einsamer, numinoser Ort, den man treppauf, Schwelle um Schwelle erreicht. Ein Tempel freilich, "in dem man keiner gottheit je ein standbild / aufstellte", dessen dorische Säulen ohne Kanneluren sind und dessen Giebelfeld immer "leer" blieb. Das bedeutet, der Tempel - es handelt sich um den grandiosen Bau von Segesta auf Sizilien - wurde nie fertiggestellt, auch nie geweiht; er ist ohne Namen. Ein "du" wird in diesem "steinernen schweigen" angesprochen, eine Frau, man meint, das Rascheln ihres Kleides und das Klappern ihrer Stöckelschuhe zu hören. Ihre sinnlich-unbefangene Gegenwärtigkeit ("das rot des kleides", "das weiß der arme") raubt der Ohnmacht des unvollendeten Heiligen "ihr erstarrtes". Ja die Geliebte, als moderne, profane Erscheinungsform des Göttlichen, nimmt, wenigstens für einen Augenblick, dessen Platz in der leeren Cella des Tempels ein.

Wie bei Raoul Schrott, dem Lyriker, Romancier, Essayisten und glanzvollen Vermittler der Erfindung der Poesie (1997), kaum anders zu erwarten, ist das Gedicht in einem erhabenen Ton geschrieben, der dem titelgebenden "Heiligen" entspricht. Schrott pflegt das Handwerkliche, die überlieferten Formen der Lyrik als verborgene Kraftquellen, ohne sie in einem strengen Sinn zu erfüllen. So besteht das vorgestellte Gedicht aus rhythmisch bewegten Langzeilen, lässt jedoch ein festes Metrum vermissen. Ebenso sind die Reime oft nur schwer erkennbare Halbreime, Assonanzen und Konsonanzen, also in gewisser Weise "unvollendet". Schrott vermeidet den vollmundigen Gleichklang, der Tautologien produzieren könnte, ebenso wie die Gefahr der Redundanz eines sich wiederholenden Versmaßes. Vermutlich kommen ihm Jambus und Hexameter abgenutzt vor (was heute längst nicht mehr der Fall ist). Dabei erschwert der variierende Umgang mit den tradierten Mitteln die Lektüre nicht unbeträchtlich.

Das hier vorgestellte Poem entstammt Schrotts jüngstem Band Weißbuch, der insgesamt 77 Gedichte umfasst, flankiert von beinahe ebenso vielen teils poetologisch reflexiven, teils tagebuchartigen Randglossen, die zugleich den Ort und den Tag der Entstehung der einzelnen Texte festhalten. Weißbuch ist kein herkömmlicher Gedichtband, der mehr oder weniger zufällige Erfahrungen, über Jahre in Gedichtform geronnen, zusammenfasst, sondern ein den Leser aufs Äußerste beanspruchender poetisch-wissenschaftlicher Zyklus, ein dramaturgisch kalkuliertes Reiseprogramm, ein organisierter Aufmarsch am Schreibtisch hart erarbeiteter Texte, vielfältig begleitet, auch auf- oder abgewertet durch Theorien und mythologischen Bildungsstoff. Allein 20 Gedichte tragen den lehrhaften Titel Über das Heilige.

Aus der Nähe betrachtet, handelt es sich um Liebesgedichte, Verse über "das Heilige, die Jagd und die Frau" (wie Vor- und Nachwort überschrieben sind). Schrott sieht das Heilige nicht religiös eingebunden, es wird eher in der Erscheinung des Ungewöhnlichen, ganz Anderen und übermächtig Fremden erfahrbar, etwa in der Leere und Stille einer Ruine, in den Wundern der Natur (sprechende Bäume und Quellen), in den vieldeutigen Beispielen der Poesie und natürlich auch in der geliebten Frau, die in einigen Texten als das gejagte Wild erscheint.

Im vorliegenden Gedicht könnte die Geliebte, im roten Kleid, auf Stöckelschuhen, sogar die Göttin der Jagd, Diana, selbst vorstellen in der Einsamkeit dieses namenlosen Bergtempels, der so auch, dank Schrott, dem Wortjäger, endlich zu einem Namen käme.n

Raoul Schrott wurde 1964 in Tirol geboren und lebt heute in Irland. Das vorgestellte Gedicht stammt aus dem Band Weißbuch, Hanser, München 2004, 188 S., 17,90 EUR



Raoul Schrott

Über das Heilige I

ins ende gebaut. und an jeder schwelle das land fuß fassend
in den ackersohlen bis unter den riegel des karstes
wo es seinen kniefall macht. der talschluß als fundament
eines tempels in dem man keiner gottheit je ein standbild
aufstellte. nur die im absterben hoch aufragenden agaven
säumen den steig: jahrhundertpflanzen. du warst es
derer dieses steinerne schweigen gewahr wurde. das raffen
des kleides in den schoß sein rascheln bei jedem schritt
der stöckelschuhe und wie es sich an der achsel straffte erhielt
die nähe einer gegenwart in der sich all das vereinzelte verriet
und hart hervortrat. an den säulen war der mantel
unabgeschlagen die fältelung nicht ausgekehlt. der stirnfries
und das giebelfeld wie ein vom salz zerfressenes paneel
blieben leer unter zuviel himmel. aber da war ein umriß
das rot des kleides tiefer eingedunkelt als die blütenstände
das weiß der arme verletzlich. dein unbefangenes bewahrte es:
dem göttlichen zu widerstehen das sich vollendet wähnte
ohne sich ihm zu widersetzen nahm der ohnmacht ihr erstarrtes

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00:00 03.06.2005

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