Der Neffe des Kardinals

1992 Alfred Schickel erhält das Bundesverdienstkreuz. Seine Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt will das Münchner Abkommen von 1938 wieder in Kraft setzen

In der Bundesrepublik wurden des öfteren rechte Gesinnung hofiert und Geschichtsrevisionisten geehrt. Einer von ihnen war der Gründer und Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Alfred Schickel. Er bekam 1992 das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Warum diese Ehre? Welche besonderen Verdienste hatte sich Schickel bis dahin erworben?

Berufliche können es nicht gewesen sein, denn die konnte der 1933 Geborene nicht aufweisen. Er wurde nach einem Studium der Geschichte und Philosophie Lehrer, ohne die dafür eigentlich notwendigen Staatsexamina abgelegt zu haben. Das ist zwar kein Fehler, aber auch kein Verdienst.

Nicht unbedingt verdienstvoll erscheint auch seine Verwandtschaft mit einem Kardinal. Schickel ist – wie er gerne betont – „Neffe des deutschen Kurienkardinals Joseph Schröffer“. War ihm deshalb, wegen dieser Verwandtschaft, das Bundesverdienstkreuz irgendwann sicher? Die Vermutung liegt näher, dass Schickel vor allem deshalb hofiert und geehrt wurde, weil er zu einer Volksgruppe gehört, die in der Bundesrepublik immer gern hofiert und geehrt worden ist – nämlich zu den Sudetendeutschen.

Mit offenen Armen

Es handelt sich bei ihnen um eine „imagined community“ – eine erfundene oder eingebildete Gruppe. Denn einen sudetendeutschen Stamm hat es niemals gegeben. Begriff und Sache der Sudetendeutschen sind erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erdacht worden. Verantwortlich dafür zeichneten deutsch sprechende Böhmen, die sich von ihren tschechischen Landsleuten unterdrückt fühlten. Die sogenannten Sudetendeutschen wurden dann im Herbst 1938 von einem Mann namens Adolf Hitler „befreit“. Zum Dank dafür haben sich viele von ihnen an der Unterdrückung und Verfolgung der Tschechen und Slowaken während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg beteiligt. Deshalb haben sich die Tschechen 1945 von den Sudetendeutschen befreit und sie nach Deutschland vertrieben.

Dort wurden sie mit offenen Armen aufgenommen und für den Verlust ihrer Heimat mit reichlich Geld entschädigt, aufgebracht bis heute vom deutschen Steuerzahler. Die Funktionäre der Sudetendeutschen Landsmannschaften nutzen die staatliche Alimentierung, um Jahr für Jahr zu Pfingsten rechte und revisionistische Kundgebungen zu veranstalten, auf denen von Tschechien die Rückgabe des Sudetenlandes verlangt wird. Das verstößt zwar gegen nationales und internationales Recht, wird aber toleriert, nicht zuletzt auch von der Bundesregierung – doch müssen solche Revisionisten darüber hinaus noch geehrt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden? Offensichtlich, wie der Fall Schickel beweist, der eigentlich ein Skandal ist.

Dessen Vorgeschichte begann bereits Ende der siebziger Jahre, als der Lehrer Schickel geschichtsrevisionistische Artikel in rechten Zeitschriften veröffentlichte. Darin beklagte er das Unrecht der Vertreibung und verteidigte die Erpressung der Tschechoslowakei, die 1938 gezwungen worden war, auf große Teile ihres Staatsgebietes zu verzichten. Das zu diesem Zweck und Ziel abgeschlossene Münchner Abkommen sei rechtens gewesen und müsse wieder in Kraft gesetzt werden, befand Schickel in seinen Schriften.

Diese revisionistischen Tiraden fanden bei den organisierten Sudetendeutschen großen Widerhall. Dadurch wurden auch die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten auf den bis dahin völlig unbekannten Schickel aufmerksam. Sie baten ihn, auch ihre Forderungen nach Rückgabe der inzwischen zum polnischen Nachkriegsstaat gehörenden Territorien zu unterstützen.

Schickel fühlte sich geehrt und zum Experten für Vertriebenenpolitik berufen. Er veröffentlichte verschiedene Aufsätze und Bücher, vorzugsweise zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Dass der 1939 ausgebrochen sei, dafür könne man nicht Hitler und die Deutschen verantwortlich machen. Vielmehr hätten das der US-Präsident Franklin D. Roosevelt und die Polen verschuldet. Roosevelt sei es gewesen, der die Republik Polen in ihren chauvinistischen „Großmachtplänen“ bestärkt habe, Deutschland zu teilen und die Deutschen im Osten aus ihren Siedlungsgebieten zu vertreiben – dies wohlgemerkt schon in den dreißiger Jahren. Hitler sei einem unmittelbar bevorstehenden polnischen Angriff am 1. September 1939 zuvorgekommen, um dann freilich am 5. Oktober 1939 ein „großzügiges Friedensangebot“ an die polnische Regierung zu machen. Wäre das von den Westmächten angenommen worden, wäre der Zweite Weltkrieg „vermeidbar“ gewesen.

Natürlich ist das alles historischer Unsinn. Dennoch war und bleibt so etwas politisch gefährlich. Die Kriegsschuld-Lüge gehört wie die Auschwitz-Lüge zum ideologischen Standardrepertoire (west-)deutscher Rechtsextremisten. Dadurch verwandeln sich deutsche Täter in bedauernswerte Opfer, wird eine Revision der europäischen Nachkriegsordnung verlangt. Beides sollte verurteilt, aber keineswegs geehrt werden.

Doch Alfred Schickel erhielt stattdessen staatliche Gelder und das reichlich. Sie versetzten den Neffen des Kardinals in die Lage, im Jahr 1981 ein revisionistisches Institut zu gründen – eben die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt. Ihre Abkürzung ZFI sollte wohl eine Nähe zum renommierten Münchener Institut für Zeitgeschichte IFZ suggerieren. Aufgeregt hat sich darüber jedoch kaum jemand.

Verdienst Ulla Jelpkes

Niemand – schon gar nicht der Verfassungsschutz – schien zu bemerken, dass in Schickels Institut zahlreiche Rechtsradikale und Geschichtsrevisionisten referieren und in den Publikationsorganen des Hauses veröffentlichen durften, darunter einige alte Nazis wie der nationalsozialistische „Ostforscher“ und bundesrepublikanische Vertriebenenminister Theodor Oberländer. Oder Erich Schwinge, Kommentator des nationalsozialistischen Wehrstrafrechts, oder der Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes, Helmut Joachim Fischer. Es versteht sich von selbst, dass Schickels Institut mit Einrichtungen und Medien gleichen Kalibers und gleicher Denkungsart eng zusammenarbeitete. Sie alle gehörten zu einem rechtsradikalen Netzwerk, das bis heute nicht aufgedeckt, geschweige denn zerschlagen worden ist.

Wenigstens skandalisiert wurde Alfred Schickel selbst, ein Verdienst der damaligen PDS-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke. Sie brachte 1993 im Parlament eine Kleine Anfrage ein, in der die Bundesregierung um Auskunft gebeten wurde, ob die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt als „rechtsextremistisch“ einzustufen sei, weil sie „Bestrebungen“ verfolge, „die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind“. Die Bundesregierung brauchte eine gewisse Zeit, um die Anfrage zu beantworten. Im November 1996 räumte sie in einer sehr gewundenen Weise ein, dass in den „Publikationen“ der Forschungsstelle „Auffassungen geäußert“ würden, „die teilweise denen entsprechen, wie sie von Rechtsextremisten vertreten werden“.

Ein Eingeständnis, doch was hat es gebracht? Ich hatte die Ehre, aber nicht das Vergnügen, mit Schickel in Ingolstadt zu diskutieren, dies geschah vor einem großen und gutbürgerlich in Dirndl und Trachtenjanker gewandeten Publikum. Erfolgreich war das nicht. Schickel zeigte sich uneinsichtig und beharrte auf seinen Kriegsschuld-Lügen. Dafür erhielt er viel Beifall. Niedergeschrien wurde dagegen ein Ingolstädter Bürger, der sich erkühnte zu sagen, dass Hitler ein Verbrecher gewesen ist. Seitdem erschreckt mich nichts mehr. Schon gar keine „Rechtsextremisten“, die unser Verfassungsschutz vornehmlich im Osten sucht, aber nicht findet.

Wolfgang Wippermann ist Historiker und schrieb in dieser Serie zuletzt über die Spiegel-Affäre vom Herbst 1962

09:00 18.11.2012

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