Der Neue

Kehrseite "Hier, das ist er!", sagte er und hob das schwarze Nadelstreifen-Ensemble in die Luft. ...

"Hier, das ist er!", sagte er und hob das schwarze Nadelstreifen-Ensemble in die Luft.

Sie griff zu einer weiteren Tortelette mit Walnuss-Belag, die vor ihr auf einem Porzellanteller lagen. Sie hatte ihm eine Freude machen wollen und etwas Selbstgebackenes mitgebracht. Er aber hatte dankend abgelehnt: "Ich möchte nicht aus Größe 98 herauswachsen", hatte er gemeint.

"Oh, sieht gut aus!", sagte sie. "Und? Woher hast Du ihn?". Darauf wollte Oliver später antworten. Nicht jetzt. Als er an Tamara herantrat, die in seinem Sessel saß und vom Buch aufsah, rieb er ihr das Teil unter die Nase und wies mit dem rechten Zeigefinger auf eine Unebenheit im Stoff.

"Normalerweise kostet der Anzug 699.- Euro. Ich habe ihn für 199.- bekommen. Echt. Von Boss. Neu. Wegen dieser kleinen Stelle ist er wahrscheinlich herabgesetzt." "Das ist ein Webfehler" sagte Tamara, "jaja." Dann blieb ihr Blick stehen. "Sag´ mal, ist hier der Arm, der sieht komisch aus, sag mal, ist das vielleicht... der ist so verdreht, findest Du nicht auch?!"

"Was? Willst Du vielleicht behaupten, der Arm ist falsch angenäht?"

"Naja, der sieht so verdreht aus, vielleicht ist er deswegen auch so..."

"Wie jetzt? Du meinst doch nicht, dass die den Ärmel am Anzug verdreht angenäht haben?!" "Ja aber, guck doch mal, das fällt so komisch!"

Nicht schon wieder. Mürrisch wand er sich ab und fragte trotzdem: "Soll ich mal anziehen?" "Ja, wenn du willst", sagte sie und las weiter. Oliver ging ins Nebenzimmer und puhlte sich genervt die Hose und den Rolli vom Leib. "Oh Gott, wieso muss ich mir die Sachen immer von anderen madig machen lassen", fluchte er leise vor sich hin. "Warum habe ich das nötig? Warum muss ich das überhaupt zeigen?" Er schlüpfte wütend in den edlen Stoff hinein und fühlte die leichte Kühle auf sich.

Dann trat er wieder in den Raum, in dem Tamara saß und las. Es dauerte eine Zeit, bis sie zu ihm aufblickte. Vielleicht waren es nur drei Sekunden, aber es war zu lange, als dass er sich nicht gedemütigt fühlte. Sie starrte in dieses Buch aus seinem Regal, auf dessen Rücken stand

"Ich hasse Dich, verlass mich nicht!"
Schon das hatte nicht zu sein, dass Frauen in solchen Büchern lasen, die er sich verschwiegen und schamhaft gekauft hatte und die nur für ihn gedacht waren. Jedenfalls in seiner Wohnung nicht.

"Na?", fragte er hell voller Erwartung.
"Du siehst super darin aus. Sehr edel", sagte sie anerkennend. Dann neigte sie den Kopf etwas zur Seite und starrte auf die Ärmel.

"Was hat das zu bedeuten", fragte er sich. Er trat etwas weiter auf Tamara zu, die ihm ihren Oberkörper entgegen streckte. "Die Ärmel sind beide gleich angenäht. Da ist nichts verdreht", sagte er und kreiste die Arme hin und her, als hätte er zwei Schraubenzieher in den Händen.

Immer unsicherer wurde Oliver, ob die Ärmel nicht doch völlig verdreht angenäht waren - fiel der Arm wirklich komisch? Oder doch nicht? Aber andererseits ... die Knöpfe waren da, wo sie hingehörten und kissing ... das taten sie auch. Kissing Buttons, weil sie übereinander lappten halt. "Das ist auch das einzige, was sich hier küsst", dachte Oliver, fast schon wohlwollend den Knöpfen zugeneigt. Tamara saß inzwischen auf dem Rand des Sessels und prüfte die Ärmel des Anzugs, den er sich vom Munde abgespart hatte und nicht wie früher, als er noch seinen Job hatte und sich den Anzug locker beim Herrenausstatter kaufen konnte. Er wollte ihn zur Hochzeit seiner Schwester tragen. Wo natürlich jeder auf den Anzug des anderen starren würde, wenn man schon die Autos nicht mit in den Festsaal nehmen konnte. Sein Auto aber hatte er auch nicht mehr. Das würde dann umso mehr ins Gewicht fallen, wenn seine Arme verdreht aussahen, dachte er in den langen Sekunden, in denen Tamara schwieg. Er schüttelte sich, schüttelte sich aus Tamaras Händen, die noch immer den Stoff langgezogen hielten. Ihre Augen lugten wieder aus diesem skeptischen Blickwinkel. Er hasste das. "Dreh Dich mal um", sagte sie.

Er tat wie befohlen und wartete auf Worte von ihr, die aber ausblieben. Sie schwieg. "Ich finde nicht, dass die Ärmel verdreht sind, die sind doch beide gleich und das sitzt doch", wimmerte er. Sie entgegnete nichts. Tamara zupfte sich einen Faden von ihrer Bluse, strich sich durchs Haar, lehnte sich im Sessel zurück. Dann zupfte sie noch einen Faden von der Hose, strich sich wieder über die Kopfhaut und hielt sich Zeigefinger und Daumen der Rechten vor die Augen, wobei nicht klar war, ob sich zwischen den Fingern Haare befanden oder nicht. Er jedenfalls hörte die Haare fallen, sah aber nichts, stand wie angenagelt in seinem Anzug und fühlte sich nackter als nackt.

Minuten vergingen mit hart gefrorenem Schweigen, Ausziehen, Umziehen, Hassen. Sich und andere. Alles.

"Ich will jetzt hier raus", sagte er, als er wieder zurückkam. Er starrte sie an. "Was issen los", fragte sie. "Nichts!" grunzte er. Er wischte einen Fleck auf dem Boden auf, während sie sich anzog und noch einmal auf der Toilette verschwand. Er hatte wieder seine lehmfarbene Dickies-Hose und die khakifarbene Jacke übergezogen. Sein Alltags-Tarnkappen-Outfit. Sie verließen die Wohnung. Raus, weg von hier. Schnell!

Auf der Straße fuhr er sie an: "Ich habe keine Lust mehr, mir von Dir alles madig machen zu lassen. Wie im vorletzten Jahr, wo Du mir den Mantel für 250 Euro kaputt geredet hast. Viel zu groß, hast Du gesagt. Und ich konnte ihn den ganzen Winter nicht anziehen, weil ich immer gedacht habe, der sieht unmöglich aus, den kann ich gar nicht anziehen. Ich will das nicht mehr, ich habe keine Lust mehr, mir alles von Dir kaputt machen zu lassen. Immer ist irgendwas falsch an dem was ich mache, tue oder kaufe. Irgendwie ist immer alles scheiße. Und dann muss ich noch einen Anzug kaufen. Und noch einen. Und noch einen. Und nie ist es richtig. Nie sitzt etwas, oder ist okay. Immer fühle ich mich wie ein Penner. Egal, was ich anhabe, was ich arbeite oder tue. Immer fange ich von vorne an und immer ist alles scheiße. Ich habe keinen Bock mehr darauf!" rief er wütend, dass die Passanten sich nach ihnen umsahen, wie sie so dastanden zwischen Steinplatten und Sandweg, am Ende der Straße neben den Bäumen - und es war kalt. Sie guckte ihn entgeistert an und schwieg.

"Da wo ich herkomme, sagte sie, "war es so, dass wir nach dem Kauf eines Sonderangebots immer den Grund dafür gesucht haben, warum etwas herabgesetzt ist. Meine Schwester hat dann immer gesagt ...".

"Das will ich gar nicht wissen", fauchte er. "Für Dich ist ja die Zahnlücke ein Wiedererkennungsmerkmal unter Gleichgesinnten" sagte er im Scherz und voll entsetzt.

Tamara lachte lange, krümmte sich. Eine Frau blieb stehen. Dann lachte er auch. Aber nur ein wenig. "Ich will mir einfach nicht mehr alles kaputt machen lassen." "Das machst Du Dir doch selber", sagte sie. "Nein, das machst nur Du", brummte er.

Er dachte an die Wochenenden, an denen er sich schlecht gefühlt hatte, weil seine Mutter immerzu an ihm rumgefuchtelt hatte, ihm noch mal die Haare nachgekämmt, den Scheitel geradegezogen, die Fliege zurechtgerückt und an der Hose gezupft hatte, wenn sie Verwandte besuchten - als er vier, fünf, zehn, zwölf Jahre alt gewesen war. Und draußen auf der Straße hatten die Nachbarn ihn alle seltsam angestarrt, wenn er als Kind im Anzug zum Spielen kam und er sich völlig overdressed fühlte, wie das heute heißt, in diesem Ghetto, in dem sie wohnten und das er gehasst hatte, wie er alles hasste.

Auch, dass er weder Arbeiterkind noch Mittelklasse-Sohn war, sondern gar nichts. Irgend etwas dazwischen, was es nicht gab und was außer ihm keiner kannte. Zu kennen schien. Jedenfalls da, wo er gewohnt hatte. Als Kind. Wie er das hasste. Sich als Kind und überhaupt und alle.

"Du selbst teilst ja auch ganz schön aus", sagte sie und blickte ihn aus treuen Augen an. "Damals, als Du mir gesagt hast, ›wie siehst Du denn aus?‹, als ich mit meinem neuen grünen Cordanzug ankam, wo Du meintest, ›die Farbe ist ja okay, aber der Schnitt? Das ist ja unmöglich, was soll denn das sein‹. Oder als Du sagtest ›So wie Du heute rumläufst, kriegst Du nie ´nen Mann‹ ..., das war auch ganz schön heftig. Das hat auch weh getan." Eine junge schwarzhaarige Frau ging an ihnen vorbei und guckte Oliver in die Augen. Er blickte verschämt zu Boden und scharrte mit den Füßen in einer Mulde, trat auf ein Blatt, das kross unter ihm knirschte. Tamara guckte auf seine Zahnlücke und er auf ihre.

"Ich will mir mein Leben nicht mehr zerstören lassen, ich will keine Kränkungen mehr", sagte er. "Ich hab doch aber auch gesagt, Du siehst total super aus in dem Anzug", entgegnete sie ihm. Ja, das hatte sie gesagt, das musste er zugeben. "Aber Du hast auch gesagt, dass der Ärmel komisch fällt. Zweimal hast Du das gesagt. Oder dreimal."

"Hab ich das", fragte sie. "Ja".

"Meinst Du denn wirklich, dass die Ärmel schief angenäht sind? Ich meine, sie sind beide gleich angenäht!"

"Nein, das dachte ich nur, als ich den Anzug so gesehen hab´. Als Du ihn anhattest, sah es ganz normal aus. Völlig okay. Gut."

"Dann ist ja gut", atmete er erleichtert auf und klopfte ihr auf die Schulter und prüfte dabei, ob ihre Ärmel am Mantel auch richtig angenäht waren. Sie waren es.

Sie standen voreinander und wussten nicht weiter. So war es immer. Immer wieder mal. Und dann vertrugen sie sich, und es ging ein Stück weiter, und es war wieder gut.

Carsten Klook (46) lebt als Autor und Journalist in Hamburg. Zuletzt erschienen von ihm die Hörspiel-CD Halbe Portion Jubel (Gruenrekorder.de) und der Roman Korrektor im Textem-Verlag.


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00:00 03.02.2006

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