Der Nihilismus und seine Gebete

Religionsgeschichte Gott stirbt nicht, im Gegenteil, er ist in Mode. Was wir daher heute brauchen, ist eine theologische Religionskritik

Dass es nach der Erfahrung von anderthalb Jahrhunderten voller Konfessionskriege, in Erinnerung an Kreuzzüge, Ketzer- und Hexenprozesse nur zu nahe lag, in der Religion und den sie verwaltenden Hierarchien die Hauptquelle inhumaner Gewalt zu sehen, das wird wohl niemand in Zweifel ziehen wollen. War es darum nicht konsequent und menschenfreundlich von den Philosophen, Staats- und Völkerrechtlern der Aufklärung gedacht, wenn sie sich weitere Einmischung der Theologen und Hierarchen in die Welthändel verbaten und lieber einer Säkularisierung den Weg bereiten wollten, die künftige Untaten religiöser Gewalt für immer auszuschließen fähig wäre?

Merkwürdige Koinzidenz! Gerade lernen wir, in wie viel höherem Maße Karl Marx Recht hatte, als man in Zeiten des Kalten Krieges je zuzugeben bereit war. Die Analyse der zerstörerischen Wirkungen des globalen Kapitalismus, die schon im Kommunistischen Manifest steht, der unvergleichliche Scharfblick der berühmten Seiten über den Fetisch-Charakter der Ware und ihre "theologischen Mucken" im 1. Band des Kapital, all das gehört mittlerweile zu den gesellschaftlichen Alltagserfahrungen nicht nur in Argentinien. Aber in einem Punkt hat Marx sicherlich grandios geirrt, nämlich als er 1843 den Satz niederschrieb: "Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendet."


Tod-Gottes-Theologie

Freilich haben in diesem Fall sogar Theologen genau wie Karl Marx gedacht. Hundert Jahre nach der eben zitierten Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie hat Dietrich Bonhoeffer in einem Brief auf aus dem Tegeler Gefängnis an seinen Freund Bethge geschrieben, die Gesellschaft werde in nicht allzu ferner Zukunft eine voll und ganz religionslose sein, weil sie dann gelernt habe, ihre Probleme ohne Zuhilfenahme religiöser Motive zu bewältigen. Das Ergebnis dieser in den sechziger Jahren zur herrschenden Lehre gewordenen Meinung war jene absurde Konjunktur des theologischen Atheismus und der "Tod-Gottes-Theologien" in Westeuropa und den USA, in denen alle Traditionszusammenhänge und Wirklichkeitsbezüge in illusionären Anpassungsstrategien untergingen. Dabei sollte es schon damals zu denken gegeben haben, dass es um die emanzipatorischen Wirkungen dieses Atheismus nicht allzu gut stehen könnte, wenn ausgerechnet das stramm stalinistische Albanien sich rühmen konnte, als erstes Land der Welt den Zustand völliger Religionslosigkeit erreicht zu haben, nachdem 1979 die letzte Kirche geschlossen worden war.

Aber in wie weiter Ferne liegt das alles! Inzwischen leben wir inmitten eines Jahrmarktes, auf dem die Marktschreier aller Religionen konkurrieren. Wir haben Scientology, die erfolgreiche Managementstrategien zu Religion erhoben und sich als "Kirche" etabliert hat, während große Firmen ihre Angestellten mit Kulthandlungen in die religiöse Philosophie ihres Unternehmens einweihen. Die Hochkonjunktur aller Zivilreligionen, von den waffenstarrenden Gotteskriegen des Islamismus bis zu den theatralischen Inszenierungen des russischen Präsidenten mit dem Moskauer Patriarchen im vollen Ornat seiner hierarchischen Stellung an seiner Seite: Es sieht wirklich aus wie ein Hohn auf die abwegigen Prognosen einer Theologie, die um jeden Preis modern sein wollte!


Konjunktur politischer Religion

Nicht Religionslosigkeit, Religion ist Mode geworden. Die Hand auf dem Herzen, religiöse Beteuerungen auf den Lippen - das ist das Bild des Staatsmannes am Beginn des 21. Jahrhunderts. Begründet und gerechtfertigt wird die krasse Theatralik solcher Restauration mit der These, es sei die Vernachlässigung oder gar die Unterdrückung der Religion gewesen, die das Entstehen und Erstarken der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts erst ermöglicht habe. Wer erinnert sich nicht der frommen Sprüche, die während der deutschen Verfassungsdiskussion über den Wortlaut der Grundgesetzpräambel zu hören waren. Der Parlamentarische Rat habe 1949 mit gutem Grund eine religiöse Beteuerung an die Spitze des Grundgesetzes gestellt. Schließlich sei es die Gottvergessenheit der Nazis und der Kommunisten gewesen, die beiden Totalitarismen den Weg zu ihren Verbrechen freigegeben habe. Der Mensch brauche das Gegenüber einer Transzendenz, wenn er nicht der Hybris des Allmachtswahns verfallen wolle.

Gut gemeinte, aber historisch völlig illusionäre Sätze! Erinnern wir uns doch: Der Vatikan sah erst im totalitären Faschismus und nicht etwa in der liberalen Demokratie des 19. Jahrhunderts einen Vertragspartner, mit dem er sich auf die Rechtsgrundlagen seiner Staatlichkeit einigen konnte. Ganz analog der Abschluss des Konkordates zwischen dem totalitären Hitlerreich und der römischen Kirche, das 1933 Hitler den ersten Schritt zur internationalen Anerkennung seiner Machtergreifung bahnte. Und selbst Stalin hielt es schließlich trotz aller atheistischen Doktrinen des Marxismus-Leninismus für vernünftiger, die Eskapaden der sowjetischen Gottlosen-Propaganda zu beenden, sich mit dem Moskauer Patriarchen Sergius zu verbünden und statt Hierarchen zu verfolgen, lieber Kollaborateure unter ihnen zu gewinnen.

Aber auch nach der anderen Seite erweist sich die treuherzige Versicherung von der sittigenden Wirkung religiöser Beteuerungen als kaum nachvollziehbare Selbsttäuschung. Wann hätte je die Grundgesetzpräambel eine deutsche Regierung davon abgehalten, etwas mit christlichen Voraussetzungen so schlechthin Unvereinbares zu tun oder mitzutun wie die Karfreitags- und Osterbombardements 1999 im Kosovo-Krieg? Oder spielt der Transzendenzbezug der Grundgesetzpräambel irgendeine nennenswerte Rolle, wenn darüber debattiert wird, ob Teile des menschlichen Körpers oder Gensequenzen patentiert oder Embryonen zu medizinischen Verwertungszwecken gezüchtet werden sollen?

Das schwerwiegendste Gegenargument gegen die neue Religionskonjunktur aber kommt erst zum Vorschein, wenn ihr religionsgeschichtlicher Kontext kritisch in Augenschein genommen wird. Entdeckt eine solche Betrachtungsweise doch sofort, dass der religiösen Restauration keineswegs religiöse Motive zu Grunde liegen, sondern solche kulturpolitischer oder gar machtpolitischer Natur.

Für den Prozess der politischen Instrumentalisierung von Religion gibt es viele Exempel. Eines wäre die Rückkehr des Ayatollah Khomeini aus seinem Pariser Exil nach Teheran im Jahr 1979, ein Vorgang, der so etwas wie das Aufbruchssignal des modernen Islamismus geworden ist. Khomeini war kein weltfremder Frommer, der die Macht ergriff, um eine ganze Gesellschaft auf seine religiösen Intentionen einzuschwören. Nein, ein hochgebildeter, mit allen Aspekten westlicher Modernität und Säkularität wohlvertrauter Intellektueller warf ihr den Fehdehandschuh tiefster Verachtung für ihren Hedonismus und Materialismus hin. Auch hier ist es wieder die Religion, diesmal des Islam, die als Gegenmacht gegen Dekadenz und Kulturverfall aufgerufen und machtpolitisch inthronisiert wird.

Ein weiteres, spektakuläres Beispiel für die Instrumentalisierung von Religion erlebten wir nach dem 11. September vorigen Jahres, als US-Präsident Bush den von ihm eröffneten "Krieg gegen den Terror" als einen "Kreuzzug" bezeichnete, von den in Afghanistan kämpfenden US-Soldaten in der Sprache des Messianismus behauptete, ihr Tun sei der Rettung der Welt gewidmet, da sie das Böse bekämpften, das er mittlerweile als eine mehrere Staaten verbindende "Achse des Bösen" identifiziert hat.


Alles ist erlaubt?

Natürlich kann man das alles als mehr oder weniger kitschige Propaganda einer offen imperialistischen Politik abtun. Aber damit würde man, was hier vorgeht, in seiner Tragweite gewaltig unterschätzen. Dies vor allem deswegen, weil die negative Kehrseite dieser neuen politischen Religion gänzlich unbeachtet bliebe. Was Bush und seine Propagandisten vollziehen, ist nichts Geringeres als eine Absage an die Ideale von Freiheit, Menschenrechten und Demokratieprinzipien, als deren historisches Ursprungsland die USA auch weiterhin ihren Platz in der Geschichte der Neuzeit behalten werden. Aber mit ihrem Einfordern von Sonderrechten beim Internationalen Strafgerichtshof, den Versuchen zur politischen Entmachtung der UNO, der Kündigung beziehungsweise Blockierung zentraler Umwelt- und Abrüstungsinitiativen - mit alledem widerruft die derzeitige US-Administration alles, was die USA zur Vorreiterin der Französischen Revolution und zur Kernmacht der Anti-Hitler-Koalition hat werden lassen.

Aber was diesem Widerruf religionsgeschichtliche Bedeutung verleiht, ist die Tatsache, dass er genau jener Definition des Nihilismus entspricht, mit der Nietzsche aus einem Kampfwort des philosophischen und politischen Diskurses des 19. Jahrhunderts eine Prophetie des Zustandes der Gesellschaft im 20. Jahrhundert werden ließ: der Nihilismus sei nichts anderes als die Selbstentwertung der obersten Werte.

Dostojewskis Dämonen von 1870 sind die erste, vielleicht nicht zufällig dichterische Schilderung des Nihilismus nicht als philosophische oder politische Doktrin, sondern als Gesamtzustand einer Gesellschaft, die nach der in der Gestalt des Stepan Trofimowitsch ergreifend dargestellten Delegitimation des Idealismus jede moralische, ästhetische und religiöse Orientierung verloren hat, obwohl alle ihre moralischen, ästhetischen und religiösen Probleme unvermindert fortbestehen oder sich nach dieser Delegitimierung in ganz neuen Ausmaßen verschärft haben.

Es ist auch dieses postidealistische Szenario der vollendeten Liquidation aller philosophischen oder religiösen Begründungen von Ethik, in dem Nietzsche seinen Zarathustra als Propheten einer ganz neuen Art von Religion auftreten lässt. Sie ist einerseits eine Warnung vor dem "letzten Menschen", dem nur noch blinzelnden Erdfloh, der keinerlei Orientierung mehr braucht, weil ihm sein Lüstchen für den Tag wie sein Lüstchen für die Nacht garantiert ist. Andererseits ist die neue Art von Religion aber auch ihrerseits eine Liquidation jeder Frage nach Orientierung.

Dies also sind die religionsgeschichtlichen Konstanten des postidealistischen und postmodernen Nihilismus: Die Furcht vor der entsetzlichen Freiheit des "Es ist alles erlaubt, darum ist alles machbar", die den Fundamentalismus antreibt, seine religiöse Unfehlbarkeit und seine Strategien der Selbstrechtfertigung und Selbstbehauptung bis zu allen denkbaren Konsequenzen eines terroristischen Dualismus zu treiben. Oder die andere Konsequenz: Die indifferentistische Hinnahme des Endes der Menschheit im Wärmetod der Reduktion allen Lebens auf das bloße Blinzeln, wie es der Philosoph Richard Rorty vor nicht allzu langer Zeit als Absage an allen Elitismus der Ethik für durchaus wünschenswert erklärt hat.


Religion und Vernunft

Aber sollte dieser doppelte Fatalismus von Fundamentalismus und Indifferentismus wirklich das Ende der Religionsgeschichte sein? Dann wäre es das wohl im Sinne von Kants "verkehrtem Ende der Weltgeschichte". Man müsste sich mit ihm abfinden, wenn es bloß eine philosophische Religionskritik gäbe, wie sie seit der Aufklärung den Lauf der Säkularisierung begleitet oder gefördert hat. Aber dem Nihilismus und seinen religiösen Konsequenzen gegenüber hat sie auf der ganzen Linie versagt. Sie musste versagen, weil sie den Tatsachen der Religionsgeschichte so hilflos gegenüberstand wie die traditionelle Schultheologie den neuen Wirklichkeitserfahrungen der Naturwissenschaft seit Kopernikus, Darwin, Planck und Einstein.

Was in dieser Lage gebraucht wird, ist eine theologische Religionskritik wie sie die israelischen Propheten, Jesus, Paulus und Johannes und auch die Kirchenväter an den barbarischen Greueln der vormosaischen Religionsgeschichte, die Reformation an der Selbstrechtfertigung des mittelalterlichen Klerikalismus, die Bekennende Kirche am Pseudomessianismus der Nazis vollzogen haben. In all den genannten Fällen hat sich die philosophische Religionskritik der Neuzeit als genauso wirkungslos erwiesen wie die der Antike. Weder Xenophanes, noch Demokrit oder Lukrez und nicht einmal Sokrates und Platon konnten mit ihrer Religionskritik ein Ende der menschenunwürdigen Rituale ihrer Zeit bewirken. Dieses Ende kam erst, als die christliche Taufe eine religiöse Freiheit realisierte, mit der ganz neue Dimensionen von Absage und Bejahung sich auftaten, die von den Kirchenvätern völlig zu Recht als eine weiter reichende Befreiung exegetisiert wurden, als die aus den Fesseln der platonischen Höhle.

Völlig anachronistisch aber ist der Vorschlag, mit einer Rückwendung zum Intellektualismus und Rationalismus der alten Aufklärung sich die heutigen Probleme der Religion durch ihre Trennung von der Kultur vom Halse zu schaffen. Sollten Dichtungen wie der Sonnenhymnus des Echnaton, das Gilgamesch-Epos, eine Dichtung von der Größenordnung des Buches Hiob, die Psalmen, das Hohelied oder die gewaltigen griechischen und lateinischen Hymnendichtungen der Alten Kirche nicht zur Kultur gehören? Welch ein Banausentum täte sich hier auf!

Gerade wenn fundamentalistische Sektenprediger sich anmaßen, als Erben Roms und Propheten eines neuen Jerusalem sich zu Wort melden zu können, bedarf es ganz anderer Kompetenzen der Religionskritik als die, über die der Philosophismus, Psychologismus oder Soziologismus verfügten, die bis heute immer wieder eine Autorität beanspruchen, die sie notorisch nicht besitzen. Religion und Vernunft trennen zu wollen, das ist ein Anschlag auf die Wurzeln der Humanität. Wie sollte die Menschheit mit ihren Auschwitz- und Hiroshima-Greueln des 20. Jahrhunderts je fertig werden? Dass es eine Zukunft der Menschheit und ihrer Kulturen ohne das Eingedenken des Exodus Israels geben könnte, dass es eine Zukunft geben könnte, ohne dass die Menschheit dem Ruf Jesu "Lege dein Schwert weg" folgte, - das zu beweisen, wird auch in Zukunft kein schlüssiges Argument gefunden werden können.

Bisher in der Religions-Debatte:


Michael Jäger: Gott und die Katastrophen; über Religion und Revolution (Freitag 29). Jochen Hörisch: Wir gottgleichen Hirnhunde; über die Hybris der Religion (Freitag 31). Christina von Braun: Wort wird Fleisch; über Säkularisierung (Freitag 33). Wolfgang Eßbach: Religion oder Kultur; über falsche Kategorien in der Kultur-Religions-Debatte (Freitag 35). Eva Horn: Das Jahrhundert des Verrats; über Erlösung, Opfer und Loyalität (Freitag 37). Klaus Theweleit: Gott ist nun mal kein Demokrat; über Religion als Herrschaftstechnik (Freitag 39). Kuno Füssel: Rückkehr der Rachegottheit; über die archaische Opferlogik des Kapitalismus (Freitag 41)

In der nächsten Folge wird Jan Rehmann auf Klaus Theweleit antworten.

00:00 18.10.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 6