Der Organizer

Gewerkschaften Detlef Wetzel soll neuer Vorsitzender der IG Metall werden. Es könnte der Beginn einer neuen Ära sein

Als Organisation wurden wir immer kleiner, unsere Kasse wurde immer leerer.“ Detlef Wetzels Erinnerung an die Situation der Industriegewerkschaft Metall Mitte der neunziger Jahre ist wenig erbaulich. Damals war er Erster Bevollmächtigter seiner Gewerkschaft im südwestfälischen Siegen. Die IG Metall hatte im kampfstarken Bayern gerade einen hohen Tarifabschluss von 4,1 Prozent erzielt. Andere Bezirke, auch Nordrhein-Westfalen, übernahmen die Einigung. Doch anstatt das Geld zu zahlen, traten die Unternehmer im Siegerland reihenweise aus den Arbeitgeberverbänden aus. Eine solche „Tarifflucht-Welle“ hatte es zuvor nicht gegeben.

Damals schrieb sich Wetzel zwei Ziele auf die Fahne: Die Organisation musste wieder kampfstark werden, und sie brauchte eigene politische Konzepte. Nun könnte das Wirklichkeit werden, denn der 60-Jährige wird aller Voraussicht nach am Wochenende zum neuen Bundesvorsitzenden der IG Metall gewählt, der größten Einzelgewerkschaft der Welt. Mit ihm steht erstmals ein Vertreter des sogenannten „Organizing“-Konzepts an der Spitze. Organizing bedeutet: keine Scheu vor Konflikten mit den Arbeitgebern, weniger Macht für Gewerkschaftsfunktionäre, mehr Aktivitäten der Basis. Läutet Wetzel bei der IG Metall das Ende der Stellvertreterpolitik ein?

Er lockte die Leiharbeiter zur IG Metall

In seiner Autobiografie Mehr Gerechtigkeit wagen schreibt er über seine Zeit in Siegen: „Jede Belegschaft eines Unternehmens musste fähig werden, aus eigener Kraft und Stärke einen betriebsbezogenen Tarifvertrag aushandeln zu können.“ Heute ist seine Gewerkschaft mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie damals. Nicht nur einzelne Unternehmen verlassen die Tarifbindung, nein, mit Leiharbeit und Werkverträgen sind ganze Branchen entstanden, in denen prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne Normalität, Gewerkschaft und Mitbestimmung Fremdworte sind.

Dass die IG Metall angesichts dieser Entwicklung nicht machtlos ist, hat Wetzel in den vergangenen sechs Jahren als Zweiter Bundesvorsitzender bewiesen. Während der IG-Metall-Chef Berthold Huber, gestützt auf die mächtigen Betriebsräte der großen süddeutschen Automobilkonzerne, vor allem Bestandsverwaltung betrieb, setzte Wetzel unkonventionelle Akzente. Er war der Kopf hinter der im Jahr 2007 begonnenen Kampagne zur Regulierung der Leiharbeit, mit der die IG Metall das Thema ins Zentrum der öffentlichen Debatte rückte und Tausende Leiharbeiter als Mitglieder gewinnen konnte.

Einfluss aus Amerika

Weniger bekannt sind die Fortschritte bei den erneuerbaren Energien. In der Windkraftindustrie sind Tausende Arbeitsplätze entstanden, doch die Arbeitsbedingungen sind deutlich schlechter als im klassischen Maschinen- und Anlagenbau, die Löhne niedriger, der Leiharbeiteranteil hoch. Um Tarifverträge abzuschließen, fehlten der IG Metall die Mitglieder. Wetzel initiierte „strategische Erschließungsprojekte“, und trotz des energiepolitischen Zick-Zack-Kurses der Merkel-Regierung stellten sich Erfolge ein. Mehr als 2.000 Beschäftigte der Windkraftbranche sind der Gewerkschaft in den letzten drei Jahren beigetreten, erste Tarifverträge wurden erkämpft.

Nach jahrzehntelangem Mitgliederverlust wächst die IG Metall seit 2011 wieder und zählt heute mehr als 2,2 Millionen Menschen in ihren Reihen. Dies verdankt sie Angela Merkels „Jobwunder“ nach der Krise von 2008/2009, aber auch der systematischen „Mitgliedererschließung“, für die Wetzel steht.

Inspirieren lässt sich der Reform-Gewerkschafter dabei auch von den US-Gewerkschaften, die im Umgang mit turbokapitalistischen Arbeitsmarktverhältnissen einen großen Erfahrungsvorsprung haben. Organisationen wie die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU setzen seit den Neunzigern auf das in der Bürgerrechtsbewegung entstandene Konzept des „Organizing“. Begleitet von geschulten „Organizern“ werden Bewohner eines Stadtviertels oder Beschäftigte eines Betriebes dafür fit gemacht, für ihre eigenen Interessen einzutreten. Bei Wetzel klingt das so: „Die IG Metall muss wieder in jedem einzelnen Betrieb kollektiv erfahrbar sein als eine Gemeinschaft, die nicht nur Abschlüsse erzielt, sondern Lösungen gemeinsam erwirkt.“

Distanz zu den Sozialdemokraten

Für die hierarchisch organisierte IG Metall ist das Organizing-Konzept von enormer Sprengkraft. Wer das Ende der Stellvertreterpolitik verkündet, auf „Selbstbefähigung und Beteiligung“ pocht und die Mitglieder auffordert, „nicht Objekt, sondern Subjekt zu sein“, muss am Ende damit rechnen, dass diese von ihren Mitspracherechten auch Gebrauch machen. Eine verallgemeinerte Organizing-Praxis wird gewachsene Gewerkschaftsstrukturen infrage stellen.

Zur SPD hält Wetzel die IG Metall auf Sicherheitsabstand, obwohl er selbst sich den Sozialdemokraten im Jahr 1969 anschloss, begeistert vom Wahlkampf Willy Brandts. Überhaupt steht Wetzel für ein pragmatisches Verhältnis zu politischen Parteien. Sein Gesellschaftsbild wurde in der alten Bundesrepublik der frühen siebziger Jahre geprägt, als es kaum Armut und wenig Reichtum, aber eine breite Mitte gab. „Ich bin ein Kind dieser Gesellschaft“, sagt der Westfale, der 1952 als Sohn eines Hufschmieds und einer Fabrikarbeiterin geboren wurde, selbst Werkzeugmacher lernte, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur ablegte und dann an der Uni Siegen Sozialarbeit studierte. „Es ist unsere Aufgabe, in diesem Sinne eine neue gesellschaftliche Übereinkunft zu erzielen“, schreibt Wetzel. Dafür ist er bereit, zu vergleichsweise radikalen Methoden zu greifen. Auch wenn er sich damit in seiner Gewerkschaft nicht nur Freunde macht.

Jörn Boewe und Johannes Schulten verfolgen seit Jahren die Entwicklungen der Gewerkschaften. Mit Wetzel stünde erstmals ein Vertreter des Organizing-Konzepts an der Spitze einer Gewerkschaft. Das heißt: weniger Macht für Funktionäre, mehr Einfluss für Mitglieder


AUSGABE

06:00 22.11.2013

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