Der Orient bekommt nicht jedem

Kalifen und Krummsäbel Ein Gang durch die Filmgeschichte auf der Suche nach den Bildern und Klischees des Nahen Ostens

Der vor ein paar Wochen in unseren Kinos angelaufene Abenteuerfilm "Hidalgo" schildert ein Pferde-Wettrennen über 3.000 Meilen quer durch die "arabische Wüste". Der Film will die Geschichte eines großen Durchhaltens erzählen, angesiedelt zwischen zwei Welten. Sein Protagonist, der amerikanische Langstrecken-Reiter Frank T. Hopkins wird - die Handlung spielt Ende des 19. Jahrhunderts - von einem arabischen Sheikh herausgefordert und reist daraufhin zu einem Wettstreit der Kulturen in den Orient: reinrassige Araberhengste gegen einen kleinen, aber zähen Mustang. Unter der unbarmherzigen Sonne der Wüste begegnet Hopkins mancherlei Unbill wie Heuschreckenschwärmen, Sandstürmen, Intrigen und Ränkespielen. Die Araber in Joe Johnstons Orient-Phantasie sind weise, stolz, hinterhältig, geheimnisvoll, ehr- und rachsüchtig und rollen das "R", kurzum: in "Hidalgo" finden sich all jene Kinoklischees, die heute einerseits nostalgisch antiquiert wie andererseits erschreckend aktuell sind.

Das Kino hat seine eigene Geschichte des Araber-Klischees: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der "Orientalismus" von Literatur und Kunst vergangener Jahrhunderte auch in das neue Medium überführt. Stummfilmstar Rudolpho Valentino wurde geradezu hysterisch verehrt in Wüsten-Liebesdramen wie "Sheikh" (1921) und der Fortsetzung "The Son of the Sheikh", (1926 ) . In den Kulissen der Traumfabrik wird vor allem die Bilderwelt eines bunten, märchenhaften Orients heraufbeschworen: Zahllose Verfilmungen knüpften an die "Märchen aus 1001 Nacht" an, und es tummelten sich Sindbads und Ali Babas, Diebe, Derwische und Dämonen. Die Requisiten, Kulissen und Motive dieses Film-Orients wiederholen sich: Da gibt es Karawanen, Kalifen und Krummdolche, Oasen, Fata Morganas und indische Seiltricks, fliegende Teppiche und Fakire; schmalhüftige Blondinen führen sonderbare Verrenkungen, genannt Bauchtanz, auf, und die Helden murmeln entzückt: "Bei Allah", während einäugige Bettler um ein Bakschisch flehen.

Auch in den folgenden Jahrzehnten variiert die filmische Darstellung des Orients all jene Bilder, die die westliche Kultur schon seit Jahrhunderten bereichern. Im Wesentlichen lassen sich die Stereotype drei unterschiedlichen Konzepten zuordnen: Der Orient als Ort der Bedrohung und des finstersten Unglaubens (im Mittelalter), der Orient als Ort des Wissens und der Weisheit (in Aufklärung und Klassik), der Orient als Ort der Sinnlichkeit und Ausschweifung (während Renaissance/Romantik/Viktorianismus). Im Kino gibt es meist alles zugleich: das Edle neben dem Niederträchtigen, Großmut und Gastfreundschaft neben Heimtücke und Hinterlist. Konkretes, historisch und geografisch Stimmiges, lässt sich allenfalls im Hintergrund ablesen: Assassinen und Ummayaden, Saladin, Harun al-Raschid und al-Mansur, Bagdad, Samarkand und Isfahan erscheinen häufig fantastisch überhöht und stilisiert.

Politik schleicht sich immer wieder unter der Hand in den Film-Orient ein, am deutlichsten in den Sechzigern, als kriegerische Auseinandersetzungen um die Staatengründung Israels das Weltgeschehen prägen. Jetzt war es Zeit für Großtaten, in die Geschichte projiziert. Allen voran Charlton Heston gab immer wieder den weißen Mann von Ehre: In Anthony Manns prächtigem Monumentalschinken "El-Cid" (1961) spielte er Rodrigo Diaz de Bivar, den legendären Edelmann und Söldner, der im Andalusien des 11. Jahrhunderts spanische Christen und ansässige, "integrationswillige" Mauren zum gemeinsamen Sieg gegen die Invasionsheere der finster-fundamentalistischen Almoraviden führt. Heston stirbt hier einen durch und durch westlichen Märtyrertod. Ebenso wie fünf Jahre später in Basil Deardens "Khartoum" (1966), wo er den britischen General "Chinese" Gordon mimt, der 1884 den sudanesischen Mahdi-Aufstand niederschlagen soll. In dem mit antikolonialistischer Rhetorik und religiösem Fanatismus auftretenden Anführer, dem charismatischen Derwisch Muhammed Ahmad (gespielt von dem Briten Sir Laurence Olivier) findet er einen ebenbürtigen Gegner - 4.000 Briten werden niedergemacht, Gordon verliert den Kopf. Irgendwie erinnern die Konstellationen mancher dieser Werke fatal an die gegenwärtige weltpolitische Lage.

Gleichfalls konkrete historische Wurzeln hat die wohl komplexeste und bedeutendste Orientphantasie jener Tage: "Lawrence of Arabia" (1962) ging mit westlicher Kolonialgeschichte ebenso kritisch ins Gericht wie mit den durch innere Machtkämpfe unterminierten Befreiungskämpfen der arabischen Stämme. Sein Protagonist, T.E. Lawrence, eine faszinierende, zerrissene Persönlichkeit, verkörpert die ambivalente Haltung des Abendlandes gegenüber dem Orient wie kein zweiter. Den britischen Archäologen und Agenten treibt eine unbestimmte Sehnsucht in die Wüste - und eine handfeste politische Mission. Fasziniert vom Zauber der Landschaft, von Ethos und Lebensart der Beduinen unterliegt er schließlich den finsteren Seiten der eigenen Seele: In den Befreiungsschlachten gegen die türkischen Heere brechen unterdrückte sexuelle Begierden, unterschwellige sadistische Neigungen, Paranoia und Größenwahn aus und führen Lawrence an den Rand des Wahnsinns - der Orient bekommt eben nicht jedem.

Die Klischees, mit denen diese Filme ihre bunten Geschichten erzählen, lassen im Zweifelsfall mehr Rückschlüsse auf die jeweilige Befindlichkeit des Westens zu als auf reale Zustände im Nahen oder Mittleren Osten. Um den 11. September herum etwa hatten paranoide Hollywood Großproduktionen wie "Ausnahmezustand"(1998) noch einmal das uralte Feindbild Islam beschworen. Tod drohte auf dem Nil, Mord im Orient-Express. Jetzt, bei "Hidalgo", fällt eines auf: In den Augen des Wüstenjockeys Hawkins spiegelt sich eine große Zivilisationsmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach dem Einfachen, Ursprünglichen. Den freundlichen Scheich Riyadh verkörpert übrigens wieder Omar Sharif, der bereits in "Lawrence von Arabien" den edlen Beduinenprinzen Sherif Ali gab. Und wie zum Beweis, dass wir uns in kriegerischen Zeiten wieder nach einem gütigen, friedfertigen Orient sehnen, finden wir den grauhaarigen Beau noch in einer weiteren Rolle auf dem aktuellen Spielplan: Als weise-hintergründiger Monsieur Ibrahim preist er uns in seinem Gemischtwarenladen die Blumen des Koran an.


00:00 30.04.2004

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