Der Ort trägt alle Tode im Leib

Spanien Belchite bei Saragossa und der lange Schatten Francos

Von Carineña - der Stadt des Weines - führt eine Nebenstraße durch karges Hügelland nach Belchite. "Belchite, Station an der Eisenbahnstrecke von Saragossa nach Utrillas-Montalbán, 52 Kilometer von Saragossa entfernt, Stadt mit 3.600 Einwohnern, nahe dem linken Ufer des Flusses Aguas Vivas", notiert Egon Erwin Kisch bei seinem Frontaufenthalt während des Spanischen Bürgerkrieges 1937. Nebenbei bemerkt er, der Ort finde in seinem Reiseführer nur in kleingedruckter Form Platz. Ob er in der nächsten Auflage überhaupt noch auftauchen werde? "Wenn ja wird dort eine (...) Schlacht erwähnt sein, die vom August 1937, eine der fürchterlichsten des spanischen Bürgerkrieges."

In meinem Reiseführer steht fast 70 Jahre später nichts von Belchite. Nicht erwähnenswert die Schlacht, das Massengrab im Brunnenschacht, die durchlöcherten Ruinen. Selbst an Ort und Stelle erinnert nichts an das Geschehen von damals.

Hin und wieder gehen Fremde durch die ausgelöschten Straßen, aus deren Pflaster die Klage rinnt. "Altes Dorf von Belchite, keine Kinder werden mehr durch dich ziehen, und auch die Lieder unsrer Eltern werden nicht mehr in dir klingen." So steht es am Kirchentor, während der Wind durch Skelette von Häusern treibt und sich in den Gewölben von St. Augustinus fängt, in dessen Turm noch immer die Granate steckt. Oh, Himmel, strahlender Azur, der die Trostlosigkeit des Ortes so recht spüren lässt. Erinnern ist wie ein Streicheln gegen den Strich.

Mit gespannten Nerven, mit gespanntem Auge

Das Sterben begann seinerzeit mit dem Angriff der Republikaner. Sie wollten das südwestliche Aragón zurückerobern, in das Franco nach dem Putsch am 17. Juli 1936 mit seinen Truppen einmarschiert war. Die Republikaner starteten ihre Aragón-Offensive in den letzten Augusttagen des Jahres 37.

"Da liegen die Brigaden, die Quito und Codo genommen haben; zwischen den Hügeln, auf denen sich die Bataillone eingraben, läuft die Straße nach Saragossa. Mit gespannten Nerven, gespanntem Auge schaut man nach vorn - werden aus Saragossa Hilfstruppen vorpreschen, die das faschistische Radio dem eingeschlossenen Belchite versprochen hat? Unheimlich muss es den Menschen in Belchite zumute sein; aber seien wir ehrlich, auch unseren Truppen, die rechts und links der Straße nach Saragossa liegen und vorwärts lugen, ist dieses Belchite unheimlich. Es liegt uns im Rücken, trägt alle Tode im Leib, lebt aber noch verflucht stark und tut alles, um alle Tode aus seinem Leib zu treiben. Aus flachem unbewässertem, hartem, steinigem, staubigem Land, auf dem spärliche Grasnarben stehen, heben sich die Türme und Häuser des todgeweihten Belchite empor", schreibt Kisch.

Belchite ist umzingelt von mehreren Bataillonen, von den Interbrigaden Ernst Thälmann, Abraham Lincoln, Georgi Dimitroff und Jan Zizka, während die Belagerten auf die versprochenen Kolonnen der Nationalisten warten, die nicht kommen. Dafür erscheinen Bomber Francos am Himmel, entladen ihre todbringende Last über der Stadt und sind doch keine Hilfe bei der Verteidigung. Nach zwölf Tagen Belagerung - am 6. September 1937 - ergeben sich die überlebenden Militärs und die Bewohner Belchites. Ein halbes Jahr später erobern Francos Verbände den Ort zurück.

Nach dem Krieg befiehlt Spaniens Diktator, die Trümmer Belchites unberührt zu lassen, als "Symbol der roten Barbarei". Neben dem pueblo viejo, dem alten Dorf, entsteht so eine neue Siedlung, weiße flache Häuser, die Kirche, das Rathaus.

Als ich die angegebene Telefonnummer des Amtes wähle und nach den Ruinen frage, reagiert der Mann am anderen Ende, als wäre ich eine lästige Fliege, zuckt vermutlich kurz zusammen und verschließt mit dem nächsten Atemzug Mund, Augen und Ohren. Wenig später erzähle ich Fernando Salas Navarro von diesem seltsamen Kontakt, der lächelt müde. Diejenigen, die etwas über das pueblo viejo wissen wollten, würden letzten Endes immer bei ihm landen.

Fernando lebt mit seiner Familie im neuen Belchite und ist Ortschronist aus Passion, seit Anfang der neunziger Jahre Bürgermeister, "sonst ein Bohème", wie seine Frau Manolita überzeugt ist.

Jeder in seinem Graben, einer links, der andere rechts

Einen Teil seiner Kindheit verbringt Fernando im notdürftig wiederaufgebauten Elternhaus in der Hauptstraße des pueblo viejo. Man lebt in den Nachkriegsjahren, als noch versucht wird, die Schäden zu beseitigen. "Im abseits gelegenen so genannten Arbeitslager waren kriegsgefangene Republikaner und Interbrigadisten interniert", erinnert er sich. "Sie begannen mit dem Bau des neuen Dorfes. Als man sie schließlich freiließ, blieben einige von ihnen in Belchite. Sie heirateten und lebten fortan hier." Bis in die sechziger Jahre hinein sind diese neuen Bewohner strengen Kontrollen und Repressalien durch die Behörden und die Nationalgarde ausgesetzt. Eines Tages erscheint ein Freund von Fernandos Vater und erklärt: "Hör, Don Salvador, ich kann morgen nicht kommen, ich muss in die Kaserne." - "In die Kaserne? Wozu?" - "Weil Franco kommt." Stets wenn der Staatschef persönlich, ein Minister oder der Gouverneur die Gegend hier besucht, müssen ein paar Leute in die Kaserne einrücken. "Wenn nicht, würde man sofort uns beschuldigen, sollte irgendetwas passieren." Sobald der Gast verschwunden ist, lässt die Nationalgarde die "Roten" wieder frei.

Über die Zeit mit Franco oder das pueblo viejo und seine Geschichte wird heute in Belchite nicht mehr gesprochen. Wenn alljährlich im September zum Todestag des Diktators junge und alte Falangisten den Arm zum faschistischen Gruß heben, ihre Hymne Cara al Sol (Das Gesicht zur Sonne) singen und am Brunnen, in dem damals die vielen Toten - Frauen, Kinder und Soldaten - versenkt wurden, der "Gefallenen Helden" gedenken, bleiben Türen und Fenster im neuen Belchite verschlossen.

Dieses Schweigen, meint Fernando, läge nicht allein über Belchite, sondern über ganz Spanien. "Es war ein Krieg unter Brüdern. Ich habe oft versucht, mit den Leuten hier ins Gespräch zu kommen. Aber was ich hörte, waren bestenfalls Anekdoten ... Nur wenige erzählen von sich, aber darüber kann ich nun wiederum nicht sprechen." In diesen Geschichten geht es mitunter um tödliche Fehden unter Freunden, Familien, Nachbarn. "Der Krieg bot Gelegenheit, auch manch persönliche Rechnung zu begleichen."

Die Wunden der Vergangenheit wurden durch die Jahre der Diktatur geschleppt wie die Ruinen des pueblo viejo. "Eigentlich sollten sie unter UNESCO-Schutz gestellt werden, aber dies scheiterte am andauernden Hader zwischen links und rechts." Heftig und schnell redet sich Fernando den Ärger von der Seele, seinen Groll über die fehlende Achtung Belchites, über halbherzige Restaurierungen, über Zäune und Betonmauern, die den Verfall nicht aufhalten, über Plünderer, die Familienwappen aus den Hauswänden brechen, über Schafe, die zwischen den Ruinen nach Gras suchen - über den ewigen Streit in den Gemeindeversammlungen, bei denen es nicht nur um die Ruinen geht.

Seine 25jährige Tochter Tatjana versteht die Grabenkämpfe der Alten nicht, sie hat den Eindruck, dass viele Leute, die den Krieg erlebt haben, "im Krieg geblieben sind, jeder in seinem Graben, einer links, der andere rechts." Ihre Generation, glaubt sie, würde diesen Gräben überwinden. "Immer gibt es Extremisten, aber ich hoffe, es hört auf."

Jahrzehnte der Zensur, Räson des Schweigens

Der Historiker Julian Casanova von der Universität in Saragossa kann die Haltung der Nachgeborenen verstehen. Die Geschichte diene dazu, Gegenwart zu rechtfertigen, Polarisierung lebe als Erbe der Franco-Ära fort.

"Demgegenüber existieren seit Jahrzehnten ernsthafte und rigorose Untersuchungen vieler Historiker, aus denen sich ersehen lässt, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung dieses Thema für absurd und wenig relevant hält. Es interessiert sie nicht oder sie sagen: ›Es reicht mit dem Gerede über den Bürgerkrieg und den franquismo‹. Dabei herrscht ein hohes Maß an Unkenntnis." Andererseits werde das Schweigen poröser, durchlässiger. "Es sind besonders die Enkel, die mit ihren Fragen eine künstliche Stille durchbrechen und sich auf den Weg machen, die Knochen verschwundener Großväter aus Massengräbern zu bergen, um zu verstehen, zu versöhnen und sich in Vereinen zu sammeln, die sich einer ›Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses‹ verschreiben."

Davon wollen viele der Franco-Sympathisanten nichts wissen. Es gäbe einen neofranquistischen Revisionismus, Neofranquista nicht im Sinne neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, meint Julian Casanova, "sondern im Sinne der Renaissance alter franquistischer Thesen, die sie der heutigen Situation Spaniens anpassen." Noch immer werde Francos Putsch von 1936 als legitime Antwort auf Chaos und Anarchie der Republik und ihrer Volksfrontregierung verteidigt. "Neu daran ist lediglich, dass sich die Neofranquista in stärkerem Maße geistig verwandter Medien und Verlage bedienen und an eine breite Öffentlichkeit wenden kann."

Wissenschaftler wie Julian Casanova publizieren mittlerweile nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch in großen Blättern wie El País. Nach Jahrzehnten der Zensur und der Räson des Schweigens gibt es eine regelrechte Informationslawine, die all das bedient, was als "historisches Gedächtnis" gilt.

Letzteres sei "das fundamentale Produkt des langen Schattens", den Franco werfe, meint der Historiker. "40 Jahre lang gab es keine Meinungsfreiheit, keine reiche, vielseitige Geschichtsschreibung. Das ist die eigentliche Anomalie in Spanien - nicht der Bürgerkrieg. Denn in jener Periode gab es überall in Europa Kriege, in Griechenland, in Finnland ... Das Besondere sind die 40 Jahre Diktatur danach, zu einer Zeit, da sich im Westen die Demokratien entwickelten." Erinnerungen an den Bürgerkrieg blieben für viele Spanier verbunden mit Gefühlen der Angst und den alltäglichen Repressionen der Ära Francos. Drei Jahrzehnte sind seither vergangen. Noch dringt kein Licht durch den Schatten. Auch in Belchite nicht.


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00:00 03.05.2006

Ausgabe 38/2020

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