Der Osten altert schneller

Generationen in Ostdeutschland Abwanderung, demografische Falle und Generationenkonflikt wurden von zwei Studien untersucht

Die Jungen wandern ab, den Rentnern geht es zu gut!" Unter den "Leistungsträgern" in Ostdeutschland, also der Generation in der immer kürzer werdenden Zeitspanne zwischen Ausbildungsabschluss und Frühverrentung, ist diese Meinung häufiger zu hören. Die Angesprochenen in der Phase davor oder danach sehen das freilich anders. Als in Sachsen der jährliche Jugendpreis der privaten Glowatzky-Stiftung vergeben werden sollte, gab es empörte Anrufe älterer Bürger ob des hohen Preisgelds von 17.500 Euro für besondere Nachwuchsleistungen. Jugendliche wiederum, die es bei der Suche nach Ausbildung und Arbeit nach Schwaben oder Bayern verschlagen hat, fühlen sich als Opfer der Verhältnisse und zugleich als Wohlstandsmigranten denunziert. "In mir fließt Ostblut, Sachsenblut", bekundet beispielsweise Katrin aus Leipzig ihr Heimweh, nachdem sie nun in 500 km Entfernung eine Lehre angetreten hat.

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"Generationengerechtigkeit" ist derzeit ein vielstrapazierter Begriff. Der Generationenkonflikt macht sich längst nicht mehr an zu langen oder zu kurzen Haaren oder dem hölderlinschen Aufbegehren der Jünglinge gegen die klugen Ratgeber fest. Er ist Bestandteil eines Verteilungskampfes in einer langen Übergangsphase, in der wenige Kinder die geburtenstarken Jahrgänge ihrer Eltern und Großeltern mitfinanzieren müssen. In den letzten beiden Wochen sind zwei interessante Studien erschienen, die Vorurteile korrigieren können und aus denen einiges zum Befinden der Älteren und der mobilen Jüngeren erhellt.

Die vom Statistischen Landesamt Sachsen herausgegebene "Sächsische Wanderungsanalyse" wertet zwar die Antworten von 2.238 Abwanderern aller Altersstufen aus. Die junge Generation steht dennoch im Mittelpunkt, denn 53 Prozent von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Sie hatte das sächsische Wirtschaftsministerium und die ihm nachgeordnete Stiftung Innovation und Arbeit ursprünglich auch im Blick. Es ging um Konzepte, ihre mögliche Rückkehr nach Sachsen zu stimulieren. Dafür müssten schlicht die Gründe für den Weggang entfallen, und die lauten erwartungsgemäß vor allem Ausbildung, Arbeit und höhere Verdienstmöglichkeiten. Unter diesen Voraussetzungen sind anfangs noch 75 Prozent der jüngeren unter 30 Jahren zu einer Rückkehr bereit. Die Quote sinkt aber erheblich mit der Aufenthaltsdauer im Westen und mit zunehmendem Bildungsgrad. Unter den Jungakademikern erwägen nur noch zwölf Prozent die Heimkehr in den Freistaat Sachsen.

Diese Höhergebildeten mit Hochschulreife sind mit 37 Prozent überproportional unter den Westwechslern vertreten, 19 Prozentpunkte mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt. Die Selbstverspottung der DDR als "Der Doofe Rest" gewinnt also mit dieser dritten "Republikflucht"-Welle späte Verifikation. Von einer solchen Welle kann mit einem deutlichen Anstieg seit 1998, der fast wieder das Ausmaß des Jahres 1991 erreicht hat, tatsächlich gesprochen werden. Sachsen verliert nicht nur durch den Geburtenschwund, sondern zunehmend durch Wegzüge derzeit jährlich ein Prozent seiner Bevölkerung. Absolut ist die Einwohnerzahl seit 1990 um etwa eine halbe Million auf knapp 4,4 Millionen gesunken.

Sachsen verlässt man überwiegend allein stehend, aber ein Viertel dieser jungen Singles geht bald nach dem Umzug eine feste Bindung ein. Bis zum Alter von 21 Jahren überwiegt der Anteil junger Frauen. Damit wird die Zahl potenzieller Mütter weiter eingeschränkt. In Sachsen wurden im Vorjahr 3,6 Prozent weniger Kinder als im Jahr 2000 geboren.

Arbeitslose sind nicht überdurchschnittlich stark unter den Abwanderern vertreten. Das wichtigste Motiv aber bleibt für mehr als die Hälfte die Arbeitssuche oder bessere Verdienstmöglichkeiten. Mehr als zwei Drittel der in den Westen gezogenen Arbeitslosen haben dort tatsächlich auch Arbeit gefunden. Analog dazu geben 37 Prozent der unter 21-Jährigen eine Ausbildungsmöglichkeit als Grund an. Nur für ältere Bürger jenseits der 50 dominieren familiäre oder persönliche Gründe, Sachsen dauerhaft zu verlassen.

Die Befragung der Generation "50+" durch das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg ist insofern ein Gegenstück zur sächsischen, als sie die ostdeutsche Altersgruppe der weniger Mobilen untersucht. Sie ist außerdem nicht regierungsoffiziell, was angesichts der Spekulationen um ein monatelanges sächsisches "Schöninterpretieren" der bereits im Sommer vorliegenden Ergebnisse nicht ganz unwichtig erscheint. Der jüngste Berliner Sozialreport zeigt aber auch Parallelen. Seit 1999 sinkt die Zufriedenheit der reiferen Generation ebenfalls. Wie allgemein bei Umfragen zu beobachten, ist von diesem Trend eigentlich nur die eigene Wohnung ausgenommen. Nur sechs Prozent glauben noch an eine sichere Finanzierung ihrer künftigen Rente, die Hälfte hält dies für nicht wahrscheinlich oder ausgeschlossen. Der Anteil derer, die das Alterseinkommen für angemessen im Verhältnis zur Lebensleistung halten, hat sich seit 1996 auf 18 Prozent halbiert.

Trotz der relativ hohen Renten wegen der günstigen DDR-Erwerbsbiographien macht sich zunehmend Altersarmut breit. Die hohe Arbeitslosigkeit der neunziger Jahre wirkt bereits in Gestalt verminderter Rentenansprüche in die Rentnergeneration hinein. "In den neuen Bundesländern existiert ein sich reproduzierendes Armutspotenzial", heißt es in der Studie. Es überrascht nicht, dass sich nur für eine schmale Minderheit von vier Prozent die hohen Erwartungen der Wendezeit erfüllt haben. Die DDR möchte zwar fast niemand wiederhaben, aber in der Bundesrepublik fühlen sich fast drei Viertel auch nicht zu Hause. An der Demokratie werden lediglich die freien Wahlen geschätzt, und beim Blick in die Zukunft überwiegen die Befürchtungen deutlich.

Aus dieser wenig optimistischen Situation gibt es für die Älteren kaum noch den Ausweg West, wie auch die sächsische Erhebung zeigt. Schon die 50- bis 59-Jährigen lehnen zu 70 Prozent einen Ortswechsel ab und nehmen lieber schlechtere Arbeitsbedingungen zum Erhalt des Arbeitsplatzes in Kauf. Der Osten ist bekanntlich hinsichtlich Deregulierung und Sozialdumping Vorreiter. Potenzielle Heimkehrer im noch mobilen Alter dürfte das kaum stimulieren. Von politischen Konsequenzen aus der Studie hat man deshalb in Sachsen überhaupt noch nichts gehört. "Die Tiere zieht es auch zum Wasserloch" - so einfach sagt es ein junger abgewanderter Sorbe. Schließlich trägt jeder junge Mensch, der im Westen Arbeit findet, auch zur Milderung des Generationenkonfliktes bei.

00:00 13.12.2002

Ausgabe 21/2020

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