Der Pannwitz-Blick

Schamlose Zeiten? Wer nicht mithalten kann, schämt sich. Und im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit hat sich das Beschämungstheater grundlegend verändert

Man muss sich der Scham nicht schämen, jedenfalls dann nicht, wenn man sich wissenschaftlich mit ihr auseinandersetzt. Das Thema ist en vogue, zuletzt hatte sich im April der größte deutschsprachige Psychotherapeutenkongress, die Lindauer Psychotherapiewoche*, ausführlich mit dem Affekt Scham befasst. Scham ist längst nicht mehr das "Aschenbrödel im Reich der Gefühle", wie dies der Psychoanalytiker Léon Wurmser noch vor 20 Jahren, 1987 angeprangert hat: "Andere Affekte - Angst, Schuld, Depression - füllen die Schriften, nicht so die sichtbare oder die verborgene Scham und ihre Schicksale ... So mancher persönliche oder soziale Konflikt wird unbefriedigend angepackt, da ein Schamproblem angegangen wird, als ob es ein Schuldproblem sei."

Mit dem Augenmerk, das Tiefenpsychologen nicht nur der Freudschen Schule heute den Schamkonflikten widmen, geht indes, weniger spektakulär, auch eine veränderte kulturgeschichtliche Perspektive einher. Noch vor 20 Jahren galt die Trennung von Scham- und Schuldkulturen als geläufig. Für erstere stand Japan, so die Anthropologin Ruth Benedict in ihrem berühmten Buch Die Chrysantheme und das Schwert (1947). Die vorrangige Bedeutung der Scham in Japan verweist auf die dortige Wertschätzung der Gemeinschaft, die der Schuld im "Abendland" auf den hiesigen Individualismus. Schuld bezieht sich auf ein Tun, dem ein Konflikt vorangeht - man hätte die böse Tat auch unterlassen können. Der Beschämte hingegen hinterfragt seine Tat nicht; er sieht seine ganze Person in Frage gestellt - wie dem Samurai, der "das Gesicht verloren hat", bleibt ihm oft nur der freiwillige Tod.

Das war auch im Griechenland Homers ähnlich (es wird deshalb, etwa von dem Altertumswissenschaftler Eric Robertson Dodds oder von dem Philosophen Bernard Williams, ebenfalls als eine Schamkultur bezeichnet). Der Held Ajas, einer der tapfersten unter den Belagerern Trojas, ist erzürnt, weil die Waffen des toten Achilleus nicht ihm, sondern dem listigen Odysseus zugesprochen werden. Rasend vor Wut will er die Führer des Griechenheeres töten. Aber da die Göttin Athene ihn mit Wahnsinn straft, metzelt er an deren Statt eine Schafherde nieder. Aus der Umnachtung erwacht, empfindet er die Blamage als so schwer, dass er sich in sein Schwert stürzt.

Statusscham statt Sexualscham

Wie aber steht es heute um Beschämung und Scham? Viele glauben, wir lebten in "schamlosen Zeiten". Diese Ansicht hat zum Beispiel der Ethnologe Hans-Peter Duerr in seiner Kritik an Norbert Elias (Der Mythos vom Zivilisationsprozess) vertreten, und ein Blick ins Fernsehprogramm, etwa in den Big-Brother-Container, scheint ihm recht zu geben. Es ist offenkundig, dass in der modernen westlichen Gesellschaft die Sexualscham von der Statusscham fast völlig verdrängt worden ist. Noch für Freud war die Scham ein Damm gegen sexuell motivierte Schaulust. In einer Zeit indes, in der Jugendliche sich auf dem Schulhof via Handy Sex- und Gewaltdarstellungen betrachten können, leben wir offenkundig unter anderen Bedingungen als einst in der viktorianischen Ära. Natürlich hat es auch früher Statusscham gegeben, aber sie bezog sich auf den Ehrenkodex privilegierter Schichten, etwa der homerischen Helden. Heute ist die Statusscham demokratisiert und infolgedessen allgegenwärtig; sie heftet sich vor allem auf die Verfügbarkeit über Gebrauchsgüter und Verhaltensoptionen. Ein Freund wurde etwa von seiner pubertierenden Tochter erbost zur Rede gestellt, weil er während des Schulfestes telefoniert hatte: "Wie kannst du mich nur so blamieren! Mit so einem alten Handy!" Das Wort "peinlich" fällt nicht ohne Grund in der Jugendsprache äußerst häufig. Die Scham ist der Unfähigkeit geschuldet, Dockers-Schuhe und Diesel-Jeans zu tragen. Die Bedeutung der visuellen Sphäre ist deutlich: Man schämt sich jetzt wie einst für den Anblick, den man bietet - aber nicht nackt und bloß, sondern uncool und ohne Markenware.

Eine rituelle Beschämung findet aber auch statt in der weitgehenden öffentlichen Ächtung ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen, etwa der "Hartz-IV-Empfänger", von Menschen also, die ein ehemaliger Spitzenmanager ungestraft als "Wohlstandsmüll" hat bezeichnen können. Wohin es führen kann, wenn große, ohnehin benachteiligte Randgruppen der Gesellschaft durch provokante Äußerungen schamfreier Politiker verhöhnt und beleidigt, also öffentlich beschämt werden, wie jugendliche Immigranten durch den damaligen Innenminister und heutigen Staatspräsidenten Sarkozy, ließ sich im Herbst 2005 in den Vorstädten unseres Nachbarlandes beobachten wie in einem sozialpsychologischen Experiment. Den Beschimpften und Beschämten, die in ihrer Selbstachtung zutiefst getroffen worden sind, bleibt dann nichts anderes als die noch tiefere Demoralisierung, gegebenenfalls auch Flucht in die Gewalt. Nicht anders bei den "Amokläufern" von Erfurt und Emsdetten: Es handelte sich hier wie dort um in ihrer Selbstachtung schwer verletzte junge Menschen.

Beschämung als Machtritual

Scham ist also auch unter politischen Aspekten ein brisantes Thema. Denn Scham ist der politische Affekt schlechthin. Jede Beschämung setzt voraus, dass der Mensch als zoon politikon (frei übersetzt: als "Gemeinschaftstier") mit anderen Wesen seiner Art in Interaktion tritt. Ekel mag durch üblen Geruch, Angst durch ein Unwetter ausgelöst werden - nichts dergleichen ist bei Schamgefühlen möglich. Scham ist stets anthropogen, ein seelisches man-made-disaster. Infolge dieser Zwischenmenschlichkeit, an deren einem Pol der Beschämende, am anderen der Beschämte steht, kann Scham auch zielstrebig zur Durchsetzung oder zur Bekräftigung von Machtinteressen eingesetzt werden. Das weite Feld der Schamszenen reicht daher von der Ehebrecherin oder dem Dieb, die im Mittelalter am Pranger zur Schau gestellt wurden, von der öffentlich gefolterten und verbrannten Hexe bis hin zum Schüler, der, auch heute noch, auf Geheiß des Lehrers, in der Ecke zu stehen hat. Der Beschämte ist, meist schutz- und wehrlos, den Blicken aller preisgegeben. Oft wird diese Schmach noch unterstützt durch besondere Kleidung, geschorene Haare, Schandmasken oder Brandmale bis hin zur auf den Arm tätowierten Nummer des KZ-Häftlings.

Als Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, eines Abends mit seinem Schwager Franz Hensel bei einer Flasche Wein gemütlich beisammen saß, fragte Hensel, was der Begriff "Untermensch" bedeute. Höß seufzte. "Du fragst immer und fragst und fragst", erwiderte er. "Sieh dir diese Menschen doch an. Sie sind nicht wie wir. Sie sind anders. Sie sehen ganz anders aus. Sie haben kein menschliches Benehmen. Sie tragen Ziffern auf den Arm. Sie sind hier, um zu sterben".

Die Anonymisierung des Menschen, seine Degradierung zur Nummer, ist eine wesentliche Komponente systematischer, machtpolitisch motivierter Beschämung - vor Jahrzehnten in Auschwitz, vor kurzem erst in Abu Ghraib. Die berechtigte Empörung über die Exzesse der Nationalsozialisten sollte uns nicht an der Frage hindern, wie viel Beschämungspotenzial unseren gegenwärtigen Institutionen innewohnt. Den Schulen beispielsweise. Oder auch der Medizin. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, vor sechzig Jahren Beobachter der Nürnberger Ärzteprozesse, hat sich nicht gescheut, diese Verbindungslinie zu ziehen. Im Vorwort seiner 1947 erschienenen Dokumentation notierte er: "Es ist fast dasselbe, ob man den Menschen als ›Fall‹ sieht, oder als Nummer, die man ihm auf den Arm tätowiert - doppelte Antlitzlosigkeit einer unbarmherzigen Epoche".

Beschämung ist, wie schon erwähnt, der visuellen Sphäre verhaftet; das Wort Scham leitet sich von der indogermanischen Wurzel [-kem] = Verdecken, Verhüllen ab. Wer sich schämt, will sich verbergen, verstecken, in ein Mauseloch verkriechen. Vom abgewandten Blick des eifersüchtigen Gottes im Alten Testament ("Denn auf Kain und sein Opfer sah Jahwe nicht"...) ist es ein gerader Weg bis zum "Pannwitz-Blick", den Primo Levi in seinen Erinnerungen an Auschwitz so eindringlich beschrieben hat. Dieser Blick des IG-Farben-Direktors Pannwitz richtet sich im Nebenlager Monowitz auf Häftling 174 517, auf Levi: "Mir ist, als müsste ich überall, wo ich hinkomme, Schmutzflecken hinterlassen", so erlebt sich der hilflose Auschwitz-Häftling unter dem Blick des übermächtigen Ariers, der - so Levi - "fürchterlich hinter einem wuchtigen Schreibtisch" thront.

Die Spiegelung im Auge des Anderen

Das Gemeinschaftstier Mensch ist nun einmal dazu verurteilt, sich in den Augen der anderen zu spiegeln, auch dann, wenn diese Augen unbarmherzig sind. Wobei es für die tiefste Beschämung schon genügt, wenn wir sie für unbarmherzig halten, weil wir den abschätzigen Betrachter verinnerlicht haben. Bernard Williams hat auch dieses Thema erörtert: "Auch wenn sich die Scham und ihre Motivation in der einen oder anderen Weise immer auf den Blick des anderen beziehen, ist es wichtig, festzuhalten, dass für viele ihrer Operationen der imaginierte Blick eines imaginierten anderen ausreicht".

Die Spiegelung im Auge der anderen, ob imaginiert oder nicht, erhält jedoch eine neue Qualität durch die technische Reproduzierbarkeit der Abbildung und durch die damit mögliche zigtausendfache, auch weltweite Verbreitung. Scham und Suizid des Ajas waren von Interesse nur für eine zahlenmäßig kleine, aristokratische Kriegerkaste; der Rest der Welt wird kaum von ihr Notiz genommen haben. Heute sitzen Millionen neugierig vor dem Bildschirm und betrachten Bilder gedemütigter Entführungsopfer. Wir können mit Walter Benjamin treffend von der "Scham im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" sprechen.

In der Moderne spielte bei einer wachsenden Fülle vervielfältigter Schamszenen zunächst die Fotografie eine besondere Rolle - rund ein Jahrhundert später folgte dann die Videoaufnahme. Deutlich geworden ist dies zuletzt in den erschütternden Bildern aus Abu Ghraib. Die Technik von heute eröffnet dem Darstellungsdrang und der Schaulust eine neue, gleichsam globale Bühne, damit zugleich auch der Beschämung und der Scham. Die reproduzierbare und massenhaft reproduzierte Ablichtung der Qual gedemütigter, gefolterter und getöteter Menschen entwürdigt diese auf Dauer, weit über ihren Tod hinaus.

Scham ist also durchaus ein Problem der Moderne, und der "Pannwitz-Blick" ist gerade heute allgegenwärtig. Dieser die Grundfesten der Existenz bedrohende Affekt ist kein Aschenbrödel, sondern eher ein allgegenwärtiges Phantom: in immer neuer Gestalt sorgt er dafür, dass sich hilflose und ohnmächtige Menschen im Kern getroffen fühlen müssen, heute nicht weniger als vor tausend Jahren. Und manche Wunden der Scham heilen nie.

* Die Vortragstexte der Lindauer Psychotherapietage sind unter www.lptw.de abrufbar.

Till Bastian ist Arzt und arbeitet an einer psychosomatischen Fachklinik in Baden-Württemberg.


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00:00 15.06.2007

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