Der postmoderne Irrtum

Gastbeitrag Die Individualisierungsmaschine hängt zu viele Individuen ab. Es ist Zeit, umzudenken
Der postmoderne Irrtum
Ob sich mit diesem Bild wohl die Zugriffszahlen auf das eigen Instagram-Profil steigern ließen?

Foto: Stefan Wermuth/Reuters

Der Mainstream-Journalismus ist in einer tiefen Krise. Genauso die Volksparteien. Beide erlebten zuletzt Vertrauensverlust und eine Erosion. Gibt es dafür eine gemeinsame Erklärung? Ja. Es liegt an der „Postmoderne“. Journalismus und die Mitte-Parteien müssen die Probleme und Irrtümer postmodernen Denkens verstehen und überwinden. Das ist meine These.

Wie kam es zu der Krise?

In dem Maße, wie der neoliberale Kapitalismus zur Ultima Ratio der Welterkenntnis erklärt wurde, geriet in Vergessenheit, dass es auch mal einen anderen, einen sozial eingehegten Kapitalismus gab – den durch den Keynesianismus geprägten New-Deal-Kapitalismus, der in Deutschland lange unter dem Stichwort des Rheinischen Kapitalismus firmierte. Nach 1990 wurden aber alle großen ökonomischen Debatten für beendet erklärt. Und indem sich die Linke auf den Kurs des „Dritten Weges“ begab, sich postideologisch und pragmatisch gab, beteiligte sie sich am Verschwinden dieser Debatten. Zum ökonomischen Neoliberalismus, der fortan als alternativlos galt, gesellte sich dann noch ein postmoderner Liberalismus.

Diese besondere Spielart des Liberalismus hält den Status quo für gut und schön und glaubt, dass die Welt auf dem richtigen Weg ist. Sie setzt auf mehr und mehr gesellschaftliche Befreiung und stellt die großen Themen der Selbstverwirklichung in den Vordergrund. Dieses postmoderne Denken zog spätestens in den 2000er Jahren langsam in den Journalismus und die Mitte-Parteien ein und erlebte zuletzt einen Höhepunkt.

Man rief hauptsächlich nach mehr Toleranz und Weltoffenheit und warb dafür, Differenzen zu ertragen. „Celebrate Diversity“, Vielfalt feiern, war etwa das Motto des Eurovision Song Contest 2017. Lebt euer Leben, lasst euch in Ruhe, lehnt euch zurück und seht dem Liberalismus beim Siegen zu. Alles ist gut, und alles wird besser. So lautete die Botschaft des Zeitgeistes. Dieser Liberalismus ruft dem Einzelnen zu: Sei du selbst! Mach dein Ding! Und sei gefälligst happy. Die Kehrseite dieser Heilslehre ist: Aber wenn du nicht happy bist, bist du auch selber schuld daran. Das scheint der normative Dreh- und Angelpunkt unserer postmodernen „liberalen Hyperkultur“ (Andreas Reckwitz) zu sein. Vielfalt wird für gut befunden und ansonsten soll sich jeder um sich selbst kümmern.

Wozu noch Zeitung lesen?

Dazu passt eine Studie, über die die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete: „Einer neuen Umfrage des Gallup Instituts und der Knight Foundation zufolge sind Vielfalt und Inklusion 53 Prozent der amerikanischen Studenten wichtiger als Meinungsfreiheit.“ In der FAZ hieß es weiter: „Statt um den Austausch von Argumenten geht es um Gruppenzugehörigkeit und die bessere Moral.“ In der Folge parzelliert sich die Gesellschaft und keiner interessiert sich mehr wirklich für den anderen. Dazu kommt: Man denkt viel häufiger in Kategorien von „wir“ und „die“. So spaltet sich die Gesellschaft in Gruppen, die sich gegenseitig mittels einer eigenen Identitätspolitik vorwerfen, Unrecht zu haben.

Die politischen Diskussionen werden also von einem Kulturkampf geprägt. Die Identitätspolitik der Liberalen wird gegen die Identitätspolitik der Rechten gesetzt. So verlagert sich vieles in die Frage nach „Werten“ und „Weltbildern“. Man spricht so kaum noch über die Realität und darüber, wie man auf sie antworten soll. Debattieren und Argumentieren will man eher nicht, sondern einfach nur für seine Sicht auf die Welt Recht bekommen. So geht das schon eine ganze Weile. Gehört der Islam zu Deutschland: ja oder nein? Solche Diskussionen prägen den Tenor der Politik.

Viele eher linksliberale Journalisten führen – nicht nur bei Twitter – diesen Kulturkampf gegen die Rechten ebenso innig wie die Repräsentanten der Mitte-Parteien. So aber sinkt das Vertrauen in Medien, weil viele Menschen den Eindruck haben, dass aus linksliberalen Medienhäusern vor allem viel postmoderner Moralismus und eine Art Pädagogik kommen. Auch die Volksparteien haben auf diese Weise Vertrauen verloren. Denn Politik bedeutet nicht einfach nur, für eine Haltung und ein Weltbild zu werben, sondern vor allem, die Sorgen und Nöte der Menschen zu adressieren, Antworten auf die Realität zu formulieren und darzulegen, was man an Gesetzen verabschieden will, um die eigenen normativen Vorstellungen zu realisieren. Außerdem geht es darum, zu zeigen, wofür man in der internationalen Politik kämpfen will. Das ist Politik.

Aber das ist in den Hintergrund gerückt. Man stellte sich eher hin und sagte: „Alles ist gut. Wir haben alles im Griff und sind auf einem guten Weg.“ Für dieses Weltbild wollten Angela Merkel, die SPD und die Grünen zuletzt gewählt werden. Sie idealisierten den Status quo und glauben, diesen verteidigen zu müssen.

In der Folge führen die Liberalen lange Auseinandersetzungen mit der CSU, Jens Spahn und der AfD über korrekte oder falsche Weltbilder, aber nicht etwa darüber, wie die Mammutaufgabe der Integration, vor allem der Integration der Flüchtlinge in Arbeit, gestemmt werden soll. Der Mainstream ist auf diese Weise einem postmodernen Irrtum aufgesessen.

Eine postmoderne Individualisierungsmaschine hat die kulturelle Hegemonie erobert. Das führt auch zu breitem Desinteresse am Allgemeinen. Wozu überhaupt noch Politik? Wozu überhaupt noch Zeitung lesen? Wozu überhaupt noch Interesse für andere Menschen aufbringen, wenn letztlich nur noch die Performance des eigenen Lebens zählt und der Traffic auf dem eigenen Instagram-Profil?

Ich glaube auch, dass es unter anderem diese Intuition war, die Frank Schirrmacher dazu trieb, sein Buch über das Ego zu schreiben. Er hat gespürt, was für eine zerstörerische Kraft diese Entwicklung auch auf den Journalismus ausüben könnte. Denn man liest Zeitungen vor allem dann, wenn man die Dinge noch für veränderbar hält. Wer aus Politik und Journalismus nur von Alternativlosigkeit hört, wird sich abwenden.

Aber der postmoderne Irrtum hat nicht nur große Probleme für die Medien und die Politik geschaffen. Er hat auch das Individuum in eine Krise gestürzt. Die neue postmoderne Individualisierungsmaschine lässt nämlich sehr viele Menschen frustriert, unverstanden und verärgert zurück. Selbst viele Linksliberale, unter denen doch etliche im postmodernen Referenzrahmen denken, sind unzufrieden mit einer übertriebenen Individualisierung und Bindungslosigkeit – nicht nur das zum Bestseller avancierte Buch des Autors Michael Nast zur Generation Beziehungsunfähig deutete das an. Eine Hyperindividualisierung schafft eine Form von Unzufriedenheit, die oft die innere Frage hinterlässt, ob Glück und Sinn denn überhaupt je nur für einen selbst gefunden werden können.

Aber dieses „Sei du selbst“ für sich, ohne allgemeinen Sinn, ohne gemeinschaftliches Ziel, erschöpft die Menschen irgendwann. Das ist das „erschöpfte Selbst“ (Alain Ehrenberg) im Hamsterrad der postmodernen Individualisierungsmaschine. Ein allgemeines Ziel und ein allgemeiner Sinn fehlen – und so auch Orientierung. Deswegen muss es im Mainstream zu einer Wende kommen. Dieser postmoderne Zeitgeist muss überwunden werden.

Politisch bedeutet das: Vor allem die Linke sollte Abstand davon nehmen, sich als vehementer Verteidiger eines liberal-postmodernen Weltbildes zu inszenieren. Vor allem bei Mitte-links muss es zu einem Umdenken kommen, vor allem bei der SPD. Von den Grünen darf man keine Abkehr von der Postmoderne erwarten. Sie sind die postmoderne Partei schlechthin.

Tatsächlich aber brauchen wir eine Rückkehr des Kollektivismus und des Gemeinsamen. Es geht darum, die Wirklichkeit ernst zu nehmen und von dieser Wirklichkeit ausgehend nach einer neuen Vision zu streben. Es geht überhaupt darum, an so etwas wie eine Vision glauben zu können – anstatt sie sich selbst zu dekonstruieren und am Ende nur zu einer Verteidigung der heutigen postmodernen Leitkultur fähig zu sein. Der postmodern-liberale Wohlfühlkonsens, in dem es sich die Mitte-Parteien von links und rechts und große Teile des Journalismus bequem gemacht haben, muss zu einem Ende kommen. Es ist eben nicht alles gut geworden. Wir müssen endlich den Ausbruch aus der liberalen Selbstzufriedenheit wagen. Vor allem die Linken.

Es braucht also einen Bruch mit der Postmoderne. Und eine neue Leitkultur sollte folgen, die wieder bewusst macht, dass dies heute noch nicht die beste aller Welten ist und es somit noch was zu tun gibt.

Am Ende muss die Antwort auf die Postmoderne aber vor allem nicht nur ein rein philosophisches Umdenken bedeuten, sondern zu einem neuen Handeln der Kapitalismuskritik führen. Denn wer eine Alternative zur Postmoderne will, muss letztlich eine Alternative zum Neoliberalismus suchen. Nur das wäre eine neue Vision, und die brauchen wir dringend. Denn die Ideenarmut und die Visionslosigkeit sind ja gerade das Merkmal des relativistischen anything goes, in dem alle „großen Erzählungen“ dekonstruiert und schlecht gemacht wurden.

Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz. Zuvor war er Grundsatzreferent und Redenschreiber der letzten beiden IG-Metall-Vorsitzenden. Von ihm erscheint Anfang Mai Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen im Dietz-Verlag. Zuletzt hat Heisterhagen die Bücher Kritik der Postmoderne im Springer-VS-Verlag sowie Existenzieller Republikanismus im Transcript Verlag publiziert

06:00 10.05.2018

Kommentare 10