Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Belletristik

Literatur Wir haben einen Blick auf die Bücher geworfen, die den begehrten Preis gewinnen könnten
Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Belletristik

Montage: der Freitag

Wir sind da!

Revolte Heike Geißlers „Die Woche“ erzählt von zwei Mädchen, die gegen den Stillstand aufbegehren

Wer vermutet, die klassischen Märchen gehörten längst zum alten Eisen, der wurde in den vergangenen Jahren eines Besseren belehrt. Der Autor Michael Köhler entdeckte in mehreren Verarbeitungen und Sammlungen die Gattung wieder, die LyrikerInnen Birgit Kreipe und Ron Winkler gaben just eine Anthologie mit neuen Gedichten zu den traditionsreichen Prosastücken um Rotkäppchen, Schneewitchen & Co. heraus. Mal scheinen sie als Refugien gegenüber einer beklemmenden Wirklichkeit auf, mal dienen sie zur Analyse historisch gewachsener Vorurteile in Bezug auf Geschlecht, Ethnie und Hautfarbe.

Nun reiht sich auch die 1977 in Riesa geborene und heute in Leipzig lebende Heike Geißler mit ihrem für den Preis nominierten Roman Die Woche in die Riege der schreibenden MärchenleserInnen ein. Erzählt wird darin von zwei proletarischen Prinzessinnen, die aus der Lektüre der kanonischen Texte den Mut zum neuen Aufbruch beziehen. Wo bislang Ohnmacht vorherrscht, suchen sie den Protest und die Revolte. „Wir sind aus der Zeit geflogen“, sagen die juvenilen Damen über sich selbst, „wir halten einen Kurs, und wenn er wegfliegt, fliegen wir / hinterher. / Wie das geht? / Wir haben tausend Einzelteile und ein lautes Lachen. / Wir sind da und möglich.“ Selten hat man so unverkrampft, so flippig, genial-komisch und verspielt vom angestrebten Wandel der Zeit gelesen wie in diesem Roman voller Fantasie und Farbenpracht.

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Die Woche Heike Geißler Suhrkamp 2022, 316 S., 24 €

An diesem Tag

Sowjetunion Fein lakonisch erzählt Katerina Poladjan in „Zukunftsmusik“ eine Zeitenwende

In den meisten Romanen der 1971 in Moskau geborenen Schriftstellerin Katerina Poladjan kommt Russland eine tragende Rolle zu. Ob als Raum ihrer Kindheit wie in ihrem Debüt Eine Nacht, woanders von 2011 oder als polyphones Abenteuerland wie in dem 2016 veröffentlichten Bericht Hinter Sibirien – das einstige und kulturell ausdifferenzierte Großreich hat sich dem Denken und Wirken der Autorin nachdrücklich eingeschrieben.

Auch in ihrem neuen Werk Zukunftsmusik führt sie die LeserInnen in die Weiten der ehemaligen Sowjetrepublik, genauer: in eine Kommunalka in Sibirien. Hier wohnen vier Generationen, bestehend aus Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin, aufs Engste zusammen. Intensiv gewährt uns Poladjan, die 2015 zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen und 2021 mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet wurde, Einblicke in deren Alltagsleben. Mit feiner Lakonie erzählt sie von der Sehnsucht nach Liebe, von Geburt, Erinnerungen und sozialem Miteinander – bis sich mit dem 11. März 1985 eine alles umfassende Zeitenwende einstellt. Die großen historischen Linien im Individuellen nachzuzeichnen, noch einmal in die Interieurs hinter den bröckelnden Fassaden vergangener Epochen zu schauen, darin besteht die Ambition von Zukunftsmusik, die, wie es der Titel andeutet, eben über eine Vergangenheitsaufarbeitung hinausgeht.

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Zukunftsmusik Katerina Poladjan S. Fischer 2022, 192 S., 22 €

Grenzgängerin

Flucht Emine Sevgi Özdamar schreibt sich aus dunkler Vergangenheit ins Hier und Heute

Eine Frau wählt die Flucht nach vorn, raus aus einem infolge des Putsches von 1971 vom Militär gelenkten System in der Türkei und hinaus in den Westen, wo Demokratie und Freiheit locken. Nachdem die Erzählerin in Emine Sevgi Özdamars Roman Ein von Schatten begrenzter Raum ihre Heimat am Bosporus verlassen hat, strebt sie in Deutschland ein Schauspielstudium an und findet im Laufe der Jahre in Theater und Kunst einen Raum für Emanzipation und Selbstverwirklichung abseits totalitärer Fremdbestimmung. Sie taucht ein in das Pariser Nouvelle-Vague-Milieu und das ästhetische Universum eines Claus Peymann. Zugleich wirft die Vergangenheit immer wieder Schatten auf ein unbefangenes Hier und Heute. Indem die in Istanbul geborene und durch zahlreiche Bühnentexte einem breiteren Publikum bekannt gewordene Autorin unterdessen auch ihre eigene Biografie verarbeitet, spannt sie einen großen Bogen, verdichtet sie „Erfahrungen einer europäischen Grenzgängerin zu einem poetischen und formalästhetischen Gedächtnisraum“, so die Jury. Dieser Roman – der erst nach über 20 Jahren auf Deutsch erscheint – geht also auch über den Anspruch der Migrationsliteratur hinaus. Vielmehr rührt er von weitaus existenzielleren Fragen über das Menschseins her, die ein intensives Nachdenken über Einsamkeit und Herkunft anstoßen.

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Ein von Schatten begrenzter Raum Emine Sevgi Özdamar Suhrkamp 2022, 763 S., 28 €

Rasante Umwege

Odyssee „Eine runde Sache“ – Tomer Gardi schickt Künstler auf die Suche nach ihrer Identität. Mit dabei: ein Schäferhund

Nachdem die 1990er noch mit dem Titel des realistischen Erzählens überschrieben waren, setzte sich in den vergangenen beiden Dekaden ein neues Bewusstsein für das Fantastische durch. AutorInnen wie Daniel Kehlmann, Christoph Ransmayr, Georg Klein oder zuletzt auch Robert Schneider schufen Wirklichkeitsräume, durch die sich Risse des Magischen und Surrealen ziehen. Warum? Um Auswege aus einer reformmüden und bräsigen Gesellschaft der Spätmoderne aufzuzeigen oder um sie ein wenig verzerrt zu spiegeln.

Letzteren Ansatz verfolgt auch der 1974 geborene und heute in Berlin lebende Schriftsteller Tomer Gardi. Mit Verve erzählt er im ersten Teil seines rasanten Romans Eine runde Sache (siehe auch Vorseite) von einer wendungsreichen Odyssee, auf die er sich selbst als literarische Figur, begleitet von einem Deutschen Schäferhund sowie dem Erlkönig, begibt. Ferner ist auch der zweite Part, der aus dem Hebräischen übersetzt ist, einem Künstler gewidmet. Diesmal nehmen wir an der Reise des indonesischen Malers Raden Saleh teil, den es nach Europa und schließlich zurück nach Asien treibt. Nicht nur die unorthodoxe, vor Einfällen sprudelnde Handlung besticht. Allem voran Gardis Fähigkeit, für zwei subtil miteinander verflochtene Geschichten jeweils unterschiedliche Stile zu entwickeln, zeugt von hoher literarischer Klasse.

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Eine runde Sache Tomer Gardi Zur Hälfte übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Literaturverlag Droschl 2021, 256 S., 23 €

Woher kommen wir?

Welttheater Science-Fiction-Autor Dietmar Dath wirbelt die LeserInnen durch einen absurden Kosmos der Diskurse

Zur Begründung für die Nominierung des Romans Gentzen oder: Betrunken aufräumen. Kalkülroman hält die Jury fest: „Aus der spannenden Suche nach dem Erbe des Mathematikers Gentzen entwickelt Dietmar Dath ein großes Panorama unserer Gegenwart zwischen Autofiktion und Science-Fiction.“ Weitestgehend in Vergessenheit geraten, suchen Laura und Jan nach dem 1909 geborenen und 1945 in Prag gestorbenen Logiker und Mathematiker Gerhard Gentzen. Wie seine anderen Bücher greift auch der aktuelle Text des Autors und F.A.Z.-Filmredakteurs ins Fantastische und Surreale über. Verstorbene und Lebende kommen in dieser wendungsreichen Lektürereise gleichermaßen zu Wort. Im Gewirbel der Diskurse begegnen wir mitunter Frank Schirrmacher, einem der wichtigsten kritischen Kommentatoren der Digitalisierung, dem Netz-Mogul Jeff Bezos oder der Sprachphilosophin Ruth Garrett Millikan. Hinzu kommt ein irreales Wesen, das zuletzt noch die Zukunft des Planeten bedroht. In diesem literarischen Essay fließen Kulturanalyse, Groteske, Parabel und kafkaeskes Welttheater zusammen. Was ihn durchdringt, sind letzthin die uralten und allzeit gültigen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was können und was sollen wir tun, um ein besseres Morgen zu verwirklichen? Und natürlich: Was zeichnet uns als Menschen aus?

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Gentzen oder: Betrunken aufräumen. Kalkülroman Dietmar Dath Matthes & Seitz 2021, 604 S., 26 €

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Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse. Die Preisverleihung können Sie hier live verfolgen

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