Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Sachbuch

Literatur Wir haben einen Blick auf die Bücher geworfen, die den begehrten Preis gewinnen könnten
Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Sachbuch

Montage: der Freitag

Lasst den Streit!

Identitätspolitik Hadija Haruna-Oelker lotet die Dialogmöglichkeiten aus

Der von Francis Fukuyama begründete Begriff Identitätspolitik sorgt seit einigen Jahren vor allem für eines: Streit. Zwischen vermeintlichen Sprechverboten auf der einen und politischer Korrektheit auf der anderen Seite verlaufen die auf den ersten Blick schier unüberbrückbaren Konfliktlinien. Dass es statt des Beharrens auf Gegensätzen ebenso einen anderen Weg des Austausches über das Dauerthema gibt, dokumentiert Hadija Haruna-Oelkers Essay Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denken. Nachdem sich die Politikwissenschaftlerin und Volkwirtschaftlerin schon in zurückliegenden Publikationen mit Rassismus und weiteren Diskriminierungsmustern beschäftigt hat, folgt nun auf die Analyse der Vorschlag zur Lernbereitschaft. Ausgehend vom Befund, dass wir alle Anteile und Perspektiven anderer in uns tragen, plädiert sie für ein Zuhören, die Anerkennung der Differenz, die Bereitschaft zum Einfühlen in den Standpunkt des Gegenübers und nicht zuletzt für ein Bewusstsein, das im Unbekannten auch das Schöne und Einzigartige zu erkennen vermag. Glücklicherweise beschränkt sich die 1980 geborene Autorin nicht auf eine bloß rationale Argumentation, sondern bezieht in ihren Text immer wieder auch autobiografische Gesichtspunkte ein. Abstrakte Diskurse erhalten somit ein Gesicht, eines, das offenherzig auf die unwägbare Welt schaut.

Info

Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denken Hadija Haruna-Oelker btb 2022, 560 S., 24 €

Vitales Denken

Gesellschaft „Der Streit um Pluraliät“ – Juliane Rebentisch befragt dazu virtuos Hannah Arendts Schriften

Hannah Arendt war eine streitbare Intellektuelle, und diese Streitbarkeit hat einen Rückhalt in ihren Überzeugungen. Einen regelrechten Bärendienst würde man dem Erbe Arendts erweisen, würde man ihren Schriften die Autorität heiliger Texte zusprechen und sie so aus dem Raum der lebendigen Auseinandersetzung entfernen“ – ohne das vielschichtige und bisweilen von Spannungen durchdrungene Werk der 1906 in Hannover geborenen Philosophin und Kulturtheoretikerin Hannah Arendt zu glätten, klopft die Autorin Juliane Rebentisch deren Schriften auf die Anwendbarkeit auf aktuelle Diskurse und Gesellschaftsentwicklungen ab. In zehn Kapiteln verhandelt sie – vom Zustand von Demokratie und Kapitalismus über Migration und Identität bis hin zu Rassismus und Kolonialismus – zentrale Fragen unserer Zeit. Was die einzelnen Texte verbindet, ist die Diskussion um den angemessenen Umgang mit Vielfalt. Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt lautet daher der Titel ihres so anregenden wie konzentrierten Buches, das nicht nur eine Anleitung zum vitalen und Widersprüche austarierenden Denken bietet. Vielmehr beweist es, von welcher Dringlichkeit die Auseinandersetzung mit Intellektuellen gerade in einer Zeit ist, die allzu lange fehlende politische Utopien durch Reaktionismus und Pragmatik ersetzt hat.

Info

Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt Juliane Rebentisch Suhrkamp 2022, 287 S., 28 €

Der Weltkünstler

Kunstgeschichte Horst Bredekamp arbeitet umfassend Leben und Werk des Renaissance-Genies Michelangelo auf

Der 1947 geborene und an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Kunsthistoriker und Professor Horst Bredekamp ist eine Autorität. Was er zu der Renaissance oder den neuen Medien schreibt, hat Gewicht. Und so überrascht es kaum, dass nun auch seine monumentale Annäherung an Leben und Werk des Meisters und Weltkünstlers Michelangelo durch Exzellenz überzeugt. Kundig beschreibt und erforscht der Träger des Schillerpreises dessen ikonische Arbeiten, darunter der berühmte David oder natürlich die Malereien in der Sixtinischen Kapelle.

Was Bredekamps Zugriff prägt, ist der gelingende Versuch, Schaffen und Biografie in einen Bedingungszusammenhang zu stellen. Beides beeinflusste sich ihm zufolge gegenseitig. Dass der Kunstkenner, den es mit Gastaufenthalten unter anderem nach Princeton, Los Angeles und Budapest verschlug, in seine Untersuchung ferner zeitgeschichtliche Aspekte einbezieht, verleiht seinem Text Weite und Tiefe zugleich. Zur Nominierung seiner Studie Michelangelo hält daher die Jury fest: „Umfassend und zugleich mit Liebe zum Detail präsentiert Horst Bredekamp Leben und Werk Michelangelos. Seine reich bebilderte Monografie lädt zur kulinarischen Lektüre ebenso ein wie zum Nachschlagen und ist jetzt schon ein Standardwerk der Kunstgeschichte.“

Info

Michelangelo Horst Bredekamp Wagenbach 2021, 816 S., 89 €

Die Wege des Vaters

Rekonstruktion „Alles, was wir nicht erinnern“: Christiane Hoffmann diskutiert, was uns das Erinnern an Fluchterfahrungen für die Gegenwart lehrt

Man kennt sie vor allem als pointiert argumentierende Kommentatorin des politischen Geschehens und seit Kurzem als eines der bekannten Gesichter der Mannschaft um Olaf Scholz: Christiane Hoffmann, lange Zeit Redakteurin der F.A.Z., danach leitendes Mitglied des Hauptstadtbüros des Spiegel und nun stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung. Dass die ehemalige Journalistin auch sehr persönlich kann, offenbart ihre Annäherung an die Geschichte ihres Vaters. In „Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“ beschreibt sie eine Wanderung, die den Spuren seiner Flucht aus Schlesien im Jahr 1945 folgt. Indem sie danach fragt, wie heutige Familien mit der Vergangenheit ihrer vertriebenen Ahnen umgehen, widersetzt sich die Autorin der Historisierung des Migrationskomplexes. Ihr Weg führt ins Gestern, um das Hier und Heute besser zu verstehen. Auf Basis von Zeitzeugenberichten, persönlichen Erinnerungen und Schilderungen von Bekanntschaften auf der Reise entsteht ein dichtes Buch, das individuelle Erfahrung mit gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen verwebt. Ferner erzählt Hoffmanns „bewegende Rekonstruktion“, so die Jury, „einnehmend klar von den Ambivalenzen und Bruchlinien im deutsch-polnisch-russischen Verhältnis“. Gerade im Schatten der Ukraine-Krise erhält der Text daher eine ungemeine Brisanz.

Info

Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters Christiane Hoffmann C. H. Beck 2022, 279 S., 22 €

Prinzip der Störung

Sprache Uljana Wolf sinniert in „Etymologischer Gossip. Essays und Reden“ über die Philosophie des Übersetzens

Es ist die Reise in einen Kopf, der verkörperter Essay ist, die Reise an einen Punkt, wo sich Sprache neu erfinden und erzählen lässt – Uljana Wolfs Kompilation von Aufsätzen, Prosa und Lyrik, zusammengefasst unter dem Titel Etymologischer Gossip. Essays und Reden, strebt dabei vor allem den Ausbruch aus überkommenen Zeichenstrukturen an. Wer die Vorformung von Sprache offenlegen und letztlich hinterfragen will, sollte, wie die Dichterin vorschlägt, insbesondere auf das Prinzip der Störung vertrauen – eine These, die übrigens schon auf den performativen Ansatz Judith Butlers zurückgeht.

Eines der Hauptaugenmerke der 1979 in Berlin geborenen Autorin gilt unterdessen dem Übersetzen. Ihm eignet sie schlussendlich eine ganze Philosophie zu: „War es nicht so, dass das Übersetzte das Gesagte in einer anderen Sprache verständlich machen soll? Warum soll man merken, dass es übersetzt wurde, warum soll der Rede Übersetzerisches anhaften, Unverständliches gar? Und wie klänge etwas übersetzerisch?“ Wolfs Buch ist keine Studie, kein Lehrbuch, sondern das Dokument eines Freigeistes. Ihr Schreiben steht im Zeichen des Austestens und Experimentierens, erweist sich als poetisches Laboratorium, in dem jedes Wort zahlreiche Bedeutungen annehmen kann.

Info

Etymologischer Gossip. Essays und Reden Uljana Wolf kookbooks 2021, 232 S., 22 €

Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse. Die Preisverleihung können Sie hier live verfolgen

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