Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Übersetzung

Literatur Wir haben einen Blick auf die Bücher geworfen, die den begehrten Preis gewinnen könnten
Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse: Übersetzung

Montage: der Freitag

Proust reloaded

Finnland Hierzulande unbekannt: Volter Kilpi. Stefan Moster hat ihn nun elegant übersetzt

Ende des 19. Jahrhunderts war der Epochenumbruch hin zu einer unausweichlichen Modernisierung aller Lebensbereiche überall spürbar. Epische Erzählwerke erwiesen sich als Gradmesser dieser Zäsur und beschrieben allzu oft das Ende einer Ära von althergebrachtem Bürgertum und Adel. Natürlich zählen dazu Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, James Joyce’ Ulysses und später Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Obgleich heute eher die englisch- und deutschsprachigen Werke dieser Zeit im Vordergrund der Rezeption stehen, gibt es noch so manch weiteres zu Unrecht vergessenes Porträt jener Umbruchphase.

So etwa Volter Kilpis Im Saal von Alastalo. Eine Schilderung aus den Schären. Um die wichtigsten Männer der Schärengemeinden vom Bau einer Dreimastbarke zu überzeugen, lädt der titelgebende Grundbesitzer eine illustre Gruppe einflussreicher Männer zu sich ein. Noch einmal geben die Gespräche, erstreckt auf einen einzigen Nachmittag, Gedanken und Haltungen einer dem Wandel unterliegenden Gesellschaft wieder, wodurch ein kohärentes Zeitpanorama entsteht. Dass wir es heute wieder in elegantem Deutsch lesen können, verdankt sich der nominierten Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster. 1964 geboren, gilt er als Koryphäe seines Faches und wurde im Jahr 2001 sogar mit dem Staatlichen finnischen Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Info

Im Saal von Alastalo. Eine Schilderung aus den Schären Volter Kilpi Stefan Moster (Übers.), mare Verlag 2021, 1.136 S., 68 €

Amour scandaleux

Niederlande Helga von Beuningen gelingt es, die beklemmende Attraktion von „Mein kleines Prachttier“ erfahrbar zu machen

Es ist eine verbotene Begegnung, eine Amour scandaleux, die Marieke Lucas Rijneveld in ihrem Prosawerk Mein kleines Prachttier dokumentiert: die Beziehung zwischen einem fünfzigjährigen Tiermediziner und der Tochter eines seiner Kunden. Während er einem Trauma und seiner Einsamkeit zu entfliehen sucht, träumt das Mädchen vom Ausbruch aus der Provinz und zugleich von einer inneren Heimat. Da die Liaison jedoch offiziell nicht sein darf, erschaffen sich beide ein künstliches Paradies, verortet in einem allen anderen verschlossenen Fantasiereich, wo eigene Gesetze und Rituale das Dasein bestimmen.

Aus ein bisschen Alice im Wunderland, ein bisschen Vladimir Nabokovs Lolita ist ein flammender Text über Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht und Moral entstanden. Übersetzt hat ihn die 1945 in Obergünzburg geborene Helga von Beuningen, die nicht nur die niederländische Sprache in Heidelberg studierte, sondern sogar 15 Jahre lang lehrte. Den Angaben der Jury zufolge wurde sie vor allem nominiert für ihr „absolutes Gehör“ und die Kunst, „die sprachlichen Register musikalisch ineinandergreifen“ zu lassen, die für die „beklemmende Attraktion von Marieke Lucas Rijnevelds Roman ‚Mein kleines Prachttier‘ sorgen“.

Info

Mein kleines Prachttier Marieke Lucas Rijneveld Helga von Beuningen (Übers.), Suhrkamp 2021, 364 S., 24 €

Der Tamagotchi spricht Deutsch

Japan Über eine überforderte, aber starke Frau – Hiromi Itōs neuer Roman in der tollen Übersetzung von Irmela Hijiya-Kirschnereit

Gut ausgeruht und quicklebendig schaute der Tamagotchi mich gut gelaunt an und verlangte: Ich will pinkeln. Als ich verdattert zusah, war es schon geschehen. Zu spät. Nun wollte ich ihn wieder schlafen legen und drückte versuchsweise verschiedene Tasten, aber es klappte nicht. Ausgerechnet ich, die vor lauter Arbeit weder ein noch aus weiß, die wegen Vater, Mutter, Aiko und Ehemann kein Geld, keine Zeit und noch nicht mal ein Selbst hat, muss mit dem Tamagotchi in der Hand rumspielen!“ – sichtlich leidet die Erzählerin unter chronischer Überforderung: der Gatte kränkelnd, die Töchter von Essstörungen geplagt, und überhaupt: die ständigen Reisen zwischen Kalifornien und Japan, wo Itō als berühmte Schriftstellerin zu Ruhm gelangte. Zur Ruhe findet die Dame nicht. Wie sie sich trotzdem zwischen Mutterrolle und fordernder Autorschaft schlägt, darüber lässt sich mehr in Hiromi Itōs Roman Dornauszieher. Der fabelhafte Jizō von Sugamo erfahren, für dessen meisterliche Übersetzung Irmela Hijiya-Kirschnereit nominiert ist. 1948 geboren, studierte sie Japanologie und gab neben zahlreichen Beiträgen zu Literatur und Kultur Japans auch die 34 Bände umfassende Japanische Bibliothek im Insel-Verlag heraus. Zu den von ihr ins Deutsche übertragenen Stimmen gehören mitunter Enchi Fumiko, Nosaka Akiyuki, Ōba Minako und Ōe Kenzaburō.

Info

Dornauszieher. Der fabelhafte Jizō von Sugamo Hiromi Itō Irmela Hijiya-Kirschnereit (Übers.), Matthes & Seitz 2021, 336 S., 22 €

Tolle Derbheiten

Kasachstan Über Andreas Tretners tolles Gespür für semantische und rhythmische Details

Hamid Ismailovs Roman Wunderkind Erjan liest sich wie das östliche Pendant zu Günter Grass’ Opus magnum Die Blechtrommel. Wie in letzterem treffen die LeserInnen auf einen scheinbar immerjungen Protagonisten. Zwar ist er in Wirklichkeit bereits 27 Jahre, mutet aber juvenil und unbedarft an. Überdies verfügt er über ein geradezu überirdisches musikalisches Talent. Diese Erfahrung macht der Erzähler mit einigem Erstaunen, als er den titelgebenden Helden im Zug durch die kasachische Steppe begegnet. Woher rühren die scheinbar endlose Jugend und die besonderen Fähigkeiten? Vielleicht aus einer frühen Grenzüberschreitung, tauchte doch Erjan wider alle Verbote als Kind in einen nuklear verseuchten See. Lebendig wird diese Geschichte in der geschmeidigen Übersetzung des 1959 in Gera geborenen Andreas Tretner. Für seine zahlreichen und stilistisch ausdifferenzierten Übertragungen ins Deutsche – mitunter aus dem Russischen, Bulgarischen und Tschechischen – erhielt er bislang den Paul-Celan-Preis und den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. Die Leipziger Jury überzeugt indessen bezüglich der Arbeit an Ismailovs Text das „Gespür für semantische und rhythmische Details, für das Auf und Ab von menschlichen Derbheiten und Landschaftsbeschreibungen“.

Info

Wunderkind Erjan Hamid Ismailov Andreas Tretner (Übers.), Friedenauer Presse 2022, 152 S., 20 €

Doppelsound

Frankreich/USA Anne Weber präsentiert gleich zwei beachtliche Frauenstimmen

Man kann Anne Webers literarisches Wirken kaum mit genügend Preisen und Lob gerecht werden. Nicht nur als famose Schriftstellerin, die 2020 für Annette, ein Heldinnenepos bereits sehr verdient den Deutschen Buchpreis erhielt, machte sie sich im Laufe der Zeit einen Namen. Auch als Übersetzerin brilliert das 1964 in Offenbach am Main geborene Multitalent. Davon kann man sich nun in ihrer Übertragung von Cécile Wajsbrots Nevermore aus dem Französischen einen Eindruck verschaffen. Darin kommt dem Übersetzen selbst eine besondere Bedeutung zu, handelt der Text doch von einer Frau, die sich der Übertragung eines Werks von Virginia Woolf ins Deutsche widmet. Dabei, zunehmend berauscht von der musikalisch-sprachlichen Komposition der modernen Schriftstellerin, begegnet sie nicht nur einer verstorbenen Freundin. Sie durchläuft überdies – vom kriegsgebeutelten Dresden bis zur New Yorker Industrieruine – einstige Orte der Zerstörung, die nun vor dem inneren Auge zu neuer Blüte gelangen. Was die Jury zu ihrer Nominierung bewog, ist letzthin der souveräne Umgang mit gleich mehreren Stilen und Autorinnen. Weber musste sowohl einen Ton für Wajsbrot als auch für Woolf finden und zugleich einen für deutsche LeserInnen ansprechenden Sound entwickeln. Das ist eine exzellente Leistung! Chapeau!

Info

Nevermore Cécile Wajsbrot Anne Weber (Übers.), Wallstein 2021, 229 S., 22 €

Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse. Die Preisverleihung können Sie hier live verfolgen

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