Der Prunk von gestern

Bürgerliche Restauration Den neuen Berliner Grandhotels fehlt die Patina

Luxushotels bilden eine Welt für sich. Als bevorzugte Treffpunkte des Adels und eines Bildungsbürgertums waren sie zudem im 19. Jahrhundert auch immer honorige Orte für Schriftsteller. Eine nahezu geschlossene Gesellschaft, die ihre Privilegien genoss. Heute werben Luxushotels mit traditionsreichen Namen - und im Unterschied zum vorigen Jahrhundert haben sie sich der Gesellschaft geöffnet. Es sind Orte, an denen sich die städtische Gesellschaft mischt. Freilich, die verschwenderischen Hallen, die prächtigen Salons und Aufenthaltsräume sind einem globalen Standard gewichen. Der große Auftritt wird zum Medienspektakel. Das Personal hat gewechselt, die Aura der Nobelhotels ist verschwunden.

Auch in der Architektur ist der Wandel sichtbar. Rentabilität sowie Funktionsabläufe bestimmen die Gestaltung des Hotels. Die Zimmer sind kleiner, die Ausstattung dagegen komfortabel, historisierendes Interieur ist wieder gefragt: Avanciert Karl Friedrich Schinkel zum großen Lehrmeister? Das ist nicht einmal überraschend. Das bürgerliche Zeitalter ist mit alten Bildern in die Hotels zurückgekehrt. Doch die Fluchtpläne auf den Fluren zeigen, dass Nützlichkeits- und Sicherheitsdenken die Form beherrschen.

Gute Hotels empfehlen sich durch ein aufmerksames Personal: Ein freundlicher Empfang, ein guter Service sowie ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis sind für die Dauer des Aufenthaltes mitentscheidend.

Die Grand-Hotels des 19. Jahrhunderts weiteten ihre Räume durch große Spiegel. Im Berliner Ritz-Carlton-Hotel sind es komfortable Sitzgruppen, welche die Eingangshalle beherrschen. Freilich, wer die großen Auftritte geschwungener Treppenanlagen liebt, der muss sich in Berlin mit einer bescheidenen Ausgabe begnügen. Die wuchtige Marmortreppe, die die Halle mit dem Obergeschoss verbindet, leidet unter ihrer eigenen Schwere. Der elegante Schwung ist ihr abhanden gekommen, man ist müde, bevor man die Belle Etage betritt.

Geschwungene Treppen waren in den großen Hotels herausragende Solitäre, die den Gast auf Raumfluchten vorbereiteten. Im Ritz-Carlton ist die Treppe zu klein und überstylt. Ein Malheur, das man aber offensichtlich kaum zur Kenntnis nimmt. Prunkvolle Säulenstümpfe in der Halle verschließen den Blick in die Tiefe, schwere Teppiche, dunkle Paneele und ein riesiger Lüster: In der Eingangshalle ist alle Pracht zusammengefasst. Ein zeitloser Ort, der von einer vergangenen Ära zehrt. Das Personal fügt sich dem Ritual: Es ist aufmerksam und höflich und hält sich an das Rollenspiel.

Es scheint, als feierten die Grand-Hotels von heute den Prunk von gestern. Ein Hinweis auf Schinkel genügt, um sich wohl zu fühlen. Doch reiner Luxus verlangt Augenmaß. Und wo es fehlt, muss sich der Gast mit repräsentativen Statussymbolen begnügen.

Standortfragen sind für Luxushotels entscheidend; das Ritz-Carlton vertraut auf die vornehme Steifheit einer schmalen Fassade, um seine städtebauliche Distanz zum Potsdamer Platz zu wahren. Das Münchner Architekten-Team Hilmer, Sattler und Albrecht haben dem Hotel eine fast anonyme Physiognomie verliehen. Die Fassade ist so perfekt, dass man sie beinahe übersieht. 302 Zimmer und Suiten verschwinden hinter dieser Homogenität. In den sechs oberen Etagen sind Eigentumswohnungen untergebracht. Der Kaufpreis: 8.000 Euro pro Quadratmeter - ein Taschengeld für Millionäre.

In dem Werk Zur Stilgeschichte des Hotels kritisierte schon 1942 der Schweizer Peter Meyer "eine Inflation der Architekturformen, die sich auf dem Gebiet des Hotelbaues ganz besonders verheerend auswirken".

Der palastartige Typus eines frei in die Landschaft gestellten Grand-Hotels blieb nicht nur wegen des Stilpluralismus umstritten. Architekturkritiker forderten wiederholt eine Vereinfachung des Äußeren und der inneren Ausstattung. Doch das Publikum bevorzugte großzügige Gesellschaftsräume, liebte die Opulenz eines luxuriösen Milieus und goutierte bizarre Formen. Die Architekten kamen den geheimen Wünschen dieser reichen Klientel entgegen. Die Prachtentfaltung der Nobelhotels untermauerte den Anspruch: mehr Schein als Sein; die zahlreichen Gesellschaftsräume boten der Aristokratie und dem Geldadel Gelegenheit, den erworbenen Reichtum als Lebensstil zu entfalten. Man muss wohl ein Nomade sein, um das Innenleben der Grand-Hotels auszukundschaften. Berühmte Hotels verdanken ihren Ruf weniger einer repräsentativen Architektur, als vielmehr einer renommierten Gästeliste. Das macht sie auch für jene sozialen Schichten attraktiv, die meinen, mit einer Übernachtung Anschluss an die Führungselite gefunden zu haben. Doch das Privileg der Grand-Hotels, einer Geld- und Adelselite einen angemessenen Aufenthalt zu bieten, ist längst sozialisiert. Auch Fünf-Sterne-Hotels müssen bei der Anordnung der Zimmer und Aufenthaltsräume auf das Verhältnis von Repräsentation und Zimmergröße achten. Die Atmosphäre eines Raumes ist in den Mittelpunkt gerückt. Wer sich wohl fühlt, bewegt sich außerhalb der Zeit.

Andererseits unterliegen Hotels auch dem Zeitgeschmack. Die Gediegenheit vergangener Stilepochen wird honoriert, Bauhauskünstler mit ihren leichten und eleganten Möbeln sucht man in solch Luxuskategorien vergeblich.

Erstaunlicherweise spielt die räumliche Erschließung, das Raumerlebnis, eine untergeordnete Rolle. Dagegen wird dem Detail eine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Hatte die Postmoderne der achtziger Jahre nicht alle Schubladen geöffnet, um die Architektur zum Sprechen zu bringen? Ein riesiges Archiv steht den Top-Designern zur Verfügung, doch die bürgerliche Restauration setzt auf gediegene Konvention. Ironie der Geschichte? Die Ausstattungen der Nobel-Hotels ähneln sich auf fatale Weise. Ob Hotel Adlon am Pariser Platz oder Ritz-Carlton am Potsdamer Platz: Kostbare Materialien schaffen noch keine Atmosphäre, wenn es an einem verbindlichen Thema mangelt.

Einige Fehler sind hausgemacht: Das ohnehin zu klein geratene Entree im Ritz-Carlton wird von dem Kölner Ausstatter Peter Silling mit Lüstern und schwelgenden Teppichmustern heimgesucht: eine aufgeladene Atmosphäre, die elegisch stimmt. Doch was nachhaltiger wirkt, das Organisationsprogramm der Räume wird sowohl im benachbarten Marriott-Hotel als auch im Ritz-Carlton nicht sichtbar.

Auch ein breitgefächerter Komfort kann nicht verbergen, dass eine seltsame Leere in den Zimmern herrscht. Die Individualität ist einem historisierenden Ambiente, die Rationalität den Emotionen gewichen. Zu viele Emotionen schaffen Überdruss. Das Beisheim-Center verspricht Luxus, ohne dabei zwischen Imitation und Original zu unterscheiden. Auch städtebaulich ist das Ritz-Carlton weder fein noch prägnant genug, um sich gegenüber den beiden Hochhäusern am Potsdamer Platz zu behaupten. Hilmer und Sattler, die verantwortlichen Architekten des Master Planes von 1991, haben sich einem Trugschluss hingegeben. Ihr Ziel, einen urbanen Raum um das Beisheim-Center zu schaffen, haben sie nicht erreicht. Der Master-Plan ist den Regularien von Senatsstadtplaner Hans Stimmann zu sehr verpflichtet.

Sollte das Ritz-Carlton tatsächlich die neue Nummer eins unter Berlins Nobel-Herbergen werden, dann ist es um die Qualität solcher Grand-Hotels schlecht bestellt. Der helle Sandsteinbau von 18 Geschossen, dessen ausgetüftelte Fassade sich gegenüber dem Sony-Center abzuheben versucht, beeindruckt weder durch eine eigenwillige Architektur noch durch die Originalität seiner Räume. Die himmelsstürmende Vertikale haben die Architekten Hilmer, Sattler und Albrecht zurechtgestutzt. Bei einem Investitionsvolumen von 500 Millionen Euro macht soviel Bescheidenheit nachdenklich.

Das Beisheim-Center mit dem Ritz-Carlton und dem Marriott-Hotel wahrt Diskretion. Es ist einer kommerziellen Architektur verpflichtet, die eine Auseinandersetzung mit dem Ort vermeidet. "Schon durch die vornehme Lage ist dem Hotel sein besonderer Charakter aufgeprägt" - das, was einst dem 1909 errichteten Hotel Esplanade an Eigenwilligkeit zugeschrieben wurde und mit dem Hotel Adlon am Pariser Platz als Repräsentationsbau seine Fortsetzung fand, läuft formlos in einer Glaskasten-Architektur zum nördlichen Tiergarten aus.

Vielleicht sind es real gebaute Gesellschaftsräume, Hotel-Städte wie Karlsbad, Nizza oder Baden-Baden, die Berliner Nobel-Hotels in Bedrängnis bringen. Die Geschichte ist im Gegensatz zu Berlin dort anwesend. Die körperlose, durchgerasterte Fassade des Ritz-Carlton hat es schwer, den Luxus bildhaft auszudrücken. Wer nach Texten, Bildern oder Spuren innerhalb der Hotel-Geschichten sucht, wird die Patina der alten Grand-Hotels vermissen. Eine Reise zu den Ursprüngen solcher Nobel-Hotels wäre daher zu empfehlen: Nizza, Montreux oder Baden-Baden - die Geschichte hat dort für einen Moment den Atem angehalten.


00:00 09.04.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare