Der Rätselhafteste

Porträt Der westdeutsche Schriftsteller Andreas Merkel trifft den ostdeutschen Schriftsteller Alexander Osang zum Literaturspaziergang
Der Rätselhafteste
Seinen ersten Sex im Westen hatte Alexander Osang in Berlin-Charlottenburg

Foto: Lena Giovanazzi für der Freitag

Wir haben uns noch nie getroffen, aber ich kenne ihn natürlich. Osang kommt in Parka, Jeans und Lederstiefeln, geht ein bisschen wie Liam Gallagher, Fußspitzen nach außen. Geboren 1962 in Ost-Berlin kam er über die Berliner Zeitung zum Spiegel, wo er seit über 20 Jahren Reporter ist. Daneben ist er Autor von Bestseller-Romanen – und dennoch ein erfolgreicher, aber entfremdeter Ostler geblieben, wie er in seinen eigenen Büchern steht: „Ich hatte Angst vor Verlust und Angst vor Anpassung, immer abwechselnd. Angst davor, Ostdeutscher zu bleiben, Angst davor, Westdeutscher zu werden.“

So ambivalent ist auch sein neues Buch geworden: Fast hell (Aufbau Verlag) – halb Reportage, halb Roman. Wir treffen uns zum Gespräch übers Schreiben in diesem Zwischenbereich – auf Abstand in der realen Welt im Berliner Volkspark Friedrichshain, statt zu nah vorm Bildschirm.

Die jugendliche Gesamterscheinung Osang: freundlich, aber distanziert. Die Überlegung, seiner West-Skepsis mit eigenem Ost-Interesse zu begegnen: Seit Jahren lese ich seine Oster- und Weihnachtsgeschichten in der Berliner Zeitung, wo meist ostdeutsche Helden genauso überfordert an der Gegenwart scheitern wie wir alle. Außerdem habe ich mal für die Treptower Teufel Tennis gespielt.

In der Thermoskanne mitgebrachter Tee ist aber vielleicht zu viel Commitment, den braucht Osang erst mal nicht. Lieber gleich los, den kleinen Berg hinterm Café Schönbrunn hoch. Tempo ist entscheidend, denn es gibt viel zu bereden – über Uwe, „Ich“ und Spiegel-Erzählungen:

Uwe ist der Antiheld aus Fast hell. Ein ostdeutscher Jobhopper und schwuler Tausendsassa. Die beiden haben sich in New York kennengelernt, wo Osang Korrespondent war und eine „kleine ostdeutsche Gemeinde“ hatte. Er wollte Uwe für ein Spiegel-Spezial über den „rätselhaften Osten“ porträtieren, woraus dann aber nichts beziehungsweise das neue Buch wurde.

Uwe, bester Roman-Name

„Ich“ ist also der Erzähler von gleich zwei Figuren – Uwe und Ich, mit all ihren biografischen Verstrickungen und Brüchen, beobachtet im Spiegel des Spiegel, der natürlich eine weitere Hauptrolle spielt. So kann man Osang in Fast hell als Meister einer gewissen Spiegel-Metaebene erleben: Tempo, Verdichtung, Pointe – alles drin. Aber Osang, der Romanautor, bricht diese Reporter-Routine dann klug auf: Schreiben unter dem Einfluss von Alkohol, Selbstzweifeln und vielen „Christa-Wolf-glaube-ichs“. Aber die Fragwürdigkeit von Uwe als Spiegel für Osang und dessen eigene Biografie ahnt man schon zehn Seiten gegen den Wind, den das Buch um sie macht. Uwe, bester Roman-Name ever und Schnacker vor dem Herrn – der Typ, bei dem jede Mutter schwärmt: Über den musst du mal ein Buch schreiben!

Osang macht das dann tatsächlich. Während einer viertägigen Schiffs-Städtereise von Helsinki nach St. Petersburg notiert er bei reichlich Wodka alles mit einem Fragezeichen dahinter: Autoschmuggel in Hongkong? Gay-Highlife in Tel Aviv? Familienschatz in Biesdorf? Dazu Namedropping ohne Ende: die ruchlose Nastja, Onkel hier, Tante da, … Schwindelgefühle nicht nur beim Leser, sondern auch bei den berüchtigten Spiegel-Dokumentaristen, als sie Uwes Storys gegenchecken müssen. Allzu vorhersehbar fährt Osang diese Handlungshälfte gegen die Wand: Resterampe Reportage.

Und dennoch brauchte Osang ihn, um sein eigenes Leben, zerrissen zwischen Ost-Herkunft und West-Sehnsucht, den Möglichkeiten und Sackgassen von Berlin, New York und Tel Aviv, dagegen zu erzählen. Die besten Passagen in Fast hell sind die, in denen Osang, der immer sehr viel sehr schnell gleichzeitig machen will, die Nervenzusammenbrüche beschreibt, im vermeintlichen Traumjob Spiegel-Reporter angekommen zu sein.

Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney arbeitet er an vier Storys parallel – über Baseball, Popliteratur, Schwimmen, Laufen: „Es blieb ein vages Gefühl, dem Erfolgsautor unrecht getan zu haben genau wie den amerikanischen Baseballspielern sowie der deutschen Schwimmweltmeisterin und dem Langstreckenläufer ... Aber dieses Gefühl, ungerecht zu sein, habe ich immer, bei jedem Text, den ich schreibe ... Ich glaube, dass meine schärfsten, härtesten Beschreibungen in dem Wunsch entstanden sind, die Menschen, die ich porträtiere, festzuhalten ... Ich nagele sie in meinen Reportagen fest.“ Ihn selbst festzunageln, ist allerdings nicht leicht. Wir sind inzwischen im flachen Teil des Volksparks angekommen, gehen an leeren Beachvolleyballfeldern vorbei. Osang kann einem fast ebenso schnell wie Uwe ins Anekdotische entgleiten. So wirken im Buch einige der besten Anekdoten aus Roman-Perspektive fast verschenkt, weil perfekt auf Pointe verdichtet. Beispiel: Irgendwann nach dem Mauerfall besucht der junge Osang eine ehemalige Kommilitonin in Charlottenburg und endet mit ihr im Bett, fährt dann anschließend über den Kontrollpunkt Friedrichstraße in den Osten zurück und denkt nur: „Mein erster Sex im Westen.“ Gekonntes Spiel mit Überhöhung und Enttäuschung, auf eine Viertelseite runtergebrochen, aber was hätten Carrère oder Knausgård daraus gemacht?

Osang hört sich diese sanfte Kritik ruhig an. Klar, das Tempo-Problem: Ungeduldiger Autor trifft ungeduldigen Leser – zwischendurch überlegen wir, ob der Titel englisch ist: Fast Hell. Er lacht.

Am Denkmal des polnischen Soldaten unterhalten wir uns darüber, warum man so gern übers Scheitern liest, „runde“ Geschichten so langweilen. Die Reportage in Fast hell über Uwe als „rätselhaften Ostdeutschen“ (die Redaktion wollte eigentlich lieber noch mal was über Angela Merkel) scheitert unter anderem daran – Achtung, Spoiler –, dass Uwe am Ende freimütig einräumt: Klar sei er auch bei der Stasi gewesen. No big deal für ihn, gute Gespräche mit dem Führungsoffizier, alles unter Kontrolle usw. usf. Das hat der Reporter Osang aber leider schon ein paar Mal zu oft gehört. Er verliert das Interesse an einer weiteren Geschichte über erfolgreiche Ostdeutsche, die dann im Westen doch nur wieder auf Stasi-Kontakte reduziert werden wird. Und ist froh, als auch die Dokumentare und Juristen des Spiegel die Story kippen.

Nach wie vor keine Pause für Tee. Ins Gespräch versunken sind wir am Großen Teich angekommen und längst bei den großen Themen: Ost und West, Scheitern an Spiegel-Erwartungen.

Ich nerve Osang jetzt etwas

Als Osang 2008 aus New York zurückkam, überlegte er, beim Spiegel aufzuhören. Ausgelaugt und erschöpft von den turbulenten Zeiten dort, den im Manhattan-Büro durchgeschriebenen Nächten. Aber man machte ihm das Angebot, ein Viertel des Jahres eigenen Büchern widmen zu können. Im Grunde eine privilegierte Position. Aber auch eine zerrissene: Spiegelt sich der inzwischen selbst prominente Reporter zu sehr in der Prominenz seiner Fälle? Wie schafft man es, im Roman die Relevanz realer Politiker und Promis fiktional zu ersetzen? Ich nerve Osang jetzt ein bisschen mit seinem großen Holger-Friedrich-Porträt vom vergangenen Herbst, das für mich eigentlich der bessere Roman war: Der IT-Entrepreneur und aktuelle Eigentümer der Berliner Zeitung erschien bei Osang wie ein ostdeutscher Gatsby, der sich nach Anerkennung durch seine Daisy Mathias Döpfner sehnt. In weiten Teilen von Fast hell dagegen gibt es keine Klarnamen mehr, nur Umschreibungen der Personen – für die rein literarische Lesart in 300 Jahren, wenn eh kein Schwein mehr weiß, wer Stuckrad-Barre oder Franzi van Almsick gewesen waren.

Komplexes Terrain. Wir umrunden den großen Bunkerberg des Volksparks. Was waren noch mal die Fragen? Fest steht jedenfalls, dass es in Osangs Texten immer wieder die Sehnsucht nach einer gewissen Fuck-it-Mentalität gibt. Momente der Offenbarung und Befreiung, in denen alles aufbricht:

Uwe gibt die Stasi-Scheiße einfach zu (obwohl er weiß, dass seine Akte vernichtet wurde) – und riskiert damit seine Rolle als authentische Reportage-Figur. Oder Holger Friedrich, der „Systemsprenger“ aus Osangs Porträt, der eben gerade mit der Offenheit seines Buhlens die Erfolgsaussichten auf Aufnahme in eine Top-Society, in der nichts so zählt wie Verschwiegenheit und Diskretion, die eigene Aufsteiger-Sehnsucht sabotiert. Und schließlich Osang selbst, der ein Buch über einen alternden Reporter schreibt, der eine Karriere auf den „Trümmern“ von Ost-Biografien begründet hat – und diese superskrupulös hinterfragt.

Zum zweiten Mal heute kommt uns ein bärtiger Jogger entgegen. Der Best Ager nickt Osang befreundet zu. Die Zeit wird langsam knapp für den letzten Spiegel,über den ich mit ihm reden will: Ob er sich vorstellen könne, dass einem als westdeutschem Gymnasiasten von Lehrern die moralische Unterlegenheit der BRD gegenüber der DDR eingebläut wurde? Nach dem Motto: In der SBZ hätten die Russen dafür gesorgt, dass zumindest dieser Teil für die deutsche Schuld büßen musste. Und aus Hass auf West Germany hatte man dann die diffuse Sehnsucht nach einem aus der Zeit gefallenen anderen Deutschland „drüben“.

„Drüben“ war für Osang dabei gleichzeitig Heimat und Endstation. „Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, auf der besseren, gerechteren Seite der Welt zu leben.“ 1989 konnte Osang nicht anders, als bei den „Wir sind das Volk“-Chören zu denken: „Das sind alles Neo-Nazis.“ – Am westlichen Ende des Parks einigen wir uns darauf, dass, wenn in der BRD alles durch die BRD versaut war, in der DDR natürlich auch alles durch die DDR versaut war – eventuell aber auf eine literarischere Art (Berichte schreiben, Geheimnistuerei, Verrat).

Wir trennen uns an den Tennisplätzen am Friedrichshain, wo Osang im Sommer spielt. Letzte Frage: Hat er wirklich mal wie in seiner Oster-Geschichte versucht, eine Serie über einen Prenzlauer-Berg-Tennisclub bei Netflix zu pitchen? Nein. Aber er hat gerade eine Mini-Serie geschrieben, für die Produktionsfirma Letterbox (Bad Banks), lose basierend auf seiner Reportage Tod im Berghain. Und während ich noch über sein Arbeitstempo staune, frage ich mich, ob er irgendwann mal ein Buch ohne Spiegel schreiben wird. Über den rätselhaftesten Ostdeutschen, der man sich immer selbst ist. Zum Abschied bedankt sich Osang für den ungetrunkenen Tee.

Andreas Merkel schreibt im Freitag die Kolumne „Bad Reading“. 2018 erschien von ihm Mein Leben als Tennisroman bei Blumenbar

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06:00 02.04.2021

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