Der Raum, in dem man töten kann

Novembergewissen Die "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 markierte den endgültigen Riss im deutsch-jüdischen Verhältnis. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur

Vielleicht wird die Rede von Saul Friedländer, die dieser aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehalten hat, als Höhepunkt des diesjährigen Holocaustgedenkens in Erinnerung bleiben - nicht zuletzt wegen der beispielgebenden Kraft und des Mutes dieses Mannes zum bleibenden Gedächtnis. Wenn dem so wäre, führt uns das Gedenken an den Novemberpogrom, der im ungeschriebenen Holocaust-Kalender seine feste und wiederkehrende Stelle hat, keineswegs, wie man meinen könnte, unweigerlich zurück in die Niederungen ritualisierter Betroffenheit und Routine. Doch stimmt die Einordnung in die Erinnerungslandschaft des Holocaust überhaupt?

Tatsächlich werden die Gedächtnisfeiern zum 9. November in der deutschen Öffentlichkeit als Teil des Holocaustgedenkens wahrgenommen. Dies entgegen der Laufrichtung der Geschichtsschreibung, denn das fundierende Ereignis selbst zählt nicht zu den Verbrechen, welche die Forschung unter den Begriff Holocaust subsumiert: Die systematische Vernichtung von bestimmten Volks- und Bevölkerungsgruppen sowie ganzen Völkern in der Form industriellen Tötens durch die Nationalsozialisten in der Zeit von 1940 bis 1945, beginnend mit Mord an den Behinderten und kulminierend im Völkermord an den europäischen Juden.

Als Teil einer vielschichtigen Ereignisgeschichte lässt sich der Judenpogrom in die Entwicklung, die zur "Endlösung" führen sollte, nicht ohne weiteres einfügen. Weder war der Pogrom der Auftakt für die Massenvernichtung noch diese ein Pogrom in Großformat. Die Sache sieht völlig anders aus, wenn wir stattdessen eine gedächtnisgeschichtliche Perspektive einnehmen. Den Erinnerungsgemeinschaften nach 1945, insbesondere den überlebenden deutschen Juden, erschien der 9. November 1938 im Rückblick wie selbstverständlich als Schlüsselereignis, als eine Art "Urszene" der Schreckenszeit. So nannte etwa Rabbiner Leopold Neuhaus in einer Gedenkrede 1945 den Synagogenbrand "das Fanal zur Zerstörung und Ausrottung von Millionen von Juden".

Überraschenderweise gibt es hierzu eine Parallele auf der Täterseite. Obgleich er nicht den Rang eines nationalen Gedenktages einnimmt - dieser wird bekanntlich seit 1996 am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahre 1945, begangen - ist der 9. November das einzige Datum der nationalsozialistischen Judenverfolgung, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich vergegenwärtigt wird. Als kalendarischer Ritus besitzt er diese Struktur von langer Dauer nicht von ungefähr, ist doch mit dem zugehörigen Ereigniskomplex eine ganz besondere Gefühls- und Gedächtnislage verbunden.

Im Gegensatz zur weitgehenden Nichterfahrbarkeit der späteren Massenvernichtung vollzog sich der gelenkte Exzess aus Brandstiftung, Plünderung und Mord weder an entlegenen Orten noch an fremden Opfern. Der Judenpogrom, der sich wie ein Flächenbrand über das gesamte Reichsgebiet erstreckte und Stadt und Land gleichermaßen erfasste, war für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ein hautnah erlebtes Verfolgungsereignis, dem sich keiner entziehen konnte - zu welchen Graden der Teilnahme und Teilhabe auch immer. Der Terror spielte sich sozusagen vor der eigenen Haustür ab, und er traf nicht fernstehende, sondern nahe Opfer: deutsche Juden, darunter Nachbarn und Bekannte, Arbeitskollegen und Geschäftspartner, Freunde und Verwandte.

Die Momente der Sichtbarkeit und Unmittelbarkeit sind dafür verantwortlich, das der Novemberpogrom im Familiengedächtnis der Deutschen sowie im kulturellen Gedächtnis der Nation einen besonderen Platz einnimmt. Er zählt in einem besonderen Sinn zum "seelischen Besitz" (Freud) der deutschen Kultur nach Auschwitz, was hier zunächst nur soviel heißen soll: die Geschehnisse und Erfahrungen des Pogroms sind bewusstseinsnah geblieben; sie sind vielfach vergessen, aber nicht verdrängt worden. Dieser Sachverhalt wird deutlich, wenn wir als Kontrastfolie die "Zwangsaufklärung" der eigentlichen Holocaustverbrechen ins Auge fassen.

Unmittelbar nach Kriegsende starteten die Alliierten eine wissenschaftlich beratene Kampagne der direkten Konfrontation der deutschen Bevölkerung mit den Gräueln der Konzentrations- und Vernichtungslager, wie sie bei deren Befreiung sichtbar wurden. Mit der Evidenz der Bilder des Grauens, aber auch mit Hilfe von Sühnebegräbnissen von KZ-Opfern und an den Orten des Schreckens in Szene gesetzten Bußritualen sollte den Deutschen schockhaft ein Gedächtnis gemacht werden - ganz so, wie Friedrich Nietzsche einmal das Verfahren eines "grausamen Gedächtnismachens" beschrieben hat: "Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört wehzutun, bleibt im Gedächtnis."

Die Schocktherapie einer gewaltsamen Aufklärung hat die Mehrheit der Deutschen nicht wirklich erreicht; die erzwungenen Schuldbekenntnisse und Reuebekundungen blieben ein oberflächliches seelisches Geschehen. Sie haben zunächst nicht zu einem produktiven Schuldbewusstsein geführt, sondern das Trauma der Scham vertieft - und damit viele Jahrzehnte einer "Unfähigkeit zu trauern" (Alexander Mitscherlich) den Boden bereitet. In dem Schutzwall, den die Deutschen um sich errichtet hatten, um die Gefühle der Schuld abzuwehren, konnten die alliierten Berichterstatter eine einzige Lücke entdecken: Die Misshandlung der deutschen Juden. Von amerikanischen Psychologen und Soziologen befragt, erinnerten sich die allermeisten Deutschen an die Zerstörung der jüdischen Geschäfte und Synagogen, die systematische Diskriminierung und letztendliche Deportation der Juden aus ihrer Gemeinschaft.

Man hat in diesem Erinnerungsvermögen und daran anknüpfend in der Aufwertung des 9. November zum zentralen Gedenktag der Judenverfolgung selbstgerechte Züge entdecken wollen und angesichts der späteren Massenvernichtung von einer verdeckten Schuldminderung gesprochen. Diese Kritik verkennt jedoch den Aufbau unseres kulturellen Gedächtnisses, dem bleibend nur eingeschrieben wird, was zuvor im kommunikativen Gedächtnis der Zeitgenossen als Teil einer "kollektiven und konnektiven Erinnerung" (Jan Assmann) aufbewahrt wurde.

Tatsächlich hält der Blick auf die Pogromnacht von 1938 eine traumatische Erfahrung fest, die alle Deutschen betroffen hat - in erster Linie die drangsalierte Minderheit der deutschen Juden, aber auch die (wie immer imaginierte) "Volksgemeinschaft" der deutschen Deutschen: den endgültigen Riss im deutsch-jüdischen Verhältnis. "Kristallnacht", dieses stark verdichtete (und deshalb mehrdeutige und zu Missverständnissen einladende) narrative Kürzel, erinnert eben nicht nur an den Glasbruch, den die marodierenden SA-Horden angerichtet haben. Der Begriff bewahrt in einem tieferen Sinne auch (und vor allem) das Geräusch der Erinnerung an das gewalttätige Zerbrechen der fragilen Einheit deutsch-jüdischer Symbiose.

In der Realität bedeutete das Auseinanderreißen der beiden zugehörigen Hälften die Abtrennung der Juden vom biopolitischen Körper der Nation und damit die Errichtung einer Grenze zwischen dem nackten und dem rechtlich bekleideten Leben. In der Weise eines öffentlichen Erniedrigungsrituals verwandelte der Novemberpogrom die deutschen Juden in schutzlose Menschenleiber (in "homines sacri", wie Giorgio Agamben sie im Rückgriff auf eine altrömische Rechtsformel genannt hat) und öffnete damit jenen Raum, "in dem man töten kann, ohne einen Mord zu begehen". Es ist dieser Zivilisationsbruch der tödlichen Ausschließung, der den Blick auf den Pogrom zu einem Fenster macht für eine geschärfte Wahrnehmung des Holocaust. Wenn die "Kristallnacht" im Sinne der antiken Denkfigur des Symbolon das Moment der zerbrochenen, aber zusammengehörigen Hälften repräsentiert, dann ist dieser Bruch in der Anstrengung, zu einem gemeinsamen Erinnern zu kommen, immer noch sichtbar: in der Gestalt zweier Anteile in unseren Gedenkfeiern, die nach grober Etikettierung als opfer- und täterzentriert zu bezeichnen wären. Sie passen zueinander und lassen sich doch nicht (noch nicht?) zu einer Einheit zusammen schließen.

Die jüdische Gemeinde Frankfurt und die Stadt Frankfurt haben dem am entschiedensten Rechnung getragen, indem sie seit 1990 zu zwei getrennten, zeitlich versetzten Veranstaltungen einladen - zunächst in die Westend-Synagoge, sodann in die Paulskirche. Dieses gewollte Auseinander- und Gegenübertreten der beiden Hälften eines Erinnerungsrituals lässt den Anschein eines schon versöhnten Zustandes erst gar nicht aufkommen. Die Aufrichtung des "Novembergewissens" geschah über einer Wunde, die sich nicht zu narben bequemt. Die jährlichen Gedenkfeiern aber verwandeln den 9. November, der historisch ein "Tag der Schande" bleibt, in ein Symbol für das neue normative Fundament unserer Republik - zum Eckstein im Gebäude eines wiedergefundenen sittlichen Zusammenhangs. In diesem Sinne kommt der Schutz, den das Haus der Erinnerung bietet, prinzipiell allen von Ausgrenzung und Rassismus bedrohten Minderheiten zugute. Die zugehörige Ethik der Erinnerung ist eine der Verantwortung, die uns anhält, den Tätern neuerlicher Verbrechen gegen die Menschheit - wo auch immer und gegen wen auch immer sie geplant und durchgeführt werden - entschieden in den Arm zu fallen.

Franz Maciejewski war von 2000 bis 2005 Leiter des Projektes "Erinnerungsrituale des Holocaust" an der Universität Heidelberg. Er lebt dort als freier Autor.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare