Der rechte Rechte

Rechtsextreme Udo Pastörs führt mit der Schweriner die radikalere der bundesweit zwei NPD-Fraktionen. Scheitert sie bei der Landtagswahl am Sonntag, wäre das kein Anlass für Entwarnung

Gerade ist er verurteilt worden, zehn Monate auf Bewährung und ein paar Tausend Euro Geldstrafe. Laut Landgericht Saarbrücken hat sich Udo Pastörs der Volksverhetzung schuldig gemacht, als er 2009 auf einer NPD-Kundgebung türkische Männer als „Samenkanonen“ bezeichnete und über das „Finanzgebäude dieser Judenrepublik“ räsonierte. Man könnte meinen, dass der Fraktionschef und Spitzenkandidat NPD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern nun bemüht wäre, schnell wieder zum Stimmenfang überzugehen – zumal ein Videomitschnitt der Tiraden existiert und die Lage eindeutig ist. Doch Pastörs hat Revision eingelegt, das Verfahren geht weiter.

Das demonstrative Beharren auf seiner Position passt zu Pastörs Selbstbild. Der 59-Jährige gibt sich gerne knorrig und unbeugsam. Darüber hinaus ist das Festhalten an der „Judenrepublik“ auch eine taktische Verbeugung: Die NPD muss die Interessen der subkulturellen Neonazi-„Kameradschaften“ bedienen, schließlich verdankt die Partei ihnen den Einzug in den Schweriner Landtag – 2006 holte die NPD 7,3 Prozent. Kündigt Pastörs dieses Bündnis auf, droht ein Rückfall in gar nicht so ferne Zeiten, als im Land zwar eine aktionistische Naziszene grassierte, die NPD aber bei einem Prozent dümpelte.

Verkörpert wird dieses Bündnis durch Tino Müller, der die pommersche Kameradschaftsszene sehr „authentisch“ im Landtag vertritt – und von Michael Andrejewski, dem seriös daherkommenden Abgeordneten und Anwalt aus Anklam, der heute Hartz-IV-Beratung gibt: Der West-Zuwanderer hatte schon bei den Pogromnächten am Rostocker „Sonnenblumenhaus“ 1992, dem Urknall der Nordost-Naziszene, seine Finger im Spiel.

Bündnis mit den Kameradschaften

Praktisch eingetütet hat das Bündnis mit den Kameradschaften NPD-Landeschef Stefan Köster. Der Versicherungskaufmann aus Dortmund übernahm den Verband vor sechs Jahren mit 100 Mitgliedern und ohne Mandate. Heute gibt es nicht nur die Landtagsfraktion, sondern auch 26 Kreis- und 34 Gemeindevertreter sowie 400 Mitglieder.

Inzwischen steht Pastörs besser da als sein Vorsitzender – dabei soll Pastörs nur Spitzenkandidat geworden sein, weil gegen Köster 2006 prozessiert wurde. Köster, dem als NPD-Bundesgeschäftsführer zuletzt der teure Lapsus unterlaufen war, übermüdet falsche Tabellen eingereicht zu haben, spendet und hält sich zurück. Pastörs aber, der vermögende und manchmal joviale Uhrmacher und Juwelier, der Ende der neunziger Jahre im westmecklenburgischen Lübtheen auftauchte und Ländereien erwarb, um „volkstreue“ Familien anzusiedeln, ist inzwischen mit einem bemerkenswerten Bekanntheitsgrad von 60 Prozent das Gesicht der Partei im Land. Und innerhalb der Partei das Gesicht des Nordost-Modells, der Kooperation mit den „Kameraden“.

Diese Politik ist trotz ihres Erfolges umstritten: Aus Sicht der als „gemäßigt“ geltenden, auf Professionalisierung drängenden Sachsen-Funktionäre wie Holger Apfel und Jürgen Gansel sind die Kameraden tendenziell „politikunfähig“, weil unberechenbar, eigenwillig und ohne Strategie. Auch Pastörs hat schon gesagt, man brauche keine „politikunfähigen“ Partner. In Wirklichkeit scheint der Stil in Schwerin zuweilen aber doch deutlich von jener „unpolitischen Nostalgiepflege, ziellosem Verbalradikalismus und pubertärem Provokationsgehabe“ geprägt zu sein, die Apfel und Gansel in ihrem Streitpapier über den „Sächsischen Weg“ kritisiert haben. Und ein Blick auf die aktuelle Landesliste im Nordosten zeigt reichhaltigen Kameraden-Nachschub.

Dass Pastörs 2009 bei der Wahl zum Bundesvorsitzenden gegen Udo Voigt antrat, hat viele Beobachter verwirrt – gehören die beiden doch letztlich zum gleichen Parteiflügel, dessen Markenzeichen die Öffnung zu den Subkulturellen ist. Trotz der Verstimmungen, die es zwischen den Udos bis heute geben soll, war Pastörs Kandidatur kaum ein inhaltlicher Putschversuch. Im Rückblick wirkt sie fast wie ein Manöver: Hätte der Parteitag vor lauter Ärger über die Affäre um seinen unfähigen und untreuen Schatzmeister Erwin Kemna den Parteichef Voigt gleich mit gestürzt, hätte sich mit Pastörs als Bundeschef dennoch nicht viel verändert in der Partei.

Gewichtsverlagerung Richtung Sachsen?

Der tatsächliche Strömungskampf hatte sich schon zuvor in Schwerin abgespielt, als der für NPD-Verhältnisse „mittige“ Andreas Molau an einer Kandidatur gehindert und als Fraktionssprecher abserviert wurde. Auch der saarländische Reisekader Peter Marx, der auf Molau folgte und ebenfalls zu den „Sachsen“ gezählt wird, konnte sich nicht lange halten in der Pastörs-Fraktion.

Es ist durchaus möglich, dass die NPD den Wiedereinzug in den Landtag verpasst. Dafür sprechen Umfragen – und die Tatsache, dass wegen der Kombination von Landtags-, Kreistags- und Landratswahl am 4. September eine hohe Beteiligung erwartet wird. Dann könnte sich innerhalb der NPD großes Gewicht in Richtung Sachsen verlagern. Finanziell, weil Fraktionsgelder von jährlich 1,4 Millionen Euro wegbrächen – aber auch politisch. Vielleicht bekäme Apfel, der innerparteilich weitgehend abgemeldet ist, wieder mehr Luft.

Ein Scheitern der NPD wäre aber kein Anlass zur Entwarnung oder gar für kollektives Schulterklopfen. Das Wahlergebnis könnte nämlich auch so interpretiert werden, dass sich die Fraktion in den Augen der Subkultur-Nazis bei all ihren Provokationen noch zu „parlamentarisch“ verhalten hat – trotz „Samenkanonen“ und „Krummnasen“. Zuletzt klangen die Kommentare in den einschlägigen Braun-Foren nur wenig begeistert.

Velten Schäfer berichtet für den Freitag unter anderem aus Mecklenburg-Vorpommern

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12:53 02.09.2011

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