Der rechte Ton

Prozess in Berlin Generalmusikdirektor Christian Thielemann bestreitet eine als Gerücht kursierende antisemitische Äußerung

In dieser Geschichte kommen mehrere Personen vor: neben Christian Thielemann Christoph Stölzl, bis zum Samstag Berliner Kultursenator, der Intendant der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, der frühere Kultursenator, Roloff-Momin, weitere Mitwisser und am Ende der Kette der Berliner PDS-Abgeordnete Wolfgang Girnus, Mitglied des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus. Er wird nun gegen Thielemann vor Gericht stehen oder besser: Thielemann gegen ihn. Obwohl andere Leute das Gerücht, um das es geht, in die Medien gebracht haben, Prominentere als Girnus. Er hat es nur kommentiert, nicht als Einziger. Aber gegen ihn - liegt´s an der Partei? - hat Thielemann nun die Klage erhoben.

"Jetzt hat die Juderei in Berlin ein Ende", soll Thielemann gesagt haben, als die Rede davon war, dass Daniel Barenboim möglicherweise die Stadt verlassen würde. Dass dieser Prozess in die Krise der Berliner Politik fällt und darin auch eine Rolle spielen könnte, kam unerwartet.

In Berlin gibt es bekanntlich alle möglichen Institutionen doppelt, in Ost und West. So auch zwei Opern, die Staatsoper Unter den Linden und die Deutsche Oper in der Bismarckstraße, Charlottenburg. Unter den Linden dirigiert Daniel Barenboim, in der Bismarckstraße Christian Thielemann. Beide sind Stars, beide haben ihre Orchester zu neuem Glanz geführt. Barenboim kam aus Israel, hatte schon einen großen internationalen Ruf, als er in der Staatsoper antrat. Thielemann ist Berliner, Schüler von Karajan und befindet sich mit 42 Jahren im Schwung einer vielversprechenden Karriere. Als für den Intendantenposten Udo Zimmermann aus Leipzig ins Auge gefasst wurde, den er nicht wollte, kündigte er wütend. Später bewarb er sich erneut um die Position des Generalmusikdirektors. Das Wort missfällt ihm allerdings, er möchte lieber altmodisch Kapellmeister genannt werden. Und da ist schon die Neigung zum konservativen Kult mit preußischen Konnotationen zu bemerken, den Thielemann pflegt. Sie drückt sich wohl auch in seinen rauschhaften Wagner-Aufführungen aus, seinem Lieblingskomponisten. "Ich kann gar nicht genug kriegen von Wagner", so Thielemann in einem Zeitungsgespräch in Bayreuth. Das allein sagt allerdings noch nicht viel, auch Barenboim liebt es, Wagner zu dirigieren.

Barenboim will Berlin gar nicht verlassen. Er ist gern hier. "Auf seiner Haut" hat er hier nach eigenem Bekunden noch keine antisemitischen Attacken erlebt. Im Oktober vergangen Jahres aber stellte der damalige CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky am Rande einer Sitzung des Abgeordnetenhauses den "Juden Barenboim" dem "Jung-Karajan Thielemann" gegenüber, zwar ohne dabei zu werten, aber eben mit dieser irritierenden Sprachhülse. Schien sie ihm schick? Gehören solche Einteilungen in seinen Kreisen inzwischen zum guten Ton? Es folgte das üblich gewordene Ritual der Entschuldigungen, das Barenboim mit der Bemerkung beendete: "Sprechen Sie in Zukunft nur noch als Dirigent oder Pianist über mich - lassen Sie das Judentum beiseite."

Am 18. Oktober 2000 erschien in der Frankfurter Allgemeinen ein offener Brief an Barenboim von Ulrich Rolloff-Momin, dem ehemaligen Berliner Kultursenator: Er fordert ihn eindringlich auf, Berlin nicht zu verlassen, auch wenn jene Bemerkungen von der Juderei ihm den Ort verleide. Einen Tag später veranstaltete die Berliner Morgenpost eine Umfrage dazu, auch zu Landowskys Bemerkung. Wolfgang Girnus wurde ans Telefon gerufen und erwähnte bei seiner Antwort, dass er den Thielemann-Satz von der "Juderei" schon vernommen hatte. Tatsächlich hatten ihm Wochen vorher Musiker des Orchesters der Staatsoper von dem Gerücht erzählt. Es kursierte in der ganzen Opernszene. Roloff-Momin kennt die Quelle wohl sogar genauer. Er rückt von seiner Aussage nicht ab. Aber es ist Girnus, dem nach Thielemanns Willen gerichtlich, bei Androhung einer hohen Strafe, die Wiederholung des Gerüchts verboten werden soll. Der will sich nicht auf diese Weise ins Unrecht setzen lassen.

Tief im Hintergrund des Konflikts liegt ein Strukturplan des bisherigen Kultursenators Stölzl vom Herbst des vergangenen Jahres: Er lief auf die Fusion beider Opernhäuser hinaus und implizierte wohl den Verzicht auf Barenboim zugunsten von Thielemann. Wegen dieser Vermischung von lokalpolitischen Entscheidungen, von persönlichen Interessen, ästhetischen Urteilen und weltanschaulichen Verdächtigungen ist es nicht leicht, ein Bild herzustellen. Was hat Thielemann gesagt? Konnte er so etwas gesagt haben, das heißt, gibt es eine Plausibilität für solche Zitate? Äußert sich die rechtskonservative Haltung des Dirigenten, die ihm nachgesagt wird, in der Musik?

In der Neuen Zürcher Zeitung schrieb der Musikkritiker Peter Hagmann einen Artikel, in dem er sich mit Thielemanns Meistersinger-Aufführung scharf auseinander setzte: "Darf diese Musik so unverstellt militaristisch gespielt werden? Dürfen durch Kunst so direkte Instinkte geweckt werden, die nur zu rasch außer Kontrolle geraten? Generationen von Musikern haben sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Problem auseinander gesetzt, wie ein Werk, das von fragwürdigen ideologischen Prämissen ausgeht, weiter klingen könnte ... Christan Thielemann setzt das alles mit einer einzigen Handbewegung außer Kraft. Mit der Arroganz des Spätgeborenen weckt er Geister, die gebannt schienen." Heftig verteidigt wurde Thielemann gegen diese Kritik ausgerechnet von der Jungen Freiheit, der Zeitung für rechte Intellektuelle.

Thielemann hat vielleicht einen Satz zu viel gesagt. An sich kann eine formalisierte "politische Korrektheit", die nur auf einzelne Wörter anspringt, öde und unproduktiv sein. Wenn aber die Aufmerksamkeit für bestimmte, inkriminierte Begriffe dazu herausfordert, die Dinge genauer zu betrachten, dann wird es hochinteressant und wirklich politisch. Sogar in dem geheimnisvollen Bereich der Musik.

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00:00 22.06.2001

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