Beate Tröger
21.06.2012 | 15:15 24

Der Restinnerlichkeitsglanz

Poesie Sind Gedichte heute nur noch Gedöns? Auf keinen Fall. Die junge deutsche Lyrik ist besser als ihr Ruf

Der Restinnerlichkeitsglanz

Symbolisiert die Pracht der Dichtkunst

Foto: Wildlife/D. Harms

Gottfried Benn rechnete zu den tragischen Erfahrungen des Dichters, dass selbst ein ganz großer Lyriker nicht mehr als sechs bis acht Gedichte hinbekomme, die Bestand haben. Das restliche Werk sei für die Nachwelt zwar hinsichtlich biographischer und entwicklungslogischer Fragestellungen interessant, „in sich ruhend, aus sich leuchtend, voll langer Faszination“ seien aber eben nur wenige. Für sie nehme ein Dichter dreißig bis fünfzig Jahren Kampf, Askese und Leiden auf sich.

Bei den jungen Lyrikern dürfte die Frage nach dem Nachruhm zum Glück etwas in den Hintergrund geraten sein, ernsthaft wird dennoch gearbeitet – und kommuniziert. Viele von ihnen verständigen sich untereinander über Möglichkeiten und Grenzen der Dichtung, was sich im Internet, in Zeitschriften und in jüngerer Zeit auch an einem Projekt ablesen lässt, dessen Resultat unter dem Titel Helm aus Phlox 2011 bei Merve veröffentlicht wurde.

Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck hatten über einen längeren Zeitraum in einem Blog ästhetische und poetologische Fragen erörtert und anschließend zu Buchkapiteln ausgearbeitet. Das Ergebnis ist ein zwischen Konzentration und Abschweifung, zwischen Hermetik und Komik flottierendes Experiment.

Nach der Bekenntnislyrik

In höherem Maß als Lyriker, die sich, ehe ihre Werke der Wertung unterzogen werden, mit dem Wie und Was ihres Schreibens befassen müssen, sind Leser bei der Frage, was sich zu lesen lohnt, auf Informationen, Filterfunktionen und Kritik der Verlage, Buchhandlungen, Zeitschriften angewiesen. Eine Polemik, wie sie unlängst von Martin Mollnitz unter der Überschrift „Neue Lyrik – neue Impotenz“ im Freitag zu lesen war, könnte da Wirkung zeigen und Menschen, die wenig vertraut sind mit der Szene, ein mögliches Interesse an Gegenwartslyrik vergällen. Mollnitz entwarf ein Szenario von jungen Lyrikern, die getrieben von dem Wunsch nach Öffentlichkeit, und beflügelt von den Möglichkeiten des Internets, wild und sorglos vor sich hinplappern und bei ihrer „introvertierten Innenschau in bemühter, die erste Person allzu wichtig nehmender Ausdrucksweise von Selbsthilfegruppen“ lediglich noch über das Layout den Anschein von Dichtung aufrecht zu erhalten versuchen.

Dabei ist die vom Artikel beklagte inflationäre Produktion von Gedichten als pseudoliterarischer Selbstausdruck mit Hang zum Regressiven kein heutiges Phänomen. Nach der Bekenntnis- und Innerlichkeitsdichtung der siebziger Jahre weste es in den achtziger Jahren weiter in Form der „Verschenk-Texte“, jenen ebenfalls nur noch grafisch als Gedichte getarnten, windelweichen Ich-Botschaften, die wochenlang die Spiegel-Bestsellerliste anführten und nicht wenige beeinflusst haben dürften, die sich am Dichten versuchten.

Doch sind diese Versuche nicht zu belanglos? Zu durchschaubar ihr ungelenker Tanz um ein konturloses Ich, als dass man sie mit Dichtung verwechseln und an ihnen den Zustand der deutschsprachigen Lyrik festmachen könnte, wo sich doch in zahlreichen ernstzunehmenden Gedichten, etwa von Ann Cotten, Marion Poschmann oder Jan Wagner, tradierte Strophen- und Gedichtformen von der Ode bis zum Sonett reflektiert finden.

Auch das von Mollnitz beklagte Fehlen markanter Stimmen blieb in den zahlreichen zustimmenden Kommentaren im Netz weitgehend unwidersprochen. Stattdessen herrschte tendenziell aggressive Zustimmung: „Heute gilt: je blöder, desto Gedicht“ zählt noch zu den harmloseren Reaktionen. Außer Durs Grünbein weise die deutschsprachige Lyrik kaum nennenswerte Exponenten auf. Die Latte, an dem die Gedichte der Gegenwart gemessen wurden, war mit „Benn – Eich – Celan“ so hoch gehängt, dass sich das eingangs zitierte werkimmanente Argument von Benn dagegen beinahe milde ausnimmt. Zugleich fiel dabei unter den Tisch, dass auch Celans frühe Gedichte bei einer Lesung der Gruppe 47 im Jahr 1952 von einem Großteil der Anwesenden als Geraune abgetan worden waren, weil der Ton nicht den lyrischen Zeitgeist traf, dass also mit der Kanonisierung von Autoren oft ein Schweigen über weniger gelungene Texte einhergeht.

Um die deutschsprachige Gegenwartslyrik ist es bei weitem nicht so schlecht bestellt. Im Gegenteil: Wer nach Lesenswertem jenseits des Musealen sucht, wird viele kluge, klare und differenziert auf die Tradition, die Gegenwart und die Sprache reagierende, im wahrsten Sinne des Wortes: poetische Gedichte finden. Über weite Strecken kann man sich bei der Suche auf eine noch immer weit verzweigte Verlags- und Zeitschriftenlandschaft verlassen, auf Lyrikpreise, -festivals und einschlägige Veranstaltungsorte, die Lyrik auswählen, verbreiten, fördern und honorieren. Auch im Netz finden sich nicht nur Plattformen für Befindlichkeitslyriker, sondern ernsthafte Adressen wie poetenladen.de, lyrikkritik.de und lyrikzeitung.com.

Nennen wir doch einfach ein paar Beispiele gelungener neuer Lyrik. Die Auswahl ist subjektiv und basiert auf nachhaltiger Begeisterung. In der Überschrift eines Gedichtbandes von Andre Rudolph wird der fluglärm über den palästen unserer restinnerlichkeit (2009) hörbar, ein Bild, das die Verfasstheit des modernen Subjekts grandios benennt, und das sich mit Blick auf die Anti-Fluglärm-Montagsdemonstrationen, die seit einiger Zeit regelmäßig am Frankfurter Flughafen stattfinden, auch ganz konkret ausdeuten lässt.

In der gleichnamigen Abteilung des Bandes hat Rudolph „14 Concetti“ versammelt. Die Verbindung zweier eigentlich disparater Bereiche in Form eines Vergleichs, die für das Concetto konstitutiv ist, ist in ihnen gedanklich scharf, klanglich dicht, zeitdiagnostisch spitz und völlig unhermetisch erfüllt, wie etwa in die fraun 30+: „mit ihren herzwagen wiegen sie / glänzende / kinderleiber, / goldne trophäen // erinnerungen an den pokal“, bei deren Lektüre man die Latte-Macchiato-Mutter sofort vor dem inneren Auge sehen kann.

Das in Jan Wagners Band Achtzehn Pasteten (2007) veröffentlichte „Quittenpastete“, ein Gedicht, das man betrachten kann wie ein in unsere Zeit und in reine Sprache übersetztes Kalenderblatt aus dem mittelalterlichen Stundenbuch des Duc de Berry, führt das Ernten und Einkochen von Quitten im Oktober mit dem Prozess des Dichtens zusammen. Das Glück und die Anstrengung des Konservierens von Früchten und das Glück und die Anstrengung des Dichtens greifen ineinander: „wer konnte, wollte / quitten begreifen, // ihr gelee, in bauchigen gläsern für die / dunklen tage in den regalen aufge- / reiht, in einem keller von tagen, wo sie / leuchteten, leuchten.“

Das Ich als Material

Hendrik Jacksons Zyklus „Bewegungen unter Bäumen“ aus dem Band Dunkelströme (2006) nähert sich in sieben ineinandergreifenden, schwebend-flirrenden Gedichten den Grenzbereichen zwischen wahrgenommenen und inneren Landschaften, die umso fremder wirkt, je tiefer man in sie eintritt. Umkreist werden Konstellationen zwischen einem Ich und einem Du, Zustände zwischen Traum und Wirklichkeit, Kristallisations- und Verflüssigungsbewegungen der Wahrnehmung.

Man müsste diese Aufzählung ergänzen um Gedichte von Nico Bleutge, Nora Bossong, Steffen Popp, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Uljana Wolf und einigen mehr. Nötig ist aber auch Blick auf die vorangegangene Generation. Er zeigt, dass die Zeit dazu beiträgt, die Konturen lyrischer Positionen klarer hervortreten zu lassen. Das in Mollnitz’ Artikel zitierte Sonett von Thomas Kunst endet mit den Versen „Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich / und lese jetzt: Am Meer. An Land. Bei mir“ und verweist mit dem Zitat des Titels Am Meer. An Land. Bei mir zustimmend auf das Werk des 1936 geborenen Paulus Böhmer. In seiner Konsequenz, Obsessivität und Eigenwilligkeit ist es ein Beispiel für solch eine singuläre Position dieser Generation. Böhmers über Jahrzehnte hinweg entstandene, unter anderem in „Kaddisch I bis X“ (2002) und Kaddisch XI bis XX“ (2007) veröffentlichte Langgedichte in der Tradition der Beat Poetry nehmen alles in sich auf, was sich dem betrachtenden Ich als Material bietet. Sie sind in den Worten des 1976 geborenen Lyrikers und Literaturwissenschaftlers Jan Volker Röhnert „Kataloge des Gegenwartsgedächtnisses“.

Auch die Werke von Elke Erb, Johannes Kühn, Jürgen Kross (allesamt geboren in den 1930er Jahren), oder Friederike Mayröcker (1924) sowie Thomas Kling (1957 bis 2005), dem womöglich für die nachfolgende Generation einflussreichsten deutschsprachigen Lyriker, gehören in diese Reihe. Es mag wie eine Binsenweiseit klingen, dass auch diese Autoren einmal mit dem Schreiben von Gedichten angefangen haben, dass ihr Werk Leser, Verleger, Förderer und Kritiker ebenso brauchte und braucht, wie das der nachfolgenden Generation. Und doch wäre daran zu denken, ehe man sich für die Abwehr und Abkehr von der Gegenwartslyrik entscheidet.

Beate Tröger liebt und bespricht Lyrik

Kommentare (24)

koslowski 21.06.2012 | 17:03

Der Artikel ist ein Akt der Wiedergutmachung der Kulturredaktion für das Unrecht, das sie an der deutschsprachigen Lyrik beging, als sie hier der Polemik von Mollnitz eine Bühne gab.

Bravo, Frau Tröger, und Respekt für Ihren kenntnisreichen und gut geschriebenen Artikel. Und eine Anregung: Schreiben Sie hier demnächst mal über den großartigen Thomas Kling.

Corina Wagner 21.06.2012 | 17:28

Hallo Frau Tröger,

vielen Dank für den interessanten und absolut gelungenen Artikel. Ich vertrete Ihre Ansicht bezüglich der neulich angewendeten Polemik, die Mollnitz in seinem Artikel wählte. Für Menschen, die sich nur ganz selten mit Lyrik auseinandersetzen, können solche Meinungen abschreckend wirken, so dass Gegenwartslyrik vielleicht aus diesem Grund bei der Wahl der Literatur keine Rolle mehr spielt.

Viele Leser/innen verlassen sich auf Rezensionen. Was aber sind gute Bücher? Und was gute Lyrik?

Meiner Ansicht nach sollte man sich z.B. auf Lyrik-Empfehlungen nicht verlassen und seine eigenen Eindrücke sammeln, wenn man liest. Natürlich hängt dies auch vom Intellekt, Lesegeschmack und vom Anspruch ab, der ja absolut individuell ist. Warum sollen talentierte Menschen nicht auch im Bereich der Literatur/Lyrik experimentieren dürfen? Und sollen sich unbedingt an eingestaubte uralte Vorgaben halten? Es leuchtet nicht unbedingt ein, auch wenn die Energiesparlampe brennt.

Heute würde keiner vor dem PC sitzen, in der Mikrowelle Gerichte garen oder ein Elektroauto fahren, hätte man nicht experimentiert und wäre mit der Zeit gegangen.

Deshalb werden Personen wie Herr Mollnitz z.B. wahrscheinlich die Augen verdrehen, wenn sie das Label CoLyrik sehen. Unter diesem Label veröffentliche ich Gedichte und Kurgeschichten, die außerhalb der Norm sind. ;-)

Literarische Grüße

Corina Wagner

PS. Den Poetenladen-Autor Jörg Neugebauer sehe ich heute Abend vorrausichtlich beim Treffen der Ulmer Gestalten (Kreativnetzwerk). ;-)

marsborn 21.06.2012 | 19:17

Zu ergänzen wäre, dass es auch im Netz hervorragende und lebendige Dichterwerkstätten gibt, deren freifließenden Beiträge begabter Poeten sich zu lesen lohnen und auch für "Nichteingeweihte" leicht zugänglich präsentiert werden, selbst wenn nicht alles davon später zur Klassik zählen wird: das großartige fixpoetry.de aus Hamburg etwa, oder das Berliner forum-der-dreizehn.de, die Leipziger inskriptionen.de ebenso wie die tägliche lyrikmail.de usw. - überall dort gibt es eine Fülle handverlesener neuer Texte für den zu finden, der sich die Mühe lyrischer Entdeckungen jenseits der ausgelatschter Marktstraßen und kanonischer Leselisten macht! Diese Fülle poetischer Foren ist, anders als Herr Wollnitz griesgrämig benörgelt, ein großes, bereicherndes Glück! Drum Dank an Beate Tröger für die überfällige Entgegnung...

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Ehemaliger Nutzer 21.06.2012 | 19:54

Soweit ich sehen kann, haben Mollnitz und Träger beide recht - der eine polemisch, die andere argumentierend.

Mollnitz legt den Fokus anders, auf die wahrlich unsägliche Befindlichkeits - und Pseudosubjektivitäts, Beziehungs - und Ich-Krisen Ergüsse im lyrischen Gewand, die im Netz wahrlich inflationäre Dimensionen angenommen haben.

Tröger hingegen beharrt darauf, daß z.B. die Auswahl im poetenladen.de (den unsereins immer wieder gern besucht) durchaus andere Qualitäten aufweist und durchaus ernst zu nehmen ist.

Allerdings betrachte ich den Bezug der Autorin auf Alltags - und Gebrauchslyrik gerichtet - was ein inzwischen anerkanntes Format ist, das aber für den Kenner völlig uninteressant bleibt.

Dabei geht es nicht um die i.d.R. posthume poetische Größe der VerfasserInnen von Lyrik, sondern um deren Grundverständnis und lyrisches Ausdrucksvermögen. Sorry liebe Lyrik-Gemeinde, aber man bemerkt doch den Unterschied von Gelegenheitsdichtung und den Zeilen von den Menschen denen Schreiben inkl. Lyrik zur Lebensaufgabe wurde und daher ihre schärfsten Kritiker sind. Denn es ist eine Lebensentscheidung:

"Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen. Als die eigentliche Sprache erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zusammenfallen. Aus dieser Sprache, die sich rings um uns befindet, zugleich aber nicht vorhanden ist, gilt es zu übersetzen. Wir übersetzen, ohne den Urtext zu haben. Die gelungenste Übersetzung kommt ihm am nächsten und erreicht den höchsten Grad von Wirklichkeit."

(G. Eich - der Schriftsteller vor der Realität)

Echte Lyrik ist mithin mehr oder weniger versgebundene hochverdichtete Sprache, die einen zum Inhalt passenden Rhythmus und zur Grundschwingung verwandte Melodie in sich trägt - in der Thematisierung einer Fuge nicht unähnlich.

Ein gutes Gedicht erkennt man beim Vorlesen vor einem Auditorium, das der Ausgangssprache nicht mächtig, dennoch erfasst und bewegt vom Vortrag ist und eine sehr intensive Ahnung davon erhält, worum es im Text geht.

Nochmals sorry, aber solcherart Erlebnisse hatte ich in den letzten 20 Jahren bei Gegenwartslyrik kaum mehr. Dennoch: wer sowas einmal nur erlebt hat, für den ist das der Maßstab.

Deshalb lese ich mir Gedichte vor. Wie die alten Griechen sozusagen, deren Rhapsoden kraft Mnemo-Technik daraus eine Kunst machten.

Leider sind diese keine Marker mehr im kulturellen Gedächtnis. Davon wäre noch zu lernen, hoffe ich.

heidenplejer 22.06.2012 | 06:36

Warum auch sollten Gedichte, sollte moderne Lyrik Gedöns sein? Allerdings wird ein Teil von ihr überwiegend nur von Spezialisten rezipiert. Zugespitzt könnte man sagen, dass eine ambitionierte Lyrik vorwiegend von Lyrikern wahrgenommen wird - bzw. jenen, die sich beruflich damit befassen. Das eigentliche Problem ist dann nicht ihre Qualität, sondern öffentliche Unscheinbarkeit.

Es gibt aber auch nach wie vor Gebrauchslyrik von guter Qualität - leicht faßlich und ausgesprochen wirksam als Songtext. Wenn moderne Gedichtzeilen in mir haften bleiben und bei mancher Gelegenheit wieder durch den Kopf gehen, dann so gut wie immer in ihrer Verbindung mit Musik.

Columbus 22.06.2012 | 17:43

Sehr wohl geschrieben, Frau Tröger. Aus der Generation der 30er, der Älteren, gehört mein Augenstern und Kleinsprachmeister, Heinz G. Hahs (Gangenwart), noch dazu, neben den Jürgen Kross. Aber das tut jetzt nichts zu Sache.

Es gilt, und Sie wiesen darauf hin:

"das gottvertrauen : unser bundeskanzler (nun unsere bundekanzlerin, m.Einf.)/unsre zuversicht: das kablnetz (nun das Web, m.Einf.)

(aus: Heinz G.Hahs, Hafenkonzert, Darmstadt&Dreieich,2005)

Mir scheint, was den Jüngeren fehlt, das ist auch jene Selbstverständlichkeit mit der die Gründergeneration, Krolow, Bachmann, Benn, Eich, Fried, Rühmkorf, Huchel, Zahl (fast schon außenseiterisch mit Eigenverlag), doch vielfältig in Redaktionen, Lit.- Zeitschriften (z.B. Akzente), beim Rundfunk (Hörspiel, Kulutrred.) und anderen öffentlichen Einrichtungen beschäftigt wurden. Nicht das germanistische Seminar prägte sie, sondern Teilhabe an der öffentlich-rechtlichen und nur bedingt chartorientierten Kulturindustrie, die differenzierter war und trotzdem mehr Publikum band. - Das ist heute viel schwerer, weil trotz der herausragenden Mühen, z. B. eines MRR, man mag über ihn als Kritiker schreiben und denken was man will, aber auch vieler anderer Feuilletonisten und Verlagsleute, Lyrik an prominenter Stelle immer präsent war, das allgemeine Interesse schwand. Vorbildlich z.B. Wagenbach, aber auch Hanser und Suhrkamp. - Ich sammelte als Schüler die Zeitungsausrisse und wahr stolz auf eine ganze Seite Rühmkorf aus der ZEIT. Der letzte große feuilletonistische Schub an Lyrikinteresse kam dann vor und nach der Wende mit den bis dahin unbekannten Autoren aus dem Osten oder vom Balkan. Z.B. Mirca Dinescu, Anna Blandiana, die deutsch-rumänischen Autoren, einige aus der DDR (Kunert, Kunze), mir steht direkt vor Augen im Regal, noch Barbars Köhlers Niemands Frau.

Ganz nebenbei, die paneuropäische Sprachvermischung setzt Assoziationen frei: Latte.

Schönes WE und weiter

Christoph Leusch

Wasser-Prawda 23.06.2012 | 10:11

Wer sich hinter dem Pseudonym Mollnitz verbirgt, ist uns bei der "Wasser-Prawda" erst weit nach Veröffentlichung des Beitrages bekannt geworden. Dass auch der FREITAG auf den Autor hereingefallen ist, macht das nicht wirklich besser. Dass Bosselmann sich in denn letzten beiden Jahren aus der noch weiter rechts von der JF stehenden Szene zurück gezogen hat, sollte man erwähnen. Was seine regelmäßigen Plaudereien über Bildung, Kultur und Sarrazin in erwähntem Blatt nicht wirklich besser macht.

Womit allerdings das eigentliche Thema bleibt: Wie kann man aktuelle Lyrik in der Öffentlichkeit angemessen darstellen? Wo gibt es noch kenntnisreiche und ohne Spezialwissen verständliche Rezensionen zu Gedichten? Die Antwort darauf fehlt mir in der ganzen Diskussion leider.

Simone Kornappel 23.06.2012 | 15:15

soweit ich weiß, wird im culturmag beispielsweise in spe die reihe 'neuer wortschatz' (nunmehr also teil III) weitgeführt. bei lyrikkritik.de läuft - wenn auch zögerlich - die rubrik 'annäherungen' an, in der gedichte besprochen werden.

(was das feuilleton betrifft, muss ich sagen, sehe ich da selten ein "spezialwissen" oder unverständliches [was ist das überhaupt, mal mit verlaub gefragt, wenn es nicht nur den kontergesang zum beliebten vorwurf einer vermeintlichen unverständlichkeit der gedichte selbst hergibt?). mehr sieht man dort oft einen eingefahrenen sprech, der gedichten m.e. sehr oberflächlich begegnet, die allzu häufige rede vom "präzisen" und "kühlen" ist da vielleicht ein beispiel. positive ausnahmen sind immer wieder die rezensionen von kristoffer cornils im tagesspiegel, der taz oder der jungen welt)

marsborn 23.06.2012 | 19:37

Der "junge Berliner Lyriker" Florian Voß bedauert die "Enttarnung" des Pseudonyms des Herrn Bosselmann alias Mollnitz durch die Lyrikzeitung in einem Kommentar in derselben. Und er findet dessen Gedichte gut. Langsam wird's lustig ... Aber es gibt ja auch einige junge (West-)lyriker, die Sascha "Arschloch" Anderson verehren. Oh wundersame Welt der Dichter, Denker und Möchtegern-Geistesheroen!

Matthis Hagedorn 25.06.2012 | 08:25

Interessante, was alles durch den Rost fällt, daher ein Hinweis: A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern, sein Schaffen erzeugt eine Poesie, die von der Rezeption das Äußerste an Selbstpreisgabe verlangt. Oft wird im Literaturbetrieb übersehen, daß gerade aus solcher Herausforderung die Subjektivität des– oder derjenigen, der oder die sich auf diese Kunstwerke eingelassen hat, sich auf Dauer verändert – die Wahrnehmungsfähigkeit, die Weltsicht, das Zulassen von Gefühlen. Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Weigoni bewegt sich auf dem Hörbuch »Gedichte« gleichfalls in der Intermedialität von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosphärischem Verständnis die Poesie im ältesten "Literaturclip", den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

marsborn 25.06.2012 | 11:42

Klar, jeder Lyrikfreund könnte nun einige Namen von angeblich oder tatsächlich unterschätzten Dichtern aufzählen. Was mich stört, ist diese durch Mollnitz in diesem Medium angeregte pauschale Lyrikschelte a la "die jungen Dichtern schreiben zu... kompliziert/selbstverliebt/marktkonform/avantgardistisch/platt/volksfern/akademisch/unakademisch..." etc. pp. Wer prokalmiert so etwas - und warum? Auch finde ich es unredlich, so zu tun, als gäbe es jenseits des (verschieden geschulten) persönlichen Geschmacks eine quasi naturwissenschaftliche Messlatte der literarischen Qualität. Das ist schlicht Unfug. Ob etwas anerkannt oder gar kanonisch wird, hat viel mit Konventionen und medialen (oder akademischen) Machtverhältnissen zu tun (vulgo: Zeitgeist) und sehr wenig mit literarisch eindeutig bestimmbaren Qualitäten. Wenn mir die - möglicherweise sprachlich/formell halbwegs solide - Agit-Prop-Dichtung eines unbekannten, aber mit Richterpose auftretenden Martin Mollnitz nicht gefällt, darf die "Wasserprada" dennoch gerne eine Diskussion über die Textqualitäten eines verdeckt agierenden Hobbylyrikers aus dem rechtspopulistischen Millieu führen. Man muss sich ja nicht beteiligen. Aber zu behaupten, dass der Autor und sein Hintergrund dabei unwichtig wären, halte ich zumindest für naiv.

marsborn 25.06.2012 | 12:05

PS: Man kann Mollnitz/Bosselmanns Gedichte übrigens auch dann für wenig gelungen halten, wenn man nicht weiß bzw. wusste, dass er sie unter Pseudonym veröffentlichte und im rechtspopulitischen Millieu aktiv ist. Siehe die Kommentare zu seinem "Neue Impotenz"-Pamphlet im Freitag vom 6. Mai ... Um so wichtiger nun Beate Trögers Beitrag, die im Gegensatz zum selbsternannten Lyrikpapst Mollnitz wenigstens einige wichtige und lesenswerte Namen der "neuen Lyrik" kennt und benennt!

Wasser-Prawda 25.06.2012 | 17:12

Klar doch - und das ist der eigentliche Grund, weshalb Michael Gratz sich eigentlich mit Mollnitz/Bosselmann so ausgiebig befasst hat. Ihn störte die Tatsache, dass hier einer polemisiert, dessen eigene Gedichte nach seinem (Gratzens) Maßstab bestenfalls mittelplrächtig sind.

Ich selbst fand dagegen die mir vorliegenden Gedichte größtenteils nicht wirklich schlecht. Wenn man mal von denen absieht, die von einer unerträglichen Romantisierung des "Ehrendienstes" bei der NVA durchdrungen sind. Ob das nun zeitgemäße Lyrik ist, das ist/war für mich dabei nebensächlich. Auf jeden Fall sprachen mich die Texte mit ihren historischen und politischen Bezügen eher an als viele andere Gedichte, die sich zu sehr um das Erforschen der Innerlichkeit drehen.

Wenn man aber in Kenntnis der Person die Gedichte nochmals liest, dann stellt sich ganz schnell ein schales Gefühl bei mir ein. Ich zähle nicht zu den Menschen, die Texte ohn Ansicht der Person würdigen könnten. Insofern bin ich für strukturalistische Literaturdebatten nicht geeignet.

Alkibiades 26.06.2012 | 13:15

Herr Mollnitz hat sich weder als Lyrikpapst aufgespielt, noch das Pauschalurteil gefällt, dass die gesamte junge deutsche Lyrik bloß Gedöns sei. Um solche Rundumschläge geht es garnicht. Der Text von Mollnitz kann und sollte auch anders gelesen werden. M.E. weist er auf eine Tendenz zum belanglosen Geplapper und Geschwafel hin, die man nich nur in der jungen Lyrik anfindet, die aber gerade dort unerträgliche Folgen hat.

Dass heutzutage mehr Lyrik produziert wird als jemals zuvor und dass sich dabei auch viel Schund anhäuft, ist wohl unbestreitbar. Es ist dabei nur wahrscheinlich, dass mit dieser Fülle von Veröffentlichungen die Qualität der Texte in summa nachlässt. Das betrifft natürlich auch die oben erwähnten Poeten-Adressem. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es nicht auch einige ernsthafte und ausdrucksstarke Autoren gibt, die leider womöglich in der Quantität verloren gehen.

Die Schärfe der Polemik erklärt sich auch aus dEm hohen Maßstab an dem sich Dichtung messen lassen muss. Es ist nicht die produzierte Textmenge, gestylte Illustrationen, die Verkaufszahlen oder Anzahl der Klicks und auch nicht die politische Gesinnung des Autors(!), die die Qualität eines Gedichts ausmachen, sondern einzig, ob es in sich gut ist. Dieses „gut“ ist nicht vollkommen relativ, wie MARSBORN behauptet. Es gibt natürlich verschiedene Geschmäcker und Ansichten und vieles davon ist persönliche Liebhaberei oder Konvention, aber wesentlich ist und war immer die Sprachfähigkeit und Teffsicherheit des Autors, ein klarer Blick und ein fester Griff, Ausdrucksstärke und Faszinationskraft. IDEEFIX beschrieb dies oben treffend mit der Möglichkeit eines guten Gedichts, das Auditorium zu erreichen und eine tiefe Ahnung zu hinterlassen. Wo gibt es das noch in der jungen Lyrik?

Ein Gedicht entsteht nicht einfach so, sondern muss erarbeitet werden, braucht Zeit und Geduld und vorallem erlebten Inhalt. Es ist sehr schwierig aus sich selbst zu schöpfen und oftmals ist das Ergebnis langweilig. Wer etwas ausdrücken will, das alle angeht, der muss an die Inhalte ran und sollte sie nicht schreckhaft meideN. Es findet sich dagegen soviel Zeug im Internet, auch von den im Artikel erwähnten Lyrikern, für die die (natürlich) provokanten Formulierungen des Herrn Mollnitz vollkommen zutreffen. Nicht pauschal, aber als Hinweis auf eine Tendenz.

Es scheint mir, als wollten einige hier den Hinweis auf Maßstab und Qualität und eine streitbare Stellungnahme zur Lage der jungen deutschen Lyrik als bösartigen Rundumschlag gegen alles Neue missverstehen. Man muss wissen, dass es für das Gedicht kein Mittelmaß gibt, auch keine Kategorie der Barmherzigkeit. Ein schlechtes Gedicht ist kein Gedicht. Und Gedichte, die sich auf nichts beziehen wollen, lieber drinnen bleiben, im unkonroversen Gebiet von Befindlichkeiten sind eben meistens schlecht.

Gruß vom Bodensee.

Solveig vom Fjord 30.06.2012 | 09:50

Der Essay Frau Trögers, finde ich, reagiert sehr fair und dezidiert auf die frische Provokation von neulich. Alles auch etwas mysteriös. Es gibt so Nachschriften von Martin Mollnitz bzw. Heino Bosselmann im Web, die manches relativieren: http://www.philotast.com/li-neue-zeiten.html, http://www.philotast.com/00-newsletter.html. In der Nähe finden sich ein paar Gedichte: http://www.philotast.com/po-mollnitz-1.html. Mehr wird man wohl nach der Aktion in Bezug auf Offenlegung des Pseudonyms und dem Hinweis auf die Junge Freiheit nicht mehr lesen können. – Wo soll es denn eine „Romantisierung des Ehrendienstes“ gegeben haben? Ich fand keinen Text. Das ist überhaupt das Problem. Man hätte gern mehr greifbar.

marsborn 01.07.2012 | 18:42

Die Gedichte des Herrn Heino Bosselmann (alias Martin Mollnitz) im "Philotast" zeugen von einer übergroßen Sehnsucht nach Vorgestern. Einserseits kennt er kaum "die" aktuelle Gegenwartslyrik, über die er ohne Kenntnis und Belege, aber voller wortreicher Missgunst effekthascherisch daherschwafelt ("Bionadebourgeoisie auf besonnten Freisitzen am Prenzlauer Berg"), sodass er auch gleich einen neuen kleinen Essay posten muss, wenn er dann doch mal was von dem gelesen hat, worüber er - der schwer verkannte - faktenarm rummotzt (in diesem Falle seine "Entdeckung" Nora Bossing). Andererseits träumt er in seinen verzweifelten Aufrufen zu neuer deutscher Dichtungsgröße von einem - hört-hört - "neuen Expressionismus". Wow! Erleuchtung dräut aus Torgelow. Neue Stahl- und Starkstromgewitter der gesamtdeutschen Poesie kündigen sich an - geschrieben von wackeren Landmännern auf den nebelumhangenen Kneipenterrassen von Trogelow - oder wie? Und dann, ach, seine Philotast-Gedichte, denen man sprachlich wie inhaltlich so deutlich anmerkt, dass "Temperamente"-Bosselmanns vorpommerscher Depressionshorizont über 1989 nicht hinaus führt (als für ihn offenbar ein für alle mal die Zeit einstürzte, siehe da): Schicksalsschwer und heldensolitär, solide aus benn-jüngerschem Eiseneichenimitat geschnitzt, vollkommen licht- luft- und freudlos, bar jeden Lächelns und jeder Lässigkeit. Plattdeutsche Provinz-Ramstein-Epigonien für dörfliche Frührentnerpoesiealben mit einer kleinen Nostalgie für ihren Deutschlehrer aus den frühen Fünfzigern. Dass dieser naseweise Möchtegern-Lyrik-Breivik auch viel für die "Junge Freiheit" schreibt, erscheint mir nur logisch. Kurzum: Mein Goßvater hätte ihn gemocht!

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Ehemaliger Nutzer 04.07.2012 | 13:56

Nicht nur der Höflichkeit halber: Ich halte den Essay von Beate Tröger für eine sehr gelungene und so bedachtsame wie professionell-kultivierte Replik auf meinen weit randständigeren, eingestandenermaßen polemischen Beitrag, über dessen Reaktionen ich in Hinblick auf Spektrum und Intensität wohl nicht als einziger überrascht, ja beinahe erschrocken war. Frau Tröger zeichnet zudem genauer die Linien neuester Literaturgeschichte nach, die ich, zugegeben, vernachlässigte. Dass durch meinen singulären Beitrag allerdings Lesern „ein mögliches Interesse an Gegenwartslyrik vergällt“ würde, glaube ich indessen nicht. Zum einen sieht es gerade hier nicht danach aus; zum anderen hieße das, meine Intentionen und Möglichkeiten zu missverstehen bzw. weit zu überschätzen. Was die neuerlichen sehr adrenalinhaltigen Heftigkeiten um meine Person betrifft, so sei darauf hingewiesen, dass meine knappen Einlassungen und ich selbst hier doch weniger Thema sind, schon gar nicht meine Texte, von denen sich nur hier und da ein virtuelles Blatt im Netz verfing. (Lyrische Versuche gibt es von mir erst seit einem Jahr.) Eine Publikation in repräsentativer Auswahl konnte zudem mittlerweile andernorts durch die Offenlegung des Pseudonyms und mehr noch durch den Verweis auf meine Autorentätigkeit für die „Junge Freiheit“ verhindert werden. Es reichte dazu aus, DASS in der JF Texte von mir erschienen. Mehr war nicht nötig. Das nehme ich hin. Eigenwillig nur, dass wer mir ein Pseudonym missgönnt, selbst solche nutzt, recht kämpferisch klingende darunter. – Also, wieder zum Thema. Für die Freimütigkeit des „Freitag“, ein offenes Forum zu diesen Fragen zu bieten, bedanke ich mich ausdrücklich. Insgesamt doch ein dynamisch ergiebiger Verlauf, so kraftvoll in der Diskussion, dass ich dafür auch gut einzustecken hatte. Dass auch noch der mir angeheftete Begriff eines "Möchtegern-Lyrik-Breivik" (s. oben) hier fraglos und ganz unkompliziert freigeschaltet wird, sichert dem Forum eine geradezu ultralibertäre Disputationskultur, die selbst höchst problematische semantische Übertragungen und Vergleiche nicht scheut. Wann wären in dieser Hinsicht – immerhin der anonym ins Netz transportierte Vergleich mit einem Massenmörder – überhaupt Grenzen erreicht und überschritten? Und das wegen einer Polemik über neue Lyrik …

marsborn 11.07.2012 | 20:21

Was eigentlich ist ein naseweiser Möchtegern-Lyrik-Breivik? Das ist einer, der mit verbalheroischer Kämpfergeste ("Neue Impotenz"!) ihm unbekannte Netzdichter (karoline! eisenhans!) niedermacht und anschließend großtönende, sachlich-wirre Manifeste voll des Glaubens an die eigene solitäre Mission udn Bedeutung in allerlei wenig belebten Ecken des Internets verstreut - unter Pseudonym sich beschwerend über die ganz normalen Blog-Nicknames derjenigen, die seinen unbedeutenden Kommentaren in gleicher Tonhöhe antworten... aber ach, der arglose, er wurde übel verhöhnt! Mundtot gemacht von der linken Medienmafia (vgl. Bosselmann-Mollnitz in "sezession", wo der hier als freimütig gelobte freitag.de von ihm plötzlich als Plattform linker medienneurosen geschmäht wird, siehe: http://www.sezession.de/32978/martin-mollnitz-oder-kleines-toleranzstuckchen.html) - kurz: Ein von der eigenen Bedeutung und Großartigkeit unbeirrbar erfüllter Möchtegern-Umstürzler einsam vor dem Bildschirm....