Der Restinnerlichkeitsglanz

Poesie Sind Gedichte heute nur noch Gedöns? Auf keinen Fall. Die junge deutsche Lyrik ist besser als ihr Ruf
Der Restinnerlichkeitsglanz
Symbolisiert die Pracht der Dichtkunst
Foto: Wildlife/D. Harms

Gottfried Benn rechnete zu den tragischen Erfahrungen des Dichters, dass selbst ein ganz großer Lyriker nicht mehr als sechs bis acht Gedichte hinbekomme, die Bestand haben. Das restliche Werk sei für die Nachwelt zwar hinsichtlich biographischer und entwicklungslogischer Fragestellungen interessant, „in sich ruhend, aus sich leuchtend, voll langer Faszination“ seien aber eben nur wenige. Für sie nehme ein Dichter dreißig bis fünfzig Jahren Kampf, Askese und Leiden auf sich.

Bei den jungen Lyrikern dürfte die Frage nach dem Nachruhm zum Glück etwas in den Hintergrund geraten sein, ernsthaft wird dennoch gearbeitet – und kommuniziert. Viele von ihnen verständigen sich untereinander über Möglichkeiten und Grenzen der Dichtung, was sich im Internet, in Zeitschriften und in jüngerer Zeit auch an einem Projekt ablesen lässt, dessen Resultat unter dem Titel Helm aus Phlox 2011 bei Merve veröffentlicht wurde.

Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck hatten über einen längeren Zeitraum in einem Blog ästhetische und poetologische Fragen erörtert und anschließend zu Buchkapiteln ausgearbeitet. Das Ergebnis ist ein zwischen Konzentration und Abschweifung, zwischen Hermetik und Komik flottierendes Experiment.

Nach der Bekenntnislyrik

In höherem Maß als Lyriker, die sich, ehe ihre Werke der Wertung unterzogen werden, mit dem Wie und Was ihres Schreibens befassen müssen, sind Leser bei der Frage, was sich zu lesen lohnt, auf Informationen, Filterfunktionen und Kritik der Verlage, Buchhandlungen, Zeitschriften angewiesen. Eine Polemik, wie sie unlängst von Martin Mollnitz unter der Überschrift „Neue Lyrik – neue Impotenz“ im Freitag zu lesen war, könnte da Wirkung zeigen und Menschen, die wenig vertraut sind mit der Szene, ein mögliches Interesse an Gegenwartslyrik vergällen. Mollnitz entwarf ein Szenario von jungen Lyrikern, die getrieben von dem Wunsch nach Öffentlichkeit, und beflügelt von den Möglichkeiten des Internets, wild und sorglos vor sich hinplappern und bei ihrer „introvertierten Innenschau in bemühter, die erste Person allzu wichtig nehmender Ausdrucksweise von Selbsthilfegruppen“ lediglich noch über das Layout den Anschein von Dichtung aufrecht zu erhalten versuchen.

Dabei ist die vom Artikel beklagte inflationäre Produktion von Gedichten als pseudoliterarischer Selbstausdruck mit Hang zum Regressiven kein heutiges Phänomen. Nach der Bekenntnis- und Innerlichkeitsdichtung der siebziger Jahre weste es in den achtziger Jahren weiter in Form der „Verschenk-Texte“, jenen ebenfalls nur noch grafisch als Gedichte getarnten, windelweichen Ich-Botschaften, die wochenlang die Spiegel-Bestsellerliste anführten und nicht wenige beeinflusst haben dürften, die sich am Dichten versuchten.

Doch sind diese Versuche nicht zu belanglos? Zu durchschaubar ihr ungelenker Tanz um ein konturloses Ich, als dass man sie mit Dichtung verwechseln und an ihnen den Zustand der deutschsprachigen Lyrik festmachen könnte, wo sich doch in zahlreichen ernstzunehmenden Gedichten, etwa von Ann Cotten, Marion Poschmann oder Jan Wagner, tradierte Strophen- und Gedichtformen von der Ode bis zum Sonett reflektiert finden.

Auch das von Mollnitz beklagte Fehlen markanter Stimmen blieb in den zahlreichen zustimmenden Kommentaren im Netz weitgehend unwidersprochen. Stattdessen herrschte tendenziell aggressive Zustimmung: „Heute gilt: je blöder, desto Gedicht“ zählt noch zu den harmloseren Reaktionen. Außer Durs Grünbein weise die deutschsprachige Lyrik kaum nennenswerte Exponenten auf. Die Latte, an dem die Gedichte der Gegenwart gemessen wurden, war mit „Benn – Eich – Celan“ so hoch gehängt, dass sich das eingangs zitierte werkimmanente Argument von Benn dagegen beinahe milde ausnimmt. Zugleich fiel dabei unter den Tisch, dass auch Celans frühe Gedichte bei einer Lesung der Gruppe 47 im Jahr 1952 von einem Großteil der Anwesenden als Geraune abgetan worden waren, weil der Ton nicht den lyrischen Zeitgeist traf, dass also mit der Kanonisierung von Autoren oft ein Schweigen über weniger gelungene Texte einhergeht.

Um die deutschsprachige Gegenwartslyrik ist es bei weitem nicht so schlecht bestellt. Im Gegenteil: Wer nach Lesenswertem jenseits des Musealen sucht, wird viele kluge, klare und differenziert auf die Tradition, die Gegenwart und die Sprache reagierende, im wahrsten Sinne des Wortes: poetische Gedichte finden. Über weite Strecken kann man sich bei der Suche auf eine noch immer weit verzweigte Verlags- und Zeitschriftenlandschaft verlassen, auf Lyrikpreise, -festivals und einschlägige Veranstaltungsorte, die Lyrik auswählen, verbreiten, fördern und honorieren. Auch im Netz finden sich nicht nur Plattformen für Befindlichkeitslyriker, sondern ernsthafte Adressen wie poetenladen.de, lyrikkritik.de und lyrikzeitung.com.

Nennen wir doch einfach ein paar Beispiele gelungener neuer Lyrik. Die Auswahl ist subjektiv und basiert auf nachhaltiger Begeisterung. In der Überschrift eines Gedichtbandes von Andre Rudolph wird der fluglärm über den palästen unserer restinnerlichkeit (2009) hörbar, ein Bild, das die Verfasstheit des modernen Subjekts grandios benennt, und das sich mit Blick auf die Anti-Fluglärm-Montagsdemonstrationen, die seit einiger Zeit regelmäßig am Frankfurter Flughafen stattfinden, auch ganz konkret ausdeuten lässt.

In der gleichnamigen Abteilung des Bandes hat Rudolph „14 Concetti“ versammelt. Die Verbindung zweier eigentlich disparater Bereiche in Form eines Vergleichs, die für das Concetto konstitutiv ist, ist in ihnen gedanklich scharf, klanglich dicht, zeitdiagnostisch spitz und völlig unhermetisch erfüllt, wie etwa in die fraun 30+: „mit ihren herzwagen wiegen sie / glänzende / kinderleiber, / goldne trophäen // erinnerungen an den pokal“, bei deren Lektüre man die Latte-Macchiato-Mutter sofort vor dem inneren Auge sehen kann.

Das in Jan Wagners Band Achtzehn Pasteten (2007) veröffentlichte „Quittenpastete“, ein Gedicht, das man betrachten kann wie ein in unsere Zeit und in reine Sprache übersetztes Kalenderblatt aus dem mittelalterlichen Stundenbuch des Duc de Berry, führt das Ernten und Einkochen von Quitten im Oktober mit dem Prozess des Dichtens zusammen. Das Glück und die Anstrengung des Konservierens von Früchten und das Glück und die Anstrengung des Dichtens greifen ineinander: „wer konnte, wollte / quitten begreifen, // ihr gelee, in bauchigen gläsern für die / dunklen tage in den regalen aufge- / reiht, in einem keller von tagen, wo sie / leuchteten, leuchten.“

Das Ich als Material

Hendrik Jacksons Zyklus „Bewegungen unter Bäumen“ aus dem Band Dunkelströme (2006) nähert sich in sieben ineinandergreifenden, schwebend-flirrenden Gedichten den Grenzbereichen zwischen wahrgenommenen und inneren Landschaften, die umso fremder wirkt, je tiefer man in sie eintritt. Umkreist werden Konstellationen zwischen einem Ich und einem Du, Zustände zwischen Traum und Wirklichkeit, Kristallisations- und Verflüssigungsbewegungen der Wahrnehmung.

Man müsste diese Aufzählung ergänzen um Gedichte von Nico Bleutge, Nora Bossong, Steffen Popp, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Uljana Wolf und einigen mehr. Nötig ist aber auch Blick auf die vorangegangene Generation. Er zeigt, dass die Zeit dazu beiträgt, die Konturen lyrischer Positionen klarer hervortreten zu lassen. Das in Mollnitz’ Artikel zitierte Sonett von Thomas Kunst endet mit den Versen „Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich / und lese jetzt: Am Meer. An Land. Bei mir“ und verweist mit dem Zitat des Titels Am Meer. An Land. Bei mir zustimmend auf das Werk des 1936 geborenen Paulus Böhmer. In seiner Konsequenz, Obsessivität und Eigenwilligkeit ist es ein Beispiel für solch eine singuläre Position dieser Generation. Böhmers über Jahrzehnte hinweg entstandene, unter anderem in „Kaddisch I bis X“ (2002) und Kaddisch XI bis XX“ (2007) veröffentlichte Langgedichte in der Tradition der Beat Poetry nehmen alles in sich auf, was sich dem betrachtenden Ich als Material bietet. Sie sind in den Worten des 1976 geborenen Lyrikers und Literaturwissenschaftlers Jan Volker Röhnert „Kataloge des Gegenwartsgedächtnisses“.

Auch die Werke von Elke Erb, Johannes Kühn, Jürgen Kross (allesamt geboren in den 1930er Jahren), oder Friederike Mayröcker (1924) sowie Thomas Kling (1957 bis 2005), dem womöglich für die nachfolgende Generation einflussreichsten deutschsprachigen Lyriker, gehören in diese Reihe. Es mag wie eine Binsenweiseit klingen, dass auch diese Autoren einmal mit dem Schreiben von Gedichten angefangen haben, dass ihr Werk Leser, Verleger, Förderer und Kritiker ebenso brauchte und braucht, wie das der nachfolgenden Generation. Und doch wäre daran zu denken, ehe man sich für die Abwehr und Abkehr von der Gegenwartslyrik entscheidet.

Beate Tröger liebt und bespricht Lyrik

15:15 21.06.2012

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