Der Riese ist an allem schuld

Protest-Pop Wie funktioniert Amerika-Kritik? Ein kritischer Essay

Der Sänger und Gitarrist des Experimental-Post-Rock-Trios 31 Knots aus Portland blies kürzlich im Berliner Magnet Club die Worte "Fuck George Bush, playing loud music!" aus dem pulsierenden Hals und hatte damit die Kopfnicker im Publikum auf seiner Seite. Er schimpfte über die USA, über das miese Gesundheitssystem, schließlich sei er am Fuß verletzt, könne sich in den Staaten jedoch nicht behandeln lassen - das sei zu teuer. Und so hinkte der Arme ständig umher und schaffte es gerade noch, seine Gitarre vor der Brust ab und an energisch im Rock´n´Roll-Takt hin und her zu schwenken.

Eine Szene, die sicher keine ungewöhnliche ist. Ob bei The Roots, Calexico oder Milemarker: Georg W. Bush ist und bleibt ein Böser. Beinahe die halbe musikalische Welt stimmte vor der Wahl in den Chor der Entrüsteten gegen ihn ein, spannte Netzwerke und bildete Initiativen: von Bruce Springsteen ("Vote for Change") über Thurston Moore von Sonic Youth ("Protest-Records") bis hin zu Fat Mike von Nofx ("Punkvoter"). Auch darf Amerika als Ganzes von nichtamerikanischen Interpreten ohne schlechtes Gewissen abgewertet werden, wird zudem von Links wie von Rechts getreten, Antisemitismus steht da oftmals in der Mitte. Erklären oder rechtfertigen muss man das meist nicht, gegen Amerika sein, das reicht auch so. Und so gleitet Anti-Bushism, also die gerechtfertigte Kritik an der Regierung Bush, oftmals unter polternd derben Phrasen ab in stumpfen Antiamerikanismus.

"Die USA sind ein Scheißland" geben die schwedischen, als Agit-Rock-Pop getauften The (International) Noise Conspiracy im Uncle-Sallys-Musikmagazin deutlich zu verstehen. Amerika - was man unter diesem Stichwort auch immer subsumieren mag - darf man nahezu alles in den Schuldkatalog schreiben, was wahlweise unter der Rubrik Gesellschaftskritik oder "Repolitisierung" eingeordnet wird. Verwendete man etwa "Türkei" anstelle von Amerika ("Türkei ist ein Scheißland". "Türken raus" statt "Yankees raus" in Anlehnung an die Punkband Slime. Oder "Türke go Home" anstatt von Rolf Winters Plädoyer Ami go Home), würde das zweifellos als (kultur)rassistisch oder xenophob bewertet werden. Mit plakativer Amerikakritik aber scheint man auf der sicheren Seite zu sein.

Das mag zwei Gründe haben. Zum einen erscheint die Kritik gegenüber Amerika aus der Position eines Schwächeren heraus. Amerika ist der Riese, gegen den es sich zu Recht aufzulehnen gilt; Amerikahass wird als Reaktion auf Aktion empfunden. Die Maxime "Nach oben buckeln, nach unten treten" aus Heinrich Manns Der Untertan kehrt sich hier um, man fühlt sich getreten, schießt zurück. Der Kölner Publizist und Psychologe Mark Terkessidis räumt in seinem Buch Psychologie des Rassismus ein, dass bei der Rassismusforschung der "immense Unterschied in der Symbolisierung der verschiedenen Gruppen" in der Psychologie bislang kaum thematisiert wurde. Eine der wenigen Ausnahmen bildet Thomas F. Pettigrew. In Anlehnung an die Psychoanalyse unterschied er "Überich-Klischees" von "Es-Stereotypen". Gruppen, die mit "Überich-Klischees" belegt werden, werden mit Adjektiven wie "geschäftstüchtig" oder "ehrgeizig" in Verbindung gebracht. Dies seien in erster Linie "Händlervölker", wie etwa Juden (oder auch Amerikaner). Gruppen mit "Es-Stereotypen" werden dagegen mit Attributen wie "abergläubisch, faul, dumm, schmutzig und sexuell hemmungslos" bestückt. Diese Gruppen stehen meistens auf der untersten Stufe ihrer jeweiligen Gesellschaft.

In der Rassismus- und Ausgrenzungsforschung werden nun die "unteren" inferioren Gruppen fokussiert, Minderheiten, Schwächere - was tendenziell auch richtig sein mag. Die Abwertung Amerikas erscheint also gerade darum so gerechtfertigt, weil man sich angeblich gegen einen "Stärkeren" wehrt, dem dennoch (bewusst wie unbewusst) Attribute eben der "unteren" Gruppen zugeschrieben werden dürfen (zum Beispiel "abergläubisch" aufgrund von Religiosität, "dumm" durch angebliche Egozentrik und das mangelnde Interesse für andere Nationen), ohne das als Abwertung zu empfinden. Ein Riese, der selbst Schuld an allem ist. Zum anderen wird mit Amerika keine "Rasse", keine allgemein verbindende Ethnie assoziiert. Der Amerikaner kann schwarz, weiß, Mexikaner oder Chinese sein. Die Anklage träfe so also keine bestimmte Personengruppe, Amerika ist ja ein Einwanderungsland, in das gar die eigene Verwandtschaft sich aufmachte, in das zwischen 1800 und 1917 etwa 38 Millionen (netto), seit 1900 cirka 800.000 Menschen pro Jahr kamen.

Doch die Rassismusforschung ist schon lange davon abgerückt, Rassismus biologisch zu begründen, wie es noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges galt. Die neuere Rassismusforschung hat den Rassismusbegriff auf kulturalistischer Basis ausgeweitet. Robert E. Park leitete diese "kulturalistische" Wende ein, als er sich gegen vorherrschende biologische Legitimierungsmuster wandte, um Unterschiede zwischen Personengruppen kulturell zu begründen. Stuart Hall sprach in diesem Sinne von einer Ablösung des genetischen vom kulturellen Rassismus und nannte das einen "Rassismus ohne Rassen". Aus "Rasse" wurde "Ethnizität" und aus genetischem Mangel "Kulturdefizit", folgert Gita Steiner-Khamsi treffend.

Genau dieser Vorwurf - der Kulturlosigkeit - wird gegen Amerika immer wieder erhoben, ohne ihn jedoch mit (Kultur)Rassismus in Verbindung zu bringen. Der Rassismus brauche heute keine pseudowissenschaftliche Grundlage mehr wie in der Vergangenheit, so Zafer Senocak kürzlich in der taz, er sei mehr eine Gefühlsregung, ein instinktiver Akt der Ausgrenzung. Die Abwertung Amerikas, und somit auch seiner Bürger, erscheint in diesem Zusammenhang gerade dadurch (angeblich) so legitim, da nicht nur keine materielle Ausgrenzungspraxis durch formulierte Ausgrenzung erwartet wird, sondern auch die "Annahmen über das Andere" nicht an phänotypischen Merkmalen generalisierend vorgenommen werden können. Das heißt: Wer gegen Amerika ist, kann kein Rassist sein.

Dieses Dagegensein erscheint nicht einmal als etwas, das sich gegen etwas "Fremdes" richtet. Denn es handelt sich ja um Elemente, die auch den eigenen Kulturkreis und die hiesige Lebenswelt widerspiegeln. Hier wird also keine Verteidigung der Differenz im Sinne des kulturalistischen Rassismusdiskurses aufgrund von Heterophilie (Lob der Andersartigkeit) erhoben, sondern die teils einverleibten Elemente werden als "zu amerikanisch" empfunden und abgewertet. So spricht der Politologe Dan Diner von einer "Projektionsfläche für die Abspaltung eigener Negativität" in Bezug auf die Verbrechen im Nationalsozialismus und die Befreiung durch die USA. Auch wenn dies heute nicht mehr allzu stark gewichtet werden kann, mag die generelle Neigung einer Abspaltung von Negativität dennoch Sinn machen: Die mit Hartz IV einhergehende Angst vor Arbeitslosigkeit und dem Kollaps des Gesundheitssystems wird gerne auf die Projektionsfläche USA übertragen. Die Zahl der US-Bürger ohne Krankenversicherungsschutz hat unter der Regierung Bush mit 43,6 Millionen einen Höchststand erreicht, allein 2002 ist die Zahl um 2,4 Millionen gestiegen.

Die Projektionsfläche bietet sich auch - oder gerade - auf kultureller Ebene. George Ritzer, Professor für Soziologie und Autor des Buches Die McDonaldisierung der Gesellschaft, vertritt die These von einer "obszönen Macht" der Kultur Amerikas. Die australische Kulturkritikerin und Wissenschaftsautorin Margaret Wertheim geht gar so weit, die amerikanische Kultur mit dem AIDS-Virus zu vergleichen. Zitat: "Wie dieser glänzend angepasste Organismus reproduziert auch die US-Kultur sich beständig selbst und ist in alarmierender Weise zur Übernahme der Produktionsmaschinerie seiner Wirte fähig". Weiter heißt es, die amerikanische Fast-Food-Kultur, Popmusik, Film und Fernsehen "infizieren" den "kulturellen Körper anderer Nationen und zwingen die lokale Produktionsmaschinerie, sie zu kopieren". Der Soziologe Steve Fuller führte gegenüber solchen Geschmacklosigkeiten zu Recht an, dass es falsch sei, die von Amerika ausgehende Globalisierung für eine Form von "Kulturimperialismus" zu halten. Mit dem Begriff Kulturimperialismus sei die Vorstellung verbunden, dass die "Auswirkungen auf die einheimische Kultur sehr viel geplanter und direkter sind - was früher als ›ideologische Kriegsführung‹ bezeichnet wurde. Dabei wurden Völker explizit dazu aufgefordert beziehungsweise gezwungen, ihre traditionellen Sitten aufzugeben und westliche anzunehmen". Letzteres ist im Falle Amerikas trotz eines Strebens nach kultureller Hegemonie wohl kaum der Fall.

Der von einer amerikanisch dominanten Kultur ausgehende Wahnapparat greift auf eine lange Tradition zurück. Das Stereotyp reicht bis in die Romantik. Selbst Amerika-Begeisterte wie der Autor Alfred Kerr bedienten sich später dieser Argumentationslinie. In seinem Bericht Yankee Land von 1925 finden sich Passagen, in denen die Seele der als oberflächlich wahrgenommenen Amerikaner als "kindisch und jugendstark" den Verlockungen von Baseball, Jazz, "bobbed-hair", Film und Ölvorkommen erlegen sei. Auch Bertolt Brecht, der in den 1920er Jahren amerikafreundlich applaudierte, kehrte seine Zustimmung später ins Gegenteil. Historisch gesehen bildeten sich die amerikafeindlichen Klischees in der Zeit des Vormärz aus, ausgesprochener Antiamerikanismus sollte jedoch erst mit dem Ersten Weltkrieg aufkeimen.

Antiamerikanismus ist also kein Phänomen, das erst mit der Präsidentschaft von Bush junior in die Welt kam, auch wenn es derzeit massiv auftritt und in der Musikbranche so populär ist wie nie zuvor. Der Soziologe Klaus Theweleit hielt dagegen, dass Rock´n´Roll und Jazz in den Sechzigern gerade darum so befreiend wirkten, weil es sich um "undeutsche Sprachen" handelte. In diesem Kontext war immer wieder die Rede von einer "Überidentifikation" mit Amerika in den Nachkriegsjahren. Amerikanische Popmusik hätte nicht nur befreiend gewirkt, sondern den Deutschen vielmehr die Möglichkeit gegeben, ihrer Überidentifikation mit Hitler und dem Nationalsozialismus ein neues Objekt zu verschaffen. Die Autorität sei also lediglich auf den Sieger, die USA, übertragen worden, argumentiert etwa der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Richter bescheinigt den Deutschen einen unterwürfigen Proamerikanismus und nennt sie "geistige Halbamerikaner".

Auch wenn solche Zuspitzungen mit Vorsicht zu genießen sind, sind sie nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Schließlich konsumieren wir gerne und ausgiebig Filme wie Matrix, laufen in Nike-Schuhen umher oder vertreten uns die Tanzbeine zu muttergeficktem HipHop Marke Ghetto-Tristesse Amerika, der noch immer als Authentizitätsmaßstab gilt, beschweren uns über ungesunde Burgerkultur und bestellen zugleich ein BigMac. Josef Joffe erkannte diese Ambivalenz in Wer hat Angst vor Mr. Big? als typisch: Amerika sei für uns beides "Gefahr und Verführung, Monster und Modell".

Antiamerikanismus macht sich momentan gut, weil er in Zeiten großer Verwirrung Positionsbestimmungen erlaubt. Er bringt ein bisschen Ordnung in den globalen Wirrwarr, da auch hierzulande keiner mehr richtig weiß, wo etwas steht, links und rechts in der Friedenspolitik gemeinsam marschiert, Viervierteltakt-Rechtsrock plötzlich zu Rechtspop wird und Linkspop im Zuge der hiesigen Deutschquotenforderung für den Artenschutz kämpft. Dan Diner spricht im Sinne der Amerikafeindlichkeit von einer "Reduktion von Komplexität", was an die grundlegende These aus Arnold Gehlens Institutionenanalyse erinnert, dernach im menschlichen Leben "Komplexität" reduziert werden müsse.

Das simple "Bush und das böse Amerika sind schuld" dient auch als Verkaufsargument, ist regelrecht ein Kassenschlager. Die Kritik, Amerika sei ein Land, das eine vorherrschende Ethik des Utilitarismus vertrete, oder anders gesagt: ein Land, in dem Konsum gleich Demokratie sei, wirkt geradezu aberwitzig, wenn man gleichzeitig Antiamerikanismus als Marktinstrument kommerziell zu nutzen weiß. Die Filmemacher Morgan Spurlock oder Michael Moore haben mit ihren Geradeaus-Thesen vorgemacht, wie man mit direkter - im Mooreschen Sinne dennoch gerechtfertigter - Kritik an der Regierung Bush oder an der Fast-Food-Kultur finanziell in die Vollen geht. Auch die Punkband Anti-Flag aus Pittsburgh hat mit ihrer Scheibe The Terror State in der ersten Woche gleich 40.000 Exemplare verkauft und selbst Fat Mike von Nofx und Initiator der Compilation Rock against Bush macht keinen Hehl daraus, auf einem dicken Finanzpolster zu liegen. Und genau hier ist der Knackpunkt: Der Protest kommt auch aus den eigenen Reihen, von Amerikanern selbst, darum könne sich "Amerikafeindlichkeit" nicht gegen Amerika per se richten, schließlich sei man auch mit den Amerikanern einer Meinung. Übersehen wird dabei gerne, dass diese Kritiker sich meist selbst für stolze Amerikaner halten, die die Politik, nicht aber die amerikanische Kultur generell ablehnen. Und im Zuge dessen gleitet eine von außen formulierte gerechtfertigte Amerikakritik gerne ab bis hin zu brodelnder Deutschtümelei. Ein Beispiel: "Mann, Deutschland erwache! ... Siehst du nicht, was der Ami vorhatte, als er dich aufbaute für seine eigene Sache? ... Unser Land ist so schwach, weil es ständig nachgibt. ... Egal, über was man spricht, egal, ob Rap oder nicht, Anglizismen erobern unsere Sprache wie nichts. (...) Das ist Deutschrap! Deutsche Produktion, deutscher Text. Deutsche Probleme in Szene gesetzt". Es stammt aus dem Stück Deutschrap des Berliner Rappers Akteone, dem es trotz seiner Amerikaphobie dennoch nicht zu blöde ist, sich einem amerikanischen Namen hinzugeben. Aber es muss ja auch nicht alles immer Sinn machen.

Der Beitrag ist die gekürzte Version eines Aufsatzes, der demnächst in der Themenausgabe Discover America der Zeitschrift Testcard im Mainzer Ventil-Verlag erscheint.


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00:00 11.02.2005

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