Der Roman als Leselist(e)

Zitate Ist Marisha Pessls vielgerühmtes Debüt "Die alltägliche Physik des Unglücks" der überschätzte Roman eines Fräuleinwunders oder ernstzunehmende Literatur?

Die alltägliche Physik des Unglücks. Der ungewöhnliche Titel will nicht ganz zum Buchumschlag passen: eine großen rosa Rose, ein himmelblauer Wellensittich und die kalkuliert bezaubernde Autorenfotografie. Sie zeigt Marisha Pessl, eine knapp dreißigjährige New Yorkerin mit eigener MySpace-Seite und einem erfolgreichen Fondsmanager als Ehegatten. Dessen Heiratsantrag hatte sie mit genug Geld und befreiter Zeit versorgt, um ihren Erstling zu schreiben, der dann von der New York Times gleich zu einem der fünf besten Romane des Jahres 2006 gekürt wurde. Eine solche Auslegeordnung ist wie geschaffen, um Naserümpfer auf den Plan zu rufen, die von Strebertum reden, oder von überqualifizierten Wunderkindern und lebensfernen Thesenromanen.

Doch wie bei andern New Yorker Jungstars wie Jonathan Safran Foer und Benjamin Kunkel, lohnt es sich, auch bei Pessl genauer hinzuschauen. Vertieft man sich also ins Buch statt in die schönen Augen der Autorin, merkt man schnell, dass da nicht nur ein nach allen Regeln des Geschäfts vermarktetes Wunderkind, sondern auch ein sehr ernsthaftes schriftstellerisches Talent am Werk ist. An die Schreibweise muss man sich allerdings zuerst gewöhnen.

Pessl flicht ihre Romanhandlung in ein Netzwerk aus Zitaten, Filmen, Websites und Büchertiteln (wissenschaftlichen und literarischen), mehr als die Hälfte davon erfunden, wie der "Almanach der Rebellen und Aufständischen, Skye, 1987". Damit ist Die alltägliche Physik des Unglücks quasi die literarische Parodie einer Magisterarbeit, oder andersherum gesagt, ein Roman mit pseudowissenschaftlichen Verstrebungen - und nicht zuletzt ein spannender Krimi. Der Kriminalfall ließe sich überdies frühzeitig lösen, wenn man die Spur besser zu lesen wüsste, die Pessl mit ihren Kapitelüberschriften aus Werken der Weltliteratur gelegt hat. Bloß merkt man anfangs noch nicht, wonach überhaupt zu suchen ist. Doch der Roman liest sich auch ohne diese postmoderne Metaverstrickung der literarischen Zitate bestens.

Was die erzählte Geschichte betrifft, schreibt sich Pessl lose in die Tradition der Campus- und der Familienromane ein, allerdings in einer etwas ungewohnten Konstellation. Denn übriggeblieben sind von dieser Familie bloß noch Vater und Tochter van Meer, beide sind blitzgescheit, schön, scharfzüngig und einander auf Gedeih und Verderben verbunden. Gemeinsam ziehen sie von College zu College, quer durch die USA, der Vater - ein Politologe - übernimmt eine Gastprofessur nach der anderen und schreibt nebenher stapelweise gelehrte Bücher und Artikel für Fachzeitschriften.

Die Tochter lernt derweil fleißig für ihren absehbar herausragenden High School Abschluss, ihr Sprungbrett zum Studium an der Eliteuniversität Harvard. Auf den langen Autofahrten von einem College zum anderen erzieht und bildet Papa van Meer seine Tochter mit auswendig gelerntem Gedichtgut, Klassikerzusammenfassungen, Rhetorikübungen und Vorträgen über komplizierte politische Theorie. Wie schön, wie altmodisch.

Der pubertäre Ausbruch folgt auf dem Fuß. Während ihres letzten Schuljahrs vor der Uni, wird die brave Blue van Meer Teil einer Clique, die zur Fassade als "Ulysses"-Lesegruppe getarnt ist. Dahinter verbirgt sich das pubertierende Schreckbild aller Eltern, Alkoholabstürze, Drogen, labile Verfassungen und knappe Kleidchen. Als eine Art Oberhaupt der wilden Jugendgruppe fungiert heimlicherweise eine Lehrerin, Hannah Schneider. Über sie haben wir aber bereits auf den ersten Seiten des Buches erfahren, dass sie schon in naher Zukunft tot in einem orangefarbenen Kabel hängen wird. Die Frage, die das Buch am Laufen hält und sich auf das Ende zu auch krimimäßig beschleunigt, ist nun, wie es soweit kommen konnte. Zumal auch noch eine weitere weibliche Tote am Anfang des Romans steht, Blues Mutter, deren Tod als Autounfall aus Übermüdung abgehakt ist. Vorläufig.

Ein Buch, das ständig Texte zum Vergleich beizieht, bietet sich natürlich auch selbst an, verglichen zu werden. Am ehesten ähnelt Marisha Pessls Debüt wohl dem Erstling des etwas älteren Amerikaners Dave Eggers Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität. Eine wahre Geschichte. Dieser Titel könnte, ohne den Zusatz, auch über Pessls Roman stehen. Was die gesetztere Literaturgeschichte betrifft, ist ihr Vladimir Nabokov offensichtlich ein Vorbild, in Die alltägliche Physik des Unglücks haben sich gewissermassn Pnin und Lolita in einem Roman vereint. Trotz all dieser Vergleichsgrößen bleibt aber etwas unerreicht und einzigartig: Pessls Erzählerin, die Halbwaise Blue van Meer. Sie funktioniert als offenherziger und doch orakelhafter pubertärer Weltfilter, wie man ihm lesenderweise noch selten begegnet ist. Genau getroffen hat Pessl die spezielle Wahrnehmungsmischung der Adoleszenz aus Größenwahn, Angst und Fremdheit, aus Gefühlsstarre und emotionalem Überschwang - aus Sarkasmus und viel zu viel Mitgefühl. Noch gar nichts scheint eingependelt.

Scharf und doch mütterlich besorgt blickt sie auf die vorbeitaumelnden "Junikäfer", wie sie die rasch wechselnden Geliebten des Vaters nennt, und auf die Besessenheit des Professorenvaters mit Umstürzen und politischer Stagnation, an die sich seine überhebliche Weltverachtung knüpft. Ihre eigene Zeitgenossenschaft manifestiert sich dagegen in einem schielendem Blick, der von einem recht altmodischen Bildungsideal geleitet ist, und trotzdem die Gegenwart zwar kritisch, jedoch keineswegs herablassend beäugt.

Pessl folgt in ihren Beschreibungen auch keiner zigfach erprobten, bequemen Mischung aus Markennamen, etwas Tagespolitik und anderen Oberflächeneffekten, sondern sie schafft sich ein eigenes, verschrobenes Weltbild. Dieses wirkt zuweilen altklug, bleibt aber stets humorvoll ironisch geerdet. Es gibt viele flott dahingeschriebene Sätze in diesem Roman, doch es werden darin keine fugenlos glattgestrichenen Wunschbilder evoziert. Und das Beste daran ist: Die alltägliche Physik des Unglücks ist allem Anschein nach nur minimal autobiografisch. Man muss also nicht befürchten, dass da eine junge begabte Autorin ihren ganzen Stoffschatz mit dem ersten Buch bereits verschossen haben könnte.

Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks. Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, 608 S., 19,90 EUR


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00:00 23.03.2007

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