Der rosa Punschkrapfen

Gummiwand Österreich blickt zurück - neuere Sachbücher zur Alpenrepublik

Sechzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützten nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, 50 Jahre seit dem Ende der von einem viel kleineren Teil akzeptierten Besatzung durch die Alliierten, zehn Jahre seit dem Beitritt zur EU: Österreich hatte, je nach Standpunkt, zu feiern, zu gedenken, zu reflektieren. Runde Zahlen laden zur Rückschau ein. Da ist Streit programmiert. Manche Tabus stehen nicht zur Disposition. Zum Beispiel das Bild des Austrofaschisten Dollfuß in der Parteizentrale der ÖVP, die bekanntlich den aktuellen Bundeskanzler stellt. Zum Beispiel das Konkordat, das dieser Austrofaschist, zur gleichen Zeit wie die deutschen Nationalsozialisten, mit dem Vatikan geschlossen hat und das bis heute (auch von den Sozialdemokraten) unangefochten seine Gültigkeit hat, obwohl es eindeutig und permanent gegen das Diskriminierungsverbot der Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt.

In Österreich, wo Sprachspiele immer leichter fallen als politische Einsichten, hat man sich darauf geeinigt, dass Jubel- oder Trauerjahr neutral "Gedankenjahr" zu nennen. Nun liegen einige der in diesem Jahr produzierten Gedanken in Buchform vor.


Oliver Rathkolb, geboren1955, im Jahr des österreichischen Staatsvertrags und also zehn Jahre jünger als die Nachkriegsepoche, ist, was man in manchen österreichischen Milieus einen "anständigen Menschen" nennt. Soll heißen: er ist entschieden antifaschistisch. Das scheint, aus einer zivilisierten Perspektive betrachtet, weniger bemerkenswert als die Tatsache, dass es als bemerkenswert gilt. In Österreich herrscht über Antifaschismus eben kein Konsens. Was anderswo Norm ist, fällt hier auf. Dass jemand Nazi war und im Grunde immer noch ist, stößt bei einer Mehrheit der Bevölkerung auf größeres Verständnis, als wenn jemand kontinuierlich gegen diesen Zustand anschreibt. Dieser erbärmlichen Lage entgeht man nur durch den Tod. Thomas Bernhard hat es uns vorgestorben.

Und so erweist sich Oliver Rathkolbs Geschichte der Zweiten Republik als brav, wenig überraschend, eher ein bisschen fad - eben "anständig". Bei den Ewig-Gestrigen wird sie anecken, und das reicht, um sie deren Gegnern sympathisch zu machen. In Österreich ist man bescheiden geworden. Dass es als Zivilcourage zu gelten hat, wenn man von seinen für eine Demokratie konstitutiven Rechten Gebrauch macht, also auch vom Recht auf das freie Wort, ist bedenklich genug. Diese Zivilcourage der wenigen Anständigen zu verspotten, wäre für jene, die es betrifft, selbstmörderisch. Immerhin befindet sich auch Rathkolb noch so nahe am vom jahrzehntelangen Proporz bestimmten Establishment, dass er um seinen Status nicht fürchten muss. Soviel Anständigkeit kann sich das System gerade noch leisten. Vielleicht braucht es sie sogar in kleinen Dosen: als Alibi und für die Erhaltung der Stabilität. Und außerdem schaut ja auch das Ausland zu.

Oliver Rathkolb trennt nicht immer fein säuberlich Meinung von Fakten. Das entspricht dem Stil seines Werks, das zwischen wissenschaftlicher Untersuchung und populärem Sachbuch schwankt. Seine Sprache ist leicht lesbar, wenn auch nicht unbedingt elegant. Vieles bestätigt nur, was der Zeitgenosse schon geahnt hat. Etwa, dass im Jahre 1998 bei der Zustimmung zu Fragen, die Chauvinismus signalisieren, Österreicher im internationalen Vergleich an erster Stelle, vor den Amerikanern, den Bulgaren und den Ungarn lagen. Rathkolb zitiert zustimmend den Begriff eines österreichischen "Solipsismus", den er auf die letzten Jahre der Monarchie zurückführt. Freunde wird ihm diese Diagnose nur begrenzt machen in einem Land, das eben - teuflischer Kreis - chauvinistisch denkt.

Auch dies konnte, wer wollte, längst wissen: "Die österreichische Wirtschaftspolitik der ersten Jahre nach 1945 hat in großen Teilen indirekt die ›Arisierungs‹-Politik des NS-Regimes in ihren strukturellen Auswirkungen bestätigt." Heute - da Ansprüche von jüdischer Seite endgültig als abgegolten zu betrachten sind - kann man das auch risikolos aussprechen. Als wäre der politische Skandal durch eine ohnedies lächerliche ökonomische Regelung aus der Welt geschafft. Wo und wann wurde jemand für die zutreffend so beschriebene Politik zur Verantwortung gezogen? Wo wurde das auch nur gefordert?

Es ist doch bezeichnend, dass es der ehemalige Bundeskanzler Franz Vranitzky war, der spät, sehr spät in der Hebrew University in Jerusalem (!) die Mitschuld der Österreicher am Völkermord eingestanden hat. Warum weist niemand darauf hin, dass der Sohn eines Vaters, der der KPÖ nahe stand, ebenso wenig wie Jahre zuvor der Emigrant Willy Brandt mit seinem viel zitierten Warschauer Kniefall Ursache hatte, um Vergebung zu bitten? Die Täter haben niemals Vergebung erbeten. Sie haben kein schlechtes Gewissen. Und ihr Erfolg nach 1945, ihre andauernde Begünstigung gegenüber den Opfern geben ihnen Recht in ihrer Überzeugung: Sie haben den Krieg gewonnen. Der Euthanasie-Arzt Heinrich Gross bezog bis zu seinem Tod am 15. Dezember 2005 vom österreichischen Staat eine satte Pension. Sein Opfer Friedrich Zawrel lebt an der Armutsgrenze und muss froh sein, überhaupt überlebt zu haben. Kann man über solche Zustände schreiben, ohne aufzubrüllen?

Kennzeichnend für die Grenzen von Rathkolbs demokratischer Sicht ist seine Verteidigung des Proporzsystems mit dem Argument, "dass dies die einzige Möglichkeit für Sozialdemokraten war, im exklusiv christlichsozial bis konservativ-deutschnational dominierten Beamtenbereich Fuß zu fassen". Dass es auch noch jenseits der Sozialdemokratie Menschen gibt, die in einer Demokratie, die diesen Namen verdient, Anspruch auf die Möglichkeit haben müssten, Beamte zu werden, scheint da vergleichsweise nebensächlich. Entsprechend schmerzt Rathkolb an der ÖVP-FPÖ-Koalition die Ausklammerung der SPÖ, nicht aber derer, die schon zuvor fünf Jahrzehnte lang unter eifriger Mitwirkung der Sozialdemokraten ausgeklammert worden waren. Der Einsatz für die Staatsbürger ohne Parteibuch bleibt in Österreich selbst unter "anständigen Menschen" eine Utopie.

Bei einer Tagung der deutschen Sozialdemokratie zitierte der amerikanische Philosoph Thomas M. Scanlon aus A Theory of Justice von John Rawls, wonach "faire Chancengleichheit" besteht, wenn "diejenigen, die über die gleichen Talente und Fähigkeit verfügen und den gleichen Willen haben, sie zu nutzen, die gleichen Aussichten auf Erfolg haben, unabhängig von ihrem ursprünglichen Platz in der Gesellschaft". Und er kommentierte, "dass die Idee der Chancengleichheit breite Akzeptanz" genieße. In Österreich kann von einer "fairen Chancengleichheit" im definierten Sinne keine Rede sein. Wer den falschen Glauben, kein Parteibuch oder eine als verdächtig geltende Herkunft hat, kann über noch so viele Talente und Fähigkeiten und den Willen, sie zu nutzen, verfügen - seine Aussichten auf Erfolg sind radikal eingeschränkt und tendieren gegen Null.

Zu den am häufigsten gebrauchten Formulierungen Rathkolbs gehören: "heute völlig vergessen", "in Vergessenheit geraten" und ähnliche. Nimmt man nicht an, dass sich der Autor wichtig machen und Bekanntes als Entdeckung ausgeben möchte, muss man zum Schluss gelangen, dass ausgerechnet die Österreicher ein völlig geschichtsblindes Volk sind. Vielleicht hat man ja auch vergessen, wer Kaiser Franz Joseph oder Heinz Conrads war und wie man noch in den sechziger Jahren ohne U-Bahn in die Wiener Innenstadt kam. Vielleicht haben wir es ja nur mit dem PISA-Syndrom eines Abgrunds von Unbildung zu tun. Sollten aber die Vergessensleistungen, die Rathkolb anführt, spezifisch sein, gäbe es doch Anlass zur Sorge. Auch dieses Buch wird solch gravierende Defizite nicht beseitigen können.


Über viele Jahre hinweg waren es Peter Turrini und Michael Scharang, die für Österreich den Typus des engagierten Schriftstellers repräsentierten, der sich nicht scheut, zu tagespolitischen Themen Stellung zu nehmen. Dass sie dies pointiert, nicht nur kritisch und klug, sondern auch in einer anspruchsvollen Sprache taten, hob ihre Äußerungen weit über das in Österreich übliche journalistische Niveau hinaus. Turrini und Scharang sind im ständigen Anrennen gegen Gummiwände offenbar ermüdet. Sie wollen nicht mehr die Hofnarren spielen, als welche sie akzeptiert, aber zugleich entmündigt wurden. Nach einem Zwischenspiel mit Josef Haslinger hat nun Robert Menasse diese Rolle übernommen. In regelmäßigen Abständen setzt er zu Provokationen an, und das Erstaunliche: er hat damit immer Erfolg.

Das liegt einmal daran, dass Menasse, im Gegensatz zu Turrini und Scharang, seine eigene Position im österreichischen Spektrum politischer Möglichkeiten immer wieder verschleiert. So sorgt er für Überraschungen selbst bei jenen, die glaubten, mit ihm einer Meinung zu sein. Vor allem aber ist es ein stilistischer Kniff, der Menasse ein Verstörungspotenzial verleiht. Er ist ein Meister des Paradoxes. Verblüffende Pointen täuschen über die Tatsache hinweg, dass diverse Aussagen Menasses nicht miteinander vereinbar oder auch schlicht falsch sind. Die Formulierung überwältigt den Leser oder Zuhörer so sehr, dass er vergisst, die Logik oder Richtigkeit des Inhalts zu überprüfen. Das sichert Menasses Auftritten einen hohen Unterhaltungswert, vermindert aber ihre politische Seriosität. Für Menasse freilich spricht, dass seine Strategie verfängt. Seine habituellen und zeitweiligen Gegner fallen immer wieder auf ihn herein, sie nehmen ihn fast so ernst wie er sich selbst und reagieren in einer Weise, die ihm auch Recht gibt, wo er Unrecht hat.

Es kann ohnedies kein Zweifel bestehen, dass Menasse in vielen Einzelheiten Recht hat. Seine Analysen können es allemal mit jener der professionellen Kommentatoren in den österreichischen Medien aufnehmen. Heftig gescholten wurde der Nonkonformist für die folgende Einsicht: "Solange hausgemachter Faschismus als patriotisch gilt, und umgekehrt Patriotismus in Österreich immer nur mit Referenzen an den Austrofaschismus zu haben ist, wird in diesem Land jegliche Form des Alltagsfaschismus als ›gut österreichisch‹ politisch wirksam bleiben." Solche unbequemen Wahrheiten will selbst die Sozialdemokratie nicht hören - oder aber sie instrumentalisiert sie, wie leider auch Bruno Kreisky, für die Reinwaschung von Nationalsozialisten, die zusammen mit den Sozis bei den Austrofaschisten im Gefängnis saßen. Immerhin hat die SPÖ über viele Jahre hinweg mit den Erben der Austrofaschisten koaliert, immerhin ist abzusehen, dass sie demnächst wieder mit ihnen ins Koalitionsehebett steigen wird. Angesichts solcher Unappetitlichkeiten mag man über die Apodiktik des "immer nur" hinwegsehen, die Menasses richtigen Satz schließlich doch zu einem falschen macht. Und noch eins, en passant: Unser EU-Partner Polen feiert ungeniert den Faschisten Pilsudski als Nationalhelden. In den baltischen Republiken und in der neuerdings so beliebten Ukraine gibt es vergleichbare Tendenzen. Nicht alles, was typisch österreichisch aussieht, ist es auch. Was freilich nicht als Entschuldigung dienen kann.

Manchmal finden bei Menasse Witz und Analyse zueinander, etwa im Vorschlag, den Punschkrapfen, außen rosa, innen braun, der auch den Umschlag ziert, zum Nationalsymbol zu erklären. Manches klingt wiederum verwunderlich. So mokiert sich Menasse darüber, dass die Grazer Autorenversammlung Ende 1980 zur gleichen Zeit ein Ex-KPÖ-Mitglied und einen Brecht-Verhinderer aufgenommen hat. Er selbst trat viele Jahre danach aus dem P.E.N. aus unter dem Vorwand, er wolle mit dem Kolumnisten einer Boulevardzeitung nicht den Verein teilen, stieß sich aber nicht an ebensolchen Kolumnisten in der GAV, der er - die Statuten missachtend, die eine Doppelmitgliedschaft verbieten - bereits zuvor angehört hatte und deren Mitglied er bis heute ist. So genau darf man´s also bei Menasse nicht nehmen, wenn die Rhetorik mit ihm durchgeht. Konsequenz im Reden und Handeln war noch nie seine Stärke.

Menasses Überlegungen zum politischen Status quo fließen häufig zusammen mit Betrachtungen zur (österreichischen) Literatur, die er kritisch, aber mit Respekt und gelegentlich auch mit Bewunderung als Beleg sowohl für gesellschaftliche wie auch für ästhetische Urteile anführt. Sein Befund einer "sozialpartnerschaftlichen Ästhetik", den er seit seiner Dissertation immer wieder variiert hat, ist mittlerweile Bestandteil des österreichischen Repertoires.


Ob er es bleiben wird, muss die Zukunft entscheiden. Die Halbwertzeit von Schlagwörtern ist gering. Vor 20 Jahren war Die österreichische Seele des Psychiaters Erwin Ringel in aller Munde. Heute wäre sie mitsamt ihrem Erfinder weitgehend vergessen, wenn Ringels Witwe nicht mit einem Aufsatzband daran erinnerte. Die Autoren haben wenig gemeinsam. Sofern sie sich direkt auf Erwin Ringel beziehen, reproduzieren sie jedoch ein typisches Merkmal der österreichischen Seele: das kritiklose Pathos. In Österreich verwechselt man, zumal gegenüber Toten, Anbiederung mit Pietät. Hubert Christian Ehalt, seines Zeichens Wissenschaftsfunktionär im Dienst der Gemeinde Wien, widmet seinen Beitrag "all jenen Persönlichkeiten, die ihr Leben in Österreich nicht der Affirmation, dem ›Jawohl‹ und ›Selbstverständlich‹ gewidmet haben, die damit ihr berufliches Fortkommen und ihre Karriere gefährdet ... haben", die dazu beigetragen hätten, "dass Österreich heute in vieler Hinsicht dem Popper´schen Postulat einer offenen Gesellschaft genügt." Das trieft nur so von Verlogenheit. Nichts in Ehalts beruflichem Alltag, der sich vornehmlich der Affirmation verdankt, zeugt von seiner Hochachtung für die beschriebenen Persönlichkeiten. Die Namen der Referenten bei den von ihm seit Jahren organisierten Vorlesungen im Wiener Rathaus ergeben geradezu ein Register derer, die Karriere gemacht haben, deren Fortkommen niemals gefährdet war. Und Österreich ist zudem - siehe Menasse - von Poppers Postulat meilenweit entfernt. Den Ausweg hat wieder einmal Peter Turrini gefunden. Er spricht gar nicht erst von Ringel und schreibt dafür in einem Deutsch, das man auch jenseits einer österreichischen Seele mit Vergnügen liest.


Wer denn darauf Wert legt, wer Sprache nicht nur für verzichtbares Beiwerk hält, der möge sich Österreich belletristisch nähern. Peter Rosei hat mit seinem Roman Wien Metropolis dafür einen Baedeker geliefert. Er beginnt im 8. Wiener Gemeindebezirk, unweit der Wohnung des amtierenden Bundespräsidenten, und führt, geleitet von einem unüberschaubaren Arsenal origineller Figuren, nicht nur durch verschiedene Stadtteile Wiens, sondern auch an andere Orte innerhalb und außerhalb Österreichs. Auch so eröffnet sich ein Panoptikum der Jahre seit 1945. Und ein Blick in die österreichische Seele.

Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2005. Zsolnay, Wien 2005, 463 S., 25,90 EUR

Robert Menasse: Das war Österreich. Gesammelte Essays zum Land ohne Eigenschaften. Herausgegeben von Eva Schörkhuber. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005 (st 3691), 463 S., 14 EUR

Angela Ringel (Hg.): Österreichs verwundete Seele. 20 Jahre nach Erwin Ringel. Kremayr Scheriau/Orac, Wien 2005, 160 S., 19,90 EUR

Peter Rosei: Wien Metropolis. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 256 S., 18,50 EUR


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00:00 30.06.2006

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